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Die Liga veröffentlicht das Urteil gegen den FC Sion-Präsidenten Christian Constantin, der am 21. September nach dem Spiel des FC Sion in Lugano den TV-Experten Rolf Fringer tätlich angegriffen hat. Das Urteil zeigt vor allem eins: Ein Funktionär darf auf wohlwollende Behandlung vertrauen, die Fans niemals geniessen würden.

Waage

Stadionverbote sind seit Jahren ein ewiger Zankapfel. Nicht selten belastet die Aussprache solcher das Verhältnis zwischen Fans und Verein schwer. Die Fans kritisieren, es gebe immer wieder unverhältnismässige, gar willkürliche Stadionverbote. Die Vereine weisen jegliche Schuld von sich. Dabei berufen sie sich gerne auf die «Richtlinien betreffend den Erlass von Stadionverboten» des Schweizerischen Fussballverbands.

Im Anhang 1 dieser Richtlinien ist ein Sanktionskatalog aufgeführt. Dieser lässt eigentlich keinen Interpretationsspielraum zu. Wer «Tätlichkeiten gegen Personen (Passanten, Gäste und Zuschauer)» im Rahmen eines Fussballspiels begeht, erhält zwei Jahre Stadionverbot. Wer dabei gar eine «einfache oder schwere Körperverletzung» verursacht, erhält drei Jahre. Aber auch ganz grundsätzlich wird festgehalten: «Bei schweren Verstössen (vgl. die folgende nicht abschliessende Auflistung), insbesondere bei allen Gewaltdelikten, wird ein Stadionverbot von drei Jahren Dauer verhängt.»

Christian Constantin erhält nun 14 Monate Stadionverbot, obwohl er selber zugegeben hat, Rolf Fringer angegangen zu haben. Ein Fan hätte für das gleiche Vergehen mindestens zwei, vielleicht sogar drei Jahre Stadionverbot erhalten. Die Busse von 100’000 Franken mag hoch wirken, ist aber im Verhältnis zu Constantins Einkommen kaum gravierender als die Kosten, die in einem solchen Fall auf einen Fan zukommen. Sie können also nicht als Argument gelten, warum das Stadionverbot geringer ausfällt. Zudem würde ein Fan mit ziemlicher Sicherheit neben dem Stadionverbot auch noch ein Rayonverbot erhalten. Auch das scheint bei Constantin nicht der Fall zu sein.

Der Verband sieht das freilich ganz anders: «In der Urteilsbegründung hebt die DK (Anm. d. Red.: Disziplinarkommission) hervor, dass ein Klub-Präsident in erhöhtem Masse verpflichtet sei, sich vorbildlich für Fairplay und Respekt einzusetzen. Christian Constantin habe in diesem Fall diese Pflicht grob verletzt und damit die Werte des Fussballs diskreditiert. In ihrem Urteil berücksichtigt die DK zudem, dass in der Vergangenheit bereits ähnliche Disziplinarverfahren gegen Christian Constantin durchgeführt werden mussten.»

Eine grobe Verletzung führt also zu einem milderen Urteil. Damit offenbart der Verband, dass er Funktionäre anders behandelt, als er es von den Vereinen im Umgang mit den Fans verlangt. Das ist Gift für das Verhältnis zwischen Fans, Vereinen und Verband.


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Russen, Franzosen und Engländer prügeln sich in Marseille, in Nizza stossen einheimische Fans mit Nordiren zusammen und vor dem Spiel Deutschland gegen die Ukraine kommt es in Lille ebenfalls zu unschönen Szenen. Die Europameisterschaft in Frankreich ist noch keine Woche alt, und schon gibt es die ersten Skandale.

«Chlöpfts oder chlöpfts nöd. Und wenn ja, warum?» Vor wenigen Tagen haben wir auf unserem Blog einen Gastbeitrag von Alain Brechbühl zu diesem Thema veröffentlicht. Der Berner Sportwissenschaftler hat in einer für die Schweiz einmaligen Studie untersucht, warum kritische Situationen rund um Spiele der Super League eskalieren und warum nicht.

Brechbühl und die Uni Bern beliessen es aber nicht bei der Publikation der Ergebnisse. Zu Beginn des Monats luden sie zu einem Symposium über die «Dynamik der Gewalt bei Sportveranstaltungen» nach Bern. Rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten der Einladung, darunter Vertreter des SFV, des Fedpol und verschiedener Polizeikorps sowie Fanarbeiter und Fanverantwortliche verschiedener Clubs.

Wie reagiert die Polizei?
Neben einer Präsentation von Brechbühl, bei der er seine Resultate zeigte, konnten die Teilnehmer auch einem Referat von Clifford Stott beiwohnen. Stott ist Professor der Sozialpsychologie an der University of Keele in England und einer der profiliertesten Kenner von Massendynamiken bei Fussballspielen. Entsprechend war eine seiner Kernaussagen, dass es gar nicht so sehr darum gehe, wie und warum Hooligans zu Spielen reisten. Vielmehr gehe es um die Dynamiken, die in einer Masse entstehen können. Und darauf aufbauend: Wie reagiert die Polizei?

Nach vielen Jahren der Forschung kam er auf einen relativ einfachen Befund: «Low risk, low profile. High risk, high targeted profile.» Solange das Risiko klein ist, sollten sich Polizisten in Ordnungsdienstausrüstung im Hintergrund halten. Wenn das Risiko steigt und eine Intervention unerlässlich ist, sollte diese gezielt vonstatten gehen.

Brechbühl kam, zusammen mit seiner Forschungspartnerin Annemarie Schumacher, zu ähnlichen Resultaten. Die beiden Wissenschaftler haben ihre Erkenntnisse in ein Modell verpackt, das sich, vereinfacht, auf Risikofaktoren vor dem Entstehen einer kritischen Situation und auf Warnzeichen während einer solchen reduzieren lässt.

Zu den Risikofaktoren gehören Vorzeichen (beispielsweise eine bestehende Rivalität zweier Teams) und ein Auslöser (beispielsweise eine Verhaftung). Zu den Warnzeichen gehören die Reaktionen der beteiligten Parteien (beispielsweise Vermummung) und die sich daraus ergebenden Konsequenzen (beispielsweise Kontaktaufnahme). Interventionen seien vor allem dann problematisch, sagen sie, wenn sie von der anderen Partei als illegitim bewertet würden. Wichtig sei deshalb vor allem eine informative Kommunikation, die eine Erhöhung der Legitimität ermögliche.

Etliche Risikofaktoren
Wenn wir nun exemplarisch das Spiel England gegen Russland in Marseille herausgreifen, muss man nicht lange suchen, bis man Risikofaktoren findet – es gäbe für unzählige weitere Paarungen ähnliches zu berichten: Die Türken sollen bei vielen Franzosen in Ungnade gefallen sein, die Deutschen mag man sowieso nicht, die Polen seien von den Russen angestachelt und so weiter.

Was aber an dieser EM dazu kommt, ist die französische Polizei. Im britischen Telegraph wird mit Geoff Pearson eine Koryphäe auf dem Gebiet zitiert, der die französischen Polizeitaktiken als «outdated», also überholt, bezeichnet: «Pearson hat in der Vergangenheit die Französische Polizei höchst kritisch betrachtet und argumentiert, dass diese im Gegensatz zu anderen Europäischen Polizeikräften nicht überholte Massen-Kontroll-Methoden hinter sich gelassen hat, welche die Situation oft verschlimmern.»

Er bestätigt auch, was Stott, Brechbühl und Schumacher wissenschaftlich herausgearbeitet hatten: «‹Einige Engländer schmissen Flaschen zurück und die Polizei bewegte sich zurück ins Blickfeld›, sagte Pearson. ‹Im Kontext, was geschehen war in dieser Woche, wurde ein Polizist mit einem Schild zu einem Ziel. Bis zur ersten Intervention wäre das nicht der Fall gewesen. Die Beweislage zeigt, dass die Menge keine Flaschen wirft, wenn die Polizei keine Helme und Schilder trägt. Die Polizei lag so falsch, dass es einen Wunder nimmt, ob das Endresultat das war, was sie wollten.›»

«Wer einen Nationenwettkampf ausruft, darf sich nicht wundern, wenn er ihn dann auch bekommt»
Gehört wird diese Sichtweise kaum. Zumal es für viele Medien schon schwer zu begreifen scheint, dass die Engländer – wenn auch keine Unschuldslämmer – eher nicht als Auslöser der Krawallen zu bezeichnen sind. Die Football Supporters’ Federation sagt in einer Stellungnahme gar: «Was auch immer die Geschichte ist – und da gab es genug in den vergangenen Jahren, was uns einen schlechten Ruf beschert hatte – dieses Mal sind diese Anschuldigungen weit verfehlt».

Natürlich, einfach den Engländern, den Russen oder der Polizei die Schuld zu geben – von den Einheimischen, die bei den Ausschreitungen mitmischen haben wir noch gar nicht gesprochen – wäre zu einfach. Und aus der Ferne so oder so nicht zu beurteilen. Zu oft haben wir nach Spielen des FC St.Gallen schon erlebt, dass die tatsächlichen Zustände eben doch ganz anders waren, als sie im Nachhinein von Leuten beschrieben wurden, die davon gar nichts mitgekriegt haben.

Es scheint eben doch so, dass die Franzosen vor lauter Terrorangst vergessen haben, dass unzählige Menschen aus den 24 Teilnehmerländern sich während der EM auf relativ kleinem Raum aufhalten. Solche Ansammlungen sind per se schon nicht einfach zu managen, wenn auch noch Rivalitäten ins Spiel kommen, erst recht nicht mehr. Und in Zeiten des wieder erstarkenden Nationalismus wäre es auch vermessen zu glauben, dieser mache vor der EM halt.

Nicole Selmer, stellvertretende Chefredakteurin desballesterers hat schon vor vier Jahren geschrieben: «Wer einen Nationenwettkampf ausruft, darf sich nicht wundern, wenn er ihn dann auch bekommt.» Die Aussage dürfte heute nicht minder wahr sein.

Und trotzdem: Sich die Freude an der Europameisterschaft verderben zu lassen, wäre falsch! In unserem ersten Public Viewing-Bericht haben wir einleitend gesagt: «Man darf von der EM halten, was man will» Damit spielten wir aber nicht auf die Ausschreitungen an, sondern wir meinten viel eher zwielichtige Sponsoren und zwielichtige Funktionäre.

Die EM: eine vierjährliche Gelegenheit
Wir halten trotzdem daran fest: Auch in Zeiten, in denen die internationalen Fussballverbände kaum je mit Sportlichem für Aufregung sorgen, interessiert die EM als Wettkampf, den es so eben nicht jedes Jahr gibt. Und auch in diesen Zeiten bringt der Fussball Menschen vor den Bildschirmen zusammen. Und er bringt sie nicht nur vor den Bildschirmen zusammen, er bringt sie zuweilen eben auch ganz generell zusammen.

Im Internet kursieren fast ebenso viele Videoclips mit überschwänglichen Verbrüderungen über die Landesgrenzen hinweg, wie man fliegende Plastikstühle durch die Gassen Marseilles fliegen sieht. Nordirische Fans zum Beispiel – eigentlich ja auch irgendwie Engländer und deshalb per se Risikofans – bringen ihren polnischen Kollegen – polnisch! Nochmal Risiko! – den aktuellen Gassenhauer in Belfasts Strassen «Will Griggs on fire!» bei.

In diesem Sinn ist eine Europameisterschaft vielleicht nicht einfach nur ein vierjährliches Risiko von gewalttätigen Ausschreitungen im jeweiligen Gastgeberland. Vielleicht ist eine Europameisterschaft auch die vierjährliche Gelegenheit, Mauern einzureissen und einander kennenzulernen. Vielleicht müssen wir einfach noch ein wenig üben. Dazu bleiben noch fast vier Wochen Zeit!


Dieser Beitrag erschien am 15. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Aber auch während der EM haben wir was zu sagen.


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Auswärtsspiele gegen GC bergen immer ein gewisses Konfliktpotential. Dies nicht zuletzt aufgrund der nicht ganz unproblematischen Beziehung zwischen den beiden Fanlagern aus Zürich und St.Gallen. Am letzten Samstag sorgte jedoch die martialisch auftretende Stadtpolizei für eine beklemmende Atmosphäre. Ein SENF-Augenzeuge schildert die Situation, wie er sie vor Ort angetroffen hat.

zh-polizei

Vergangenen Samstag bewahrheitete sich vermutlich wieder einmal das dritte Newtonsche Axiom, welches besagt, dass auf eine Aktion eine entsprechende Reaktion folgt. Im Rahmen des Auswärtsspieles gegen den FCZ zu Beginn dieses Monats waren in Zürich einzelne Ordnungshüter und das VBZ-Personal von einigen mitgereisten St.Gallern mit Farbballons beworfen und dabei auch die bereitgestellten Extrabusse in Mitleidenschaft gezogen worden. Was Sinn und Zweck dieser Aktion war, bleibt bis auf Weiteres rätselhaft. Was jedoch auf jeden Fall zu denken gibt, ist die vermeintliche Reaktion der Stadtpolizei Zürich auf diese Aktion.

Den FCSG-Fans bot sich bei der Ankunft des Extrazuges im Bahnhof Altstetten ein Bild, das nicht nur beim mitgereisten SENF-Autor Verwunderung auslöste. Die zahlreich angereisten Fans wurden bei strömendem Regen von dutzenden Beamten in Vollmontur, mehreren Kamerateams und zwei (!) Wasserwerfern in Empfang genommen. Unmittelbar nach der Ankunft des Zuges wurde mittels der bereitgestellten Extrabusse und der zahlreichen vergitterten Kastenwagen ein Kessel gebildet, um die verdutzten Fans am Verlassen des Bahnhofes zu hindern und sie zum Einsteigen in die Busse zu zwingen. Das ist zwar sowieso immer so gedacht, mit einer derartigen Vehemenz trat die Polizei bisher aber noch nie auf. In Folge der etwas späten Ankunft des Zuges drängte die Zeit und das Wetter lud sowieso nicht zum Verweilen ein. Die Abfahrt der Busse erfolgte entsprechend zackig. In Begleitung mehrerer Kastenwagen und Blaulicht wurde die kurze Strecke zum Letzigrund zurückgelegt.

Dort bot sich erneut ein gewöhnungsbedürftiges Bild. Der Bereich rund um den Gästeblock wurde wiederum zu einem Polizei-Kessel umfunktioniert, wobei die Einsatzleitung der Polizei das Dispositiv abermals mit zwei Wasserwerfern bestückte. Die Polizisten in Vollmontur begaben sich jetzt sogar noch ein Stück näher an die Fans und signalisierten dadurch zum wiederholten Male, dass man einer Konfrontation nicht aus dem Weg gehen würde. Es goss allerdings noch immer wie aus Kübeln und die FCSG-Fans hatten nach wie vor kein besonderes Interesse an einer Auseinandersetzung mit der martialisch auftretenden Polizei. Sie suchten im Gegenteil möglichst schnell Obdach unter dem Stadiondach.

Nach dem Spiel und einer weiteren Niederlage gegen den ungeliebten Rekordmeister standen erneut VBZ-Extrabusse bereit, um die FCSG-Fans an den Bahnhof Altstetten zurückzubringen. Nach einer ereignislosen Rückfahrt schaltete die Stadtpolizei noch einen Gang hoch und bugsierte die FCSG-Fans nun schon zum dritten Mal in einen Polizeikessel. Dieses Mal wurde die Maxime Deeskalation so grosszügig wie möglich ausgelegt und sogar der Durchgang zum Perron, auf welchem der Extrazug stand, durch eine Polizeikette blockiert. Somit waren die FCSG-Fans komplett eingeschlossen und konnten den Zug nicht besteigen. Sie taten ihren Unmut über diese Situation schnell durch entsprechende Verlautbarungen kund. Daraufhin konnte bei den ersten – nach wie vor in Vollmontur bereitstehenden – Polizisten ein Zucken am Gummischrot-Abzugfinger beobachtet werden. Dank dem raschen Intervenieren deeskalierender Kräfte konnte die ganze Situation jedoch relativ rasch beruhigt werden. Daraufhin wurde der Weg zum Perron doch noch freigegeben, sodass die FCSG-Fans einsteigen konnten, um den Heimweg anzutreten.

Nach diesem Polizeieinsatz bleiben einige Fragen offen. Zunächst einmal: Inwiefern kann es verhältnismässig sein, ein derart martialisches Polizei-Dispositiv aufzubieten? Rechtfertigt das Verhalten der FCSG-Fans in den vorangegangenen Auswärtsspielen in Zürich wirklich ein solches Polizeiaufgebot? Kann dies aufgrund der Vorkommnisse tatsächlich als notwendig gerechtfertigt werden? Ebenfalls liegt die Frage nahe, ob der Grund für dieses massive Polizeiaufgebot nicht vielmehr darin zu suchen ist, dass die Fans des FCSG als Figuranten für den bald anstehenden 1. Mai den Kopf hinhalten mussten. Auch das Auftreten am Bahnhof Altstetten vor der Rückfahrt des Extrazuges ist zu hinterfragen. Weshalb wird den Fans der direkte Weg zurück zum Extrazug versperrt? Und weshalb werden sie stattdessen noch einmal – dieses Mal ohne Ausweichmöglichkeit – eingekesselt? Handelt es sich letztendlich um eine Machtdemonstration der Zürcher Polizei, mit dem Ziel zu zeigen, dass schärfer zurückgeschossen werden kann, wenn die Fans mit Farbe um sich schiessen?


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Im ausführlichen Interview in der vierten Ausgabe «sicher isch sicher» des SENF vergleicht der Erste Staatsanwalt Thomas Hansjakob die – seiner Ansicht nach – «schlimmen Zustände» in Basel mit denjenigen in St.Gallen. Seine Aussagen sind brisant. Sowohl der FC Basel als auch FCSG-Präsident Dölf Früh haben auf Hansjakobs Aussagen reagiert und erläutern ihre Sicht der Dinge.

SENF_Fussballplatzgitter

Wenn es um Sicherheit bei Fussballspielen geht, wird St.Gallen gerne als – je nach Sichtweise positives oder negatives – Beispiel herangezogen. Insbesondere der Erste Staatsanwalt des Kantons St.Gallen, Thomas Hansjakob, hat sich mit seinem harten Durchgreifen gegenüber Fussballfans einen Namen als Hardliner gemacht. Im ausführlichen Interview für die aktuelle Ausgabe des SENF wollten wir deshalb von ihm wissen, was denn beispielsweise in Basel anders gemacht werde, dass der Fussballclub am Rheinknie trotz des höheren Zuschauerschnitts bedeutend weniger im (medialen) Fokus steht. Daraufhin führte Thomas Hansjakob aus, dass die Situation, die im St.Jakobspark herrsche, in St.Gallen niemand wolle: «Ich meine den dauernden Krawall und die Pyros, dazu gibt es immer wieder Schlägereien, aber verhältnismässig wenig Stadionverbote. Diejenigen, die ein Stadionverbot haben, sind relativ schnell wieder im Stadion. Das sind schlimme Zustände.»

Hansjakob ging auch auf mögliche Gründe dafür ein: «Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Offiziellen des FC Basel Angst haben, gewissen Leuten Stadionverbot zu geben, da sie persönlich bedroht werden. Da können Sie mich fragen, die Stadtpolizei oder auch Dölf Früh. Die sagen alle: Solche Zustände wie in Basel wollen wir hier nicht.» Insbesondere diese Aussage nahm man in Basel und beim FCSG-Präsidenten Dölf Früh mit Verwunderung auf. Beide haben dem SENF eine Stellungnahme zukommen lassen. Sowohl der FC Basel wie auch der FCSG-Präsident kritisieren die Aussagen von Thomas Hansjakob. Grundsätzlich seien die Vereine nämlich auf einem guten Weg, so Dölf Früh. Er meint weiter: «Von daher ist es nicht zielführend, wenn punktuell Negativbeispiele breitgetreten werden und im schlimmsten Fall noch pauschalisierend auf einen vermeintlichen Gesamtzustand einzelner Klubs ausgeweitet werden. Dem FC St.Gallen 1879 ist es von daher sehr daran gelegen, sich von solchen verallgemeinernden und ohne entsprechend mit Fakten untermauerten Thesen zu distanzieren.» Schliesslich herrsche sowohl in St.Gallen als auch in Basel eine «friedliche Stimmung, die es jedem Matchbesucher ermöglicht, den Sport und die damit verbundenen Emotionen zu erleben und zu geniessen.» Negative Auswüchse seien auch in der Gesellschaft allgegenwärtig und hätten nicht in erster Linie etwas mit dem Fussball zu tun. Der FCSG-Präsident nimmt denn auch den FC Basel in Schutz: «Dass der FC St.Gallen gemeinsam mit der St.Galler Justiz und dem Kanton ein sehr stringentes und nachhaltiges Ahnden von fehlbarem Verhalten praktiziert, darf im Umkehrschluss nicht dahin gehend ausgelegt werden, dass der FC Basel dies beispielsweise nicht tut.»

Deutliche Worte findet auch der FC Basel: «Zum Thema Fan- und Sicherheitspolitik im Schweizer Fussball melden sich immer wieder Personen zu Wort, deren Aussagen bei Licht betrachtet erschreckend sind. Während ein gewisses Mass an Unsachlichkeit in Debatten um alle Themen und um den Fussball akzeptiert werden muss, ist irritierend, wenn im sensiblen Bereich der Sicherheit mit realitätsfremden Aussagen in respekt- und verantwortungsloser Weise negative Emotionen geschürt werden.» Und weiter: «Besonders bedenklich ist, wenn zur scheinbaren Verstärkung vorgefasster Meinungen und nicht-belegter Thesen Personen angeführt werden, die in ihren Aussagen falsch wiedergegeben werden, oder gar Strafdelikte (Drohung gegen Clubvertreter) erfunden werden.» Der FC Basel will deshalb gar nicht im Detail auf die Aussagen des Ersten Staatsanwalts eingehen: «Diese müsste darin bestehen, den Urheber mit den Realitäten in den beiden Kantonen bzw. in den Stadien anhand einer Auflistung der Ereignisse der letzten Jahre, der wissenschaftlich begleiteten Zuschauerumfragen sowie der vorliegenden Studien und Statistiken der FedPol und der kantonalen Polizeibehörden zu konfrontieren.» Darauf verzichte der FC Basel, weil es nicht um ein Schwarzpeterspiel gehe. Vielmehr gehe es um eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Behörden, Klubs und Kantonen. Auch beim FC St.Gallen will man an diesem «längst eingeschlagenen Weg» weiterarbeiten, um «in einem konstruktiven Miteinander die Grundlagen zu schaffen, einheitlich und konsequent fehlbares Verhalten zu ahnden und zu sanktionieren statt sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen zu verstricken», wie Dölf Früh abschliessend festhält.

Das Interview mit dem Ersten Staatsanwalt Thomas Hansjakob ist im SENF #04 nachzulesen – bestellen kann man das Heft nachwievor hier.


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Am kommenden Samstag, 8. August findet im Stadion an der Kreuzeiche das DFB-Pokalspiel zwischen dem SSV Reutlingen und dem Karlsruher SC statt. Die Deutsche Polizei rüstet sich für ein Hochrisikospiel. Das Pokalspiel schlägt dabei Wellen bis in die Schweiz: Das Bundesamt für Polizei (fedpol) hat aufgrund der Fanfreundschaft mit der Szene E gegen 22 St.Galler Fans ein Ausreiseverbot erlassen.

Reutlingen

Die Fanfreundschaft zwischen der St.Galler und Reutlinger Fanszene besteht seit vielen Jahren und ist allgemein bekannt. Zudem verfügen die Reutlinger über eine enge Freundschaft mit den Fans des VfB Stuttgart, welche ihrerseits mit der Karlsruher Fanszene verfeindet sind. Aus diesem Grund wurde die Begegnung zu einem Hochrisikospiel erklärt. 1000 Polizisten und 200 Ordner sollen die Sicherheit gewährleisten. Gemäss dem Reutlinger General-Anzeiger soll sogar das Freibad in der Nähe des Stadions früher schliessen – dies um die Sicherheit der Badegäste zu gewährleisten.

Fedpol wird aktiv
Aufgrund der Brisanz der Partie wurde nun sogar das fedpol aktiv. Man habe gegen 22 St.Galler Fans eine Ausreisebeschränkung erlassen, wie das fedpol auf Anfrage des SENF erklärte. Dies stelle jedoch kein Novum dar, so habe man schon bei anderen Partien ohne Beteiligung von Schweizer Clubs Ausreisesperren erlassen. Die Rechtsgrundlage des Bundesgesetzes zur Wahrung der inneren Sicherheit (BWIS) ermöglicht es dem fedpol, Ausreisesperren zu erlassen, wenn gegen die Person ein Rayonverbot besteht und «aufgrund ihres Verhaltens angenommen werden muss, dass sie sich anlässlich einer Sportveranstaltung im Bestimmungsland an Gewalttätigkeiten beteiligen wird.» Ferner kann eine Ausreisesperre gegen Personen ohne Rayonverbot verhängt werden, wenn «konkrete und aktuelle Tatsachen die Annahme begründen, dass sie sich im Bestimmungsland an Gewalttätigkeiten beteiligen werden.» In der Regel werden die Ausreiseverbote auf Antrag der kantonalen Polizeibehörden erlassen, das fedpol kann aber auch von sich aus aktiv werden.

Im vorliegenden Fall wurden einige Ausreiseverbote mit dem Besuch des Spiels zwischen dem SSV Reutlingen und dem SSV Ulm am 9. Mai 2015 begründet. Am besagten Spiel kam es zwar zu Tumulten, ob sich die vom Ausreiseverbot betroffenen Personen daran beteiligt haben, ist jedoch nicht bewiesen. Das fedpol nimmt jedoch an, dass sich die betroffenen Personen aufgrund ihres Rayonverbotes und des Besuches der Begegnung am 9. Mai am Pokalspiel gewalttätig verhalten werden. Sicher ist hingegen, dass auch Ausreisebeschränkungen gegen Personen verhängt wurden, welche noch nie ein Spiel in Reutlingen besucht haben. Wie das fedpol zum Schluss kommt, diese Personen könnten nun nach Reutlingen reisen und sich dort an Ausschreitungen beteiligen, bleibt rätselhaft.

Verhältnismässige Massnahme?
Das fedpol kann eine Ausreisesperre bis zu drei Tage vor bis einen Tag nach einem Spiel verhängen. Eine ziemlich lange Einschränkung der persönlichen Bewegungsfreiheit, da die Gefahr von Ausschreitungen ja nur am Spieltag besteht. Zudem stellt sich die Frage, ob es verhältnismässig ist, Ausreisesperren zu erlassen, wenn der Club, dem der betroffene Fan zuzuordnen ist, nicht im Einsatz steht. So könnten theoretisch Ausreiseverbote für jegliche Spiele im Ausland erlassen werden. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass das fedpol so weit geht, dennoch zeigt die Zunahme der Ausreiseverbote, dass diese Massnahme vermehrt genutzt wird. Während im Jahr 2013 noch drei Ausreiseverbote erlassen wurden, waren es 2014 bereits 56. Da es sich um ein Verwaltungsverfahren handelt, steht nur der Rechtsmittelweg an das Bundesverwaltungsgericht offen. Bis dieses aber entschieden hat, dürfte die Ausreisesperre abgelaufen sein. Daher ist es faktisch unmöglich, sich gegen eine Ausreisesperre zu wehren. Damit verfügt der Staat über eine weitere Sanktionsmöglichkeit, deren verhältnismässige Umsetzung nicht immer gewährleistet ist, zumal man offenbar in einem krassen Umkehrschluss des Prinzips «Im Zweifel für den Angeklagten» seine Unschuld beweisen muss. Und rechtliches Gehör hat nach Informationen des SENF auch keiner der mit einer Ausreisesperre belegten Fans erhalten. Ob deshalb ein juristisches Nachspiel folgt, bleibt abzuwarten.

Was ein Rayonverbot genau ist und was es mit dem fedpol und den Ausreisebeschränkungen auf sich hat, kann auch in der aktuellen Ausgabe des SENF nachgelesen werden.

Bild: neunzehn05.de