Man kann von der EM halten, was man will – sicher ist: Sie bringt Menschen vor Bildschirmen zusammen. Und schafft damit vorübergehend neue öffentliche Räume. Das Senf-Kollektiv testet im Verlauf der EM ein paar Public Viewing-Orte. Zum Auftakt: Grossacker St.Gallen.

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Als wir an der Haltestelle Grossacker aus dem  Bus steigen, sticht uns die Grossleinwand sofort ins Auge. Prominent steht sie mitten auf dem Innenhof des Einkaufszentrums. Wo Menschen normalerweise auf den Bus warten, mit vollen Einkaufstaschen über den Platz hetzen oder nach dem Einkaufen den neusten Tratsch und Klatsch des Quartiers austauschen, lädt ein Public Viewing während der EM dazu ein, sich länger als üblich dort aufzuhalten.

Und: Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen, wo für den gleichen Fussball und den gleichen Salzgeber Eintritt verlangt wird, können die Spiele beim Grossacker gratis angesehen werden.

Loge im Obergeschoss

Festbänke und Holztische vor der Leinwand, die Terrasse des Restaurants «la bocca» und – vermutlich jeweils nur nach Ladenschluss – auch Festbänke unter dem Vordach der Post: Einen Platz findet an diesem Samstag jeder Besucher. Das Spiel zwischen Russland und England scheint keine grossen Massen anzuziehen. Wir mögens natürlich exklusiver und begeben uns in den Logenbereich im Obergeschoss. Von dort hat man die beste Sicht auf die Leinwand, könnte aber auch dem Treiben an den Festbänken zuschauen. Könnte.

Wegen des Wetters – es regnet zwar nur ab und an – haben sich die meisten der rund 50 Besucher unters Vordach zurückgezogen. Im Logenbereich spielen Kinder mit einer Plastikflasche Fussball. Strassenfussball, quasi. Quartierfussball.

Sowieso hat dieses Public Viewing Potenzial, dem Quartier Leben einzuhauchen. Umso mehr irritiert es, dass im Quartier niemand informiert wurde, was beim Grossacker während der EM passiert. Zumal man doch fast alles richtig gemacht hat und weiterhin macht: Die Grossleinwand läuft nur solange, wie sie muss. Der Lärmpegel ist nicht zu brachial, und das Bier kostet angenehme vier Franken dreissig, mit einem Bierpass ist sogar jedes sechste gratis. Dazu gibt’s Würste vom Grill.

Wer kein Fleisch mag oder sich während der EM schon zu viele Bratwürste gegönnt hat, kann sich in der Speisekarte des «la bocca» umsehen. Sollte dort kein Platz in Sichtweite der Leinwand frei sein, hängt beim Quartier-Italiener auch ein Fernseher im Lokal, in dem man übrigens auch sein Bier wieder loswerden kann. Sogar fürs Geldabheben – auch wenn bloss glücklicher Zufall für die Veranstalter – ist beim Grossacker gleich mit zwei Automaten gesorgt.

Lediglich die Helligkeit der Leinwand irritiert. Wir empfehlen auch für Spiele um 21 Uhr die Sonnenbrille mitzunehmen. Und wir empfehlen auch, sich von den unzähligen «Dieser Bereich wird videoüberwacht»-Hinweisen und dem anwesenden Sicherheitsmann nicht irritieren zu lassen. Ob Auflage oder dem aktuellen Sicherheitswahn geschuldet: Nötig wärs wohl kaum. Dass zum Schluss einer der letzten Besucher beim Abräumen einer Festbank und absichtlich die Rolle vorwärts versucht, konnte auch der Sicherheitsmann nicht verhindern.

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Kurzbewertung:

Lage: 5 von 5 Croissants – mit einer eigenen Bushaltestelle ist das Public Viewing perfekt erreichbar. Zentrum muss nicht immer Stadtzentrum sein; hier sind wir mitten im Quartierzentrum.

Stimmung: 2 von 5 Croissants – grosszügigerweise, aber bei dem Wetter ist wohl kaum ein Public Viewing unter freiem Himmel mit Bombenstimmung gesegnet.

Verpflegung: 3 von 5 Croissants – vom Grill gibt’s Würste und bei der Pizzeria das übliche Angebot. Etwas Spezielles vermisst man.

Kosten: 5 von 5 Croissants – Eintrittspreise gibt’s nicht und das Bier erhält man für faire 4.30, jedes sechste sogar gratis.

#Platzverweis:
Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden. Die Erfahrung lehrt uns, dass bei jedem Spiel eine Personalie dazukommt.

Bei Russland gegen England war das nicht anders. Roman Neustädter stand in der Startaufstellung der russischen Nationalmannschaft. Russe ist der Schalke-Spieler aber erst seit Mitte Mai. Zwar hat er durchaus russische Wurzeln und gegen eine Einbürgerung an sich ist auch gar nichts einzuwenden, aber wenn Putin per Präsidialdekret kurz vor der EM eine solche verfügt, riecht das zumindest mal streng. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 13. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.


Auswärtsspiele gegen GC bergen immer ein gewisses Konfliktpotential. Dies nicht zuletzt aufgrund der nicht ganz unproblematischen Beziehung zwischen den beiden Fanlagern aus Zürich und St.Gallen. Am letzten Samstag sorgte jedoch die martialisch auftretende Stadtpolizei für eine beklemmende Atmosphäre. Ein SENF-Augenzeuge schildert die Situation, wie er sie vor Ort angetroffen hat.

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Vergangenen Samstag bewahrheitete sich vermutlich wieder einmal das dritte Newtonsche Axiom, welches besagt, dass auf eine Aktion eine entsprechende Reaktion folgt. Im Rahmen des Auswärtsspieles gegen den FCZ zu Beginn dieses Monats waren in Zürich einzelne Ordnungshüter und das VBZ-Personal von einigen mitgereisten St.Gallern mit Farbballons beworfen und dabei auch die bereitgestellten Extrabusse in Mitleidenschaft gezogen worden. Was Sinn und Zweck dieser Aktion war, bleibt bis auf Weiteres rätselhaft. Was jedoch auf jeden Fall zu denken gibt, ist die vermeintliche Reaktion der Stadtpolizei Zürich auf diese Aktion.

Den FCSG-Fans bot sich bei der Ankunft des Extrazuges im Bahnhof Altstetten ein Bild, das nicht nur beim mitgereisten SENF-Autor Verwunderung auslöste. Die zahlreich angereisten Fans wurden bei strömendem Regen von dutzenden Beamten in Vollmontur, mehreren Kamerateams und zwei (!) Wasserwerfern in Empfang genommen. Unmittelbar nach der Ankunft des Zuges wurde mittels der bereitgestellten Extrabusse und der zahlreichen vergitterten Kastenwagen ein Kessel gebildet, um die verdutzten Fans am Verlassen des Bahnhofes zu hindern und sie zum Einsteigen in die Busse zu zwingen. Das ist zwar sowieso immer so gedacht, mit einer derartigen Vehemenz trat die Polizei bisher aber noch nie auf. In Folge der etwas späten Ankunft des Zuges drängte die Zeit und das Wetter lud sowieso nicht zum Verweilen ein. Die Abfahrt der Busse erfolgte entsprechend zackig. In Begleitung mehrerer Kastenwagen und Blaulicht wurde die kurze Strecke zum Letzigrund zurückgelegt.

Dort bot sich erneut ein gewöhnungsbedürftiges Bild. Der Bereich rund um den Gästeblock wurde wiederum zu einem Polizei-Kessel umfunktioniert, wobei die Einsatzleitung der Polizei das Dispositiv abermals mit zwei Wasserwerfern bestückte. Die Polizisten in Vollmontur begaben sich jetzt sogar noch ein Stück näher an die Fans und signalisierten dadurch zum wiederholten Male, dass man einer Konfrontation nicht aus dem Weg gehen würde. Es goss allerdings noch immer wie aus Kübeln und die FCSG-Fans hatten nach wie vor kein besonderes Interesse an einer Auseinandersetzung mit der martialisch auftretenden Polizei. Sie suchten im Gegenteil möglichst schnell Obdach unter dem Stadiondach.

Nach dem Spiel und einer weiteren Niederlage gegen den ungeliebten Rekordmeister standen erneut VBZ-Extrabusse bereit, um die FCSG-Fans an den Bahnhof Altstetten zurückzubringen. Nach einer ereignislosen Rückfahrt schaltete die Stadtpolizei noch einen Gang hoch und bugsierte die FCSG-Fans nun schon zum dritten Mal in einen Polizeikessel. Dieses Mal wurde die Maxime Deeskalation so grosszügig wie möglich ausgelegt und sogar der Durchgang zum Perron, auf welchem der Extrazug stand, durch eine Polizeikette blockiert. Somit waren die FCSG-Fans komplett eingeschlossen und konnten den Zug nicht besteigen. Sie taten ihren Unmut über diese Situation schnell durch entsprechende Verlautbarungen kund. Daraufhin konnte bei den ersten – nach wie vor in Vollmontur bereitstehenden – Polizisten ein Zucken am Gummischrot-Abzugfinger beobachtet werden. Dank dem raschen Intervenieren deeskalierender Kräfte konnte die ganze Situation jedoch relativ rasch beruhigt werden. Daraufhin wurde der Weg zum Perron doch noch freigegeben, sodass die FCSG-Fans einsteigen konnten, um den Heimweg anzutreten.

Nach diesem Polizeieinsatz bleiben einige Fragen offen. Zunächst einmal: Inwiefern kann es verhältnismässig sein, ein derart martialisches Polizei-Dispositiv aufzubieten? Rechtfertigt das Verhalten der FCSG-Fans in den vorangegangenen Auswärtsspielen in Zürich wirklich ein solches Polizeiaufgebot? Kann dies aufgrund der Vorkommnisse tatsächlich als notwendig gerechtfertigt werden? Ebenfalls liegt die Frage nahe, ob der Grund für dieses massive Polizeiaufgebot nicht vielmehr darin zu suchen ist, dass die Fans des FCSG als Figuranten für den bald anstehenden 1. Mai den Kopf hinhalten mussten. Auch das Auftreten am Bahnhof Altstetten vor der Rückfahrt des Extrazuges ist zu hinterfragen. Weshalb wird den Fans der direkte Weg zurück zum Extrazug versperrt? Und weshalb werden sie stattdessen noch einmal – dieses Mal ohne Ausweichmöglichkeit – eingekesselt? Handelt es sich letztendlich um eine Machtdemonstration der Zürcher Polizei, mit dem Ziel zu zeigen, dass schärfer zurückgeschossen werden kann, wenn die Fans mit Farbe um sich schiessen?


Das Gastspiel in Sion stellt für die Fans des FC St.Gallen traditionellerweise die längste Auswärtsfahrt der Saison dar. Dementsprechend muss der Proviant für eine solch lange Reise gut geplant werden.

Das Cateringangebot im Gastsektor der Sittener ist bekanntlich nicht das Gelbe vom Ei. Trockene Sandwiches oder eine Wurst, welche aus mehr Fett als Fleisch besteht, können einen richtigen Gourmet nicht überzeugen. Da auch aus polizeilichen Gründen ein Besuch in Constantins Raclettezelt nicht möglich ist, müssen sich die St.Galler selber helfen. Bei einer Abfahrtszeit des Extrazuges um 6.25 Uhr in St.Gallen und der Rückkehr am Abend um 21.30 Uhr bleibt jedenfalls genügend Zeit, um sich entsprechend zu verpflegen.

Raclette auf der Fahrt ins Wallis

Was beim Gang durch den Zug sofort auffällt: Die Fans sind kreativ. Besonders beliebt sind mobile Racletteöfeli, welche mit Teelichtern betrieben und daher vom Bahnpersonal toleriert werden. Darauf lässt sich so ziemlich alles zubereiten. Nebst der klassischen Variante mit Raclette, wie es sich auf einer Fahrt ins Wallis fast schon gehört, wurden auch Cipollata und Speck gesichtet. Zudem lässt sich mit diesen Öfeli auch ein Spiegelei zum Frühstück machen. Die Dinger sind ausserdem ziemlich praktisch. Mit einer Grösse von etwa 20 x 10 x 10 Zentimeter passen sie in jeden Rucksack.

Der Klassiker der schnellen Verpflegung ist das Sandwich. Unsere Meinung: Wenn Sandwich, dann selbstgemacht. Die Zutaten im Migros oder Coop sind schnell eingekauft. Dabei können die Sandwiches nach eigenem Gusto zusammengestellt werden: Salami, Schinken, Fleischkäse oder Käse? Salat, Gurken, Tomaten und Zwiebeln? Butter, Cocktailsauce oder Frischkäse? Silserbrot oder Semmeli? Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Zudem ist diese Variante ziemlich kostengünstig.

Ein nicht zu verachtender Vorteil, sind doch Auswärtsfahrten mit Zug- und Eintrittsticket gerade für Lehrlinge und Studenten eine kostspielige Angelegenheit. Wer über ein grösseres Budget verfügt, kann die Sandwiches natürlich auch bei einer Bäckerei bestellen – wie eine grössere Gruppe, die am Sonntag kurzerhand einige Meterbrote mit auf die Reise nahm.

Bier zum Buurezmorge

Die frühe Abfahrtszeit erfordert auch das Verspeisen eines Frühstückes im Zug. Unser Favorit dabei: Der Buurezmorge. Zopf, Butter, Konfitüre, Fleisch, Käse und Eier bilden die Grundlage für ein reichhaltiges Frühstück. Der grosse Vorteil des Buurezmorge besteht darin, dass eigentlich nichts zubereitet werden muss, da man einfach die Zutaten mitnehmen kann, die einem belieben. Natürlich kann das Ganze mit Kaffee und Orangensaft ergänzt werden. Unsere Beobachtungen haben aber gezeigt, dass viele Zugfahrer schon zur frühen Stunde lieber zum Bier greifen.

Zur Verpflegung im Extrazug stehen also diverse Möglichkeiten zur Verfügung. Wer ein bisschen kreativ ist, kann im Zug durchaus zu kulinarischen Höhenflügen ansetzen. Und wer dann noch Lust auf ein Dessert hat, kann mit ein wenig Glück möglicherweise sogar noch ein Glacé aus der Kühlbox einer mitgereisten Gruppe abstauben.


Dieser Beitrag erschien am 28. Juli 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Wenn der FC St.Gallen wegen der Länderspielpause nicht zum Einsatz kommt, sucht sich das SENF-Team Alternativen. Im Oktober haben wir uns auf den Plätzen der Region umgesehen, in der jüngsten Natipause wollten wir uns auf die grosse Bühne begeben, nahmen aber einen Umweg über einen englischen Pokalwettbewerb und über einen gänzlich fussballfremden Sportanlass.

Leyton Orient

Man wird das Gefühl nicht los, dass in Grossbritannien so viele Pokalwettbewerbe wie sonst nirgends durchgeführt werden. Die bekanntesten sind der FA Cup und der League Cup. Auch diese pausieren aber, wenn sich die Nationalteams duellieren. Bleibt also noch die Football League Trophy. Da in diesem Wettbewerb einzig Mannschaften der League One und der League Two – Englands dritt- bzw. vierthöchster Liga – antreten, startete unser Alternativprogramm mit dem Spiel Leyton Orient gegen Northampton Town. Vor 1’966 Zuschauern gewannen die Hausherren aus dem gleichnamigen Londoner Stadtteil mit 2:0. Mehr gibt es zum Spiel tatsächlich nicht zu sagen, denn herausragende Fussballunterhaltung sieht anders aus. Die 9’271 Zuschauer fassende Brisbane Road, das schmucke Kleinstadion des Heimteams, kann sich jedoch sehen lassen. Typisch englisch und mitten im Wohnquartier. Tatsächlich bilden sogar die Balkone eines mehrstöckigen Wohnhauses eine Ecke des Stadions. Doch auch im Nordosten Londons ist man wie in St.Gallen auf Geld angewiesen, auch hier wurde das Stadion mittlerweile nach einem Sponsor benannt: Matchroom Stadium, immerhin irgendwie passend.

Weil danach aber selbst in England kaum ein vernünftiges Fussballspiel aufzutreiben war, hat sich SENF (nach dem Motto Sogar Emol Nöd Fuessball) zum Tennis aufgemacht. In den ATP World Tour Finals machten immerhin gleich zwei Schweizer mit. Das Fazit ist schnell gezogen: Die O2 Arena ist gross, warm und verfügt über bequeme Sitze plus Doppelspiele sind relativ ermüdend plus Stan ist chancenlos gegen Djokovic gleich Tennis bleibt für SENF keine ernsthafte Option für die Zukunft. Wir bleiben beim Fussball.

So setzten wir uns vergangenen Freitag für einen knapp 24-stündigen Abstecher nach Glasgow in den Flieger. Auf dem Programm stand das EM-Qualifikationsspiel Schottland gegen Irland. Die Affiche versprach einiges, war doch die Ausgangslage in der Gruppe D äusserst spannend. Der Gruppenfavorit Deutschland war vor diesem Spieltag hinter Irland klassiert und wies gleich viele Punkte wie Schottland auf. Auch auf den Rängen war einiges zu erwarten, sind doch beide Nationen als laute Sänger bekannt. Das Spiel wurde im rappelvollen Celtic Park durchgeführt. Das Stadion ist für jeden St.Galler ein Traum. Das ganze Stadioninnere ist in grün-weiss gehalten, sogar Verpflegungsstände und Fussböden. Das Spiel selber lief wie erwartet ab: viel Kampf auf beiden Seiten – als würden sich 22 St.Galler gegenüberstehen. Den sehenswerten und entscheidenden Treffer schoss schliesslich der Schotte Shaun Maloney nach 74 Minuten: ein wunderbarer Schlenzer quer durch den Strafraum. Das Stadion schien zu explodieren. Auf den Rängen war die Stimmung sowieso das ganze Spiel hindurch ausgezeichnet. Vor allem die Hymne – während dem Spiel gesungen – erzeugte Gänsehaut.


Laut wurde es auf den Rängen auch, wenn der Ire Aiden McGeady am Ball war. Die irische Nummer sieben wurde bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen, ausgebuht und beschimpft, denn McGeady, der in Schottland geborene Flügel, hat sich gegen Schottland und für das irische Nationalteam entschieden. Die mitgereisten Gäste aus Irland waren gegen die schottische Übermacht meist unterlegen. Dass die Iren singen können, haben sie aber unter anderem an der EM 2012 eindrücklich bewiesen, als sie kurz vor Schluss des Spiels gegen Spanien Fields of Athenry anstimmten – beim Stand von 0:4 notabene. Nach dem Spiel machten sich die Fans zu Fuss auf dem Heimweg quer durch die Stadt, da der Celtic Park nicht annähernd am U-Bahnnetz angeschlossen ist, und so war an ein Durchkommen mit Bus oder Auto nicht zu denken. Es kamen Erinnerungen an den Europacup-Ausflug nach Swansea hoch.

Am Tag darauf fand im Wembley das Qualifikationsspiel zwischen England und Slowenien statt. Das Wembley, 2003 bis 2007 nach dem Abriss des alten Stadions neu erbaut, hat Platz für 90’000 Zuschauer; nach dem Camp Nou in Barcelona ist es somit das zweitgrösste Fussballstadion Europas. Im Gegensatz zum Camp Nou ist das Wembley jedoch kein Stadion einer Clubmannschaft. Hier trägt die englische Nationalmannschaft ihre Spiele aus. Zusätzlich finden im Wembley jeweils die Finalspiele der Englischen Pokalwettbewerbe und das Finalspiel der Aufstiegsplayoffs in die Premier League statt. Auch die NFL (American Football) war schon zu Gast. Und schliesslich wird das Wembley auch für Konzerte gebraucht. Wenn man an der U-Bahnhaltestelle Wembley Park aussteigt, sieht man den charakteristischen Bogen des Stadions schon von weitem, der Weg dorthin ist somit nicht zu verfehlen. Ausser dem eindrücklichen Bau und der lauthals mitgesungenen Nationalhymne war das Spiel jedoch enttäuschend. Zwar haben die mitgereisten rund 1’000 slowenischen Gästefans ab und zu mitgemacht, in so einem Stadion geht das jedoch schnell unter. Das englische Publikum rang sich ab und an ein bisschen zum Mitmachen durch, alles in allem jedoch herrschte eine Stimmung fast wie in der Kirche. Sogar beim Tennis war die Stimmung besser. Die Slowenen – leider ohne Dzengis Cavusevic – gingen dank eines Eigentors der Engländer in Führung, Rooney konnte keine fünf Minuten später ausgleichen und Danny Welbeck sorgte mit einem Doppelpack für das 3:1-Endresultat.

England im Wembley

Was bleibt nun nach einer Woche Grossbritannien mit Klubfussball, Tennis und Länderspielen? Die Stimmung beim Tennis ist trotz verordneter Ruhe während dem Spiel besser als bei Länderspielen der Three Lions. Die Schotten aber, die haben uns wohl für die meisten Länderspiele verdorben.


Fussball und die Vereinigten Staaten – bisweilen ein ambivalentes Verhältnis. Nichtdestotrotz scheint der Soccer in den Staaten auch dank den jüngsten Erfolgen der Nationalmannschaft an Stellenwert zu gewinnen. Grund genug für SENF, das MLS-Spiel zwischen D.C. United und Chicago Fire in Washington D.C. zu besuchen.

Eins vorneweg: Ob es nun Soccer oder Football heisst, darüber mögen sich die Europäer und Amerikaner streiten. Beide Begriffe haben ihre Berechtigung. Soccer leitet sich vom in England entstandenen Begriff Association Football ab, wobei sich im Mutterland des Fussballs dennoch der Begriff Football durchgesetzt hat. Fakt ist aber, dass der Fussball in den Vereinigten Staaten bei weitem nicht dieselbe Popularität wie in Europa geniesst. Baseball, American Football, Basketball und Eishockey sind bedeutend populärer. Während Basketball und Eishockey für den durchschnittlichen europäischen Zuschauer durchaus interessant sein mögen, hält sich die Beliebtheit von Baseball und American Football in Grenzen. Spiele beider Sportarten dauern mehrere Stunden, wobei das Verhältnis zwischen Spieldauer und tatsächlich gespielter Zeit haarsträubend ist. Zahlreiche Werbepausen unterbrechen das Spiel. Damit mag sich der gemeine Europäer wohl nur schwer anfreunden.

Überraschenderweise erhielten wir zwei Tage vor dem Spiel einen Anruf von D.C. United. Leicht verwirrt erkundigten wir uns, was los sei. Erleichtert stellten wir jedoch fest, dass sich der Ticketverantwortliche nur nach unserem Befinden erkunden und fragen wollte, ob wir bereit für das Spiel seien. Eine ziemlich nette und überraschende Geste. Generell sind die Ticketverantwortlichen und Sicherheitskräfte sehr locker im Umgang mit den Fans. Hooligans und Gewalt sind weitgehend inexistent. Die Stimmung rund um Sportveranstaltungen ist sehr gelassen, die Polizei beschränkt ihre Tätigkeit oft nur auf das Regeln des Verkehrs und Gästefans reisen aufgrund der grossen Reisedistanzen meistens gar nicht an.

Erfreulicherweise schossen in den Staaten in den letzten Jahren neue Fussballstadien wie Pilze aus dem Boden. Das Robert Kennedy Memorial Stadium, Schauplatz der von uns ausgewählten Partie, gehört leider nicht dazu. Gebaut im Jahre 1961, diente es bis 1996 als Heimat der Washington Redskins (American Football) und wurde zwischenzeitlich auch von den Washington Nationals (Baseball) genutzt. Die Spuren jener Zeit sind heute noch gut erkennbar. Zudem diente das Stadion als Spielstätte der Fussball-WM 1994. Diese Multifunktionalität ist jedoch auch mit gewissen Nachteilen verbunden. Das Stadion gleicht stimmungstechnisch dem Zürcher Letzigrund und obwohl es Platz für rund 57’000 Zuschauer bieten würde, ist aufgrund des geringen Interesses am Fussball nur der Unterrang geöffnet, weshalb sich die tatsächliche Zuschauerkapazität auf rund 19’000 Besucher beläuft.

DC United vs Chicago Fire

Die Major League Soccer (MLS) ist zweigeteilt in eine Eastern und Western Conference. Ähnlich wie im Eishockey gibt es eine Regular Season, welche jedoch Conference-übergreifend stattfindet. Die Playoffs werden innerhalb der Conference ausgetragen, die beiden Sieger spielen in einem Finalspiel um den Meistertitel. Aufgrund der Tatsache, dass in den letzten Jahren einige berühmte Spieler wie David Beckham, Thierry Henry, Mikaël Silvestre, Jermain Defoe oder Robbie Keane in die MLS wechselten, erwarteten wir ein vergleichsweise hochstehendes Spiel. Im Kader von D.C. United befindet sich ausserdem ein gewisser Samuel Inkoom, welcher jedoch nicht zum Einsatz kam. Seitens Chicago Fire dürfte einzig der frühere Liverpool-Stürmer Florent Sinama-Pongolle dem gemeinen europäischen Fussballfan bekannt sein. Während D.C. United von der Tabellenspitze grüsste, stand Chicago Fire an zweitletzter Position. Auf dem Papier also eine klare Angelegenheit. Das Spielniveau war allerdings insgesamt enttäuschend und entsprach in etwa einer unterdurchschnittlichen Super League-Partie. D.C. United dominierte das Spiel und ging in der ersten Halbzeit mit 1:0 in Führung. Nach der Pause erhöhten die Hauptstädter auf 2:0 und konzentrierten sich fortan auf das Kontern. Chicago gelang zwar in der 67. Minute der Anschlusstreffer, das Team lief jedoch danach in zahlreiche Konter. Dem Unvermögen der Stürmer seitens D.C. United war es zu verdanken, dass das Resultat nicht höher ausfiel. Mit dem 2:1-Sieg sicherte sich D.C. United den Sieg in der Eastern Conference und befindet sich damit in einer komfortablen Lage im Hinblick auf die Playoffs.

DC United vs Chicago Fire

Neben dem Platz unterscheidet sich das Spiel in einigen Punkten wesentlich von einem hiesigen Stadionbesuch. Wie bei Sportveranstaltungen in den Staaten üblich wurde vor dem Anpfiff die Nationalhymne gespielt. Die Zuschauer schien das jedoch nicht gross zu interessieren. Rund ein Drittel der Matchbesucher war nämlich zum Anpfiff noch gar nicht im Stadion. Dies bestätigte unser Bild des typischen amerikanischen Sportfans, der hauptsächlich des socialising wegen ins Stadion pilgert. Das Geschehen auf dem Platz scheint eher sekundär zu sein. Dazu passen auch die Hüpfburgen hinter dem Tor, welche während des Spiels von den anwesenden Kindern rege genutzt wurden. Liegestühle mit künstlichen Palmen sorgten hinter dem zweiten Tor für Strandfeeling. Abgerundet wurde dieser Karneval durch eine Corona Strandbar im Stadionbauch. Während sich der St.Galler Fussballfan mit Bratwurst, Bürli und Bier zufrieden geben dürfte, kann der amerikanische Fan aus einem vielfältigen Catering-Angebot auswählen. Nebst der üblichen amerikanischen Verpflegung bestehend aus Burgern, Pommes Frites, Hot Dogs, Nachos und Popcorn wurden auch Steaks und mexikanische Speisen wie Quesadillas (Käsetortillas) angeboten.

DC United vs Chicago Fire

Es gibt jedoch auch durchaus Überraschendes und Positives von den Rängen zu berichten. Mit den District Ultras verfügt Washington über eine eigene Ultragruppierung, welche zu Beginn des Spiels eine kleine Choreografie präsentierte. Der Haufen von gut 50-100 Leuten wirkte zwar um eine gute Stimmung bemüht, jedoch gingen ihre Gesänge im grossen Stadion regelrecht unter. Beim zweiten Treffer und bei Spielende zündeten die Ultras überraschenderweise einen Rauchtopf. Das anwesende Sicherheitspersonal schien dies nicht gross zu stören, was auch nicht verwunderlich ist, feuerte der Verein doch nach Spielschluss ein Feuerwerk ab, welches wohl so manches öffentliches 1. August-Feuerwerk in der Schweiz in den Schatten stellen würde. Zudem wurden zahlreiche Bierbecher in den Nachthimmel geworfen. Einerseits nicht verwunderlich, sind die Vereinigten Staaten doch nicht gerade für ihre Bierkultur bekannt, andererseits bei Bierpreisen von 8 Dollar pro Becher schwierig zu verstehen. Neben den Ultras formierte sich eine weitaus grössere Anzahl Personen auf Höhe der Mittellinie, um die Mannschaft akustisch zu unterstützen. Dieser Support flachte nach dem Anpfiff jedoch relativ rasch ab und wirkte unkoordiniert. Untermauert wurden die Supportbemühungen mit einer durchaus ansehnlichen Fahnenbewegung. In einem reinen Fussballstadion könnte sich mit diesem Publikum wohl ansatzweise eine europäische Atmosphäre entwickeln. Gästefans waren, abgesehen von den Spielerfrauen, keine auszumachen.

Betrachtet man die Zusammensetzung des Publikums, ist die Art des Supports nicht weiter verwunderlich. Ein Grossteil der Zuschauer setzt sich nämlich aus Immigranten aus Mittel- und Südamerika zusammen. Deshalb lautet der Schlachtruf der Fans auch Vamos United und nicht etwa Forward United. Die Entwicklung der Fankultur ist daher primär diesen Immigranten zu verdanken. Den konservativen Amerikaner wird man einem Fussballspiel wohl eher nicht antreffen. Man darf gespannt sein, wie sich die amerikanische Fankultur entwickelt und ob der Fussball an Stellenwert gewinnen kann. Wir werden den Matchbesuch auf jeden Fall insgesamt positiv in Erinnerung behalten.

DC United vs Chicago Fire