König Fussball regierte auch im Sittertobel – zumindest kurzzeitig, während des Viertelfinals zwischen Deutschland und Italien am Samstagabend. Teil fünf unseres Public Viewing-Tests.

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In St.Gallen gab es neben der Europameisterschaft wohl nur ein Thema in den letzten Wochen: das Openair St.Gallen. Diese vier Tage im Sittertobel sind ein Fixpunkt im Ostschweizer-Kalender der Partyfans, Musikinteressierten oder Borderline-Alkoholiker.

Während des Openairs rückt vieles in den Hintergrund, zum Beispiel Logik, Leberwerte, Körperhygiene. Ansonsten brave Bürger brüsten sich mit bierseligen Banalitäten vergangener Heldentaten und hoffen im Konsumparadies Sittertobel den ultimativen Rausch zu erleben. Da muss sogar der ansonsten unangefochtene König Fussball zurückstecken. Entsprechend wenig merkte man am Freitag im Sittertobel vom Viertelfinal zwischen Wales und Belgien, über das wir hier berichtet haben.

Ausziehn, ausziehn!

Die Partie Deutschland-Italien am Samstag hingegen vermochte im Sittertobel doch ein paar Emotionen zu wecken: Bereits am frühen Nachmittag waren die ersten mit Gummistiefeln und passendem Trikot auf dem Gelände anzutreffen und am frühen Abend konnten die ersten biergeschwängerten Aufforderungen zum Ausziehen des jeweils anderen Nationalmannschaftstrikots beobachtet werden. Wenig später waren die Trikots dann entweder (freiwillig) ausgezogen oder so dreckig, dass man nicht mehr zwischen Freund oder Feind unterscheiden konnte.

Das Tragen von Gummistiefeln erwies sich als weise Entscheidung, denn das Openair-OK hatte sich dazu entschieden, die Leinwand dort aufzustellen, wo laut Andi Rohrer nur jene zelten, die nicht aus St.Gallen stammen. Eine halbe Stunde vor Anpfiff machte man sich also auf den Weg, um diesen unsäglichen Ort zu finden.

Die Suche war einfach; man musste lediglich den vielen dreckigen Fussballtrikots und komischen Dialekten folgen. Während andere vor der Sitterbühne den Klängen vonCaribou lauschten, versammelten sich mehrere hundert Fans vor der grossen LED-Leinwand am Abhang beim Viadukt. Dieser Übertragungsort erwies sich allerdings nicht wirklich als tauglich wegen der matschigen Unterlage.

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Aufgrund eines fehlenden Bierstandes in Sichtweite wurde auf das mitgebrachte PET-Bier und vorgedrehte Sportzigaretten zurückgegriffen. Auch eine Toilette oder ein Verpflegungsstand konnten in der näheren Umgebung nicht ausgemacht werden.

Kein Bier, kein WC

Wirklich Stimmung kam vor der Leinwand nicht auf. Am lautesten waren noch die halbherzigen «Italia-Italia»-Rufe. Ob sich die miese Stimmung durch die eher unspektakuläre erste Halbzeit oder durch den fehlenden Bier-Nachschub erklären lässt, wissen wir nicht. Einige Fans nutzten die ersten 45 Minuten sowieso lieber zum temporären Ausschlafen des Rauschs.

Erst mit den beiden Toren in der zweiten Halbzeit wachten die Fans auf. Gebracht hat es jedoch wenig; nach 90 Minuten stand es 1:1. Aufgrund einer ähnlich ereignislosen Verlängerung musste der Sieger schliesslich im Penaltyschiessen erkoren werden. In Erinnerung geblieben ist davon vornehmlich der verschossene Elfmeter des Hobby-Tänzers Zaza und das tränenverschmierte Gesicht der italienischen Torwartlegende Gianluigi Buffon nach dem Ausscheiden gegen Deutschland.

Sittertobel-Rutschbahn

Mit dem Ende der Partie legte sich auch die Dunkelheit wieder über das Sittertobel. Einige Fans bekundeten in der Folge Mühe damit, den erklommenen Platz am Abhang wieder zu verlassen und rutschten nicht ganz freiwillig auf dem Allerwertesten hinunter. Nach einigen akrobatischen Einlagen hatten es jedoch auch die letzten Trinkfreudigen wieder auf den halbwegs begehbaren Weg geschafft. So übergab König Fussball das Zepter wieder an die Verlockungen des Openairs und die Fans verschwanden nach und nach wieder in Richtung der wummernden Bässe und Lichter.

Kurzbewertung:

Lage: 2 von 5 Croissants – zugegeben, einen besseren Platz auf dem durchkommerzialisierten Openair-Gelände zu finden, gleicht einer Herkulesaufgabe.

Stimmung: 3 von 5 Croissants – viele Leute, spannende Affiche und erhöhte Promillewerte. Trotzdem konnte der Funken nicht wirklich springen; die Stimmung war darum etwa gleich elektrisierend wie an einem GC-Heimspiel.

Verpflegung: 1 von 5 Croissants – kein Bierstand, keine Toilette und auch kein Essensstand in Sichtweite.

Kosten: 2 von 5 Croissants – zwar hat es keinen Eintritt gekostet, aber wenn man das Openair-Ticket einrechnet, war es bis jetzt locker das teuerste Public Viewing unserer Reihe.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden.

Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu, im zweiten Stephan Lichtsteiner und im dritten der Schiri. Nachdem im vierten Test das W-LAN der Militärkantine vor Anpfiff vom Platz gestellt wurde, muss dieses Mal Petrus dran glauben. Literweise Regen und ein steiler Abhang sind eine schlechte Kombination für ein Public Viewing. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 5. Juli 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.


Eine EM soll spannend sein, erst recht im Viertelfinal. Das Spiel Wales gegen Belgien war das über weite Strecken. Trotzdem hat die Militärkantine zusätzlich Spannung heraufbeschworen, ob man überhaupt alle Tore mitkriegen würde. Teil 4 des Public Viewing-Tests.

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An diesem Freitgabend ist Wales sowas wie Gallien. Umzingelt von Ländern, die sich in den letzten Tagen mal mehr, mal weniger freiwillig aus Europa verabschiedet haben, sind die Waliser als letztes Team von ennet dem Ärmelkanal noch an der EM dabei. Dass das Märchen weitergeht, daran mag kaum einer glauben. Der Gegner ist schliesslich Geheimfavorit Belgien. Einen ungeheimeren Geheimfavoriten gab es noch nie.

Trotzdem verspricht das Spiel interessant zu werden. Beide Mannschaften stehen nicht für Abwehrschlachten, und die bisherigen Auftritte der Waliser garantieren zumindest, dass sie selber keineswegs als Aussenseiter auftreten werden. Nicht zu vergessen: In der Qualifikation zur EM holte Wales gegen Belgien vier von sechs möglichen Punkten.

Auf dem französischen Balkon

Gute Voraussetzungen also für den nächsten Public Viewing-Besuch, dieses Mal bei der Militärkantine in St.Gallen. Los gehts für einmal bereits rund zwei Stunden vor dem Spiel, schliesslich wollen wir auch die Küche der Militärkantine testen und damit in einer der schönsten Gartenwirtschaften der Stadt Platz nehmen.

Wir machens kurz: Kulinarisch gibts wohl nur wenige Public Viewings, die mit der Militärkantine mithalten können. Das Essen schmeckte den anwesenden SENF-Mitgliedern so gut, dass selbst der Anti-Vegetarier unter ihnen im für einmal fleischlos gewählten Hauptgang nichts vermisste.

Das Public Viewing selbst findet auf dem französischen Balkon statt. Ja, auch wir hatten keine Ahnung, was so ein französischer Balkon ist. Nachdem wir gegooglet haben, ist die Verwirrung noch grösser. Ein bodentiefes Fenster mit Geländer davor? Wie soll man denn da Platz finden, um Fussball zu schauen? Das wird doch etwas gar eng? Gemeint ist hier aber der nur über eine Aussentreppe erreichbare Balkon auf der Strassenseite der Militärkantine.

Auch wenns also nicht eng wird, intim scheint der Abend bei unserem Eintreffen trotzdem zu werden. 20 Minuten vor Spielbeginn stehen wir zu zweit auf dem Balkon vor etwa 40 leeren Stühlen. Kein Personal, keine Gäste und vor allem keine Leinwand. Als wir uns schon in Richtung Restaurant aufmachen wollen, um uns zu erkundigen, wird eine Ladung Bier herangetragen und wir sind ansatzweise beruhigt. Wenig später folgen auch ein Fernseher und ein paar Gäste. Knappe 20 werdens am Schluss sein.

Das Barteam übergibt die Fernbedienung kurzerhand dem SENF-Kollektiv. Wir schätzen diese Anerkennung unserer Kompetenz und machen uns daran, über eine App namens Teleboy einen Fernsehsender einzuschalten. Nach bangen Momenten läuft ZDF und wir sind nun vollends beruhigt.

Während wir also den Nationalhymnen der beiden Teams lauschen und vom angebotenen Sleeping Bear Ale der Barfuss Brauerei kosten, ergibt sich aus vorbeifahrenden Autos und Openair-Shuttle-Bussen sowie der Abenddämmerung hinter dem Bundesverwaltungsgericht die passende Stimmung. Nachdem wir erst befürchtet hatten, es werde eng, und danach dachten, es werde intim, wirds jetzt romantisch. Passend dazu zünden die Verantwortlichen die Lichterkette an. Schön.

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Zittern vor dem Penaltyschiessen

Das Spiel scheint die Erwartungen ebenfalls zu erfüllen. Nach einem flotten Beginn, wie es jeder Sportkommentator im deutschsprachigen Raum nennt, geht Belgien dank einem schönen Weitschuss von Nainggolan in Führung. Wir befürchten, dass der frühe Führungstreffer des Favoriten dem Spiel nicht gut tun wird. Danach scheint es erst auch auszusehen. Doch die Waliser geben sich nicht auf und gleichen schon bald aus.

Der Treffer kommt nach einer Eckball-Variante, die im ZDF treffend «die rote Lokomotive» genannt wird. Vier Waliser stehen sich bei einem Eckball praktisch auf den Füssen, um sich dann im letzten Moment zu verteilen. Sie stehen so eng beieinander, dass sie alle auf einem französischen Balkon, wie er uns von Google erklärt wurde, Platz gehabt hätten. Beim Ausgleich – und praktisch bei jedem weiteren Versuch dieser Variante – geht mindestens ein Angreifer vergessen.

Bis zur Pause ist das Spiel danach keineswegs schlecht, aber Tore fallen keine. 15 Minuten und ein weiteres Ale später steigt das Bild aus. Die Hoheit über die Fernbedienung, eben noch Anerkennung, wird zur Last. Die Teleboy-App (oder der Fernseher?) findet kein verbundenes Gerät, die Netzwerkverbindung scheint weg. Wildes Drücken auf der Fernbedienung gepaart mit vergeblich vorgegaukelter Kompetenz sind die Folge. Irgendwann scheint ein WLAN «Hotel» auf und die Verbindung ist wieder da. Drei Minuten sind in der zweiten Halbzeit gespielt, passiert ist zum Glück nichts.

Uns beschleicht ob der schlechten Verbindung die Angst, dass das Spiel ins Elfmeterschiessen gehen könnte. Was, wenn beim Stand von 4:4 das Bild wieder weg ist? Was, wenn wir dafür verantwortlich gemacht werden? Zittrig verfolgen wir die zweite Hälfte. Abgesehen von ein paar kurzen Aussetzern bleibt das Bild aber da. Und zum Elfmeterschiessen kommt es sowieso nicht. Während das grosse England am Aussenseiter Island scheiterte, wirft das kleine Wales den belgischen Mitfavoriten mit den Treffern zwei und drei aus dem Turnier. Und das alles andere als unverdient.

Wir übergeben die Fernbedienung dem Barpersonal und hoffen, dass die Verbindungsprobleme behoben werden können. Besonders fürs Finale, wenn – so wir gemunkelt – das OK der Fussballlichtspiele St.Gallen die Bar schmeissen wird.

Kurzbewertung:

Lage: 4 von 5 Croissants – eigentlich gäbe es für die Lage bloss drei Punkte. Schliesslich sind die Ansprüche hoch und die Bushaltestelle Sporthalle eben doch zu weit weg. Aber die idyllische Abendstimmung hinter dem Bundesverwaltungsgericht gibt einen zusätzlichen Punkt.

Stimmung: 2 von 5 Croissants – leider ist nicht viel los auf dem französischen Balkon. Das mag für viele ganz angenehm sein, aber ein paar Aaahs und Oohs fehlen dann halt doch.

Verpflegung: 5 von 5 Croissants – im Restaurant nebenan gibts sehr gutes Essen. Dass beim Public Viewing Ale serviert wird, lässt die SENF-Herzen höher schlagen.

Kosten: 4 von 5 Croissants – ja, wir sind streng. Aber wenn sonst die Stange meist deutlich unter fünf Franken kostet, ist das Spezli für fünf Franken halt schon teuer. Eintritt kostet hingegen auch dieses Public Viewing nicht.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden.

Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu, im zweiten Stephan Lichtsteiner und im dritten der Schiri. Wenig überraschend verweisen wir das WLAN der Militärkantine des Feldes. Mit einem Kabel wäre die Verbindung sicher besser gewesen. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 3. Juli 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.


Italien gegen Spanien: Der Achtelfinal hatte es in sich, auch was das Publikum betrifft. Doch beim Public Viewing am Treffpunkt Herisau blieben die Fans friedlich. Hier der Bericht, Teil 3 von #Senfgoespublic.

herisau1In Herisau trifft man sich zum gemeinsamen Fussballschauen passenderweise gleich im Treffpunkt. Das Restaurant vis-à-vis des ausserrhodischen Regierungsgebäudes hat für die EM eine Leinwand im Freien aufgebaut. Beim frühabendlichen Spiel Italien gegen Spanien am Montag spielt auch das Wetter mit. Gut so, weil nur etwa die Hälfte der rund 80 Besucherinnern und Besucher im überdachten Teil der Gartenwirtschaft Platz finden. Bei unserer Ankunft etwa 45 Minuten vor Spielbeginn scheint die Sonne gar noch so hell, dass wir uns Sorgen machen um die Bildqualität. In Herisau sorgt nämlich nur ein ziemlich gewöhnlich aussehender Beamer für die Übertragung der EM-Partien. Pünktlich zu Spielbeginn ist die Sonne aber schon genügend tief, dass das Bild den hohen Ansprüchen der beiden anwesenden Kollektivmitglieder des SENF knapp genügt.

Unter den anderen Besucherinnen und Besuchern sind die Sympathien ziemlich klar verteilt: Den zahlreichen Italien-Fans stehen beziehungsweise sitzen nur ein paar Spanierinnen und Spanier gegenüber. Ohne Fantrennung. Man kennt und versteht sich in Herisau. Die spanische Unterzahl kann eine einzelne Besucherin ganz gut kompensieren, indem sie mehrfach lautstark «Venga España» zur Leinwand schreit. Könnte ja was bewirken, wie der Postillon unlängst «bewies».

Heute bleiben aber alle Motivationsversuche, die Spanien zum Sieg führen sollten, ergebnislos. Als Italien das 1:0 schiesst, jubelt die Menge. Als sie kurz vor Schluss das Spiel mit dem zweiten Treffer entscheiden, fliegen gar Mützen durch die Gegend. Die Szenerie erinnert an die guten alten Zeiten, als die Herren noch mit Anzug und Mütze im Stadion standen. Den Spaniern bleibt nur, sich mit der Menükarte des Treffpunkts zu trösten. Das anwesende Senf-Team konnte mangels Hunger die extra für die EM gestaltete Essenskarte nicht testen, aber die an uns vorbeigetragenen Speisen sahen sehr lecker aus. Und wer sich flüssig ernähren will: Die Stange Appenzeller-Bier gibts für faire 4.40 Franken. Wer sich ausserkantonal mit einem Bier an die nahe Heimat erinnern will: Klosterbräu ist auch zu haben.

Als wir kurz vor Schluss wegen der angesprochenen Flüssignahrung die Toilette aufsuchen, entdecken wir – leider zu spät – das eigentliche Bijou dieses Public Viewings: In den Innenräumen des Treffpunkts empfängt uns englische Atmosphäre. Das Licht ist gedämpft, aber nicht düster, Burgerduft hängt in der Luft und in einer Ecke wird sogar Englisch gesprochen. Natürlich wird auch hier die EM gezeigt. Fehlt nur noch der ranzige Teppich, dann könnte man sich in Herisau über ein Pub freuen.

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Kurzbewertung:

Lage: 2 von 5 Croissants – ja, klar, eine eigene Bushaltestelle hat der Treffpunkt eigentlich auch. Aber die steht halt in Herisau. Und Herisau selber liegt eigentlich nicht dort, wo der Bahnhof liegt, der mit Herisau angeschrieben ist.

Stimmung: 4 von 5 Croissants – hier sind wir etwas pingelig. Zwar war es durchaus angenehm während dem Spiel und auch ziemlich laut nach den beiden Toren, aber bei Italien gegen Spanien sind die Voraussetzungen für eine gute Stimmung halt schlicht besser als bei England gegen Russland.

Verpflegung: 5 von 5 Croissants – in Herisau hat man sich Mühe gegeben und gleich eine eigene Karte für die EM kreiert. Wir wissen zwar nicht, was davon auch sonst zu haben ist, aber Burger (sowieso) und Flammkuchen (weil Frankreich), das passt.

Kosten: 5 von 5 Croissants – kein Eintritt, Bier für 4.40. Und auch beim Appenzeller Bier gibts bei jeder Stange die Chance, eine weitere zu gewinnen. Unser Portemonnaie freuts, die Leber weniger.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden. Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu, im zweiten Stephan Lichtsteiner. An diesem Montag muss sich der Schiedsrichter selber aus dem Spiel nehmen. Teilweise pfiff Cüneyt Cakir überaus kleinlich, manchmal sah er glasklare Fouls nicht. Eine Linie war nicht erkennbar. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 28. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.


Während die Fussballwelt nach Frankreich schaut und gebannt die EM verfolgt, verbringt ein Mitglied des SENF-Kollektivs den Sommer in der Rekrutenschule. Auch dort kommt man nicht an der EM vorbei.

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Um die grösste Einschränkung gleich zu Beginn zu nennen: Während dem Militärdienst ist es abgesehen vom Ausgang nicht erlaubt, Alkohol zu trinken – schon gar nicht in rauen Mengen, wie es bei manchen während der EM durchaus vorkommen kann.

Auch die ansonsten pünktlich zum Eröffnungsspiel auftretende Vorfreude blieb dieses Jahr weitestgehend aus. Schliesslich gestaltet sich das bei einem komplett durchgeplanten Tagesablauf und einer chronisch unterbeschäftigten Leber ziemlich schwierig.

Euphorie im Esssaal
Dennoch kam in unserer Kompanie nach den ersten Spielen trotz der langen Tage und kurzen Nächte – einem schleichenden Aufbauprozess infolge einer Verletzung vergleichbar – ein wenig Euphorie auf. Die Gespräche an den Esstischen begannen sich immer mehr zu ähneln: «Hey Jungs, wiä wiit denkeder, dass XY chunnt?» oder «Läck, isch da ä langwiligs Spil gsi gescht».

Da dank dem neuen Modus fast ganz Europa an die EM fahren konnte und in unserer Kompanie Rekruten aus ähnlich vielen Nationen den «Dienst am Vaterland» erfüllen, entwickeln sich logischerweise rege Diskussionen über die anstehendenden und gespielten Partien. Verfolgt werden die Spiele meist im Esssaal vor dem Beamer oder gemeinsam im Kiosk, der glücklicherweise mit einem Fernseher ausgerüstet ist.

«Golden Ticket» Wachdienst
Die mehr als einwöchige Einteilung für den Wachtdienst zu Beginn der EM war zunächst ein kleiner Schock – im Nachhinein stellte sich diese Einteilung, wie wir es im Militär so schön nennen, jedoch als «Golden Ticket» heraus. Der ansonsten aufgrund des stundenlangen Herumsitzens ungeliebte Wachdienst erwies sich dank den zahlreichen Pausen zwischen den einzelnen Schichten als Glücksfall.

Zusammen mit den anderen dienstfreien Kameraden – bewaffnet mit Eistee als Bier-Ersatz samt den obligaten Bauchschmerzen nach dessen übermässigem Genuss – verfolgte man die Partien dank Laptop und Beamer jeweils gemeinsam. Es kam öfters vor, dass auch mal ein Offizier vorbeikam und sich stillschweigend dazusetzte, bis ihm ein Geschehnis auf dem Platz sauer aufstiess und er sich genauso über den Schiedsrichter aufregte, wie die anderen anwesenden Soldaten.

Besonders bei den Spielen der Schweizer Nationalmannschaft kochte die Stimmung teilweise über, sodass es vereinzelt vorkam, dass ein Stuhl durch die Lüfte flog oder ein Becher mit voller Wucht auf den Boden geschleudert wurde. Man kann spüren, dass König Fussball im ansonsten disziplinbetonten Militär-Alltag die Emotionen zum Vorschein bringt und man gradunabhängig hitzige Diskussionen führt, die man als umsichtiger Soldat eigentlich besser bleiben liesse.

Paranoide Blicke
Als einziger Wehmutstropfen des ansonsten fussballfreundlichen 24-Stunden-Betriebs auf der Wache lässt sich anführen, dass man teilweise auch während den Spielen tatsächlich Wache schiebt und man als geneigter Fussballfan höllisch aufpassen muss, sich nicht beim heimlichen Schauen der Partie auf dem Handy erwischen zu lassen.

Die Blicke wechseln dabei jeweils schon fast paranoid von der Türklinke am Eingang auf den Handybildschirm und zurück. Dennoch wurde es mit der Zeit zu einem Ritual, dass man sich kurz vor 15 Uhr, 18 Uhr und 21 Uhr für das anstehende Spiel einrichtete und seine Prognose den Kameraden mitteilte.

«Leider» geht auch die Zeit auf der Wache irgendwann zu Ende und man muss wieder den ganzen Tag zurück aufs Feld, um an irgendwelchen Übungen teilzunehmen, deren Sinn wohl niemand je ganz verstehen wird. Auch das Verfolgen der einzelnen Partien gestaltet sich auf dem Feld logischerweise schwieriger. Dabei könnte man stets hochgepriesene militärische Kameradschaft doch geradesogut bei Fussball und Bier (oder in unserem Fall: Eistee) pflegen…


Dieser Beitrag erschien am 24. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Aber auch während der EM haben wir was zu sagen.


Man kann von der EM halten, was man will – sicher ist: Sie bringt Menschen vor Bildschirmen zusammen. Und schafft damit vorübergehend neue öffentliche Räume. Das Senf-Kollektiv testet im Verlauf der EM ein paar Public Viewing-Orte. Teil 2: Palace St.Gallen.

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Seit Jahren ist das Palace ein sicherer Wert während grossen Turnieren. Zum einen ist man vor den Kapriolen des Wetters geschützt: Wenns draussen zu heiss ist, ists im ehemaligen Kino angenehm kühl. Wenns regnet – wie dieses Jahr eigentlich ständig – ists drinnen trocken. Zum anderen sind die Besucher meist sehr angenehm. Keine grölenden Massen, keine aufgeheizte Stimmung, viele fachkundige Gespräche.

Wer ob der negativen Schlagzeilen aus Frankreich Angst vor herumfliegenden Stühlen hat, den können wir auch beruhigen: Die Kino-Sessel sind fest im Boden verankert und sowieso zu schwer. Seine volle Qualität kann das Palace allerdings vor allem dann ausspielen, wenn nicht die Schweizer Nationalmannschaft spielt und der Saal nicht so überfüllt ist.

Zugegeben, die lauten «Oohs» und «Aahs», wenn mal wieder ein Schweizer seine bisher nicht bekannten St.Galler Wurzeln zeigt und eine Grosschance versemmelt, die haben schon was für sich. Gemeinsam leiden ist ja doch irgendwie angenehmer. Und auch der Torjubel, wie beim 1:1-Ausgleichstreffer durch Mehmedi gegen Rumänien, ist in der Masse irgendwie intensiver. Glück soll ja das einzige sein, was grösser wird, wenn man es teilt. So viel Fussballromantik muss sein.

Aber eben, wenn sich das Palace nach einem Schweizer Spiel leert und für das anschliessende Spiel Frankreich gegen Albanien nur noch jeder zweite Kinosessel besetzt ist, dann fühlt es sich wie ein überdimensioniertes Wohnzimmer an. Vorne wird «töggelet», in den Sesseln wird gefachsimpelt und das Sofa wird kurzerhand so vor die Leinwand verschoben, wie man es zuhause auch vor den Fernseher stellen würde.

Wäre das für die eigene Gesundheit nicht schädlich, man könnte in der Tat einziehen. Aber eben, bei Bratwurst als Grundnahrungsmittel und grossem Bier für faire sechseinhalb Stutz dürfte man das schon nach zwei von vier Wochen EM bereuen. Wobei, wenn man dort wohnt, muss man sich ja auch nicht mehr so fest bewegen.

Wenns beim Public Viewing an diesem Mittwochabend etwas zu bemängeln gab, dann eigentlich nur, dass die Jungs vom Adrenalin-Team lediglich das Spiel der Schweiz gegen Rumänien live kommentierten. Zumal man sie wegen der vielen Leute eben auch nicht so gut verstand. Bei Frankreich-Albanien waren zwar weniger Leute anwesend, diese wären dafür aber sicher umso aufmerksamer gewesen.

Und nebenbei: Eine Loge im Obergeschoss gibts hier natürlich auch. Wer aber dort Platz nehmen will, muss bei Spielen der Schweiz früh kommen. Das frühe Kommen lohnt sich übrigens sowieso: Sobald das Palace nämlich voll ist, wird auch trotz eines fehlenden Eintrittspreises «ausverkauft» vermeldet.

Kurzbewertung:

Lage: 4 von 5 Croissants – das erste getestete Public Viewing hatte mit einer eigenen Bushaltestelle einen vermutlich nicht zu überbietenden Vorteil. Deshalb müssen wir hier pingelig sein. Der Bahnhof ist leider ein paar Meter zu weit weg, um als Palace-eigen zu gelten.

Stimmung: 4 von 5 Croissants – beim Schweiz-Spiel sicher angenehmer als anderswo und meist herrscht perfekte Wohnzimmeratmosphäre. Abzug gibts nur, weil wir mehr Adrenalin hören wollen.

Verpflegung: 3 von 5 Croissants – Das Essensangebot ist zwar nicht sonderlich innovativ, dafür verfügt das Palace über eine komplett eingerichtete Bar – ein neuer Sitzungsort fürs SENF-Kollektiv?

Kosten: 5 von 5 Croissants – Gratis Eintritt und grosses Bier für 6.50. Zudem gibts bei jedem Bier die Chance, eine Stange zu gewinnen.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden.

Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu. An diesem Abend müssen wir Lichtsteiner tadeln. So ein unnötiges Foul, das zu einem Penalty führt, dürfte dem erfahrenen Verteidiger nicht passieren. Wegen ihm musste die Schweiz einem Rückstand nachrennen. Ohne dieses unnötige Foul wäre das nicht passiert. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 17. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.