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Der Winter ist in der Regel fussballfreie Zeit. Der Ball ruht nicht zuletzt aufgrund der widrigen klimatischen Bedingungen in der Schweiz. Während der Meisterschaftspause reisen deshalb viele Clubs in den Süden um sich auf die Rückrunde vorzubereiten. Ein Teil des SENF-Kollektivs ist dem FCSG in die wärmeren Breitengrade gefolgt.

Mit Malta hat der FC St.Gallen ein eher ungewöhnliches Ziel für sein Trainingslager ausgesucht. Alle anderen Teams – abgesehen vom konkursbedrohten FC Thun – haben Südspanien bereist. Und sind dort wohl glücklicher geworden als unser FCSG auf der kleinen Mittelmeerinsel. Zumindest was die geplanten Testspiele angeht: Uni Craiova, ein Traditionsverein aus Rumänien, sagte kurzfristig eines der beiden angesetzten Testspiele ab. Terek Grozny gleich sein ganzes Trainingslager auf Malta. Und das Spiel gegen die lokalen Hibernians Paola fand wegen des ungastlichen Wetters nicht in ihrem schmucken Heimstadion, sondern wie die andere Partie auch im grossen, leeren Nationalstadion statt. Beim 6:2-Sieg der Grün-Weissen war der Gegner aber kein wirklicher Gradmesser, das Ganze glich eher einer besseren Bewegungstherapie. Immerhin hat’s nun aber doch noch geklappt, der FCSG hat den Inselaufenthalt kurzfristig um einen Tag verlängert, um sich am Samstag  mit dem Karlsruher SC messen zu können. Jenem Verein, der in der Winterpause Joe Zinnbauer leicht umgarnt hatte – wenn man den Gerüchten glauben schenkt…

Der guten Laune der Mannschaft und den mitgereisten Fans tat dies keinen Abbruch. Mit dem Hotel scheinen die Tschutter zufrieden zu sein und auch der Ausgang im Malta-Mallorca «Paceville» hat ihnen sichtlich gefallen. Auch wenn sie sich bei den Fans, die teils in den gleichen Lokalen verkehrten, kaum blicken liessen. Ebenso unterliessen sie es, die 13 reisefreudigen Fans beim Spiel gegen Hibernians eines Blickes zu würdigen. Klar, ein Trainingslager ist, wie der Verein diese Woche selbst schrieb, kein Ponyhof. Aber es hätte nur wenig gebraucht, um den mitgereisten Fans eine kleine Freude zu machen.

Ein Trainingslager in Malta ist auch aussergewöhnlich, weil man als Verein dort fast alleine ist. Die Suche nach Testspielgegnern erschwert sich dadurch, die Trainingsbedingungen sind hingegen ideal. Der FCSG konnte auf dem Trainingsplatz tun und lassen was und wie er wollte, er stand ihnen wie zuhause rund um die Uhr zur Verfügung. Das sei sehr positiv, sagte Mediensprecher Daniel Last, und in Spanien beinahe unbezahlbar. Nur der FC Basel leiste sich diesen Luxus. Ein Luxus, der es erlaubte, auch mal eine Trainingseinheit nur für die Jungen zu machen oder einfach sonst spontan zu sein. Wie sehr davon Gebrauch gemacht wurde, ist indes nicht bekannt. Es sei denn, Joe hat die Mannschaft mal wieder zu einem nächtlichen Straftraining verdonnert.

Dazu gab es zumindest nach dem zweiten Testspiel keinen Grund. Das Spiel wurde mit 6:2 diskussionslos gewonnen, dies obwohl die St.Galler Abwehr vor der Pause zweimal schlief und dem harmlosen Gegner so zwei Tore ermöglichte. Es schien aber weder die Fans noch Dölf Früh zu stören, denn der Präsident zeigte sich spendabel und quittierte die «Dä Präsi zahlt e Rundi»-Sprechhöre mit einer 200-Euro-Note. Das verdutzte Stadionpersonal, das nur wegen der mitgereisten FCSG-Fans überhaupt die Bar geöffnet hatte, staunte Bauklötze. Bei schön herausgespielten Toren und Freibier liess es sich definitiv aushalten, auch wenn ein eisiger Wind pfiff und die Spieler auf dem Rasen kurzzeitig regelrecht abgeduscht wurden.

Das Trainingslager in Malta wird, vermutlich, nicht als das Beste in die Vereinschronik eingehen. Aber sehen wir’s mal so: In den letzten Jahren hatte kaum einer etwas zu meckern nach der Trainingslager. Es folgten desaströse Rückrunden. Vielleicht ist’s diesmal ja andersrum.


Anmerkung (20.01., 18.54 Uhr): Ein ebenfalls mitgereister Fan hat uns geschrieben, die Mannschaft habe den Fans gegenüber mehrfach ihre Wertschätzung gezeigt. So seien die Fans mit Shirts beschenkt und nach dem ersten Spiel zum Fototermin in die Kabine gebeten worden. Auch sei im Ausgang durchaus miteinander angestossen worden. Zu diesem (späten) Zeitpunkt waren wir nicht mehr vor Ort. Wir haben uns im Text explizit auf den Dienstagabend bezogen. Dass wir dies nicht deutlicher kenntlich gemacht haben, ist unser Versäumnis.


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Ein grün-weisser Klub zieht von einem altehrwürdigen Quartierstadion in eine moderne Arena – was wie die Geschichte des FC St.Gallen klingt, ist auch jene von Hammarby IF. Wir wollten uns das genauer anschauen und sind nach Schweden gereist.

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Der Hammarby IF aus Stockholm musste vor rund drei Jahren aus dem angestammten Zuhause im Stadtteil Södermalm ausziehen. An den diesjährigen Fussballlichtspielen St.Gallen wurde unter anderem der Film «Vi är bäst ändå – This is Söderstadion» gezeigt, der den Ablöseprozess der Fans dokumentiert. In der neuen Arena ging die letzte Saison nicht allzu gut zu Ende. Hammarby belegte in der abgelaufenen Saison – in Schweden wird von Frühling bis Herbst durchgespielt – Rang 11 von 16. Im letzten Heimspiel der Saison gegen Norrköping ging es um nichts mehr. Auch deshalb, weil sich Norrköping einen Spieltag zuvor aus dem Meisterrennen verabschiedet hatte. Der Match ähnelte den Spielen in St.Gallen stark. Eine Mannschaft in grün-weiss, die zwar bemüht, aber doch nicht erfolgreich agiert und sich am Ende mit einem mageren 1:1 begnügen muss.

Auch sonst ähnelt Hammarby irgendwie ein bisschen dem FC St.Gallen. Die Zuschauer sind trotz fehlendem Erfolg unglaublich treu, erscheinen zahlreich – gegen Norrköping waren es rund 20‘000 – und unterstützen ihr Team auch in schlechteren Zeiten. Wir treffen uns in Stockholm mit Magnus, einem der Protagonisten des Films «Vi är bäst ändå». Er warnt uns schon vor dem Spiel, dass wir heute nicht zu viel erwarten dürften, da die Saison nicht so erfolgreich verlaufen sei.

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Uns interessiert aber vor allem, wie es den Fans von Hammarby nach dem Umzug vor rund drei Jahren geht. Schliesslich kennen wir die Situation: In Stockholm zügelten sie vom Söderstadion in die Tele 2 Arena, in St.Gallen zügelten wir vom Espenmoos in die AFG Arena. Auch die Fans von Hammarby vermissen ihr altes Stadion. Neu ist eben nicht immer besser, hat aber durchaus auch Vorteile. Da wäre zum Beispiel die Grösse. Ins alte Söderstadion passten gerade mal 10’000 Zuschauer. In die neue Arena dreimal so viel. Zudem muss wohl auch der Romantiker akzeptieren, dass viele Fans den Komfort eines neuen Stadions dem einer – wenn auch charmanten – Bruchbude vorziehen. Gerade für Familien sei der Matchbesuch angenehmer geworden, sagt Magnus. Und schliesslich sei es auch einfacher an Tickets zu kommen. Das ermögliche mehr Zuschauern ins Stadion zu kommen. Das bedeute auch: mehr Fans. Einige davon wüssten jedoch (noch) nicht, dass auch sie für die Atmosphäre im Stadion zuständig seien: «Sie gehen ans Spiel um die Stimmung zu konsumieren und nicht um sie zu erzeugen.»

Trotzdem findet Magnus das neue Stadion besser, als er es erwartet hätte. Dass das neue Stadion ganz nah am alten gebaut wurde, habe zusätzlich geholfen. Dass es viel schlimmer hätte kommen können, zeige sich aktuell beim Rivalen AIK. Deren neues Stadion sei zu gross, die Zuschauer zu weit weg vom Feld. Und dann stünde das Stadion noch in einer ganz anderen Gegend, ohne Restaurants und Bars. Noch so eine Parallele zum FC St.Gallen und seinem neuen Stadion: Irgendwie wird man nicht so richtig warm mit der neuen Heimat, aber besser als andere Stadionneubauten ist es halt doch noch. Ein Schicksal Hammarbys teilt St.Gallen jedoch nicht – wir müssen unser Stadion mit niemandem teilen. Hammarby hingegen schon – ihr Stadtrivale Djugården spielt in derselben Arena.


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Public Viewing direkt am See, mit Freibier und miesem Catering. Fast wie in den All-inclusive Ferien, nur näher. Der sechste und letzte Teil unseres Public Viewing-Tests.

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Sommerabend in Arbon. Velofahrende Kinder mit neongrünen Sonnenbrillen, Nike Airs und Barcelona-Shirts. Frau Latscha zückt den Schlüssel und schliesst die Pedalo-Vermietung. Ein parfümierter Herr erzählt seiner Freundin von den bevorstehenden Ferien im fernen Las Vegas. Eine beinah perfekte Idylle, nur die Aufbauarbeiten für das bevorstehende Seenachtsfest verhindern Ferienstimmung am nahen Bodensee.

«Zu dä EM chasch mi aso alles froge!»

«Wer spielt hüt?», fragen wir am Wurststand. «Portugal-Wales, morn Dütschland-Frankrich und am Sunntig denn dä Final», erklärt die Bratwurst-Verkäuferin. «Spielplan auswendig gelernt?» – «Nei, zu dä EM chasch mi aso alles froge!»

Alles klar. Wir bestellen Znacht für knappe 20 Franken, überwinden unsere Festbank-Abneigung und nehmen an einem freien Tisch Platz. Als Arboner kennt man hier schnell Leute. Sehen und gesehen werden: Nette Menschen aus der Schulzeit und solche, die man lieber nie kennengelernt hätte. («Hesch no Kontakt mit em Dani?» – «Nai, und du?» – «I au nöd.»)

Es wäre ein guter Tag, um sich von Egger’s Catering für einmal positiv überraschen zu lassen. Aber trocken bleibt trotz frischer Seeluft trocken und auch das harte Bürli schmeckt am See nicht besser. Dabei sah die in doppelter Ausführung installierte Beschriftung «Holzkohlengrill» so vielversprechend aus. Jänu. Während das SRF schöne Aufnahmen des Austragungsortes Lyon zeigt, liebäuglen wir mit der Eistheke auf der anderen Seite. Vielleicht später.

«I bin so nervös», sagt eine junge Dame mit dunkelroten Lippen. «Chunsch mit, wenn er do isch?» Fussball scheint eine halbe Stunde vor Spielbeginn Nebensache zu sein. Dabei geht es um viel: Der Sieger qualifiziert sich immerhin für den Final.

Vom Pinkeln direkt auf die Ersatzbank

Kurz vor Matchbeginn füllt sich die Arena allmählich. Das Public Viewing in Arbon ist vieles: Jugendtreff, Stammbeiz, Jassturnier, Familienausflugsziel. Viele Portugal-Shirts sind zu sehen, und keine Wales-Trikots. Bevor es losgeht: Pinkelpause – bei der Rückkehr dann die böse Erkenntnis: Eine Gruppe hat unsere Plätze eingenommen und scheint sich da pudelwohl zu fühlen. Wir nehmen auf der Schlosswiese Platz.

«Gwlad, gwlad, pleidiol wyf i’m gwlad», legt Wales gesanglich vor, und Portugal kontert: «Às armas, às armas!», zu den Waffen, zu den Waffen. Nationalhymnen – da geht die Post ab. Auf dem Feld dann in der Folge weniger: 19 Minuten dauert es, bis der Ball das erste Mal in Richtung Tor rollt. Die walisische Fussballinnovationsabteilung hat eine neue Eckballvariante entwickelt. Schöne Variante, dennoch kein Tor.

Die Portugiesen nebenan atmen auf und starten den Versuch, sich das Spiel schönzutrinken. «Wer wött ä Bier?» In kürzester Zeit kommen zehn Bestellungen zusammen. Das Beste daran? Der bequeme Service: Das Bier kann direkt auf der Wiese bestellt werden – sehr günstig sogar, wie sich für die Portugal-Fans später herausstellen wird.

«Fantisch – mehr vom Leben»

Auf dem 21 Quadratmeter grossen Full-HD-Screen läuft inzwischen die 40. Spielminute. Statisches hin- und her, Ronaldo versauert im walisischen Strafraum, es fehlt an Ideen. Und uns an einer Wolldecke. In Arbon ist es kalt geworden.

21.46 Uhr: Halbzeit. Zeit für einen kleinen Rundgang durch die Arena, in der jeder freie Zentimeter für inspirierende Werbebotschaften genutzt wird: «Schnider…die Abfalllöser» und «Thurgauer Kantonalbank – Mehr vom Leben» können mit «Soll ihr Fest gelingen – müssen Sie zu Egger springen!» nur knapp mithalten.

Positiv: der freie Eintritt. Wer dennoch zahlen will, kann für 31 Franken und 40 Rappen einen Platz am «Fantisch» mieten. Im Preis inbegriffen sind ein halbes Poulet und ein Getränk nach Wahl.

Wer eine abgetrennte Zone mit Polo-Shirt-tragenden Networkern bevorzugt, dem sei obige Lounge empfohlen. Hier wird Rotwein getrunken und an Zigarren genuckelt. Auch Bill Mistura, der ehemalige CEO der Betriebs AG, scheint sich da pudelwohl zu fühlen – das Hündli in der Runde sowieso.

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Finaleinzug und Freibier

Das Spiel geht weiter. «Simmer do eigentlich di ainzige Fans?», fragen sich die Portugiesen neben uns. Von den Fantischen scheint man hier auf der Wiese nichts zu wissen. Item. Viel Stimmung kommt auch in der zweiten Halbzeit nicht auf.

Dann, plötzlich, in der 50. Minute: «Goooooooal!» CR7, ein zu null. «Goooooooal!» 53. Minute, Nani, zwei zu null. Jetzt ist die Hölle los am Bodensee. Glückliche Portugiesen in Arbon jubeln, enttäuschte walisische Fans skandieren in Lyon «Just don´t wanna go to work».

40 Minuten bleiben ihnen, um sich noch ein wenig vor der Arbeit zu drücken, doch Portugal lässt nichts mehr anbrennen. Doch kurz vor Schluss folgt doch noch eine Schrecksekunde für die Portugal-Fans nebenan. Die Servierdame taucht noch einmal auf: «Wäg dä 10 Bier…» – «Ah…, jo genau…» – «Isch imfall scho guet.»

Die Portugal-Fans können ihr Glück kaum fassen: Finaleinzug und Freibier. Ungläubiges Nachfragen, aber tatsächlich: «Isch würkli guet so. I weiss nödmol, wo dä Chef isch.» Besser als Ferien in Las Vegas.

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Kurzbewertung:

Lage: 5 von 5 Croissants – Nah am Wasser gebaut, kombiniert mit feinster Tribünen-Architektur. Sehr schön.

Stimmung: 4 von 5 Croissants – Durchmischtes Publikum, eine ansehnliche Anzahl Fans und ordentliche Stimmung. Das alles trotz lahmem Spiel.

Verpflegung: 2 von 5 Croissants – Egger’s Catering erinnert an die kulinarischen Tiefflüge der FCSG-Partien, aber sorgt so immerhin für gewohntes Fussball-Ambiente. Insider-Tipp: Nefis Kebap Hüsli in der nahen Arboner Altstadt.

Kosten: 3 von 5 Croissants – Freier Eintritt. Fantisch für die sogenannten Fans und eine Loge für die vermeintlich Mehrbesseren. Die EM-Arena wird ihrem Namen gerecht.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden.

Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu, im zweiten Stephan Lichtsteiner und im dritten der Schiri. Im vierten Test wurde das WLAN der Militärkantine vor Anpfiff vom Platz gestellt, um danach im fünften Test von Petrus Gesellschaft zu bekommen. Dieses Mal muss das Catering dran glauben. Verkohlte Bratwürste und harte Bürli dürfen wir während der Fussball-Saison noch zur Genüge Essen. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 8. Juli 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.


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König Fussball regierte auch im Sittertobel – zumindest kurzzeitig, während des Viertelfinals zwischen Deutschland und Italien am Samstagabend. Teil fünf unseres Public Viewing-Tests.

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In St.Gallen gab es neben der Europameisterschaft wohl nur ein Thema in den letzten Wochen: das Openair St.Gallen. Diese vier Tage im Sittertobel sind ein Fixpunkt im Ostschweizer-Kalender der Partyfans, Musikinteressierten oder Borderline-Alkoholiker.

Während des Openairs rückt vieles in den Hintergrund, zum Beispiel Logik, Leberwerte, Körperhygiene. Ansonsten brave Bürger brüsten sich mit bierseligen Banalitäten vergangener Heldentaten und hoffen im Konsumparadies Sittertobel den ultimativen Rausch zu erleben. Da muss sogar der ansonsten unangefochtene König Fussball zurückstecken. Entsprechend wenig merkte man am Freitag im Sittertobel vom Viertelfinal zwischen Wales und Belgien, über das wir hier berichtet haben.

Ausziehn, ausziehn!

Die Partie Deutschland-Italien am Samstag hingegen vermochte im Sittertobel doch ein paar Emotionen zu wecken: Bereits am frühen Nachmittag waren die ersten mit Gummistiefeln und passendem Trikot auf dem Gelände anzutreffen und am frühen Abend konnten die ersten biergeschwängerten Aufforderungen zum Ausziehen des jeweils anderen Nationalmannschaftstrikots beobachtet werden. Wenig später waren die Trikots dann entweder (freiwillig) ausgezogen oder so dreckig, dass man nicht mehr zwischen Freund oder Feind unterscheiden konnte.

Das Tragen von Gummistiefeln erwies sich als weise Entscheidung, denn das Openair-OK hatte sich dazu entschieden, die Leinwand dort aufzustellen, wo laut Andi Rohrer nur jene zelten, die nicht aus St.Gallen stammen. Eine halbe Stunde vor Anpfiff machte man sich also auf den Weg, um diesen unsäglichen Ort zu finden.

Die Suche war einfach; man musste lediglich den vielen dreckigen Fussballtrikots und komischen Dialekten folgen. Während andere vor der Sitterbühne den Klängen vonCaribou lauschten, versammelten sich mehrere hundert Fans vor der grossen LED-Leinwand am Abhang beim Viadukt. Dieser Übertragungsort erwies sich allerdings nicht wirklich als tauglich wegen der matschigen Unterlage.

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Aufgrund eines fehlenden Bierstandes in Sichtweite wurde auf das mitgebrachte PET-Bier und vorgedrehte Sportzigaretten zurückgegriffen. Auch eine Toilette oder ein Verpflegungsstand konnten in der näheren Umgebung nicht ausgemacht werden.

Kein Bier, kein WC

Wirklich Stimmung kam vor der Leinwand nicht auf. Am lautesten waren noch die halbherzigen «Italia-Italia»-Rufe. Ob sich die miese Stimmung durch die eher unspektakuläre erste Halbzeit oder durch den fehlenden Bier-Nachschub erklären lässt, wissen wir nicht. Einige Fans nutzten die ersten 45 Minuten sowieso lieber zum temporären Ausschlafen des Rauschs.

Erst mit den beiden Toren in der zweiten Halbzeit wachten die Fans auf. Gebracht hat es jedoch wenig; nach 90 Minuten stand es 1:1. Aufgrund einer ähnlich ereignislosen Verlängerung musste der Sieger schliesslich im Penaltyschiessen erkoren werden. In Erinnerung geblieben ist davon vornehmlich der verschossene Elfmeter des Hobby-Tänzers Zaza und das tränenverschmierte Gesicht der italienischen Torwartlegende Gianluigi Buffon nach dem Ausscheiden gegen Deutschland.

Sittertobel-Rutschbahn

Mit dem Ende der Partie legte sich auch die Dunkelheit wieder über das Sittertobel. Einige Fans bekundeten in der Folge Mühe damit, den erklommenen Platz am Abhang wieder zu verlassen und rutschten nicht ganz freiwillig auf dem Allerwertesten hinunter. Nach einigen akrobatischen Einlagen hatten es jedoch auch die letzten Trinkfreudigen wieder auf den halbwegs begehbaren Weg geschafft. So übergab König Fussball das Zepter wieder an die Verlockungen des Openairs und die Fans verschwanden nach und nach wieder in Richtung der wummernden Bässe und Lichter.

Kurzbewertung:

Lage: 2 von 5 Croissants – zugegeben, einen besseren Platz auf dem durchkommerzialisierten Openair-Gelände zu finden, gleicht einer Herkulesaufgabe.

Stimmung: 3 von 5 Croissants – viele Leute, spannende Affiche und erhöhte Promillewerte. Trotzdem konnte der Funken nicht wirklich springen; die Stimmung war darum etwa gleich elektrisierend wie an einem GC-Heimspiel.

Verpflegung: 1 von 5 Croissants – kein Bierstand, keine Toilette und auch kein Essensstand in Sichtweite.

Kosten: 2 von 5 Croissants – zwar hat es keinen Eintritt gekostet, aber wenn man das Openair-Ticket einrechnet, war es bis jetzt locker das teuerste Public Viewing unserer Reihe.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden.

Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu, im zweiten Stephan Lichtsteiner und im dritten der Schiri. Nachdem im vierten Test das W-LAN der Militärkantine vor Anpfiff vom Platz gestellt wurde, muss dieses Mal Petrus dran glauben. Literweise Regen und ein steiler Abhang sind eine schlechte Kombination für ein Public Viewing. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 5. Juli 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.


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Eine EM soll spannend sein, erst recht im Viertelfinal. Das Spiel Wales gegen Belgien war das über weite Strecken. Trotzdem hat die Militärkantine zusätzlich Spannung heraufbeschworen, ob man überhaupt alle Tore mitkriegen würde. Teil 4 des Public Viewing-Tests.

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An diesem Freitgabend ist Wales sowas wie Gallien. Umzingelt von Ländern, die sich in den letzten Tagen mal mehr, mal weniger freiwillig aus Europa verabschiedet haben, sind die Waliser als letztes Team von ennet dem Ärmelkanal noch an der EM dabei. Dass das Märchen weitergeht, daran mag kaum einer glauben. Der Gegner ist schliesslich Geheimfavorit Belgien. Einen ungeheimeren Geheimfavoriten gab es noch nie.

Trotzdem verspricht das Spiel interessant zu werden. Beide Mannschaften stehen nicht für Abwehrschlachten, und die bisherigen Auftritte der Waliser garantieren zumindest, dass sie selber keineswegs als Aussenseiter auftreten werden. Nicht zu vergessen: In der Qualifikation zur EM holte Wales gegen Belgien vier von sechs möglichen Punkten.

Auf dem französischen Balkon

Gute Voraussetzungen also für den nächsten Public Viewing-Besuch, dieses Mal bei der Militärkantine in St.Gallen. Los gehts für einmal bereits rund zwei Stunden vor dem Spiel, schliesslich wollen wir auch die Küche der Militärkantine testen und damit in einer der schönsten Gartenwirtschaften der Stadt Platz nehmen.

Wir machens kurz: Kulinarisch gibts wohl nur wenige Public Viewings, die mit der Militärkantine mithalten können. Das Essen schmeckte den anwesenden SENF-Mitgliedern so gut, dass selbst der Anti-Vegetarier unter ihnen im für einmal fleischlos gewählten Hauptgang nichts vermisste.

Das Public Viewing selbst findet auf dem französischen Balkon statt. Ja, auch wir hatten keine Ahnung, was so ein französischer Balkon ist. Nachdem wir gegooglet haben, ist die Verwirrung noch grösser. Ein bodentiefes Fenster mit Geländer davor? Wie soll man denn da Platz finden, um Fussball zu schauen? Das wird doch etwas gar eng? Gemeint ist hier aber der nur über eine Aussentreppe erreichbare Balkon auf der Strassenseite der Militärkantine.

Auch wenns also nicht eng wird, intim scheint der Abend bei unserem Eintreffen trotzdem zu werden. 20 Minuten vor Spielbeginn stehen wir zu zweit auf dem Balkon vor etwa 40 leeren Stühlen. Kein Personal, keine Gäste und vor allem keine Leinwand. Als wir uns schon in Richtung Restaurant aufmachen wollen, um uns zu erkundigen, wird eine Ladung Bier herangetragen und wir sind ansatzweise beruhigt. Wenig später folgen auch ein Fernseher und ein paar Gäste. Knappe 20 werdens am Schluss sein.

Das Barteam übergibt die Fernbedienung kurzerhand dem SENF-Kollektiv. Wir schätzen diese Anerkennung unserer Kompetenz und machen uns daran, über eine App namens Teleboy einen Fernsehsender einzuschalten. Nach bangen Momenten läuft ZDF und wir sind nun vollends beruhigt.

Während wir also den Nationalhymnen der beiden Teams lauschen und vom angebotenen Sleeping Bear Ale der Barfuss Brauerei kosten, ergibt sich aus vorbeifahrenden Autos und Openair-Shuttle-Bussen sowie der Abenddämmerung hinter dem Bundesverwaltungsgericht die passende Stimmung. Nachdem wir erst befürchtet hatten, es werde eng, und danach dachten, es werde intim, wirds jetzt romantisch. Passend dazu zünden die Verantwortlichen die Lichterkette an. Schön.

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Zittern vor dem Penaltyschiessen

Das Spiel scheint die Erwartungen ebenfalls zu erfüllen. Nach einem flotten Beginn, wie es jeder Sportkommentator im deutschsprachigen Raum nennt, geht Belgien dank einem schönen Weitschuss von Nainggolan in Führung. Wir befürchten, dass der frühe Führungstreffer des Favoriten dem Spiel nicht gut tun wird. Danach scheint es erst auch auszusehen. Doch die Waliser geben sich nicht auf und gleichen schon bald aus.

Der Treffer kommt nach einer Eckball-Variante, die im ZDF treffend «die rote Lokomotive» genannt wird. Vier Waliser stehen sich bei einem Eckball praktisch auf den Füssen, um sich dann im letzten Moment zu verteilen. Sie stehen so eng beieinander, dass sie alle auf einem französischen Balkon, wie er uns von Google erklärt wurde, Platz gehabt hätten. Beim Ausgleich – und praktisch bei jedem weiteren Versuch dieser Variante – geht mindestens ein Angreifer vergessen.

Bis zur Pause ist das Spiel danach keineswegs schlecht, aber Tore fallen keine. 15 Minuten und ein weiteres Ale später steigt das Bild aus. Die Hoheit über die Fernbedienung, eben noch Anerkennung, wird zur Last. Die Teleboy-App (oder der Fernseher?) findet kein verbundenes Gerät, die Netzwerkverbindung scheint weg. Wildes Drücken auf der Fernbedienung gepaart mit vergeblich vorgegaukelter Kompetenz sind die Folge. Irgendwann scheint ein WLAN «Hotel» auf und die Verbindung ist wieder da. Drei Minuten sind in der zweiten Halbzeit gespielt, passiert ist zum Glück nichts.

Uns beschleicht ob der schlechten Verbindung die Angst, dass das Spiel ins Elfmeterschiessen gehen könnte. Was, wenn beim Stand von 4:4 das Bild wieder weg ist? Was, wenn wir dafür verantwortlich gemacht werden? Zittrig verfolgen wir die zweite Hälfte. Abgesehen von ein paar kurzen Aussetzern bleibt das Bild aber da. Und zum Elfmeterschiessen kommt es sowieso nicht. Während das grosse England am Aussenseiter Island scheiterte, wirft das kleine Wales den belgischen Mitfavoriten mit den Treffern zwei und drei aus dem Turnier. Und das alles andere als unverdient.

Wir übergeben die Fernbedienung dem Barpersonal und hoffen, dass die Verbindungsprobleme behoben werden können. Besonders fürs Finale, wenn – so wir gemunkelt – das OK der Fussballlichtspiele St.Gallen die Bar schmeissen wird.

Kurzbewertung:

Lage: 4 von 5 Croissants – eigentlich gäbe es für die Lage bloss drei Punkte. Schliesslich sind die Ansprüche hoch und die Bushaltestelle Sporthalle eben doch zu weit weg. Aber die idyllische Abendstimmung hinter dem Bundesverwaltungsgericht gibt einen zusätzlichen Punkt.

Stimmung: 2 von 5 Croissants – leider ist nicht viel los auf dem französischen Balkon. Das mag für viele ganz angenehm sein, aber ein paar Aaahs und Oohs fehlen dann halt doch.

Verpflegung: 5 von 5 Croissants – im Restaurant nebenan gibts sehr gutes Essen. Dass beim Public Viewing Ale serviert wird, lässt die SENF-Herzen höher schlagen.

Kosten: 4 von 5 Croissants – ja, wir sind streng. Aber wenn sonst die Stange meist deutlich unter fünf Franken kostet, ist das Spezli für fünf Franken halt schon teuer. Eintritt kostet hingegen auch dieses Public Viewing nicht.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden.

Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu, im zweiten Stephan Lichtsteiner und im dritten der Schiri. Wenig überraschend verweisen wir das WLAN der Militärkantine des Feldes. Mit einem Kabel wäre die Verbindung sicher besser gewesen. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 3. Juli 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.