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Nach der WM ist vor – ja vor was denn jetzt genau? Teil 2 der Serie «Weisser Elefant am Kap der guten Hoffnung». Den Teil 1 gibts hier.

Nach der WM änderte sich die Situation. Die Gesellschaft trat an die Stadt heran mit der Bitte um Subventionen sowie der Einforderung weiterer Zugeständnisse, beispielsweise einer Umzonung, da sich die fixen Unterhaltskosten bei einer Nachprüfung als höher wie ursprünglich budgetiert herausgestellt hatten. Trotz intensiver Verhandlungen konnten sich die Parteien nicht auf eine Vertragsänderung einigen, worauf Sail Stadefrance von seinen Verpflichtungen zurücktrat und den Vertrag im Oktober 2010 bei Bezahlung einer Busse vorzeitig auflöste. Die Stadt hatte keine andere Möglichkeit, als die Vermarktung kommissarisch zu übernehmen, aber noch herrschte Optimismus. Pieter Cronje, der Pressesprecher der Stadtregierung, liess sich mit den Worten zitieren: «Im Haushalt von Kapstadt sind die Betriebskosten bis Juni 2011 eingeplant. Kapstadt ist ein beliebtes Reiseziel … Im Gegensatz zu anderen Stadien hat das Cape Town Stadium gute Chancen, lukrative Events auszurichten.» Cronje zeigte sich zuversichtlich, einen Betreiber finden zu können, der das Stadion gewinnbringend führen und allfällige Einnahmen versteuern werde. Als Heimstadion sollte das Stadion neu Ajax Cape Town dienen, einem Franchiseverein von Ajax Amsterdam, das vom Athlone Stadium an den Green Point umzog.

Rasenmäher Südafrika

Das Experiment wurde schnell abgebrochen. Durchschnittlich verloren sich nur etwa 8’000 Fans bei Heimspielen im weiten Rund, was nicht mal den untersten Zuschauerring zu füllen vermochte. Als absoluter Tiefpunkt gilt im Übrigen das Freundschaftsspiel gegen GC im Januar 2013 mit gerade mal 200 (!) Zuschauern – was natürlich niemanden hier wirklich überraschen kann. Ajax Cape Town verlor mit den Heimspielen viel Geld und zog die Notbremse, das Cape Town Stadium stand wieder ohne regelmässigen Nutzer und Hauptmieter da. Zwar ist vorgesehen, dass Ajax in der nächsten Saison 16 Heimspiele am Green Point austragen soll, allerdings wird die Stadt wohl die Mietkosten deutlich reduzieren und dem Verein finanziell unter die Arme greifen müssen. Amortisieren lässt sich das Stadion so nicht, Profit generieren erst recht nicht.

«Auf lange Sicht muss eine Arena der Kategorie Cape Town Stadium zwischen 16 und 22 Veranstaltungen im Monat ausrichten, um die Kosten zu decken», so die Einschätzung von Jacques Grobbelaar, dem Geschäftsführer von Stadium Management SA. Dazu kommt erschwerend, dass ein neuer Betreiber mindestens zwei Jahre Planungssicherheit und Unterstützung braucht, bis er profitabel wirtschaften kann, was Investoren abschreckt. Lukrative Grossanlässe wie Open-Air Konzerte werden mehrere Jahre voraus geplant. Zwar gaben sich seit 2011 Rihanna, Justin Bieber, Neil Diamond, U2 und andere die Ehre, aber ansonsten gab es nur vereinzelte Anlässe wie Bankette, kleinere Kongresse oder Filmshootings – viel zu wenig für ein Stadion dieser Grössenordnung. Man braucht zwingend einen dauerhaften Mieter.

Hoffnung versprach man sich vom Rugbysport und Gespräche wurden mit dem Western Province Verband aufgenommen, welcher das Cape Town Stadium für Länderspiele der Springboks, Verbandsspiele der Western Province und auch für die Cape Town Stormers hätte nutzen können. In seiner bisherigen Heimstätte hatte der Verband als Eigentümer jedoch sämtliche Betreiber- und Marketingrechte in der eigenen Hand und musste keine Miete zahlen. Warum also Mieter in einem fremden Heim werden, wenn man selber bereits Hauseigentümer ist? Wirtschaftlich gab es hierfür keine Notwendigkeit. Dazu kam der starke Druck der Anhänger. Newlands ist als zweitältestes Rugbystadion der Welt ein Nationalheiligtum für Rugbyfans und für den Umzug befürchtete man grosse Proteste oder schlimmer noch, einen Boykott. Die Lokalzeitung berichtete, dass sich die Stadt und der Rugby Verband im Januar 2014 weigerten, das Cape Town Stadium für die symbolische Summe von einem Rand zu überschreiben.

Kapstadt ist natürlich nicht allein, in anderen WM-Stätten herrscht die gleiche Misere vor. Als besonders drastisches Beispiel gilt das Peter Mokaba Stadion in Polokwane im Nordosten des Landes. Dort konnte seit der WM nicht eine einzige bedeutende Veranstaltung ausgerichtet werden; es gibt in der Stadt keinen grossen Sportverein, der das Stadion mit 45’000 Plätzen nutzen kann – was aber schon vor der WM absehbar war. Allein die Bewachung des leeren Stadions kostet jedes Jahr über 1 Million Franken. Das gleiche gilt für das Mbombela Stadion in Nelspruit, das wohl demnächst als erste WM-Stätte abgerissen wird. Im ehemaligen Moses Mabhida Stadion von Durban (Schweiz-Spanien) kann man sich heute abseilen und Bungeejumping-Touren buchen, aber Auto-Shows und vereinzelte Fussballspiele (wie etwa Heimspiele der Orlando Pirates aus Johannesburg, die für subventionierte Heimspiele extra einfliegen) decken die Betriebskosten nicht. Eine schwarze Null in der Jahresabrechnung gibt es einzig im 2010 als Soccer City bekannt gewordenen Stadion in Johannesburg. Dort wurden die Namensrechte an eine Bank veräussert, die lokalen Fussballvereinen Kaizer Chiefs und Orlando Pirates aus Soweto tragen hier ihre Heimspiele aus und Rugbyspiele finden ebenso statt wie grosse Konzerte oder die Abdankungsveranstaltung für Nelson Mandela. 2011 gab es im Soccer City bereits 45 Anlässe, Tendenz steigend.

Aus all diesen Gründen nimmt die Kritik an den weissen Elefanten der WM 2010 unvermindert zu. Gerade in den Grosstädten wie Kapstadt oder Durban ist die dritte Welt mitunter einen Steinwurf von der ersten entfernt. Soziale Gegensätze, Armut und Arbeitslosigkeit prägen das Alltagsleben, umso sinnloser erscheinen die leerstehenden und von den Steuerzahlern getragenen Stadien. Eddie Cottle kommt in seiner Analyse «A Preliminary Evaluation of the impact of the 2010 FIFA World CUP: South Africa» (finanziert vom schweizerischen Arbeiterhilfswerk) zum Schluss, dass die enorme Summe von 1,5 Milliarden Euro – bis Brasilien im Übrigen die teuerste WM der Geschichte – angesichts der grassierenden Armut im Land anders hätte investiert werden müssen, es habe schlicht keine Nachhaltigkeitsüberlegungen gegeben. Auch die Gewerkschaften kritisieren den defizitären Unterhalt der Stadien und machen alternative Vorschläge zur Umnutzung. So forderte der Gewerkschaftsverbund Cosatu, das Cape Town Stadium in Sozialwohnungen umzuwandeln. Unternehmer betonen ihrerseits, dass es vor einem Umzonungsprozess nicht möglich sei, Geschäftsräume zu führen. Das wird auch in den lokalen Medien intensiv diskutiert, und die Lokalzeitung Cape Argus schiesst in regelmässigen Abständen scharf gegen die Stadtverwaltung. Regelmässig spricht man sich in Leserbriefen für den Abriss des weissen Elefanten aus.

Wie es weiter gehen soll, weiss niemand so recht. Und so wird diskutiert, debattiert und gestritten. Vorschläge werden in die Runde geworfen, Visionen entworfen, Katastrophenszenarien an die Wand gemalt, die Lokalzeitung titelt «Time for Cape Town Stadium SOS» oder «Reisst das Stadion ab». Es herrscht ein emsiges Tauziehen in einer Grundstimmung aus Ratlosigkeit und Zweckoptimismus. Bis eine Lösung gefunden ist, steht das Stadion weiter und die Stadtverwaltung bezahlt das business as usual mit Steuergeldern.

Kurz vor meinem Besuch wurde für hunderttausende Rand ein neuer Rasen verlegt. Für die FIFA war die WM in Südafrika mit einem Gewinn von rund zwei Milliarden Euro die erfolgreichste aller Zeiten.

Am Abend vor dem Heimflug sitze ich mit einem Bier am Strand und geniesse den Blick über die Bucht hinüber zur Stadt. Die Abendstimmung ist traumhaft: Die Sonne taucht in den Südatlantik ein und färbt den Tafelberg rot, Lion’s Head und Signal Hill werfen lange Schatten über die Stadt, und davor funkelt das weisse Stadiondach wie die Schwanzflosse eines gigantischen Wals – ein Anblick ergreifender, vollendeter Schönheit.

Eine gekürzte Version dieses Textes wurde im Schreyhals (Oktober 2014) abgedruckt.


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Sepp Blatter referiert an der ETH Zürich, vor und im Gebäude kommt es zu massiven Protesten, die Polizei schreitet ein. Der Vorsitzende der rechtssprechenden Kammer der FIFA Ethik-Kommission, Hans-Joachim Eckert, entscheidet, dass bei der Vergabe der zukünftigen WM an Katar und Russland alles mit rechten Dingen vonstatten gegangen sei. Weil kritische Stimmen im Moment vor allem in die Zukunft blicken und sich auf die kommenden Weltmeisterschaften konzentrieren, blicken wir zurück auf die Weltmeisterschaft vor vier Jahren in Südafrika und auf die nach wie vor langen Schatten, welche diese wirft. Klaas-Jan Olifant vom Basler Schreyhals weiss Interessantes zu berichten. Wir hören zu.

Weisser Elefant
2010 fand die Weltmeisterschaft erstmals auf dem afrikanischen Kontinent statt und die Vorfreude auf den wirtschaftlichen Aufschwung in Südafrika war gross. Insgesamt wurden geschätzte 3,5 Milliarden Euro für Infrastruktur, Strassen, Flughäfen und das öffentliche Verkehrssystem ausgegeben, 1,5 Milliarden davon allein für Neu- und Umbauten der Stadien: Fünf von zehn Stadien wurden für den Grossanlass neu gebaut. Vier Jahre später schreibt aber nur eine der Spielstätten schwarze Zahlen. Bürgermeister, Lokalpolitiker, Anwohner und Betreibungsgesellschaften sind uneinig, wie die Bauten rentabel bewirtschaftet werden sollen, manche fordern eine komplette Neunutzung und den Abriss. Was tun also mit einem modernen Stadion, das einfach nicht rentiert? Eine Spurensuche am Kap der Guten Hoffnung.

Das Cape Town Stadium ist zwar erst knapp über fünf Jahre alt, dennoch ranken sich viele Geschichten um den weissen Elefanten vom Kap. Die Capetonians sind gesprächsfreudige Menschen und jeder hat eine Meinung zum Prunkbau am Green Point. Egal mit wem man redet, Unternehmer, Taxifahrer, Professoren, Kassierer oder Polizisten, man hört die verrücktesten Anekdoten: von einem FIFA-Präsidenten, der sich quasi aus der Luft in den Standort verliebte und mit Nachdruck einen kompletten Neubau forderte; von einem Rugbyverband, der sich dagegen aussprach, das Stadion für die symbolische Summe von einem südafrikanischen Rand (ca. 10 Rappen!) zu übernehmen; von Anwohnern, die einer wirtschaftlichen Nutzung skeptisch gegenüberstehen, weil sie ein Casino fürchten; und einer französischen Betreiberfirma, die noch vor Vertragsbeginn lieber eine Busse für den Ausstieg aus den Verpflichtungen bezahlte, als das defizitäre Stadionmarketing zu übernehmen.

Als gesichert gelten folgende Zahlen: Die Stadt muss jedes Jahr 53 Millionen Rand für den Unterhalt aufbringen (ca. 5,5 Millionen Franken), das Stadion generiert aber nur gerade 13 bis 18 Millionen Rand. Den Rest bezahlt die öffentliche Hand. Der Verlust zeichnete sich schon vor Jahren ab und wurde seit Baubeginn heftig kritisiert. Je nach Betrachter herrscht eine Mischung aus Stolz und Enttäuschung, wirtschaftlichem Optimismus und Resignation, Freude und Ärger. Je nach Ansicht wird das Cape Town Stadium als Abrissprojekt gesehen oder als enormes wirtschaftliches Potential für die Stadt.

Aber der Reihe nach. Nach dem Zuschlag der FIFA, die Weltmeisterschaft 2010 nach Südafrika zu vergeben, besuchte Joseph S. Blatter das Land mehrfach. Kapstadt war als Spielort gesetzt und es wurden mehrere Möglichkeiten diskutiert: Favorisiert war in den frühen Planungen ein Ausbau des bestehenden Athlone Stadium oder eine Erweiterung und Modernisierung der Newlands Arena, des zweitältesten Rugbystadions der Welt. Athlone und Newlands liegen in den Cape Flats, in der Nähe des Flughafens, und hätten die benötigte Infrastruktur (öffentliche Erschliessung, Parkplätze, Fünfsternhotel für die FIFA in 30 Minuten Anfahrtszeit) ohne grosse Auflagen erfüllen können. Das Fassungsvermögen war in beiden Fällen ausreichend (34’000 und 52’000), sie hätten ohne kolossale Investitionen vergrössert und auf den neusten Stand gebracht werden können.

Dann kam es aber zum Meinungsumschwung. Die Geschichte hält sich hartnäckig, dass Blatter und der damalige Staatspräsident Thabo Mbeki im Helikopter über die Stadt flogen, um die Örtlichkeiten aus der Luft zu besichtigen, und sich Blatter während dieses Fluges für einen neuen Standort stark gemacht haben soll: den Green Point am Signal Hill, direkt an der Victoria and Albert Waterfront und vor dem majestätischen Tafelberg. Dieser Spielort ist ohne Frage einer der schönsten der Welt, direkt an einem der beliebtesten und bekanntesten Postkartenmotive Afrikas, was den Ausschlag gab.

Postkarte Weisser Elefant
Was dann weiter geschah, ist nicht ganz klar, aber es gilt als gesichert, dass die FIFA sich gegen den Umbau bestehender Stadien und für einen kompletten Neubau in Green Point aussprach. Sie nahm indirekt Einfluss, indem Überlegungen zur Spielvergabe öffentlich gemacht wurden. Kapstadt hätte im Fall eines umgebauten kleineren Stadions in den Cape Flats nur ein Spielpaket von vier Vorrunden- sowie einem Achtelfinalspiel bekommen sollen. Die offizielle Begründung lautete, dass Viertel- und Halbfinalspiele zwingend 65’000 Zuschauern Platz bieten müssten, was in beiden Umbauprojekten unrealistisch war. Der Rivale Johannesburg hätte davon profitiert – das Soccer City in Johannesburg war bereits als Finalort gesetzt. Für den Fall eines Neubaus am Green Point mit entsprechender Grösse wurde aber ein volles Paket von acht Spielen inklusive Viertel- und Halbfinale zugesagt, wovon sich die Stadt einen wirtschaftlichen Schub versprach.

Während der Planungsphase kam es zu Spannungen mit den betroffenen Anwohnern sowie politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Bürgermeister und Helen Zille, der Premierministerin der Provinz Western Cape. Zille forderte, dass das Stadion nach dem Grossanlass selbsttragend sein müsse und fürchtete einen weissen Elefanten – einen architektonischen Prunkbau, der Prestige und Anerkennung einbringt, das Budget der Stadt aber belastet, weil er sich nicht finanzieren lässt. So machte Zille die Bewilligung für den Stadionneubau von finanziellen Garantien der Regierung und auch der FIFA abhängig, was kontrovers diskutiert wurde und hohe Wellen warf. Die Situation beruhigte sich erst, als die südafrikanisch-französische Betreibergesellschaft Sail Stadefrance, die auch das Stade de France in Paris betreibt, sich bereit erklärte, die Stadionvermarktung bis 2040 zu übernehmen. Die Finanzierung der insgesamt 450 Millionen Euro Baukosten wurde zu 73% von der Landesregierung übernommen, zu 5% von der Regierung der Western Province und zu 22% von der Stadt Cape Town.

Das alte Green Point Stadion, Heimstätte von Santos Cape Town mit 18’000 Plätzen, wurde 2007 grösstenteils abgerissen und durch das heutige Cape Town Stadium ersetzt, das an der WM 68’000 Zuschauern Platz bot und heute auf eine Kapazität von 55’000 reduziert ist. Das erzürnte Fussballfans, aber die Würfel waren gefallen: Das offiziell teuerste aller südafrikanischen Stadionprojekte wurde 2009 feierlich eröffnet. Die Spiele verliefen reibungslos, allerdings führte die WM nicht zum erhofften Reibach – der Aufmarsch von Fussballfans aus aller Welt war wie bekannt weit geringer als erhofft.

Wie sich die Situation nach der WM veränderte, kann man im zweiten Teil dieser Serie nachlesen.

Eine gekürzte Version dieses Textes wurde im Schreyhals (Oktober 2014) abgedruckt.


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Wenn die Länderspielpause im Oktober den Fussball in den obersten Ligen ruhen lässt, vertreiben sich die St.Galler die Zeit an der OLMA. Da wars uns aber zu gefährlich, weshalb wir dann doch lieber beim Fussball geblieben sind und uns auf den Plätzen der Stadt umgesehen haben.

Der Regionalfussball leidet vielerorts unter Zuschauerschwund. Seit beinahe zu jeder Tages- und Nachtzeit Topspiele im TV verfolgt werden können, ziehen viele Fussballinteressierte die heimische Stube dem Fussball unterer Ligen vor. Anstatt zu lamentieren, hatten die Initianten der Lokalrunde zum Tag des Amateurfussballs gerufen. Im Schlepptau der aus Deutschland stammenden Initiative Glotze aus, Stadion an sollte am vergangenen Wochenende der Fokus auf die Vereine gelegt werden, die auch für den Fussball der Spitzenklasse die Basis bilden. Mit dabei waren mit dem FC Winkeln und dem SC Brühl auch zwei St.Galler Vereine. Während die erste Austragung der Lokalrunde hierzulande noch auf wenig Resonanz stiess, ist sich der Schweizer Koordinator Daniel Kessler, Vorstandsmitglied des FC Kreuzlingen, jedoch sicher, «dass sich die Lokalrunde über kurz oder lang auch bei uns etablieren wird.»

SENF nahm die Vorlage auf und sah sich gleich die ganze letzte Woche im Amateurfussball um. Nach insgesamt fünf Spielen fühlen wir uns bestätigt: Auch in den unteren Ligen lohnt sich der Besuch vor Ort. Manchmal wegen dem Spiel, manchmal wegen dem Drumherum und manchmal auch, weil gar nicht zu Ende gespielt wird. Aber der Reihe nach: Kurzfristig hatten wir erfahren, dass Sven Lehmann am Dienstag beim FC Winkeln in einem Testspiel gegen den FC St.Otmar sein Debut geben sollte. Der Sven Lehmann, der so von Verletzungen gebeutelt wurde, dass er seine vielversprechende Karriere schon auf der Schwelle vom Nachwuchs in die erste Mannschaft des FCSG beenden musste. Als er in der zweiten Halbzeit schliesslich eingewechselt wurde, hatte er jedoch nur wenig Zeit, Akzente zu setzen. In der Mitte der zweiten Halbzeit fiel nämlich das Flutlicht aus und konnte auch nicht wieder eingeschaltet werden. Wir fühlten uns ins Espenmoos zurückversetzt und schwelgten in Erinnerungen.

Stromausfall WInklen-St.Otmar

Darüber vergassen wir beinahe, dass auf einem anderen Platz mit funktionierendem Licht schon das nächste Spiel anstand. Wie sich herausstellte, hatten wir jedoch noch reichlich Zeit: Der Schiedsrichter für das Achtelfinal im OFV-Cup zwischen dem Viertligisten KF Dardania St.Gallen und dem Drittligisten FC Romanshorn war unauffindbar. Der eiligst aufgebotene Ersatzschiri pfiff das Spiel dann mit rund 20-minütiger Verspätung doch noch an. Der Unterklassige erwischte den besseren Start und als es 2:0 für die Hausherren stand, fragten wir uns, warum diese Mannschaft nicht in einer höheren Liga spielt. Die Antwort gab uns das Team kurz darauf selbst: Wegen einer desolaten Abwehrleistung, aus der der Torhüter im negativen Sinne noch herausstach, stand es plötzlich 2:3. Die Romanshorner hatten das Spiel gedreht, der Höherklassige schien sich doch noch durchzusetzen. Dann wurde es gehässig. Die aggressive Spielweise mit diversen Rudelbildungen auf dem Platz schien dem Heimteam Motivation zu verleihen. Nach einer erneuten Wendung und als Dardania wieder mit 4:3 in Führung lag, machte auch der Torhüter viele seiner anfänglichen Fehler wett. Auf der Linie war er dann doch ausgesprochen reaktionsschnell. Am Ende des Spiels – der Trainerstab Dardanias schien mittlerweile um das Dreifache angewachsen, so manch ein Zuschauer fand sich am Spielfeldrand wieder – hatten sich einige Gemüter noch immer nicht abgekühlt. Es folgte eine weitere Rudelbildung, dieses Mal mit Spielern und Zuschauern. Aus der Ecke Dardanias flog eine Wasserflasche Richtung Romanshorner Spieler, die Romanshorner Zuschauer antworteten mit rassistischen Ausfällen gegenüber dem albanischen Team. Auch wenn das alles nach einem unschönen Abend klingt, er war unterhaltsam. Und letztendlich sind Dialoge wie «Gits jez endli wieder Fuessball?» – «Nei, Füscht!» halt doch irgendwie amüsant, solange sie nicht zur Tatsache werden.

Rudelbildung Dardania-Romanshorn

Der Anfang unserer Amateurfussball-Woche war also vielversprechend. Grund genug, am Samstag einen zweiten Versuch zu starten, Sven Lehmann spielen zu sehen. Beim 2. Liga-Duell Winkeln gegen Rorschach sass Lehmann jedoch erneut auf der Bank. So musste er mit ansehen, wie sein Torhüter mit einem ziemlichen Lapsus die frühe Führung der Hausherren zunichtemachte, was auf der Tribüne mit «Jede Mätsch!» kommentiert wurde. Er durfte aber auch mitansehen, wie sich sein Team zurückkämpfte und noch vor der Pause erneut in Führung ging. Trotz grundsätzlicher Sympathien für den St.Galler Verein hätten wir auf dieses zweite Tor gerne verzichtet. Der Zillertaler Hochzeitsmarsch als Tormusik machte uns umgehend zu Sympathisanten des FC Rorschach. So waren wir dann auch froh, dass das lupenreine Eigentor zum 2:2 zu Beginn der zweiten Halbzeit vom Speaker einem Rorschacher zugerechnet wurde. Wer weiss, ob uns sonst die Trommelfelle noch einmal geschmerzt hätten. Diese waren nach der Halbzeitmusik – gespielt wurden Klassiker der Musikgeschichte wie «Dicke Titten, Kartoffelsalat» und «Geh mal Bier holen, du wirst schon wieder hässlich» – noch rekonvaleszent. In der 75. Minute durfte Lehmann dann ins Geschehen eingreifen, konnte aber wieder keine Akzente setzen. Im Gegenteil: Die Rorschacher waren kaltschnäuziger und trafen in der Schlussviertelstunde noch zwei Mal. Ein 2:4-Auswärtssieg, erneut schwelgten wir in Erinnerungen.

Anzeigetafel Winkeln-Rorschach

Mit ein wenig Angst, ob der FC St.Otmar ähnliche musikalische Tiefschläge setzen würde, machten wir uns am Sonntagmorgen auf ins Lerchenfeld. Im erfreulich umfangreichen Matchprogramm stellten wir zu unserer Erleichterung fest, dass der neue Speaker ein C-Junior des eigenen Vereins ist. Wenig Gefahr, die neusten Ballermann-Scheiben anhören zu müssen. Unsere Ohren waren sicher, aber auch die Augen hatten Freude am offenen Schlagabtausch. Das Drittligaspiel zwischen St.Otmar und dem FC Pfyn wäre wohl schon früh entschieden gewesen, hätte der Keeper des Heimteams nicht mehrere Male glänzend pariert. So stand es zur Pause nur 0:1. Der kurz nach der Pause gefallene zweite Treffer der Gäste war dann doch die Entscheidung. Da halfen weder der Anschlusstreffer noch die offensichtliche – und geglückte – Beeinflussung des Schiedsrichters mit Rufen nach Abseitspositionen und am allerwenigsten die Verunglimpfung des Gegners als «huere Wäffeler-Mannschaft».

Matchprogramm St.Otmar

Der krönende Abschluss dieser Woche sollte beim Heimspiel des SC Brühl erfolgen. Die Einlaufmusik «Wenn nicht jetzt, wann dann – wenn nicht hier, wo sonst» liess Böses erahnen, lief diese doch tags zuvor schon beim FC Winkeln. Gottseidank hatte der Stadion-DJ aber danach ein Erbarmen mit den 850 Anwesenden. Das Spiel ist schnell erzählt, denn spielerische und musikalische Höhepunkte fehlten: Die Kronen konnten gegen die U21 des FC Zürich zwar in Führung gehen und lange gegen die Ausgleichsversuche standhalten, kurz vor Ende schien aber die Luft auszugehen. Aus dem 1:0 wurde ein 1:2.

Wurststand Brühl-FCZ

Was bleibt nach so einer Woche in den vermeintlichen Niederungen des Regionalfussballs? Im Amateurfussball ist sicher nicht die heile Welt zu finden, die sich so manch ein Fussballromantiker wünscht. Auch hier sind die Matchprogramme voll mit Werbung, auch hier stehen einzelne Spieler unter einem Patronat. Und manchmal wirds in den unteren Ligen erst recht ruppig. Nichtsdestotrotz scheint jenseits der obersten zwei Ligen alles noch etwas einfacher, gemächlicher, persönlicher. Vor allem eine Qualität, die wir in den Topligen vermissen, zeichnet den Amateurfussball jedoch aus: Er ist authentisch.


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Heute vor drei Jahren traf der FC St.Gallen auswärts auf Xamax Neuchâtel. Die 6’356 Zuschauern sollten ein denkwürdiges Spiel erleben. Gegen acht Neuenburger brachten es die St.Galler Spieler fertig, ein Tor zu kassieren. Auch wenn Jeff Saibene den FCSG nach dieser Niederlage noch nicht abgestiegen sah, wie er uns im SENF #01 verriet, war für viele Fans klar: Genau so steigt man ab. Wie sehr diese Niederlage die St.Galler Fans getroffen hat, zeigt exemplarisch der nachfolgende Matchbericht von einem Mitglied des SENF-Kollektivs, der absichtlich erst einige Tage nach dem Spiel verfasst wurde.
Xamax - FCSG

Nach nur 19 Sekunden geht Xamax dank einer internationalen Kombination in Führung. Xamax‘ Senegalese Ibrahima Niasse fängt einen Ball ab, spielt ihn weiter auf Omar Ismaeel aus Bahrain. Sein präziser Flankenball erreicht die Brust des Argentiniers Federico Almerares, dessen Vorarbeit Niasse zum 1:0 für Xamax verwertet. Im sehr gut bevölkerten Gästeblock reibt man sich die Augen. Schon so häufig ist St. Gallen früh in Rückstand geraten und fand danach nicht mehr ins Spiel zurück. Die Startviertelstunde gehört bestimmt nicht zu den Stärken des FC St. Gallen Ausgabe 2010/11. Aber auch die Minuten danach versprachen nicht unbedingt Besserung: Schiedsrichter Alain Bieri – in dieser Szene nicht zum einzigen Mal im Mittelpunkt des Geschehens – erfand nach einem Zweikampf zwischen Muntwiler und Gelabert einen Elfmeter. Der Kameruner Augustine Binya setzte ebendiesen an die Latte. Ausgleichende Ungerechtigkeit, sozusagen.

Vom FC St. Gallen war bis dahin nichts zu sehen. Er fing sich aber in der Folge, suchte sein Heil in der Offensive. Bei der ebenfalls nicht sehr sattelfesten Abwehr Xamax‘ ein probates Mittel, um zurück ins Spiel zu finden. Allerdings kann dies nicht passieren, wenn Offensivspieler wie Winter so abschlussschwach sind und Bieri nach einer Intervention von Page an Lavric nicht ebenfalls auf den Elfmeterpunkt zeigt. Im Gästeblock war die Stimmung ausgezeichnet. Sicher 700 St.Galler machten sich auf den verhältnismässig weiten Weg nach Neuchâtel, um dort ihrer Mannschaft bei einer überaus wichtigen Direktbegegnung zur Seite zu stehen, sie zu unterstützen. In der Woche davor hatten die Grün-Weissen immerhin in Zürich gegen GC gewonnen. Wie in der letzten Abstiegssaison 2007/08. Ein Schelm, wer Böses ahnt?

Nun, Xamax musste ab der 38. Minute zu zehnt auskommen. Almerares rammte Muntwiler seinen Ellbogen ins Gesicht, sodass der ehemalige Basler seine zweite Gelbe Karte erhielt – direktes Rot wäre auch nicht falsch gewesen. St. Gallen versuchte in der zweiten Halbzeit Profit daraus zu schlagen. Doch sowohl ein Freistoss aus vielversprechender Position von Frei wie auch eine Chance von Beichler brachten keinen zählbaren Erfolg ein. Es schien wie verhext. St. Gallen hatte sicher über 70% Ballbesitz, konnte daraus allerdings keinen Nutzen ziehen. Die Gästemannschaft kombinierte flott bis zum Neuenburger Sechzehner, danach war allerdings Schluss. Die Platzherren igelten sich indes in ihrer eigenen Platzhälfte ein, so wie man dies von einer Mannschaft erwartet, die in Führung liegt, aber zu zehnt auskommen muss.

In der Zwischenzeit hatte der Speaker verkündet, dass 6’356 Zuschauer im Stadion anwesend seien. Dies bedeutet für Neuchâtel Xamax Saisonrekord. Und in der Tat war zum ersten Mal so etwas wie ein Heimpublikum da, wenn wir in der schönen Stadt am See gastierten. Nicht nur, dass sich Fanatix‘ und Tigers wie gewohnt Mühe gaben, auch der Rest liess sich durchaus ab und zu für einen Anfeuerungsruf gewinnen. Was andernorts üblich ist und für die berühmte Heimspiel-Atmosphäre sorgt, erlebt man hier äusserst selten. Doch die Mannschaft schien nicht für ihr Publikum zu spielen. Dies bewies der ex-St.Galler Marcos Gelabert 20 Minuten vor Spielende, als er zunächst den Ball nicht hergeben wollte, dafür seine erste Gelbe bekam, und danach dem Schiedsrichter ironisch applaudierte: zweite Gelbe, Rot, unter die Dusche. Ein anderer Xamaxien verstand es demgegenüber hervorragend, seiner Mannschaft zu helfen: Torhüter Luca Ferro. Nicht dass er unglaubliche Paraden zeigte und Xamax damit im Spiel hielt – er tat dies über Zeitverzögerungen und Unsportlichkeiten, die anderswo bestimmt geahndet würden. So konnte er ab Mitte zweiter Halbzeit plötzlich keine Abschläge mehr treten.

SG liess sich durch das merklich beeindrucken. Die mitgereisten Fans – immer noch mit der tadellosen Unterstützung der Elf auf dem Rasen beschäftigt – wurden doch immer nervöser. Und die Mannschaft spielte offensiv weiterhin absolut wirkungslos, vernachlässigte die Defensivarbeit dazu aufs Gröbste. Grün-Weiss konnte sich einerseits bei Lopar, der einen Nuzzolo-Schuss entschärfte, wie auch bei Tréand, der aus wenigen Metern scheiterte, bedanken. Als man dann schon gar nichts mehr erwartete, fiel der längst überfällige Ausgleich doch noch. Regazzoni traf mit Links aus kurzer Distanz, 1:1, 89. Minute. Obwohl ein Punkt auch nicht wirklich viel bringt, immerhin ist die Direktbegegnung nicht verloren. Dachte man.

Denn es sollte noch weit schlimmer kommen. Nun lagen auch bei Xamax die Nerven blank, Raphaël Nuzzolo, sonst bekannt als Xamax‘ Identifikationsfigur und vorbildlicher Kämpfer, säbelte Regazzoni mit vollster Absicht um, sah dafür Rot. Die Neuenburger standen noch zu acht auf dem Feld, der Optimismus in der Gästekurve wuchs – bei fünf angezeigten Minuten Nachspielzeit könnte vielleicht sogar noch der Sieg drin liegen. Dachte man.

Bis ein Entlastungsball von Xamax in den Füssen von Geoffrey Tréand landete. Er liess Gonçalves, Frei und Dunst mit einer einzigen Finte aussteigen und bezwang Lopar zum 2:1. Während die Neuenburger ihr Tor feierten, drehte der Gästeanhang durch. Abgesehen vom Gegentor war auch die überschwängliche Freude des Luca Ferro, der lieber in Richtung Gästeanhang provozierte als mit seinen Mannschaftskollegen zu feiern, dafür zuständig. Ich will damit gar nichts rechtfertigen, aber es darf nicht angehen, dass solche Szenen nie geahndet werden. Dies ist eine Unsportlichkeit und gehört mindestens mit Gelb bestraft.

Während es die meisten Fans bei verzweifelten Unmutsäusserungen beliessen, warfen andere Sitzschalen in den Innenbereich des Stadions. Dies ist gewiss nicht der Weg, der zum Erfolg führt – St. Gallen ist ja dafür bekannt, dass es gerne ein Fan-Problem erfindet, um vom sportlichen Desaster abzulenken, 2008 und 2010 sollten dabei eigentlich genug der Lehre sein. Allerdings war die Wut der Fans durchaus verständlich. Die einzige Konstante, die man mit diesem Verein miterlebt, ist die Tatsache, dass man zuverlässig alljährlich aufs Neue bis auf die Knochen blamiert und gedemütigt wird. Nach einigen Minuten Unterbruch wurde die Partie dann doch noch zu Ende gespielt. Erst in der 101. Minute pfiff Bieri das Spiel ab, womit das St.Galler Debakel offiziell besiegelt war.

Eine Niederlage, die sich in prominente Gesellschaft einreiht: Da war mal ein 3:11 gegen Wil, mal ein 1:2 im Cup-Halbfinal gegen den gleichen Gegner, mal ein Cup-Out gegen den 2. Ligisten Küsnacht am Rigi, mal eine blamable ganze Saison, gekrönt von der Barrage-Niederlage gegen Bellinzona, ein 1:2 im Cup-Halbfinal gegen das unterklassige Lausanne. Als St. Gallen-Fan ist man sich so einiges gewohnt. Doch die Wut der Fans, die Leere in den Gesichtern derselben sowie die Verzweiflung in ihren Äusserungen habe ich in dieser Intensität noch nie erlebt. Es ist ein neuer Tiefpunkt, einer, der tief unter die Haut geht. Gegen acht Neuenburger nicht zu gewinnen wäre das eine. Gegen acht Neuenburger aber noch das entscheidende Tor zu kassieren, ist das andere. Nichts wird diese Schmach je rückgangig machen können, nicht mal der Ligaerhalt.

Dieser ist allerdings ohnehin in weite Ferne gerückt. Bei vier Punkten Rückstand auf Xamax kann das realistische Ziel aber nur noch Platz neun heissen – ob es allerdings nicht besser wäre, sich direkt für die NLB anzumelden, sei mal dahingestellt. Mit dieser Mannschaft hat der FC St. Gallen schlicht nichts in der höchsten Spielklasse zu suchen. Niemand hat ein Problem damit, wenn einmal ein Spiel verloren geht. Wenn dies allerdings in 31 Spielen ganze 19 mal passiert, sieht es schon düsterer aus. Und wenn die Niederlage so zu Stande kommt wie in Neuenburg, findet man erst recht keine Worte mehr dafür – zumindest keine, welche die Gürtellinie nicht in dramatischer Weise unterschreiten. Ich bin momentan sicher nicht der einzige St.Galler, der nicht mehr in der Lage ist, irgendwelchen Optimismus zu verbreiten. Danach ist mir auch jetzt noch nicht, daran wird sich diese Saison nichts mehr ändern – GC-Sieg hin oder her. Doch obwohl dieser offenbar nur eine wunderschöne Traumsequenz innerhalb eines jahrelangen Albtraums war – am nächsten Sonntag steht jeder von uns wieder in der Kurve und gibt sein Bestes. Egal was die Idioten auf dem Rasen machen. Oder halt eben nicht. Zum Teufel jagen sollte man sie!


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Als FC St.Gallen-Fan hat man oft nicht viel zu lachen: Alle 96 Jahre gibt es einen Meistertitel zu feiern, von den alljährlichen Strapazen im Cup wollen wir gar nicht erst sprechen und  in der Meisterschaft schafft man es – wie dieses Wochenende gegen Luzern – mit bestechender Regelmässigkeit sich selbst ein Bein zu stellen und den sicher geglaubten Sieg noch aus den Händen zu geben. Solche (gefühlten) Niederlagen bedürfen einer effektiven Bewältigungsstrategie. SENF hat sich umgehört und die gängigsten Methoden gesammelt.

Niederlagenbewaeltigung
Der Realitätsverweigerer: Die Frage nach dem Ausgang der Partie der favorisierten Mannschaft wird lediglich mit der Bemerkung quittiert, dass man da war und sich nicht weiter an das Spiel erinnern könne. Ob es sich dabei um einen bewussten Vorgang handelt oder lediglich um eine Folge der Strategiekombination mit dem weiter unten beschrieben Typus des Trinkers lässt sich nicht zweifellos sagen. Der Versuch ihm etwas zum Spiel oder gar das Endresultat zu entlocken, ist jedenfalls in etwa so erfolgsversprechend wie der Versuch, während der OLMA nüchtern zu bleiben.

Der (hoffnungslose) Optimist: Egal wie hoch oder bitter die Niederlage ausgefallen ist, der Optimist ist nicht kleinzukriegen:  Er spricht bereits kurz nach einer schmachvollen Niederlage von der kommenden Partie und dies mit solch einer Inbrunst, dass so manch ein Politiker vor Neid erblassen würde. Leider hat dieser Typus die eigentümliche Angewohnheit seine Hoffnungen aus so erfolgsversprechenden Indizien wie Keitas neuer Frisur zu schöpfen.

Der Trinker: Für die einen ist Alkohol eben doch eine Lösung. Auch wenn es für die eigene Gesundheit die wohl problematischste aller Methoden ist – für das Vergessen einer schmachvollen Niederlage scheint es eine durchaus probate Strategie zu sein. Den Trinker erkennt man nebst der regelmässigen Beteuerung, nie wieder zu trinken, auch an seiner extremen Lichtempfindlichkeit und der stets griffbereiten Wasserflasche.

Der Nostalgiker: Gehört mitunter zur verbreitetsten Bewältigungsstrategie unter Fussballfans (und dies nicht nur in St.Gallen, wie dieser Artikel über ebenfalls leidgeprüfte Eintracht-Fans belegt). Verübeln kann man diese Methode wohl niemandem, denn bekannterweise lassen sich offene Wunden am Besten durch schöne Erinnerungen an bessere Zeiten heilen. Diesen Typus erkennt man daran, dass er wahlweise mit dem Espenmoos-Buch oder der Erstausgabe des SENF (übrigens hier noch erhältlich) in den Händen anzutreffen ist und einem unablässig von den magischen Momenten von anno dazumal erzählt.

Der Experte oder eben der FCSG-Fan: Durch die jahrelange Sozialisation und eine geschickte Kombination der geschilderten Strategien beinahe nicht mehr aus der Fassung zu bringen.  Mit stoischer Ruhe und dem Kommentar, dass es bis zum nächsten Meistertitel nur noch knappe 82 Jahre dauern könne, werden sämtliche Niederlagen weggesteckt – denn schliesslich ist nach dem Spiel immer noch vor dem Spiel.