Es läuft immer noch nicht rund beim FC St.Gallen, Ausgabe 2004/05. Zwar konnte Thun zuhause bezwungen werden, das Auswärtsspiel in Basel endete aber wenig überraschend mit einer Niederlage. Im letzten Heimspiel der Hinrunde gegen den FC Aarau ging es deshalb auch darum, nicht auf einem Abstiegsplatz überwintern zu müssen. Hutter hatte sich etwas Besonderes ausgedacht, um die Südkurve und damit die Mannschaft anzuspornen: Eine Armada aus Papierschiffchen.

Papierschiffchen

Hutter stopfte die Hosenstösse in die Gummistiefel und kletterte auf der Eisenleiter hinunter zur Steinach. Mock lehnte müde am Geländer bei der Talstation des Mühleggbähnli und schaute lustlos hinab. «Nein Hutter, ich komme nicht mit. Abgemacht war eine kulturelle Stadtwanderung. Das aber ist billiger Erlebnis-Quatsch. Ausserdem beginnt der Match in 90 Minuten.» Hutter kannte den störrischen Mock. Er versuchte es auf die sanfte Tour: «Lieber Mock, du stehst an der Wiege dieser grossartigen Stadt. Hier hat alles begonnen, hier hat Gallus den Bären gefüttert und seine Einsiedlerzelle gezimmert. Ohne dieses Wunder gäbe es kein Espenmoos und keine Gegentribüne und wir hätten uns gar nie kennen gelernt. Komm schon, Mock.»

Hutter kannte sich gut aus in der St.Galler Unterwelt. Seine Stadt-St.Galler Cousins hatten ihm als Kind alle Zugänge gezeigt, stundenlang waren sie mit Taschenlampe unterwegs gewesen. «Hutter, es stinkt, so kann ich mich beim besten Willen nicht auf ein Fussballspiel vorbereiten. Warum zeigst du mir diesen Dreck da unten?» – «Aus zwei Gründen, Mock: Die Steinach wird völlig unterschätzt. Was hat die giftige Sitter mit St.Gallen zu tun? Nichts. Dieses Wasser hier heilt und gibt Kraft – auch verzagten Fussballfans vor kapitalen Partien. Zweitens: Du sollst endlich die Seele der Stadt St.Gallen kennen lernen. Dazu muss man herabsteigen in die Geschichte. Das tun wir gerade.»

Mock trottete wie ein müder Bär hinter Hutter her. Es war still. Die Steinach gurgelte, die Schritte hallten. Mock dachte an den Basel-Match vom letzten Wochenende. St.Gallen hatte drei richtige Torchancen gehabt in neunzig Minuten: Alex‘ Schuss ging daneben, Akwuegbo scheiterte allein vor Zubi und Schickers sehenswerter und korrekter Ausgleich wurde vom Schiedsrichter wegen Offside annulliert. Ohne Punkte heute gegen Aarau würden Mock und der FCSG wohl auf einem Abstiegsplatz überwintern. Frohe Weihnachten!

Mock blieb vor einem Schacht stehen. «Hutter, mir reichts. Ich will raus hier, hinauf ans Licht. Bis nachher im Bierzelt. Danke für deine Bemühungen.» Hutter hielt ihn fest, öffnete seinen Rucksack und drückte Mock einen Sack mit grünweissen Papierschnipseln und Papierschiffchen in die Hand. «Komm, hilf mir bei meiner kleinen Überraschung für die Südkurve. Die grünweisse Steinach wird die jungen Menschen auf ihrem Weg zum Sektor Grün aufheitern und zu weiteren grossartigen Choreos anspornen. So helfen wir mit, den Abstieg zu vermeiden.» Mock setzte die Papierboote vorsichtig ins kalte Wasser, beleuchtete die schwankende Papier-Armada mit seiner Taschenlampe und schrie dazu: «Allez, SG, allez! Mer wered immer zämestoh.»

Hutter schaute auf die Uhr. «Wir kommen nun zum Höhepunkt und Abschluss unserer Stadtführung. Wir befinden uns unter dem Bahnhof St.Fiden, wo in diesen Minuten Tausende aus allen Ecken der Ostschweiz ankommen und hinüber zum Espenmoos strömen.» Dann sahen sie Licht, das mit jedem Meter grösser und heller wurde. Beim Tunnelausgang mischte sich das Rauschen der Steinach mit den Liedern, die von der Südkurve hinunter geweht wurden. Grünweisse Schiffe tanzten auf dem Wasser.

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03
– «Was dann?»
 «Kiki, Trello und Philippe»

Die aktuelle Episode «Grünweisse Flotte» erschien anlässlich des Heimspiels am 17. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Aarau.

Hutter & Mock


Nach dem 2:2 zuhause gegen Aarau war der FC St.Gallen nach 12 Spieltagen in der Saison 2004/05 weiterhin tief im Abstiegssumpf. Trotzdem traten Hutter & Mock die weite Reise zum Auswärtsspiel gegen Neuchâtel Xamax an. Die Neuenburger empfingen in jener Saison die Gäste aus der Ostschweiz wegen des Neubaus der Maladière im Exil in La Chaux-de-Fonds. Geholfen hat die Präsenz von Hutter & Mock auf der Jura-Hochebene nicht. Der FCSG verlor erneut und fand sich nun ganz zuhinterst in der Tabelle wieder.

Charriere in La Chaux-de-Fonds

Hutter staunte über die imposanten Felsen an den Jurahängen. Mock drehte an seiner Bierflasche und studierte die Resultate der Bundesliga. Hutter startete einen weiteren Versuch, mit Mock ein ernsthaftes Gespräch anzufangen. «Wie heisst das Stadion des FC Biel?» – «Gurzelen! Hutter, ich weiss, dass du alle welschen Stadien schon wegen ihrer Namen viel charmanter findest. Auf der Fontanette, der Charrière und der Pontaise wird genauso geholzt wie auf dem Espenmoos, dem Brügglifeld oder dieser blöden Gurzelen.» Hutter liess nicht locker und schickte die nächste Frage hinterher: «Welche beiden Klubs stiegen 1972 aus der Nati A ab?» – «Biel und Luzern. St.Gallen hatte sich in einem dramatischen Entscheidungsspiel 4:2 gegen Luzern durchgesetzt. Heinz Biglers Tor werde ich nie vergessen.» Nun war Mock richtig bei der Sache. Hutter setzte nach: «Dritte und letzte Frage: Was macht der wahre Fussball-Fan, wenn sein Klub am Abgrund steht?» Mocks Antwort kam prompt: «Er geht in den Garten, holt frischen Lauch und kocht daraus einen Gratin mit Schinken, Rahm und Steinpilzen für die Spieler des Fanionteams.» Dann schwieg Mock erneut.

Draussen rauschte die Taubenloch-Schlucht vorbei, dahinter öffnete sich das St.-Immer-Tal mit den verlassenen Fabrikgebäuden und einsamen Bauernhöfen. Hinter den Hügeln lag La Chaux-de-Fonds. Als St.Galler wusste man wenigstens, wem man seinen kalten Wohnort im Hochtal der Steinach zu verdanken hatte. Wer zum Himmel aber kam auf die verrückte Idee, eine Stadt für vierzigtausend Menschen auf einer Jura-Hochebene zu bauen? Hutter und Mock spazierten durch die menschenleere Avenue und hinaus durch die einfache Vorstadt zum «Stade de la Charrière», temporäres Exil von Xamax und ein Bijou im Ballenberg-Museum des Schweizer Fussballs. Sie suchten sich Plätze auf der Gegentribüne, einem hellbraun gestrichenen Betonklotz aus den Sechzigerjahren, der die ungemütliche Bise wie eine Talsperre zurückhielt. Nun hatten sie freie Sicht auf das holprige und mit gelbem Laub übersäte Spielfeld, auf dem manch grosser Spieler zu Hause war: «Kiki» Antenen! Schoss La Chaux-de-Fonds 1964 zum letzten Schweizer Meistertitel. – Trello Abegglen! War in Sochaux ein Star nach sechs Toren in einem Match, wechselte als Spielertrainer auf die Charrière und starb tragisch bei einem Zugunglück. – Wehmut machte sich nach wenigen Spielminuten auch bei den St.Galler Anhängern breit. Geschenkter Penalty für Xamax, 1:0 durch den Ex-St.Galler Jefferson. Der fleissige Rathgeb prüfte den eigenen Goalie Wüthrich mit einer hohen Rückgabe, M’Futi profitierte – 2:0. Margairaz‘ verunglückte Direktabnahme landete ausgerechnet auf dem Kopf von Jefferson – 3:0.

Mock holte sich einen Hamburger, ass einen Biss davon und merkte, dass das Fleisch innen noch roh war. Fabinho donnerte den Ball frei stehend über das Tor und aus dem St.Galler Gästesektor stieg schwarzer Rauch zum Himmel. Mock entdeckte unter den Zuschauern auf den Stehplätzen einen weiteren grossen Neuenburger Fussballer, den «Marathon-Man» Philippe Perret. Sechzehn Saisons lang hatte der für Xamax seine Knochen hingehalten. Er war 539-mal in Schwarz-rot angetreten und feierte nach dem 3:0 seine würdigen Nachfolger auf dem Feld, zusammen mit den «Young Tigers» hinter dem Tor. Die hatten ein Transparent aufgehängt: «Les gens comme nous ne meurent jamais» – «Leute wie wir sterben nie».

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03
– «Was dann?»

Die aktuelle Episode «Kiki, Trello und Philippe» erschien anlässlich des Heimspiels am 15. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Thun.

Hutter & Mock

Foto: chaux-de-fonds.ch


Den schlechten Start in die Saison 2004/05 schien der FCSG mit dem überraschenden Auswärtssieg bei den Berner Young Boys abgehakt zu haben. Doch schon im darauffolgenden Heimspiel gegen den FC Zürich folgte die nächste Schlappe. Nach elf Spieltagen fand sich der FCSG auf dem zweitletzten Platz wieder, punktgleich mit dem Letzt-platzierten Servette. Hutter & Mock waren vor dem OLMA-Heimspiel gegen den FC Schaffhausen entsprechend angespannt. Die Schweizer Fussballlandkarte sah zu jener Zeit noch etwas anders aus. Die Diskussionen der beiden sollten die FCSG-Fangemeinde Jahre später aber einholen.

Bahnfahrt

Hutter verteidigte den Stehplatz vor seiner Haustür erfolgreich gegen alle Familien und Rentner der Stadt. Auch ein Platzregen konnte ihn nicht vertreiben. Es war kalt und neblig. Es war Olma-Zeit. Und St.Gallen stand auf einem Abstiegsplatz. Vor Hutter zog der strahlende Kanton Tessin vorbei: schwarze Ziegen aus dem Verzascatal, glänzende Traktoren aus Mendrisio und ein stolzer Fasnachtskönig aus Arbedo. Interessant, bisher hatte «Ticino» für Hutter nur stundenlange Autofahrten an langweilige Auswärtsspiele bedeutet, von denen man immer mit leeren Händen zurückkehrte. Eine Frau mit Zoccoli offerierte ihm ein Glas Merlot. «Hutter, was wäre die Schweiz ohne ihre Sonnenstube? Nächste Saison reisen wir zusammen nach Lugano oder Chiasso oder noch lieber nach Bellinzona, wo wir endlich wieder auf die grosszügigen Gegner in weinroten Trikots treffen, die uns 1969 im Cupfinal unseren einzigen Cup-Pokal geschenkt haben.» Mock winkte fröhlich einer Tessinerin zu, die ihm prompt eine Brissago zuwarf. Hutter stutzte. «Lugano, Chiasso, Bellinzona? Mock, seit wann sprichst du davon, dass wir ins B absteigen? Alex ist doch wieder fit, Merenda kommt bald zurück, und an Obradovic‘ Seite blüht auch der verkannte Pavlovic auf. Wir kämpfen uns zurück ins Mittelfeld, glaub mir!» Mock blies Hutter den Rauch ins Gesicht und lachte: «Aber doch kein St.Galler Abstieg! Nein, ein Tessiner Klub wird am Ende der Saison garantiert aufsteigen. Noch nie etwas von der neuen Landkarte des Schweizer Fussballs gehört?»

Hutter dachte nach: Sion mit seinen Fans gehörte ins A, auch der Traditionsklub Luzern, was wiederbelebte Lugano und vielleicht das erstaunliche Yverdon. Aber wer sollte runter ins B? Xamax und Servette dürfen nicht wegen dem Gleichgewicht zwischen Deutsch und Welsch. Blieben also nur Schaffhausen und Aarau. Die musste man einfach schlagen – St.Gallen hatte gegen beide verloren.

Eine Tessiner Guggenmusik in giftgrünen Kostümen heizte dem unterkühlten St.Galler Publikum mit einem «Pogues»-Stück ein. Hutter spürte in sich eine ungemütliche Kälte, dagegen konnten selbst die Gäste aus der Südschweiz nichts ausrichten. «Aber warum sollen wir denn ausgerechnet gegen Schaffhausen gewinnen?» Mock antwortete langsam und betonte jede Silbe ganz deutlich: «Olma-Match. Alle Jahre wieder, immer gleich gut.»

Hutter sah vor sich das trostlose Stadion in Chiasso, den Quartierfussballplatz in Meyrin und eine grüne Wiese in Bulle. «Und wenn wir doch absteigen, was dann, Mock?» – «Dann werden wir wieder aufstehen wie alle anderen, die es vor uns erwischt hat. Früher oder später. Ausserdem kann ich dir endlich ein paar schöne Orte in der Schweiz zeigen: Zum Beispiel die Libero-Bar auf der Winterthurer Schützenwiese mit all den Wahnsinnigen, die seit bald dreissig Jahren darauf warten, dass sie wieder ins A zurückkehren.» Mock ging zum nächsten Tessiner Beizli und kehrte mit zwei Kaffee Grappa zurück. Er lief zu Höchstform auf, begann den Umzug anzufeuern und sang mit den Ambri-Fans die Hymne «La Montanara». Hutter tippte auf Mocks Schulter. «Schaffhausen war 1961-62 letztmals in der Nati A und spielte zwischendurch sogar in der Ersten Liga. Unglaublich, was Fussballklubs alles überleben.»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03

Die aktuelle Episode «Was dann?» erschien anlässlich des Heimspiels am 12. Spieltag gegen Schaffhausen.

Hutter & Mock


Am 8. Spieltag der Saison 2004/2005 verlor der FCSG auswärts in Aarau gleich mit 4:1 und rutschte auf den zweitletzten Platz ab. Hutter & Mock stellten sich schon damals die Frage, wieso ehemalige St.Galler Spieler immer dann aufdrehten, wenn sie gegen ihren ehemaligen Club anzutreten hatten? Eine Antwort fanden sie nicht, trotzdem fand der Ausflug einen versöhnlichen Abschluss.

Brügglifeld

Hutter zog Schuhe und Socken aus und streckte die Füsse ins Wasser. Er starrte in die graue Brühe und zählte die schwimmenden Bierbüchsen, die andere Fans weiter oben im Bach entsorgt hatten. Mock hatte Hutter eine Weile von der Strasse aus beobachtet. «Kühle Füsse und ein kühler Kopf – wirklich professionell, deine Vorbereitung vor dem schweren Gang aufs Brügglifeld. – Hutter, wo hast du das bloss gelernt?» Mock streckte Hutter eine Hand entgegen und zog ihn das Wiesenbord hinauf. Dann schlenderten sie dem Bach entlang zum Restaurant Sportplatz bei der kleinen Brücke vor dem Stadion. Das Brügglifeld erinnerte Mock an das Stadion seiner Jugend: Überdachte Haupttribüne und rund um das Spielfeld Stehrampen, auf denen die Fans schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt waren. Wenn es regnete, hielten sich Mocks Freunde ihre Leintuch-Fahne über den Kopf, die sie zu Hause in der Badewanne grün gefärbt hatten.

Die Aarauer Haupttribüne war bis auf den letzten Platz gefüllt. Mit Andi Egli war das Publikum und die Zuversicht zurückgekehrt auf das Brügglifeld. Ausserdem sorgten die ‚Renegades‘ mit Country und Rock live von der Gegengerade für aufgeräumte Stimmung unter den Fans. Alles war bereit für einen unterhaltsamen Fussballabend.

Andi Egli hatte seine Equipe – hoffnungsvolle junge und andernorts ausgemusterte Spieler – gut auf die Partie eingestellt: Den Gegner schwindlig spielen, zu Fehlern zwingen und einfach darauf warten, bis auch Goalie Razzetti geschlagen ist. In der 21. Minute war es so weit, und der junge Bühler schob einen bereits abgewehrten Ball ins St.Galler Tor. In den Köpfen der Fans im Gästesektor lief der Auswärtsfilm 04-05 ab. Einmal Rückstand – immer Rückstand. Doch Akwuegbu versenkte den Penalty zum 1:1. In der Pause spielten die ‚Renegades‘ knocking on heavens door und vielleicht würde St.Gallen an diesem traumhaften Abend ja doch noch irgendwie den Lucky Punch landen. Die St.Galler Fans zündeten ein Pyro-Feuerwerk als Startsignal für die zweite Halbzeit. Jetzt gehts los! Kurz später zirkelte der beim FCZ unerwünschte Simo einen Freistoss für Aarau in die hohe Ecke des St.Galler Tors. Mock und Hutter sackten synchron auf die Steinstufe nieder.

Es gibt Fussballspieler, die verlieren wegen bösartiger Schmährufe ihr ganzes Selbstvertrauen. Rainer Bieli gehört garantiert nicht dazu. Je zorniger er von FCSG-Fans beschimpft wurde, desto genialer wurde sein Spiel. Ein präziser und überraschender Schuss in die tiefe, nähere Ecke – 3:1. Kurz darauf eine Flanke von Varela (Ex-FCB) und eine traumhafte Direktabnahme von – Rainer Bieli! Der Torschützte drehte sich vor dem Gästesektor um und zeigte auf seine Rückennummer. Hutter seufzte: «Mock, was machen wir falsch? Warum trifft der gleiche Bieli bei uns keinen Ball und sprüht hier nur so vor Spielfreude? Warum verlieren bei uns alle Spieler so schnell den Mut?» Mock sagte kein Wort, stieg die Stufen hinab zum Zaun und trat mit aller Wucht gegen eine Reklametafel. Hutter hörte, wie Fans neben ihm in breitem Oberländer Dialekt über die schlimmsten St.Galler Auswärtsniederlagen zu diskutieren begannen: «Waaisch nu sSächszwaai zDelsberg.»

Nach dem Schlusspfiff ging auch Hutter hinab an den Zaun beim Spielfeld. Plötzlich stand auf der anderen Seite der junge Marazzi und entschuldigte sich persönlich bei ihnen für die dürftige Leistung. Mock sah Hutter gerührt an und sagte: «Der da hat das Herz auf dem rechten Fleck.»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste – «Kurort St.Gallen» ­– im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog, bisher «Müll in der Marktgasse» sowie «Stöckl oder Zamorano». Die aktuelle Episode «Rock im Stadion» erschien anlässlich des Heimspiels am 9. Spieltag gegen Servette Genf.Hutter & Mock


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Bereits erschienen sind «Kurort St.Gallen» im SENF #02 und «Müll in der Marktgasse» auf diesem Blog. Die nun folgende Episode ist zum Heimspiel gegen den FC Basel am siebten Spieltag der Saison 2004/05 erschienen. Der FCSG war mehr schlecht als recht in die Saison gestartet, was Hutter & Mock nicht von einem Besuch beim Auswärtsspiel in Thun abgehalten hatte, wo sie Zeuge eines wunderbaren Freistosstors beim Unentschieden gegen den damaligen Leader wurden.

Thun

Mock schob den leeren Teller auf die Seite. Er zeichnete ein Rechteck auf das Papiertischtuch und begann Namen aufzuschreiben. «Im Tor Pédat und Stiel, klar. Innenverteidigung: Rietmann und Zwyssig – sicher, das sind zwei verdiente Natispieler. Aber wo bleibt Herbert Stöckl, unser Mister Cupfinal aus dem Jahr 1977? Wenn Urs Fischer mitspielen darf, dann muss aus Deutschland auch Stöckl her! Der kämpfte und schrie auf dem Espenmoos herum wie ein Verrückter, dabei hiess der Gegner nicht Borussia Dortmund, sondern bloss Etoile Carouge. Ohne Stöckl gibt es kein St.Galler Allstar Team!» Hutter nahm ein Stück Brot und warf es aus der Gartenbeiz in hohem Bogen in Richtung Aare. Sofort stürzten sich Enten darauf. «Alle Plätze der ehemaligen Stars sind schon besetzt, Mock. – Zamorano und Rubio sind ja da, was willst du mehr?» Mock leerte sein Bierglas in einem Zug und stand auf. «Hör auf! Verteidiger Stöckl war für den FC St.Gallen viel wichtiger als Stürmerstar Zamorano. Hätten die zwei in der gleichen Mannschaft gespielt, dann wären wir schon 1990 Meister geworden und nicht erst zehn Jahre später!» Hutter und Mock schlenderten stumm über die Holzbrücken und Schleusen Richtung Bahnhof. Fussball in der Provinz! Hutter genoss die Ruhe vor dem Match. Keine Knallpetarden, kein Krawall, sondern rundherum freudige Erwartung und strahlende Gesichter. Hutter hatte Respekt vor den Thuner Fans. Im Bus lauschte er dem weichen Singsang: «Gäge Sangaue chöi si nid gwinne, aber mir blibe glich Ärscht ir Tabäuä!»

Der Ordner vor dem Gästesektor durchsuchte Hutters Rucksack und hielt ihm die Zeitung entgegen. «Zletscht Mau heisi drmit äs Füür gmacht. Tüäat das hüt bitte underlaa. » Mock goss etwas Bier über den «Sonntagsblick» und gab in breitem Thurgauer Dialekt zurück: «Wössedsi, mer sind nöd äso, aso mit üs hends si kei Omständ.»

Weit weg spielten elf St.Galler gegen den Absturz auf den zweitletzten Tabellenplatz – durch eine Leichtathletik-Laufbahn und eine Rabatte aus geköpften Tännchen von den eigenen Fans getrennt. Razzetti schrieb ein weiteres Kapitel für das Buch: «Grandiose Goalies in Grünweiss». Doch allein gegen den flinken Renggli hatte auch Razzetti keine Abwehrchance. 1:0 für Thun. Mock starrte in den Boden. Hutter suchte verzweifelt nach einer frohen Botschaft, um Mock aufzuheitern. «Denk an den Cupmatch, als wir hier auch 2:0 hinten lagen und am Schluss alles gut herauskam. Denk ganz fest daran, das nützt!» Mock verschwand irgendwo hinter dem Erdwall des Gästesektors. Dann bekam St.Gallen einen Freistoss, 25 Meter vor dem Tor. Jairo oder Sutter? Hutter schloss die Augen, es war ganz still um ihn herum. Er hörte, wie der Thun-Goalie seine Leute in der Abwehrmauer dirigierte. Dann kam der Pfiff, und eine Sekunde später lag sich der Gästesektor in den Armen. Mock schüttelte ihn: «Weltklasse! Sutter ist ein Freistossgott!» Hutter wünschte sich ganz fest, dass nichts mehr passiert oder dass der Schiedsrichter das Spiel sofort abpfeifen würde. Mock dagegen begann die St.Galler Spieler anzufeuern, als wollte er sie ganz allein zu diesem Auswärtspunkt beim Tabellenführer schreien. Irgendwann tippte ihm Hutter auf die Schulter: «Mock, ich bin dabei, wir holen diesen Stöckl in Bayern ab und bringen ihn ans St.Galler Jubiläumsspiel.»

Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Hutter & Mock