Nach einer Niederlage gegen Thun und einem Unentschieden gegen Schaffhausen war das Abstiegsgespenst in der Saison 2004/05 noch nicht endgültig vertrieben. Mock glaubte aber nicht an den Abstieg, sondern fragte sich viel mehr, wie es wieder in Richtung Europacup gehen könnte. Die Diskussion könnte aktueller nicht sein.

Regen

Hutter hatte es kommen sehen. Er hatte einen siebten Sinn für drohende Gefahren. Das Tief hatte sich leise angekündigt, es war eine Weile stationär gewesen über dem Hinterthurgau und hatte dem FC Wil zwei weitere Niederlagen und den Fall in die Bedeutungslosigkeit beschert. Dann zog das Tief weiter ostwärts und erreichte das Espenmoos, ziemlich genau gegen Ende der ersten Halbzeit des Thun-Matches. Hutter hatte von der Gegentribüne aus die dunklen Wolken beobachtet, er hatte den flinken Mauro Lustrinelli bewundert bei seinem genialen Ausgleich und Andreas Gerber bei seinem Sonntagsschuss zum 1:2. Er hatte in der Pause nur den Kopf geschüttelt und Mocks messerscharfer Analyse gelauscht: «Der Thuner Cerrone spielt ja nächste Saison bei uns, vielleicht holen sie auch endlich Lustrinelli, der so wunderbar aufs Espenmoos passen würde mit seinem Kampfgeist und seinem bäurischen Instinkt oder gar Gerber mit seiner Übersicht und Reife, und dann muss es einfach wieder aufwärts gehen Richtung Europacup.»

Das Tief setzte sich über St.Gallen fest, es zog alle Wasserreserven zwischen der Ostsee und dem Golf von Biskaya an und sammelte sie drei Tage lang direkt über dem Espenmoos. Mit dem ersten Pfiff des Schiedsrichters wurden die Schleusen bei der Partie St.Gallen – Schaffhausen geöffnet: Das Publikum suchte unter den düsteren Tribünendächern Schutz vor Regen und Sturm und trieb die grünen Piraten auf dem Feld zornig an, als ginge es um Leben und Tod. Das Stadion glich einem tosenden Ozean, die grünweisse Fregatte schien die gelbschwarze Caravelle sicher zu beherrschen nach Hasslis schnellem Treffer zum 1:0, doch plötzlich wankten die Grünweissen, die Gelbschwarzen setzten zu einem überraschenden Gegenangriff an und zwangen den St.Galler Schlussmann zu grossartigen Paraden. – Pause. Hutter schlotterte, er holte zwei Jägertee und machte Mock einen überraschenden Vorschlag: «Ab auf die Südkurve, jetzt braucht es jede einzelne Stimme!» Mock wedelte mit seinem Trainer-Ausweis, plapperte etwas von SFV-Stadionprävention und schon wurden sie vom Securitas durchgelassen. Hutter fühlte sich wie verwandelt. Die Gefahr schien die jungen Menschen zu beflügeln. Sie sangen in einem fort an gegen Angst und Trübsal und liessen auch nach dem unglücklichen gelbschwarzen Ausgleich nicht locker. Der grünweisse Held «Stefanooo» litt mit seinem geschunden Kameraden Callà und stürzte sich unter dem Jubel der Südkurve auf den Provokateur Pesenti. Gleichzeitig küssten sich zwei Fünfzehnjährige vor Hutter und Mock und liessen sich vom Durcheinander auf dem Rasen nicht aus der Ruhe bringen. Es war wunderbar schön.

Hutter wollte der Mannschaft nach dem Schlusspfiff nichts vorwerfen: «Wenn Alex wieder trifft, kommt alles gut.» Mock rechnete vor, dass sie mit dem besseren Torverhältnis eigentlich sieben Punkte Vorsprung auf Schaffhausen hatten. Und deshalb weigere er sich, weiterhin über das sinnlose Thema Barrage zu sprechen. Sie stiegen hinab zur Bar unter der Südkurve und das strahlende Lachen der Frau hinter dem Tresen machte den Abend perfekt. Mock gab eine Runde aus.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog. Zu den Magazinen gehts hier lang, zu der Rubrik auf dem Blog hier lang.

Die aktuelle Episode «Fregatte im Sturm» erschien anlässlich des Heimspiels der Saison 2004/05 gegen Neuchâtel Xamax (34. Spieltag).

Hutter & Mock


Als sich die Saison 2004/05 langsam dem Ende zuneigte, war die Abstiegsgefahr beim FCSG zumindest nicht mehr akut. Hutter & Mock diskutierten deshalb weniger die aktuelle Lage, als vielmehr die Trainer der Vergangenheit.

Hutter und Mock

Hutter bekam nur in drei Fällen Post von seiner Mutter. Erstens: Ein Rheintaler Verwandter wurde in den Kirchenrat gewählt. Zweitens: Eine Rheintalerin wurde neue Miss Schweiz. Drittens: Ein Rheintaler Fussballer plauderte in der lokalen Zeitung über die Geheimnisse des nationalen und internationalen Fussballs. Beim Lesen war Hutter nicht erstaunt, dass der Rheintaler Werner Zünd es gerade mit den Trainern Kurt Jara und Heinz Peischl gut konnte. Es gab eben mehr Gemeinsamkeiten zwischen Mattersburg, Innsbruck und Rebstein als sich das Schweizer Fussballfans zwischen Wil und Meyrin vorstellen konnten.

Auch der «Rheintaler» überbrückte das lange Warten auf den neuen FCSG-Trainer: «Wissen sie noch, wie die acht Trainer zwischen Jara und Peischl hiessen?» – Hutter versuchte seit Tagen, das Rätsel zu knacken. Er begann von hinten her: Nr. 1: Thomas Staub, an dem das 11:3 wie ein Fluch kleben blieb. Nr. 2: Gérard Castella, der als Romand in St.Gallen an den hohen Erwartungen scheiterte. Nr. 3: Marcel Koller, der glorreiche Meistermacher. Aber dann? Folgte Koller direkt auf Roger Hegi, dem es als einzigem nach dem traurigen, verlorenen Cupfinal die Sprache nicht verschlagen hatte? Warum war der Polterer Uwe Rapolder aus St.Gallen weggegangen? Obwohl er aus dem B aufgestiegen war und dafür geachtet wurde wie heute bei der Arminia Bielefeld? Was war mit Leen Looijen, der bei seinem Antritt intelligent sprach wie Johann Cruyff und die FCSG-Fans von der grossen Holländischen Fussballschule träumen liess? Wie lange durfte er in St.Gallen von einem Fussball-System schwadronieren, das niemand sehen konnte und keiner ausser ihm verstand? – Hutter hatte sechs von acht, fehlten immer noch zwei.

Er bestellte eine Pizza und wartete auf Mock, der als einziger weiterhelfen konnte. – «Gratuleire, Hutter, wir haben einen Trainer, und wie bei den Katholiken setzt man auch beim FCSG auf einen Mann aus Deutschland. Mutig und clever!» Hutter liess Mock feiern, er brauchte sein fotografisches Fussballgedächtnis, um die zwei fehlenden Trainer aus der Zeit nach Zamorano zu finden. «Versuch es doch mit Sommer, Sing oder Johannsen – was kümmert uns die Vergangenheit. Hutter, schau vorwärts, wann begreifst du das endlich!»

Hutter war von Rubio, Zamorano und Mock ins Espenmoos gelockt worden, aber an die turbulente Zeit nach dem Höhenflug konnte er sich nicht mehr erinnern. Da war einfach ein schwarzes Loch. «Hutter, ich weiss es nicht, es gab Schwierigkeiten mit Geldgebern, der Trainer wurde unter Druck gesetzt bei der Aufstellung, irgendwann gab er entnervt auf. Lass uns über die Perspektiven für die neue Saison sprechen.»

Hutter war Historiker aus Leidenschaft. Er würde entweder heute abend Mocks graue Hirnzellen wachrütteln oder morgen im Archiv die zwei fehlenden Namen finden. – Die Lösung kam schnell und völlig unerwartet: Der Pizzakurier, regelmässiger und langjähriger Besucher der Südkurfe, lieferte Hutter die Namen: «Nach Kurt Jara kam Heinz Bigler, der nach seinem unfeinen Abgang von Leen Looijen beerbt wurde, auf den wiederum ein unbekannter Rheintaler folgte. Wie hiess der nur, es war ein Lehrer, ich bringe es einfach nicht mehr zusammen!» Mock sass auf dem Sofa, kaute ruhig und zufrieden seine Pizza, blickte nicht vom Fernseher auf und sagte trocken: «Ernst Hasler».

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog. Zu den Magazinen gehts hier lang, zu der Rubrik auf dem Blog hier lang.

Die aktuelle Episode «Rheintaler» erschien anlässlich der Heimspiele gegen den FC Thun (22. Spieltag) und den FC Schaffhausen (32. Spieltag).

Hutter & Mock


Am 20. März 2005 gewann der FC St.Gallen zum letzten Mal in Bern. Hutter & Mock waren nicht vor Ort, aber trotzdem dabei.

Hutter und Mock

Hutter hoffte auf den grossen Coup: beruflich, privat, sportlich. Seine persönliche Erfolgsbilanz war niederschmetternd: Seit fünfzehn Jahren versuchte er vergeblich, den geklauten Globus aus Zürich zurückzuholen in sein Museum. 0:1. Seit zehn Jahren wünschte er sich vergeblich, dass Tanja nach St.Gallen zog und mit ihm zusammen eine Familie gründete. 0:2. Seit drei Jahren hoffte er vergeblich, dass der FC St.Gallen auswärts so auftrat wie zu Hause. 0:3. Hutter sass in seinem Wohnzimmer und feierte zusammen mit seinem Neffen Geburtstag. Sie spielten «Eile mit Weile». Hutter lag im Hintertreffen, sein zwölfjähriger Neffe kannte kein Erbarmen und schickte ihn konsequent zurück an den Start. Im Radio berichtete Toxic.fm direkt aus dem Berner Neufeld: «Die blonde Mähre Bruno Sutter ist ein ständiger Unruheherd in der St.Galler Verteidigung. Er hat und gibt sich Mühe. Aber besser einmal auffallen als nie: Warum nicht mit einer gelben Karte!» Hutter traute seinen Ohren nicht. Bei «Sport und Musik» hatten die Reporter auf Radio Beromünster einst Dramen erzählt, Heldensagen aus der Hölle St.Jakob, aus dem Hexenkessel Tourbillon und von den wunderbaren «Prinzen der Nacht» aus Lausanne. Toxic.fm war bekifftes Radio für Fussball-Fans unter sechzehn. Hutter wechselte die Frequenz.

Sein Neffe feierte den «Eile mit Weile»-Sieg mit einem Computer-Spiel. Hutter blätterte in den seltsamen Briefen, die er in den letzten Wochen erhalten hatte: «Die Liga gegen das Rauchen möchte sie auf eventuelle Spätfolgen hinweisen, die sich im gewiss kommenden Alter zeigen werden – vielleicht ist es dann zu spät –, möchten aber den Teufel nicht an die Wand malen und hoffen, dass wir sie an einem Nichtrauchertreffen einmal persönlich kennen lernen dürfen.» Hutter trank Alkohol, er war Fan des FC St.Gallen, er hatte offensichtliche gesundheitliche Risiken – aber er rauchte nicht! Wer kam auf die Idee, ihn nikotinfrei und endlich glücklich zu machen? Sein Neffe tippte ihm auf die Schuler. «0:1, Freistoss von Julio Lopez aus dreissig Metern.» Hutter öffnete ein Vollmond-Bier, wartete auf den YB-Ausgleich und las eine Geschichte mit dem Titel «Zweni Alouf» – nichts über Zinedine Zidane, sondern eine Nachricht vom 61-jährigen YB-Fan Ernst Burren. «Bi de Juniore hani immer aui Penautine gschosse. I ha jede versänkt. I ha aber ou immer gnue Alouf no. D Delia hät nüt vo Schutte wöue wüsse. Aber woni im letschte Lehrjohr s Schutte wäge ihre ha ufgä, isch si gli druf mit emene angere gange»: So wie Burren wollte Hutter alt werden: «Bin YB-Fan seit 1957. Ein primitives Interesse, ich bringe es einfach nicht weg. Zu meiner Frühpensionierung haben sie mir einen YB-Dress, einen Schal und ein Chäppi geschenkt. Als ich mit dem ankam, fanden das meine Freunde so blöd, dass ich es in der Halbzeit wieder abgezogen habe.»

Hutter dachte an Mock, der gerade in diesem Moment seinen Kaninchen die ersten frischen Löwenzahnblätter durchs Gitter schob, denn dank Merenda (auf Pass von Sutter) und Pavlovics Tor des Monats führte St.Gallen in Bern schon 0:3 und Hutter stellte sich Ernst Burrens Ärger vor. «Nei! Usgrächnet gägä Sangauä!» Er fragte seinen Neffen, ob er Lust habe auf eine Pizza. Sie schlenderten locker die Marktgasse hinab und hatten keine Ahnung von YBs Anschlusstreffern zum 2:3. Beim Kino Scala fragte Hutter den Neffen: «Wenn Träume fliegen lernen, Renn Zebra renn, Die Tiefseetaucher oder Die wilden Kerle. Was willst du zum Geburtstag?»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog. Zu den Magazinen gehts hier lang, zu der Rubrik auf dem Blog hier lang.

Die aktuelle Episode «Zweni Alouf» erschien anlässlich des Heimspiels am 26. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Zürich.

Hutter & Mock


Der FC St.Gallen dümpelt auch nach den ersten Spielen der Rückrunde in der Saison 2004/05 in den untersten Tabellenrängen vor sich hin. Kein Wunder, dass sich Hutter & Mock in die Vergangenheit flüchten und über hitzige Spiele diskutieren.
Hutter und Mock im November

Hutter lief der Schweiss über den bleichen Körper. Mocks Kopf war ganz rot. Sie hockten auf den Holzpritschen, schwitzten und schwiegen. Hutter hatte einen trockenen Mund und atmete schwer. Er sah eine Riesenschlange vor dem Getränkestand. Nach fünf Minuten merkte er, dass er einem Becher Mineralwasser ganze zehn Zentimeter näher gekommen war, und er ging durstig zurück zu seinem Sitzplatz. Am Eingang hatten sie ihm die Flaschen mit seinen Getränkevorräten abgenommen. Am Gitter vor dem Fansektor wedelten einige mit Geldscheinen und baten die Menschen vor dem Stadion um etwas Flüssiges. Die Sonne brannte. Die Spieler auf dem Rasen nutzten jeden Unterbruch, um sich abzukühlen. – «Mock, was war das hitzigste Fussballspiel deines Lebens?» Mock liess sich Zeit. Plötzlich tauchten Stimmen und Farben auf. Rotblau gegen Grünweiss. Er roch altes, trockenes Holz und hörte aufgeregtes Murmeln. Dann brach es direkt über ihm los, ganz plötzlich, ein wildes Durcheinander von Flüchen, Schreine, Stampfen und Klatschen. Er sauste aus der Toilette hinauf zum Tribünenaufgang, vorbei an erhitzten und zornigen Gesichtern, und zwängte sich zwischen Vater und Grossvater auf die hölzerne Sitzbank. Vater schüttelte den Kopf, immer wieder, ein Spieler in rotblau trottete unter Pfiffen in die Garderobe. Grossvater stand auf, fuchtelte mit seinem Stock. «Nur Ärger mit den Tessinern, jedes Mal! Knochenbrecher, Schauspieler, Simulanten!» Dann passierte es: Nach einer weiteren roten Karte brach der Schiedsrichter das Spiel ab, einer der berüchtigten Riva-Brüder aus Chiasso stellte sich vor die Tribüne und zeigte dem St.Galler Publikum seinen Allerwertesten.

Hutter sah Mock fragend an: «Sag schon, was war die unglaublichste Szene, die du mit eigenen Augen miterlebt hast?» Mock sass neben seinem Vater auf der düsteren, alten Espenmoos-Holztribüne. Unten auf dem Feld setzte der deutsche Techniker Renner im Sonnenlicht endlich zu seinem berühmten Trick an: Ball hoch in die Luft, mit dem Nacken abstoppen, langsam abtropfen lassen, zurück zum Fuss – und das alles mitten im Spiel. Mock blickte zu seinem Vater, der den Kopf schüttelte und lächelte dabei.

«Verrückte Spiele? Klar, das 3:3 gegen Aarau im Cup, die perfekte Achterbahn der Gefühle. Akwuegbos Ausgleich in Genf – eine Wärmedusche an einem trostlosen, grauen Dezembersonntag. Amoahs 4:4 gegen GC in der Meistersaison, eine einzige Glücksbotschaft. Aber was wirklich unter die Haut ging?» Hutter schüttete Eukalyptuswasser über die heissen Steine. Es zischte und der Dampf breitete sich in der ganzen Kammer aus. Hutters Natel piepste. Tania schickte ihm ein SMS: «Ich friere. Du fehlst mir. Der FCZ spielt schlecht. So werden wir nie Meister.» Mock wusste genau, wann er sich das letzte Mal so richtig aufgeregt hatte. Es war nach dem kürzlichen Cup-Out gegen Aarau, als er die Auslosung erfahren hatte. Heimspiel gegen Luzern! Nun ausgerechnet für Aarau. «Hutter, jetzt fällts mir ein. Das irrste Tor! Das war doch dieser Iselin, Siegtreffer für Aarau im Cupfinal! Ein blinder Verzweiflungsschuss aus vierzig Metern, genau ins Lattenkreuz. Alle kennen nur diese eine Szene von Iselin, am nächsten Morgen ging er zur Arbeit, als wäre es die normalste Sache der Welt. Wunderbares Goal. Das machst du einmal in deinem Leben. Schön, wenn dir das im Cupfinal passiert.»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
«Kurort St.Gallen» im SENF #02
«Müll in der Marktgasse»
«Stöckl oder Zamorano»
«Rock im Stadion»
«Heiliger Ivan» im SENF #03
«Was dann?»
«Kiki, Trello und Philippe»
«Grünweisse Flotte»
«Rudi und Lolita» im SENF #04
«Schneetherapie»
Die aktuelle Episode «Spiel des Lebens» erschien anlässlich des Heimspiels am 24. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Aarau.

Hutter & Mock


Zur Winterpause der Saison 2004/05 stand der FCSG auf dem zweitletzten Platz, dem Barrange-Rang. Und zum ersten Spiel nach der Pause empfingen die Ostschweizer den FC Basel. Eigentlich bestand wenig Hoffnung auf Besserung. Doch dann kam Hilfe von oben…

Schneespiel

Hutter setzte sich im St.Galler Hauptbahnhof in den Regionalzug Richtung St.Fiden. Er boykottierte die St.Galler Verkehrsbetriebe: Gegen Aarau hatte Hutter wie gewohnt beim Marktplatz in den 3er einsteigen wollen, aber er hatte es nicht einmal aufs Trittbrett des überfüllten Bus geschafft. Er kam zu spät, verpasste Alex‘ Traumtor zum 1:1 und also «die fünf verrücktesten Startminuten, die es auf dem Espenmoos je gegeben hat», wie Mock behauptete. Hutter war missmutig, aber damit war er nicht allein: Ein Kondukteur machte am Sonntag Dienst nach Vorschrift und begann die Fussballfans im Zug zu kontrollieren. «Ich geh an den Match», sagte Hutter, als sich der eifrige Bahnbeamte vor ihm aufbaute. Jedes Kind dieser Stadt wusste, dass ein Match-Ticket ein Passepartout für den öffentlichen Verkehr auf Stadtgebiet bedeutete, nur dieser gewissenhafte Beamte schien das noch nicht mitbekommen zu haben: «Und wenn Sie mit dem Zug an den Genfer Autosalon fahren, so lösen Sie auch kein Bahnbillet, Sie Klugscheisser?» – Hutter hatte seinen ersten Adrenalinstoss schon eine halbe Stunde bevor der erste rotblaue Spieler den St.Galler Strafraum betrat. Was war eigentlich los? Warum hatten es alle frustrierten Menschen dieser Welt auf friedliche Fussballfans abgesehen? Welche geheimen, teuflischen Mächte waren hier am Werk? – Hutter drückte dem armen Mann in Bähnler-Uniform seinen grünweissen Schal in die Hand, umarmte ihn, wünschte ihm gute Gesundheit und stieg in St.Fiden aus dem Zug.

Mock tigerte schon vor dem Bierzelt herum. «In Bern bringen sie es nicht fertig, zehn Zentimeter Schnee vom Neufeld zu schaffen, aber die vorbildliche Ostschweiz arbeitet Tag und Nacht, bloss damit sich der Meister Basel auf dem Espenmoos ein bisschen einturnen kann vor dem kapitalen Uefacupspiel in Lille. Sind wir eigentlich alle verrückt geworden?» – Mocks Empörung war reine Show. Er hatte ein Elefantengedächtnis und wusste, dass St.Gallen auf Schnee meist besser aussah als der Gegner, dass also der weisse Zufall, unterkühlte Schiedsrichter und orange Fussbälle ein Herz für St.Gallen hatten. Wen interessierte es hier schon, wie man die Punkte holte, Hauptsache, man verscheuchte endlich dieses schreckliche Abstiegs-Barrage-Gespenst.

Die Schneetherapie wirkte: Das verhärmte, tieftraurige Publikum erwärmte sich beim Anblick der drei Neuen Hassli, Callà und Lopez und fand von Minute zu Minute zurück zu längst verlorener Lebensfreude. Eric Hassli traf im Stile eines grossen Goalgetters schon bei seinem ersten Schuss auf Zubis Tor zum 1:0. Julio Lopez bewegte sich wendig und entschlossen auf dem weissen Rasen, als hätte er nie andere äussere Bedingungen als Schnee und Eis gekannt und sich gerade deswegen für den FC St.Gallen entschieden. 2:0. Davide Callà schliesslich zauberte mit seinen Dribblings und Körpertäuschungen einen Hauch grossen Fussballs zurück aufs winterliche Espenmoos. 3:1.

«Souveräner Auftritt, fast so wie in der Meistersaison. Hutter, von mir aus kann dieser Winter ewig weitergehen!» Mock war richtig überschwänglich, Hutter kannte ihn kaum mehr. «Schnee, ich wünsche mir Schnee noch im Mai! Ich liebe Schnee.» Weisse Euphorie am selben Ort, wo bloss eine Woche früher alles düster und trostlos gewesen war. «Hutter, eigentlich müsste mir meine Krankenkasse die Saisonkarte bezahlen. Fussball tut gut, ich fühle mich wunderbar.»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03
– «Was dann?»
 «Kiki, Trello und Philippe»
 «Grünweisse Flotte»
– «Rudi und Lolita» im SENF #04

Die aktuelle Episode «Schneetherapie» erschien anlässlich des Heimspiels am 22. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Thun.

Hutter & Mock