Share on FacebookTweet about this on Twitter

Am 20. März 2005 gewann der FC St.Gallen zum letzten Mal in Bern. Hutter & Mock waren nicht vor Ort, aber trotzdem dabei.

Hutter und Mock

Hutter hoffte auf den grossen Coup: beruflich, privat, sportlich. Seine persönliche Erfolgsbilanz war niederschmetternd: Seit fünfzehn Jahren versuchte er vergeblich, den geklauten Globus aus Zürich zurückzuholen in sein Museum. 0:1. Seit zehn Jahren wünschte er sich vergeblich, dass Tanja nach St.Gallen zog und mit ihm zusammen eine Familie gründete. 0:2. Seit drei Jahren hoffte er vergeblich, dass der FC St.Gallen auswärts so auftrat wie zu Hause. 0:3. Hutter sass in seinem Wohnzimmer und feierte zusammen mit seinem Neffen Geburtstag. Sie spielten «Eile mit Weile». Hutter lag im Hintertreffen, sein zwölfjähriger Neffe kannte kein Erbarmen und schickte ihn konsequent zurück an den Start. Im Radio berichtete Toxic.fm direkt aus dem Berner Neufeld: «Die blonde Mähre Bruno Sutter ist ein ständiger Unruheherd in der St.Galler Verteidigung. Er hat und gibt sich Mühe. Aber besser einmal auffallen als nie: Warum nicht mit einer gelben Karte!» Hutter traute seinen Ohren nicht. Bei «Sport und Musik» hatten die Reporter auf Radio Beromünster einst Dramen erzählt, Heldensagen aus der Hölle St.Jakob, aus dem Hexenkessel Tourbillon und von den wunderbaren «Prinzen der Nacht» aus Lausanne. Toxic.fm war bekifftes Radio für Fussball-Fans unter sechzehn. Hutter wechselte die Frequenz.

Sein Neffe feierte den «Eile mit Weile»-Sieg mit einem Computer-Spiel. Hutter blätterte in den seltsamen Briefen, die er in den letzten Wochen erhalten hatte: «Die Liga gegen das Rauchen möchte sie auf eventuelle Spätfolgen hinweisen, die sich im gewiss kommenden Alter zeigen werden – vielleicht ist es dann zu spät –, möchten aber den Teufel nicht an die Wand malen und hoffen, dass wir sie an einem Nichtrauchertreffen einmal persönlich kennen lernen dürfen.» Hutter trank Alkohol, er war Fan des FC St.Gallen, er hatte offensichtliche gesundheitliche Risiken – aber er rauchte nicht! Wer kam auf die Idee, ihn nikotinfrei und endlich glücklich zu machen? Sein Neffe tippte ihm auf die Schuler. «0:1, Freistoss von Julio Lopez aus dreissig Metern.» Hutter öffnete ein Vollmond-Bier, wartete auf den YB-Ausgleich und las eine Geschichte mit dem Titel «Zweni Alouf» – nichts über Zinedine Zidane, sondern eine Nachricht vom 61-jährigen YB-Fan Ernst Burren. «Bi de Juniore hani immer aui Penautine gschosse. I ha jede versänkt. I ha aber ou immer gnue Alouf no. D Delia hät nüt vo Schutte wöue wüsse. Aber woni im letschte Lehrjohr s Schutte wäge ihre ha ufgä, isch si gli druf mit emene angere gange»: So wie Burren wollte Hutter alt werden: «Bin YB-Fan seit 1957. Ein primitives Interesse, ich bringe es einfach nicht weg. Zu meiner Frühpensionierung haben sie mir einen YB-Dress, einen Schal und ein Chäppi geschenkt. Als ich mit dem ankam, fanden das meine Freunde so blöd, dass ich es in der Halbzeit wieder abgezogen habe.»

Hutter dachte an Mock, der gerade in diesem Moment seinen Kaninchen die ersten frischen Löwenzahnblätter durchs Gitter schob, denn dank Merenda (auf Pass von Sutter) und Pavlovics Tor des Monats führte St.Gallen in Bern schon 0:3 und Hutter stellte sich Ernst Burrens Ärger vor. «Nei! Usgrächnet gägä Sangauä!» Er fragte seinen Neffen, ob er Lust habe auf eine Pizza. Sie schlenderten locker die Marktgasse hinab und hatten keine Ahnung von YBs Anschlusstreffern zum 2:3. Beim Kino Scala fragte Hutter den Neffen: «Wenn Träume fliegen lernen, Renn Zebra renn, Die Tiefseetaucher oder Die wilden Kerle. Was willst du zum Geburtstag?»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog. Zu den Magazinen gehts hier lang, zu der Rubrik auf dem Blog hier lang.

Die aktuelle Episode «Zweni Alouf» erschien anlässlich des Heimspiels am 26. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Zürich.

Hutter & Mock


Share on FacebookTweet about this on Twitter

Der FC St.Gallen dümpelt auch nach den ersten Spielen der Rückrunde in der Saison 2004/05 in den untersten Tabellenrängen vor sich hin. Kein Wunder, dass sich Hutter & Mock in die Vergangenheit flüchten und über hitzige Spiele diskutieren.
Hutter und Mock im November

Hutter lief der Schweiss über den bleichen Körper. Mocks Kopf war ganz rot. Sie hockten auf den Holzpritschen, schwitzten und schwiegen. Hutter hatte einen trockenen Mund und atmete schwer. Er sah eine Riesenschlange vor dem Getränkestand. Nach fünf Minuten merkte er, dass er einem Becher Mineralwasser ganze zehn Zentimeter näher gekommen war, und er ging durstig zurück zu seinem Sitzplatz. Am Eingang hatten sie ihm die Flaschen mit seinen Getränkevorräten abgenommen. Am Gitter vor dem Fansektor wedelten einige mit Geldscheinen und baten die Menschen vor dem Stadion um etwas Flüssiges. Die Sonne brannte. Die Spieler auf dem Rasen nutzten jeden Unterbruch, um sich abzukühlen. – «Mock, was war das hitzigste Fussballspiel deines Lebens?» Mock liess sich Zeit. Plötzlich tauchten Stimmen und Farben auf. Rotblau gegen Grünweiss. Er roch altes, trockenes Holz und hörte aufgeregtes Murmeln. Dann brach es direkt über ihm los, ganz plötzlich, ein wildes Durcheinander von Flüchen, Schreine, Stampfen und Klatschen. Er sauste aus der Toilette hinauf zum Tribünenaufgang, vorbei an erhitzten und zornigen Gesichtern, und zwängte sich zwischen Vater und Grossvater auf die hölzerne Sitzbank. Vater schüttelte den Kopf, immer wieder, ein Spieler in rotblau trottete unter Pfiffen in die Garderobe. Grossvater stand auf, fuchtelte mit seinem Stock. «Nur Ärger mit den Tessinern, jedes Mal! Knochenbrecher, Schauspieler, Simulanten!» Dann passierte es: Nach einer weiteren roten Karte brach der Schiedsrichter das Spiel ab, einer der berüchtigten Riva-Brüder aus Chiasso stellte sich vor die Tribüne und zeigte dem St.Galler Publikum seinen Allerwertesten.

Hutter sah Mock fragend an: «Sag schon, was war die unglaublichste Szene, die du mit eigenen Augen miterlebt hast?» Mock sass neben seinem Vater auf der düsteren, alten Espenmoos-Holztribüne. Unten auf dem Feld setzte der deutsche Techniker Renner im Sonnenlicht endlich zu seinem berühmten Trick an: Ball hoch in die Luft, mit dem Nacken abstoppen, langsam abtropfen lassen, zurück zum Fuss – und das alles mitten im Spiel. Mock blickte zu seinem Vater, der den Kopf schüttelte und lächelte dabei.

«Verrückte Spiele? Klar, das 3:3 gegen Aarau im Cup, die perfekte Achterbahn der Gefühle. Akwuegbos Ausgleich in Genf – eine Wärmedusche an einem trostlosen, grauen Dezembersonntag. Amoahs 4:4 gegen GC in der Meistersaison, eine einzige Glücksbotschaft. Aber was wirklich unter die Haut ging?» Hutter schüttete Eukalyptuswasser über die heissen Steine. Es zischte und der Dampf breitete sich in der ganzen Kammer aus. Hutters Natel piepste. Tania schickte ihm ein SMS: «Ich friere. Du fehlst mir. Der FCZ spielt schlecht. So werden wir nie Meister.» Mock wusste genau, wann er sich das letzte Mal so richtig aufgeregt hatte. Es war nach dem kürzlichen Cup-Out gegen Aarau, als er die Auslosung erfahren hatte. Heimspiel gegen Luzern! Nun ausgerechnet für Aarau. «Hutter, jetzt fällts mir ein. Das irrste Tor! Das war doch dieser Iselin, Siegtreffer für Aarau im Cupfinal! Ein blinder Verzweiflungsschuss aus vierzig Metern, genau ins Lattenkreuz. Alle kennen nur diese eine Szene von Iselin, am nächsten Morgen ging er zur Arbeit, als wäre es die normalste Sache der Welt. Wunderbares Goal. Das machst du einmal in deinem Leben. Schön, wenn dir das im Cupfinal passiert.»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
«Kurort St.Gallen» im SENF #02
«Müll in der Marktgasse»
«Stöckl oder Zamorano»
«Rock im Stadion»
«Heiliger Ivan» im SENF #03
«Was dann?»
«Kiki, Trello und Philippe»
«Grünweisse Flotte»
«Rudi und Lolita» im SENF #04
«Schneetherapie»
Die aktuelle Episode «Spiel des Lebens» erschien anlässlich des Heimspiels am 24. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Aarau.

Hutter & Mock


Share on FacebookTweet about this on Twitter

Zur Winterpause der Saison 2004/05 stand der FCSG auf dem zweitletzten Platz, dem Barrange-Rang. Und zum ersten Spiel nach der Pause empfingen die Ostschweizer den FC Basel. Eigentlich bestand wenig Hoffnung auf Besserung. Doch dann kam Hilfe von oben…

Schneespiel

Hutter setzte sich im St.Galler Hauptbahnhof in den Regionalzug Richtung St.Fiden. Er boykottierte die St.Galler Verkehrsbetriebe: Gegen Aarau hatte Hutter wie gewohnt beim Marktplatz in den 3er einsteigen wollen, aber er hatte es nicht einmal aufs Trittbrett des überfüllten Bus geschafft. Er kam zu spät, verpasste Alex‘ Traumtor zum 1:1 und also «die fünf verrücktesten Startminuten, die es auf dem Espenmoos je gegeben hat», wie Mock behauptete. Hutter war missmutig, aber damit war er nicht allein: Ein Kondukteur machte am Sonntag Dienst nach Vorschrift und begann die Fussballfans im Zug zu kontrollieren. «Ich geh an den Match», sagte Hutter, als sich der eifrige Bahnbeamte vor ihm aufbaute. Jedes Kind dieser Stadt wusste, dass ein Match-Ticket ein Passepartout für den öffentlichen Verkehr auf Stadtgebiet bedeutete, nur dieser gewissenhafte Beamte schien das noch nicht mitbekommen zu haben: «Und wenn Sie mit dem Zug an den Genfer Autosalon fahren, so lösen Sie auch kein Bahnbillet, Sie Klugscheisser?» – Hutter hatte seinen ersten Adrenalinstoss schon eine halbe Stunde bevor der erste rotblaue Spieler den St.Galler Strafraum betrat. Was war eigentlich los? Warum hatten es alle frustrierten Menschen dieser Welt auf friedliche Fussballfans abgesehen? Welche geheimen, teuflischen Mächte waren hier am Werk? – Hutter drückte dem armen Mann in Bähnler-Uniform seinen grünweissen Schal in die Hand, umarmte ihn, wünschte ihm gute Gesundheit und stieg in St.Fiden aus dem Zug.

Mock tigerte schon vor dem Bierzelt herum. «In Bern bringen sie es nicht fertig, zehn Zentimeter Schnee vom Neufeld zu schaffen, aber die vorbildliche Ostschweiz arbeitet Tag und Nacht, bloss damit sich der Meister Basel auf dem Espenmoos ein bisschen einturnen kann vor dem kapitalen Uefacupspiel in Lille. Sind wir eigentlich alle verrückt geworden?» – Mocks Empörung war reine Show. Er hatte ein Elefantengedächtnis und wusste, dass St.Gallen auf Schnee meist besser aussah als der Gegner, dass also der weisse Zufall, unterkühlte Schiedsrichter und orange Fussbälle ein Herz für St.Gallen hatten. Wen interessierte es hier schon, wie man die Punkte holte, Hauptsache, man verscheuchte endlich dieses schreckliche Abstiegs-Barrage-Gespenst.

Die Schneetherapie wirkte: Das verhärmte, tieftraurige Publikum erwärmte sich beim Anblick der drei Neuen Hassli, Callà und Lopez und fand von Minute zu Minute zurück zu längst verlorener Lebensfreude. Eric Hassli traf im Stile eines grossen Goalgetters schon bei seinem ersten Schuss auf Zubis Tor zum 1:0. Julio Lopez bewegte sich wendig und entschlossen auf dem weissen Rasen, als hätte er nie andere äussere Bedingungen als Schnee und Eis gekannt und sich gerade deswegen für den FC St.Gallen entschieden. 2:0. Davide Callà schliesslich zauberte mit seinen Dribblings und Körpertäuschungen einen Hauch grossen Fussballs zurück aufs winterliche Espenmoos. 3:1.

«Souveräner Auftritt, fast so wie in der Meistersaison. Hutter, von mir aus kann dieser Winter ewig weitergehen!» Mock war richtig überschwänglich, Hutter kannte ihn kaum mehr. «Schnee, ich wünsche mir Schnee noch im Mai! Ich liebe Schnee.» Weisse Euphorie am selben Ort, wo bloss eine Woche früher alles düster und trostlos gewesen war. «Hutter, eigentlich müsste mir meine Krankenkasse die Saisonkarte bezahlen. Fussball tut gut, ich fühle mich wunderbar.»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03
– «Was dann?»
 «Kiki, Trello und Philippe»
 «Grünweisse Flotte»
– «Rudi und Lolita» im SENF #04

Die aktuelle Episode «Schneetherapie» erschien anlässlich des Heimspiels am 22. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Thun.

Hutter & Mock


Share on FacebookTweet about this on Twitter

Es läuft immer noch nicht rund beim FC St.Gallen, Ausgabe 2004/05. Zwar konnte Thun zuhause bezwungen werden, das Auswärtsspiel in Basel endete aber wenig überraschend mit einer Niederlage. Im letzten Heimspiel der Hinrunde gegen den FC Aarau ging es deshalb auch darum, nicht auf einem Abstiegsplatz überwintern zu müssen. Hutter hatte sich etwas Besonderes ausgedacht, um die Südkurve und damit die Mannschaft anzuspornen: Eine Armada aus Papierschiffchen.

Papierschiffchen

Hutter stopfte die Hosenstösse in die Gummistiefel und kletterte auf der Eisenleiter hinunter zur Steinach. Mock lehnte müde am Geländer bei der Talstation des Mühleggbähnli und schaute lustlos hinab. «Nein Hutter, ich komme nicht mit. Abgemacht war eine kulturelle Stadtwanderung. Das aber ist billiger Erlebnis-Quatsch. Ausserdem beginnt der Match in 90 Minuten.» Hutter kannte den störrischen Mock. Er versuchte es auf die sanfte Tour: «Lieber Mock, du stehst an der Wiege dieser grossartigen Stadt. Hier hat alles begonnen, hier hat Gallus den Bären gefüttert und seine Einsiedlerzelle gezimmert. Ohne dieses Wunder gäbe es kein Espenmoos und keine Gegentribüne und wir hätten uns gar nie kennen gelernt. Komm schon, Mock.»

Hutter kannte sich gut aus in der St.Galler Unterwelt. Seine Stadt-St.Galler Cousins hatten ihm als Kind alle Zugänge gezeigt, stundenlang waren sie mit Taschenlampe unterwegs gewesen. «Hutter, es stinkt, so kann ich mich beim besten Willen nicht auf ein Fussballspiel vorbereiten. Warum zeigst du mir diesen Dreck da unten?» – «Aus zwei Gründen, Mock: Die Steinach wird völlig unterschätzt. Was hat die giftige Sitter mit St.Gallen zu tun? Nichts. Dieses Wasser hier heilt und gibt Kraft – auch verzagten Fussballfans vor kapitalen Partien. Zweitens: Du sollst endlich die Seele der Stadt St.Gallen kennen lernen. Dazu muss man herabsteigen in die Geschichte. Das tun wir gerade.»

Mock trottete wie ein müder Bär hinter Hutter her. Es war still. Die Steinach gurgelte, die Schritte hallten. Mock dachte an den Basel-Match vom letzten Wochenende. St.Gallen hatte drei richtige Torchancen gehabt in neunzig Minuten: Alex‘ Schuss ging daneben, Akwuegbo scheiterte allein vor Zubi und Schickers sehenswerter und korrekter Ausgleich wurde vom Schiedsrichter wegen Offside annulliert. Ohne Punkte heute gegen Aarau würden Mock und der FCSG wohl auf einem Abstiegsplatz überwintern. Frohe Weihnachten!

Mock blieb vor einem Schacht stehen. «Hutter, mir reichts. Ich will raus hier, hinauf ans Licht. Bis nachher im Bierzelt. Danke für deine Bemühungen.» Hutter hielt ihn fest, öffnete seinen Rucksack und drückte Mock einen Sack mit grünweissen Papierschnipseln und Papierschiffchen in die Hand. «Komm, hilf mir bei meiner kleinen Überraschung für die Südkurve. Die grünweisse Steinach wird die jungen Menschen auf ihrem Weg zum Sektor Grün aufheitern und zu weiteren grossartigen Choreos anspornen. So helfen wir mit, den Abstieg zu vermeiden.» Mock setzte die Papierboote vorsichtig ins kalte Wasser, beleuchtete die schwankende Papier-Armada mit seiner Taschenlampe und schrie dazu: «Allez, SG, allez! Mer wered immer zämestoh.»

Hutter schaute auf die Uhr. «Wir kommen nun zum Höhepunkt und Abschluss unserer Stadtführung. Wir befinden uns unter dem Bahnhof St.Fiden, wo in diesen Minuten Tausende aus allen Ecken der Ostschweiz ankommen und hinüber zum Espenmoos strömen.» Dann sahen sie Licht, das mit jedem Meter grösser und heller wurde. Beim Tunnelausgang mischte sich das Rauschen der Steinach mit den Liedern, die von der Südkurve hinunter geweht wurden. Grünweisse Schiffe tanzten auf dem Wasser.

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03
– «Was dann?»
 «Kiki, Trello und Philippe»

Die aktuelle Episode «Grünweisse Flotte» erschien anlässlich des Heimspiels am 17. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Aarau.

Hutter & Mock


Share on FacebookTweet about this on Twitter

Nach dem 2:2 zuhause gegen Aarau war der FC St.Gallen nach 12 Spieltagen in der Saison 2004/05 weiterhin tief im Abstiegssumpf. Trotzdem traten Hutter & Mock die weite Reise zum Auswärtsspiel gegen Neuchâtel Xamax an. Die Neuenburger empfingen in jener Saison die Gäste aus der Ostschweiz wegen des Neubaus der Maladière im Exil in La Chaux-de-Fonds. Geholfen hat die Präsenz von Hutter & Mock auf der Jura-Hochebene nicht. Der FCSG verlor erneut und fand sich nun ganz zuhinterst in der Tabelle wieder.

Charriere in La Chaux-de-Fonds

Hutter staunte über die imposanten Felsen an den Jurahängen. Mock drehte an seiner Bierflasche und studierte die Resultate der Bundesliga. Hutter startete einen weiteren Versuch, mit Mock ein ernsthaftes Gespräch anzufangen. «Wie heisst das Stadion des FC Biel?» – «Gurzelen! Hutter, ich weiss, dass du alle welschen Stadien schon wegen ihrer Namen viel charmanter findest. Auf der Fontanette, der Charrière und der Pontaise wird genauso geholzt wie auf dem Espenmoos, dem Brügglifeld oder dieser blöden Gurzelen.» Hutter liess nicht locker und schickte die nächste Frage hinterher: «Welche beiden Klubs stiegen 1972 aus der Nati A ab?» – «Biel und Luzern. St.Gallen hatte sich in einem dramatischen Entscheidungsspiel 4:2 gegen Luzern durchgesetzt. Heinz Biglers Tor werde ich nie vergessen.» Nun war Mock richtig bei der Sache. Hutter setzte nach: «Dritte und letzte Frage: Was macht der wahre Fussball-Fan, wenn sein Klub am Abgrund steht?» Mocks Antwort kam prompt: «Er geht in den Garten, holt frischen Lauch und kocht daraus einen Gratin mit Schinken, Rahm und Steinpilzen für die Spieler des Fanionteams.» Dann schwieg Mock erneut.

Draussen rauschte die Taubenloch-Schlucht vorbei, dahinter öffnete sich das St.-Immer-Tal mit den verlassenen Fabrikgebäuden und einsamen Bauernhöfen. Hinter den Hügeln lag La Chaux-de-Fonds. Als St.Galler wusste man wenigstens, wem man seinen kalten Wohnort im Hochtal der Steinach zu verdanken hatte. Wer zum Himmel aber kam auf die verrückte Idee, eine Stadt für vierzigtausend Menschen auf einer Jura-Hochebene zu bauen? Hutter und Mock spazierten durch die menschenleere Avenue und hinaus durch die einfache Vorstadt zum «Stade de la Charrière», temporäres Exil von Xamax und ein Bijou im Ballenberg-Museum des Schweizer Fussballs. Sie suchten sich Plätze auf der Gegentribüne, einem hellbraun gestrichenen Betonklotz aus den Sechzigerjahren, der die ungemütliche Bise wie eine Talsperre zurückhielt. Nun hatten sie freie Sicht auf das holprige und mit gelbem Laub übersäte Spielfeld, auf dem manch grosser Spieler zu Hause war: «Kiki» Antenen! Schoss La Chaux-de-Fonds 1964 zum letzten Schweizer Meistertitel. – Trello Abegglen! War in Sochaux ein Star nach sechs Toren in einem Match, wechselte als Spielertrainer auf die Charrière und starb tragisch bei einem Zugunglück. – Wehmut machte sich nach wenigen Spielminuten auch bei den St.Galler Anhängern breit. Geschenkter Penalty für Xamax, 1:0 durch den Ex-St.Galler Jefferson. Der fleissige Rathgeb prüfte den eigenen Goalie Wüthrich mit einer hohen Rückgabe, M’Futi profitierte – 2:0. Margairaz‘ verunglückte Direktabnahme landete ausgerechnet auf dem Kopf von Jefferson – 3:0.

Mock holte sich einen Hamburger, ass einen Biss davon und merkte, dass das Fleisch innen noch roh war. Fabinho donnerte den Ball frei stehend über das Tor und aus dem St.Galler Gästesektor stieg schwarzer Rauch zum Himmel. Mock entdeckte unter den Zuschauern auf den Stehplätzen einen weiteren grossen Neuenburger Fussballer, den «Marathon-Man» Philippe Perret. Sechzehn Saisons lang hatte der für Xamax seine Knochen hingehalten. Er war 539-mal in Schwarz-rot angetreten und feierte nach dem 3:0 seine würdigen Nachfolger auf dem Feld, zusammen mit den «Young Tigers» hinter dem Tor. Die hatten ein Transparent aufgehängt: «Les gens comme nous ne meurent jamais» – «Leute wie wir sterben nie».

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03
– «Was dann?»

Die aktuelle Episode «Kiki, Trello und Philippe» erschien anlässlich des Heimspiels am 15. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Thun.

Hutter & Mock

Foto: chaux-de-fonds.ch