Am 22. Oktober 2005 verliert der FC St.Gallen gegen Küssnacht am Rigi, ein Team aus der 2. Liga interregional. Die Erwähnung des Schwyzer Orts reisst heute noch tiefe Wunden bei jedem FCSG-Fan auf. Kein Wunder hatte sich Hutter schon kurz nach Abpfiff in eine Traumwelt geflüchtet.

Hutter setzte sich in den Voralpenexpress und döste ein. Schon kurz nach Küssnacht war er weit weg. Er trieb sich bei den Flugzeugen im Lustenauer Rheinvorland herum. Wenn er einmal gross wäre, würde es endlich klappen. Einmal mitfliegen! Aus dem Flugzeug drückte ihm einer Geld in die Hand. «Gang mer a Biir gi hoola, dänn kascht mitkoa!» Es war der übliche Scherz des Piloten, der auf billige Art zu seiner Pausenverpflegung kommen wollte. Enzo Hutter kam mit der Flasche Bier zurück zur Maschine und der Pilot liess ihn einsteigen. Das Flugzeug startete, holperte über die Graspiste und hob ab. Der Pilot zog in einer Kurve über den Rhein und Hutter sah das Dorf von oben: Kanal, Wohnhaus und Fussballplatz. Das grüne Rechteck war eingerahmt von vielen schwarzen Punkten. Hutter war der einzige Dorfbewohner, der jetzt nicht dort unten schrie und tobte. Ganz Widnau hatte sich auf den Besuch des FC St.Gallen gefreut. Es war das Spiel des Jahres: Stadt gegen Land. Und Widnau lachte, denn diese Meisterschafts-Partie hätte es doch gar nie geben dürfen, aber das grosse St.Gallen spielte ja schon seit fünf Jahren in der 1. Liga, und jetzt sogar gegen die Feierabendfussballer aus Widnau! Gegen die vom Rhein! – Deren Fussballplatz bei Hochwasser überschwemmt wurde. Die noch mit Schaufel und Spaten ausrücken mussten, um den Rasen bespielbar zu machen! Lächerlich. Der Pilot drehte ein paar Runden, kehrte sicher zurück zur Landepiste am Rhein und Hutter rannte am Zoll vorbei auf direktem Weg nach Hause.

Hutter hörte, wie sein Vater vom Match berichtete. Ein junger St.Galler Journalist hatte sich in der Zeitung über den bescheidenen FC Widnau lustig gemacht. Ein paar Hitzköpfe wollten sich dafür persönlich beim ahnungslosen jungen Mann aus der Stadt bedanken. Als dann das Spiel wirklich so lief, wie es die Zeitung aus der Hauptstadt vorausgesagt hatte – Widnau hatte keine Chance –, da wurde der junge Journalist beschimpft und bedrängt. Von ein paar unzimperlichen Widnauer Burschen bekam er den freundlichen Rat, sich besser nie mehr auf diesem Platz blicken zu lassen. Der junge Schreiberling, Sohn eines italienischen Maurers, packte seine Notizen, rückte die Brille zurecht, eilte auf den Bahnhof und fuhr mit dem nächsten Zug zurück in die Stadt. «Der Fussball macht euch noch ganz verrückt», sagte die Mutter zum Vater. Sie war froh, dass Sohn Enzo sich lieber hinter Büchern vergrub. Was hätte der Vater heute gesagt, nach diesem Cup-Match in Küssnacht? Er hörte ihn und seine unverwechselbare tiefe Stimme: «Sangalla – gschiid reda und tumm välüüra.» Der Zug hielt in Arth-Goldau und Hutter schreckte auf. Mock schwieg noch immer und schaute aus dem Fenster. Hutters Neffe spielte mit dem Natel.

Der Zug kroch hinauf Richtung Rothenturm. Hutter tauchte wieder weg. Er ging in Shorts und T-Shirt an ein südamerikanisches Stadt-Derby – Colo Colo gegen Universidad. Seine Freunde hatten ihn zu dieser Veranstaltung gezwungen. Sonst werde der «profesor suizo» Chile nie verstehen können. Hutter war überwältigt. Auf der Haupttribüne beschimpften unauffällige und gewöhnliche Menschen den Gegner mit einer Hingabe und Liebe zu ihrem eigenen Klub, wie es Hutter bisher nur aus dem Theater gekannt hatte. Hutter war elektrisiert und von da an jedes Wochenende mit dabei im Stadion. Plötzlich rüttelte Mock an Hutters Schulter und sagte mit einem Lächeln: «Biberbrugg, Reisene zur Schwarzen Madonna von Einsiedeln bitte umsteigen!» Der Neffe legte das Natel auf die Ablage und seufzte: «So ein Mist, die Herbstferien sind vorbei, am Montag fängt die Schule wieder an.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Tiefflug» erschien anlässlich des Heimspiels in der 13. Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Schaffhausen.

Hutter & Mock


Mit dem Sieg auswärts bei Neuchâtel Xamax hatte sich der FC St.Gallen etwas Luft verschafft im Abstiegkampf der Saison 2005/06. Mock zeigte schon wieder verhaltenen Optimismus: Drei Spiele, sieben Punkte und Basel ärgern wollte er sich vornehmen.

Hutter bummelte durch die Gassen. Er suchte verzweifelt nach kleinen Aufmunterungen, nach winzigen Signalen, nach kleinen Zeichen des Aufschwungs. Seit Wochen sprach die Schweiz nur von den Rotjacken und deren Betriebsunfällen. Daneben war alles egal: Brühls 1:9 gegen einen jämmerlichen Klub von der Zürcher Goldküste. – Schwamm drüber. Goalie Razzettis Aussetzer gegen YB. – Na und, auch Stefano macht mal einen Fehler. Gimenez Arbeitsverweigerung in Bremen. – So ist das Leben, voller Überraschungen.

Hutter trat in den «Tibet Corner» und entspannte sich. Er bestellte ein paar Momos. Von den Wänden strahlte ihm Dorjee Tsawa entgegen. Hutter staunte über die lange Reise des unerschrockenen Kämpfers, der seine technischen Mängel überall mit unglaublichem Einsatz kompensierte. St.Gallen, Zürich, Neuchâtel, Schaffhausen. Quer durch die Schweiz und ganz langsam wieder zurück nach Hause. Neben den eleganten Holländern Regtop und Vurens war damals auch genug Platz für einen aus der Gegend, einen wie Tsawa. Trainer Hegi hatte die 98er-Mannschaft aus Charakterköpfen gebildet: der ruhige, besonnene Zwyssig, der geniale und aufreizend langsame Slawtschew, der provokative Antreiber Stiel. Hutter hatte Mock nach dem 98er-Fiasko versprochen, dass er auch zu Fuss an den nächsten Cupfinal von St.Gallen reise. Dass er auch barfuss gehe. Oder zwischendurch auf den Knien. Bald wäre er pensioniert und hätte alle Zeit dafür.

Hutter war wieder auf der Strasse und griff ein Buch mit einem roten Umschlag aus dem Discount-Korb der Buchhandlung. «Tischgespräche» – Neue Wahrheiten eines Befreiungstheologen aus Brasilien? Weisheiten von Fidel Castro oder Hillary Clinton? Nein, für zwölf Franken konnte sich Hutter einfühlen in die empfindliche Verdauung der Schweizer Nationalmannschafts-Helden. Dabei entdeckte er unerwartete Gemeinsamkeiten: Marco Streller war ihm auf Anhieb hochsympathisch, denn er hatte immer genügend Raclettekäse und einige kleine Bierchen in seinem Kühlschrank. Endlich wusste Hutter auch, warum Alex Frei ein pfeilschneller Goalgetter war und Mock nur ein schwerfälliger Verteidiger. Bei Frei war bei jedem Essen Salat mit dabei. Und plötzlich konnte sich Hutter auch die eklatanten Leistungsschwankungen von Daniel Gygax erklären: Wahrscheinlich hatte Gygax kurz vor dem Match noch Dusty und Lucy, seine zwei Chihuahua-Hündchen, Gassi führen müssen.

«Perfekte Vorbereitung, Hutter, dabei ist das Frankreich-Spiel ja erst in einem Monat.» Mock hatte Hutter im dümmsten Moment erwischt. Er kostete den Moment aus. Hutter ging sofort in die Offensive. «Wenn du errätst, welcher Spieler sich mit ‘Lasagne à la Mama’ bei Laune hält, dann lade ich dich zu einem ‘Kalbskopf à la Enzo’ ein.» Mock wich aus. «Hutter, arbeitest du eigentlich noch oder stöberst du bloss den ganzen Tag in Wühlkisten und kaufst doch nie etwas? – Es ist mir übrigens wurstegal, wie sich überbezahlte Schweizer Fussballprofis ernähren. Es ist mir auch gleichgültig, wer für die Schweiz im Tor steht. Aber ich will endlich drei anständige Spiele des FC St.Gallen sehen, und zwar direkt hintereinander.» Mock faltete den Spielplan auf. «Yverdon, Zürich, Aarau, das macht sieben Punkte. Das Feld von hinten her aufrollen, unbemerkt, und Zubis rotblaue Schar endlich wieder gehörig ärgern.» Hutter schüttelte Mocks Arm. «Gratuliere zum Kalbskopf, du hast gewonnen: Lasagne à la Mama ist das Lieblingsgericht von Pascal Zuberbühler, genannt Zubi.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Kalbskopf à la Enzo» erschien anlässlich des Heimspiels in der neunten Runde der Saison 2005/06 gegen den Yverdon-Sport FC.

Hutter & Mock


Auswärts gegen GC verloren und dann regnet es in St.Gallen auch noch. Keine einfachen Tage für Hutter & Mock.

Regen

Hutter trabte allein durch den Regen. Beim Joggen konnte er es einfach nicht abstellen, die Melodien den Südkurve verfolgten ihn: «Grünweiss ist unser Leben» und «Allez, SG, allez» und wieder «Grünweiss ist unser…». Hutter hatte von Tanja eine original FCSG-Regenjacke geschenkt bekommen. Nun joggte er als grüner Punkt durch den feuchtgrünen Wald und über hellgrüne Wiesen. Es war klar, warum dieser Verein in grünen Trikots auflief. Es gibt nichts anderes, die Ostschweiz denkt grün.

Hutter hasste den Regen. Er wollte weg. In Palermo spielten sie in rosa Trikots, in Buenos Aires in Himmelblau. Er wollte an die Sonne, nur weg aus diesem kalten Regenloch. Wie sollte er hier glücklich werden? Wo der Wein wächst, da fühlte er sich wohl. Hier reichte es für sauren Most. Kein Wunder, zieht es mediterrane Menschen fort aus dieser Stadt. So wie Gérard Castella! Der fühlt sich doch auf jedem Fussballplatz der Westschweiz wie zu Hause und hat erst noch Erfolg. Versucht sich der gleiche Castella dreihundert Kilometer weiter östlich als Trainer in der Regenzone, erleidet er fürchterlichen Schiffbruch und flüchtet nach wenigen Monaten zurück in die Romandie. Woran es liegt? Warum startet Castella in Lausanne mit einer namenlosen Truppe durch – mit einer erfrischenden und sympathischen Unbeschwertheit von der zweiten Liga Richtung Axpo Super League? Der gleiche Castella, der in St.Gallen unsicher und gehemmt wirkte? Hutter stampfte durch die Steinach-Schlucht hinab zum Kloster. «Seelenwärmer» hatten sie dort auf ein Transparent an der Stiftsbibliothek geschrieben. Das gehörte eigentlich auf die Südkurve: Als Motto für die Saison 05/06. Hutter trat durch den Hintereingang in die Kathedrale, ging unter der Empore durch und verliess die Kirche beim vorderen Seiteneingang. Zwei Minuten ohne Regen. Wem ist es eigentlich wohl in dieser Stadt? Den Deutschen! Hört man nicht gerne in der Regen-Stadt, weil dort zu viel Deutschfreundlichkeit unschick ist. Aber es stimmt: Mit Albert Sing zum Cupspiel, mit Helmuth Johannsen in den Uefa-Cup und mit Ralf Loose heraus aus der Depression zurück zu neuer Glaubwürdigkeit.

Wie hätten andere Trainer die ärgerliche 1:3-Niederlage auf dem Hardturm kommentiert? – Sie hätten die ganze Schuld der Mannschaft in die Schuhe geschoben, die halt nicht gemacht habe, was der Trainer verlangt hatte. Was tat Loose? Er analysierte sachlich – «bei so viel Aufwand können wir mit dem Resultat nicht zufrieden sein» – und dann sagte Loose einen Satz, wie ihn Hutter seit Monaten nicht mehr gehört hatte und der ihn mit der Niederlage versöhnte: «Man muss nicht nur im Erfolg, sondern auch in der Niederlage Leidenschaft zeigen.» Endlich wieder einer, der Fussball lebt! Hutter schloss die Wohnungstür leise auf. Amoah und Rubio strichen sofort um seine nasse Trainerhose. Mock schnarchte auf dem Sofa. Er hatte Hutter morgens um zwei aus dem Tiefschlaf geweckt. «Die Stadt feiert ein Fest und du bist ganz allein zu Hause, aber Hutter, das darf doch nicht wahr sein.» Sie hatten zusammen ein Bier getrunken am Küchentisch, und Mock hatte Hutter die Niederlage bei GC ganz einfach erklären können: «Zürich! Da fühlen sich unsere Leute einfach nicht wohl, da ist keine Leidenschaft. Am besten spielen sie zu Hause im Espenmoos, bei Wind und Regen. Das kennen und lieben sie. Und wenn sie den Atem des Publikums spüren, dann geben sie alles. Hutter, so ist St.Gallen.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Seelenwärmer» erschien anlässlich des Heimspiels in der siebten Runde der Saison 2005/06 gegen die Berner Young Boys.

Hutter & Mock


Nach der 1:3-Niederlage gegen den FC Zürich im ersten Spiel nach der Winterpause entwickelte sich der Start der Saison 2005/06 doch noch gut. St.Gallen gewann in Aarau mit 4:1 und zuhause gegen Thun mit 5:1. Hutter & Mock machten sich auf dem Wasserweg auf zum Auswärtsspiel in Schaffhausen, wo sie einen weiteren Sieg der St.Galler zu bejubeln hofften.

schaffhausen

Hutter sah auf die Uhr, dann auf das grüne Ufer. Er sah weit und breit nichts von einer Stadt. Mock paddelte und plapperte. «Gleich sind wir beim Kloster Paradies, Hutter, und keine Stunde später sitzen wir schon auf der Breite. Es ist wunderbar!» Für Hutter war der Ausflug mit Mock und dem Gummiboot eine einzige Zwängerei. «Ich friere und langweile mich, wir sind zu spät und verpassen garantiert den Anpfiff. Aber Hauptsache, unserer Ruderer hat seinen Spass.»

Mock zog an einer Schnur, fischte eine Flasche Bier aus dem Rhein und reichte sie Hutter. «Wir haben vor einer Woche den FC Thun zerzaust, das sensationelle Thun, das nach dem Sieg gegen Dynamo Kiew überall ins Herz geschlossen wird. Aber auch auf dem Espenmoos wird wieder gelacht. Und darum wird in Schaffhausen alles rund laufen, Zuversicht, Hutter.» – «Und spätestens nach zwei Niederlagen in Folge ist die Party dann leider schon wieder zu Ende und die nächste mehrjährige Fastenzeit beginnt. Mock, woher nimmst du bloss deinen unglaublichen Optimismus?» Mock ruderte heftig, auf seiner Stirn perlte der Schweiss. Er strahlte: «Garat! Tönt doch genau so, wie ein Verteidiger zu spielen hat: Unerbittlich, kompromisslos und doch verführerisch wie ein seltenes Juwel. Bei Koubsky seh ich den tschechischen Europameister Ladislav Jurkemik vor mir und seine unerreichte Zuverlässigkeit. Cerrone – ein stürmischer Wirbelwind – zusammen mit Gjasula, Marazzi, Callà, den Routiniers Alex, Zellweger und Razzetti und dem Ballartisten Hassli ist der FCSG Ausgabe 2005 endlich wieder eine Mannschaft, glaub mir!»

Hutter streckte sich, schloss die Augen und versuchte sich zu entspannen. Mit Schaffhausen verband er keine guten Erinnerungen. Hier war St.Gallen der ungeliebte Favorit, dem man gerne ein Bein stellte und sich darüber ausserordentlich diebisch freute. Nicht ohne Grund: Wer auf dem Espenmoos nicht genügt hatte, durfte es in Schaffhausen probieren und war entsprechend motiviert. Eigentlich mochte Hutter solche Teams, nur blöd, dass es im Fussball immer nur drei Punkte zu verteilen gab, egal ob der Gegner sympathisch oder verhasst war.

Familie Mock hatte den Ausflug nach Schaffhausen genau geplant: Im Paradies steuerte Mock das Ufer an, auf dem Parkplatz verpackte Frau Mock das Schlauchboot im Kofferraum, während sich die beiden Fussballfans in ihre Arbeitskleidung stürzten.

Fünf Minuten vor Spielbeginn hatte das Trio die Plätze hinter dem Tor von Razzetti bezogen und nun strahlte auch Hutter. Bruno Sutter durfte den gesperrten Marazzi vertreten. Hutter nervte sich über die doofen Kommentare der eigenen Fans, die nur darauf warteten, dass Sutter möglichst viel misslang. Mock erklärte seiner Frau eine Halbzeit lang, wie all die neuen St.Galler heissen und woher sie kommen. «Jetzt gehts los», sang das St.Galler Jungvolk nach dem 1:0 von Gjasula und setze den FCSG bereits an die Tabellenspitze. Dann fällte der heissblütige Cerrone den wackeren Tsawa – rote Karte und plötzlich war es wieder wie all die Jahre zuvor. Mit Hängen und Würgen brachten die zehn Grünweissen nach dem 1:1 wenigstens einen Punkt ins Trockene. Hutter seufzte nach dem Schlusspfiff: «Alles wie gehabt.» Mock dagegen strahlte noch immer und überhörte Hutters Zweifel: «Ein Auswärtspunkt, wunderbar! Die Mannschaft hat Moral. Wir sind auf Kurs.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Parkplatz im Paradies» erschien anlässlich des Heimspiels in der fünften Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Basel.

Hutter & Mock


Bild von Schaffhausen: CC BY-SA 3.0, Link

 


Am Ende der Saison 2004/05 war der FC St.Gallen vier Punkte vom Barrageplatz entfernt. Deshalb hatte er mit diesem Entscheidungsspiel nichts zu tun. Hutter und Mock wollten es sich trotzdem ansehen, auch wenn sich Schaffhausen und Vaduz um den letzten verbliebenen Platz in der Super League duellierten.

Rheinpark

Hutter wollte die verzweifelte Kassierin umarmen und trösten. Eine Glasscheibe hinderte ihn daran. Die Frau sass vor einer halbvollen Kasse, zeigte auf den leeren Tisch daneben, schüttelte den Kopf und versuchte erfolglos mit dem Funkgerät irgend jemanden ausserhalb der Kabine zu erreichen. Sie war kurz vor einem Nervenzusammenbruch und wiederholte in einem fort den gleichen Satz: «I ha koo Billet mee, usverkooft.» Hutter hatte volles Verständnis für die Kassierin in ihrer unangenehmen Situation und begegnete ihr deshalb mit Respekt.

Mock zuckte mit den Schultern. Er hatte schon vor weit grösseren Stadien auf ein Wunder gehofft – so wie im Werbespot: Fan rennt jubelnd aus dem Stadion Richtung Geburtsklinik, stoppt, dreht sich um und wirft dem verdatterten Mock seine Sitzplatzkarte zu! Es war der Blick in den Vaduzer Stehplatzsektor, der die beiden Herren aus der Ostschweiz in Rage brachte. Dort war fast niemand: ein paar ältere Einheimische, die früher noch auf dem Rheindamm gehockt waren und sich das jämmerliche Zweitliga-Gekicke bei Regen sogar direkt vom Auto aus angesehen hatten, damals in den schäbigen Zeiten des FC Vaduz. Hutter und Mock hatten ein Synchron-Stimmungstief. Innert Sekunden wurden sie zu Schaffhausern. Hutter staunte und Mock sprach: «Hier läuft jeder rum, als hätte er eine ausserordentlich wichtige Mission zu erfüllen. Aber vor lauter Bedeutung denkt niemand daran, ein paar Papierzettel bei der armen Frau im Kassahäuschen zu deponieren. Wie hat es dieser Verein bloss so weit gebracht?»

Goran Obradovic wirbelte mit seinen unverwechselbaren Rushes das Schaffhauser Mittelfeld durcheinander, auch die Ex-St.Galler im gelben Trikot wurden vom stämmigen Vaduzer Gohouri der Reihe nach durch die Luft geschleudert und Hutter hockte auf einem Baum und schaute dem Spektakel zu. Ja, er sass auf einem Akazienast und sah sich gratis das entscheidende Barrage-Spiel an. «Usa mit Schaffhuusa!», sang die Vaduzer Dorfjugend auf der Haupttribüne, und Hutter merkte, dass sein Bein eingeschlafen war. Er kletterte hinab. Mock plauderte immer noch mit der unglücklichen Kassierin. «Die Frau ist völlig fertig. Ich baue sie psychologisch auf.» Hutter fragte sich, was sie hier eigentlich machten. Dann glückte Daniel Senn ein wunderschöner Hocheck-Schuss zum 0:1 für Schaffhausen und auf der Haupttribüne wurde es ruhig. Noch blieb eine Viertelstunde und Hutter merkte, dass er doch auf den Vaduzer Ausgleich hoffte. Er wollte die Saison auskosten bis zur letzten Sekunde, bis zur 120. Minute der Verlängerung und einem anschliessenden Penaltyschiessen. Die Kassierin schloss ihre Kabine und führte Hutter und Mock als ihre persönlichen Gäste an der Eingangskontrolle vorbei und wünschte ihnen alles Gute. Sie sahen sich zusammen die letzten zehn Minuten der Saison 2004/05 direkt hinter dem Schaffhauser Goalie an und rauften sich die Haare, weil der Vaduzer Mittelstürmer den Ball aus fünf Metern unbedrängt am Tor vorbeischoss. Es war das Schlussbild der Saison und Mock lieferte die Bildlegende dazu: «Hutter, es kann nur aufwärts gehen! Ich wünsche dir schöne Ferien.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog. Zu den Magazinen gehts hier lang, zu der Rubrik auf dem Blog hier lang.

Die aktuelle Episode «Usa, usa!» erschien anlässlich des ersten Heimspiels der Saison 2005/06 gegen den FC Zürich.


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