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Auswärts gegen GC verloren und dann regnet es in St.Gallen auch noch. Keine einfachen Tage für Hutter & Mock.

Regen

Hutter trabte allein durch den Regen. Beim Joggen konnte er es einfach nicht abstellen, die Melodien den Südkurve verfolgten ihn: «Grünweiss ist unser Leben» und «Allez, SG, allez» und wieder «Grünweiss ist unser…». Hutter hatte von Tanja eine original FCSG-Regenjacke geschenkt bekommen. Nun joggte er als grüner Punkt durch den feuchtgrünen Wald und über hellgrüne Wiesen. Es war klar, warum dieser Verein in grünen Trikots auflief. Es gibt nichts anderes, die Ostschweiz denkt grün.

Hutter hasste den Regen. Er wollte weg. In Palermo spielten sie in rosa Trikots, in Buenos Aires in Himmelblau. Er wollte an die Sonne, nur weg aus diesem kalten Regenloch. Wie sollte er hier glücklich werden? Wo der Wein wächst, da fühlte er sich wohl. Hier reichte es für sauren Most. Kein Wunder, zieht es mediterrane Menschen fort aus dieser Stadt. So wie Gérard Castella! Der fühlt sich doch auf jedem Fussballplatz der Westschweiz wie zu Hause und hat erst noch Erfolg. Versucht sich der gleiche Castella dreihundert Kilometer weiter östlich als Trainer in der Regenzone, erleidet er fürchterlichen Schiffbruch und flüchtet nach wenigen Monaten zurück in die Romandie. Woran es liegt? Warum startet Castella in Lausanne mit einer namenlosen Truppe durch – mit einer erfrischenden und sympathischen Unbeschwertheit von der zweiten Liga Richtung Axpo Super League? Der gleiche Castella, der in St.Gallen unsicher und gehemmt wirkte? Hutter stampfte durch die Steinach-Schlucht hinab zum Kloster. «Seelenwärmer» hatten sie dort auf ein Transparent an der Stiftsbibliothek geschrieben. Das gehörte eigentlich auf die Südkurve: Als Motto für die Saison 05/06. Hutter trat durch den Hintereingang in die Kathedrale, ging unter der Empore durch und verliess die Kirche beim vorderen Seiteneingang. Zwei Minuten ohne Regen. Wem ist es eigentlich wohl in dieser Stadt? Den Deutschen! Hört man nicht gerne in der Regen-Stadt, weil dort zu viel Deutschfreundlichkeit unschick ist. Aber es stimmt: Mit Albert Sing zum Cupspiel, mit Helmuth Johannsen in den Uefa-Cup und mit Ralf Loose heraus aus der Depression zurück zu neuer Glaubwürdigkeit.

Wie hätten andere Trainer die ärgerliche 1:3-Niederlage auf dem Hardturm kommentiert? – Sie hätten die ganze Schuld der Mannschaft in die Schuhe geschoben, die halt nicht gemacht habe, was der Trainer verlangt hatte. Was tat Loose? Er analysierte sachlich – «bei so viel Aufwand können wir mit dem Resultat nicht zufrieden sein» – und dann sagte Loose einen Satz, wie ihn Hutter seit Monaten nicht mehr gehört hatte und der ihn mit der Niederlage versöhnte: «Man muss nicht nur im Erfolg, sondern auch in der Niederlage Leidenschaft zeigen.» Endlich wieder einer, der Fussball lebt! Hutter schloss die Wohnungstür leise auf. Amoah und Rubio strichen sofort um seine nasse Trainerhose. Mock schnarchte auf dem Sofa. Er hatte Hutter morgens um zwei aus dem Tiefschlaf geweckt. «Die Stadt feiert ein Fest und du bist ganz allein zu Hause, aber Hutter, das darf doch nicht wahr sein.» Sie hatten zusammen ein Bier getrunken am Küchentisch, und Mock hatte Hutter die Niederlage bei GC ganz einfach erklären können: «Zürich! Da fühlen sich unsere Leute einfach nicht wohl, da ist keine Leidenschaft. Am besten spielen sie zu Hause im Espenmoos, bei Wind und Regen. Das kennen und lieben sie. Und wenn sie den Atem des Publikums spüren, dann geben sie alles. Hutter, so ist St.Gallen.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Seelenwärmer» erschien anlässlich des Heimspiels in der siebten Runde der Saison 2005/06 gegen die Berner Young Boys.

Hutter & Mock


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Nach der 1:3-Niederlage gegen den FC Zürich im ersten Spiel nach der Winterpause entwickelte sich der Start der Saison 2005/06 doch noch gut. St.Gallen gewann in Aarau mit 4:1 und zuhause gegen Thun mit 5:1. Hutter & Mock machten sich auf dem Wasserweg auf zum Auswärtsspiel in Schaffhausen, wo sie einen weiteren Sieg der St.Galler zu bejubeln hofften.

schaffhausen

Hutter sah auf die Uhr, dann auf das grüne Ufer. Er sah weit und breit nichts von einer Stadt. Mock paddelte und plapperte. «Gleich sind wir beim Kloster Paradies, Hutter, und keine Stunde später sitzen wir schon auf der Breite. Es ist wunderbar!» Für Hutter war der Ausflug mit Mock und dem Gummiboot eine einzige Zwängerei. «Ich friere und langweile mich, wir sind zu spät und verpassen garantiert den Anpfiff. Aber Hauptsache, unserer Ruderer hat seinen Spass.»

Mock zog an einer Schnur, fischte eine Flasche Bier aus dem Rhein und reichte sie Hutter. «Wir haben vor einer Woche den FC Thun zerzaust, das sensationelle Thun, das nach dem Sieg gegen Dynamo Kiew überall ins Herz geschlossen wird. Aber auch auf dem Espenmoos wird wieder gelacht. Und darum wird in Schaffhausen alles rund laufen, Zuversicht, Hutter.» – «Und spätestens nach zwei Niederlagen in Folge ist die Party dann leider schon wieder zu Ende und die nächste mehrjährige Fastenzeit beginnt. Mock, woher nimmst du bloss deinen unglaublichen Optimismus?» Mock ruderte heftig, auf seiner Stirn perlte der Schweiss. Er strahlte: «Garat! Tönt doch genau so, wie ein Verteidiger zu spielen hat: Unerbittlich, kompromisslos und doch verführerisch wie ein seltenes Juwel. Bei Koubsky seh ich den tschechischen Europameister Ladislav Jurkemik vor mir und seine unerreichte Zuverlässigkeit. Cerrone – ein stürmischer Wirbelwind – zusammen mit Gjasula, Marazzi, Callà, den Routiniers Alex, Zellweger und Razzetti und dem Ballartisten Hassli ist der FCSG Ausgabe 2005 endlich wieder eine Mannschaft, glaub mir!»

Hutter streckte sich, schloss die Augen und versuchte sich zu entspannen. Mit Schaffhausen verband er keine guten Erinnerungen. Hier war St.Gallen der ungeliebte Favorit, dem man gerne ein Bein stellte und sich darüber ausserordentlich diebisch freute. Nicht ohne Grund: Wer auf dem Espenmoos nicht genügt hatte, durfte es in Schaffhausen probieren und war entsprechend motiviert. Eigentlich mochte Hutter solche Teams, nur blöd, dass es im Fussball immer nur drei Punkte zu verteilen gab, egal ob der Gegner sympathisch oder verhasst war.

Familie Mock hatte den Ausflug nach Schaffhausen genau geplant: Im Paradies steuerte Mock das Ufer an, auf dem Parkplatz verpackte Frau Mock das Schlauchboot im Kofferraum, während sich die beiden Fussballfans in ihre Arbeitskleidung stürzten.

Fünf Minuten vor Spielbeginn hatte das Trio die Plätze hinter dem Tor von Razzetti bezogen und nun strahlte auch Hutter. Bruno Sutter durfte den gesperrten Marazzi vertreten. Hutter nervte sich über die doofen Kommentare der eigenen Fans, die nur darauf warteten, dass Sutter möglichst viel misslang. Mock erklärte seiner Frau eine Halbzeit lang, wie all die neuen St.Galler heissen und woher sie kommen. «Jetzt gehts los», sang das St.Galler Jungvolk nach dem 1:0 von Gjasula und setze den FCSG bereits an die Tabellenspitze. Dann fällte der heissblütige Cerrone den wackeren Tsawa – rote Karte und plötzlich war es wieder wie all die Jahre zuvor. Mit Hängen und Würgen brachten die zehn Grünweissen nach dem 1:1 wenigstens einen Punkt ins Trockene. Hutter seufzte nach dem Schlusspfiff: «Alles wie gehabt.» Mock dagegen strahlte noch immer und überhörte Hutters Zweifel: «Ein Auswärtspunkt, wunderbar! Die Mannschaft hat Moral. Wir sind auf Kurs.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Parkplatz im Paradies» erschien anlässlich des Heimspiels in der fünften Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Basel.

Hutter & Mock


Bild von Schaffhausen: CC BY-SA 3.0, Link

 


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Am Ende der Saison 2004/05 war der FC St.Gallen vier Punkte vom Barrageplatz entfernt. Deshalb hatte er mit diesem Entscheidungsspiel nichts zu tun. Hutter und Mock wollten es sich trotzdem ansehen, auch wenn sich Schaffhausen und Vaduz um den letzten verbliebenen Platz in der Super League duellierten.

Rheinpark

Hutter wollte die verzweifelte Kassierin umarmen und trösten. Eine Glasscheibe hinderte ihn daran. Die Frau sass vor einer halbvollen Kasse, zeigte auf den leeren Tisch daneben, schüttelte den Kopf und versuchte erfolglos mit dem Funkgerät irgend jemanden ausserhalb der Kabine zu erreichen. Sie war kurz vor einem Nervenzusammenbruch und wiederholte in einem fort den gleichen Satz: «I ha koo Billet mee, usverkooft.» Hutter hatte volles Verständnis für die Kassierin in ihrer unangenehmen Situation und begegnete ihr deshalb mit Respekt.

Mock zuckte mit den Schultern. Er hatte schon vor weit grösseren Stadien auf ein Wunder gehofft – so wie im Werbespot: Fan rennt jubelnd aus dem Stadion Richtung Geburtsklinik, stoppt, dreht sich um und wirft dem verdatterten Mock seine Sitzplatzkarte zu! Es war der Blick in den Vaduzer Stehplatzsektor, der die beiden Herren aus der Ostschweiz in Rage brachte. Dort war fast niemand: ein paar ältere Einheimische, die früher noch auf dem Rheindamm gehockt waren und sich das jämmerliche Zweitliga-Gekicke bei Regen sogar direkt vom Auto aus angesehen hatten, damals in den schäbigen Zeiten des FC Vaduz. Hutter und Mock hatten ein Synchron-Stimmungstief. Innert Sekunden wurden sie zu Schaffhausern. Hutter staunte und Mock sprach: «Hier läuft jeder rum, als hätte er eine ausserordentlich wichtige Mission zu erfüllen. Aber vor lauter Bedeutung denkt niemand daran, ein paar Papierzettel bei der armen Frau im Kassahäuschen zu deponieren. Wie hat es dieser Verein bloss so weit gebracht?»

Goran Obradovic wirbelte mit seinen unverwechselbaren Rushes das Schaffhauser Mittelfeld durcheinander, auch die Ex-St.Galler im gelben Trikot wurden vom stämmigen Vaduzer Gohouri der Reihe nach durch die Luft geschleudert und Hutter hockte auf einem Baum und schaute dem Spektakel zu. Ja, er sass auf einem Akazienast und sah sich gratis das entscheidende Barrage-Spiel an. «Usa mit Schaffhuusa!», sang die Vaduzer Dorfjugend auf der Haupttribüne, und Hutter merkte, dass sein Bein eingeschlafen war. Er kletterte hinab. Mock plauderte immer noch mit der unglücklichen Kassierin. «Die Frau ist völlig fertig. Ich baue sie psychologisch auf.» Hutter fragte sich, was sie hier eigentlich machten. Dann glückte Daniel Senn ein wunderschöner Hocheck-Schuss zum 0:1 für Schaffhausen und auf der Haupttribüne wurde es ruhig. Noch blieb eine Viertelstunde und Hutter merkte, dass er doch auf den Vaduzer Ausgleich hoffte. Er wollte die Saison auskosten bis zur letzten Sekunde, bis zur 120. Minute der Verlängerung und einem anschliessenden Penaltyschiessen. Die Kassierin schloss ihre Kabine und führte Hutter und Mock als ihre persönlichen Gäste an der Eingangskontrolle vorbei und wünschte ihnen alles Gute. Sie sahen sich zusammen die letzten zehn Minuten der Saison 2004/05 direkt hinter dem Schaffhauser Goalie an und rauften sich die Haare, weil der Vaduzer Mittelstürmer den Ball aus fünf Metern unbedrängt am Tor vorbeischoss. Es war das Schlussbild der Saison und Mock lieferte die Bildlegende dazu: «Hutter, es kann nur aufwärts gehen! Ich wünsche dir schöne Ferien.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog. Zu den Magazinen gehts hier lang, zu der Rubrik auf dem Blog hier lang.

Die aktuelle Episode «Usa, usa!» erschien anlässlich des ersten Heimspiels der Saison 2005/06 gegen den FC Zürich.


Bild: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=473379

 


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Nach einer Niederlage gegen Thun und einem Unentschieden gegen Schaffhausen war das Abstiegsgespenst in der Saison 2004/05 noch nicht endgültig vertrieben. Mock glaubte aber nicht an den Abstieg, sondern fragte sich viel mehr, wie es wieder in Richtung Europacup gehen könnte. Die Diskussion könnte aktueller nicht sein.

Regen

Hutter hatte es kommen sehen. Er hatte einen siebten Sinn für drohende Gefahren. Das Tief hatte sich leise angekündigt, es war eine Weile stationär gewesen über dem Hinterthurgau und hatte dem FC Wil zwei weitere Niederlagen und den Fall in die Bedeutungslosigkeit beschert. Dann zog das Tief weiter ostwärts und erreichte das Espenmoos, ziemlich genau gegen Ende der ersten Halbzeit des Thun-Matches. Hutter hatte von der Gegentribüne aus die dunklen Wolken beobachtet, er hatte den flinken Mauro Lustrinelli bewundert bei seinem genialen Ausgleich und Andreas Gerber bei seinem Sonntagsschuss zum 1:2. Er hatte in der Pause nur den Kopf geschüttelt und Mocks messerscharfer Analyse gelauscht: «Der Thuner Cerrone spielt ja nächste Saison bei uns, vielleicht holen sie auch endlich Lustrinelli, der so wunderbar aufs Espenmoos passen würde mit seinem Kampfgeist und seinem bäurischen Instinkt oder gar Gerber mit seiner Übersicht und Reife, und dann muss es einfach wieder aufwärts gehen Richtung Europacup.»

Das Tief setzte sich über St.Gallen fest, es zog alle Wasserreserven zwischen der Ostsee und dem Golf von Biskaya an und sammelte sie drei Tage lang direkt über dem Espenmoos. Mit dem ersten Pfiff des Schiedsrichters wurden die Schleusen bei der Partie St.Gallen – Schaffhausen geöffnet: Das Publikum suchte unter den düsteren Tribünendächern Schutz vor Regen und Sturm und trieb die grünen Piraten auf dem Feld zornig an, als ginge es um Leben und Tod. Das Stadion glich einem tosenden Ozean, die grünweisse Fregatte schien die gelbschwarze Caravelle sicher zu beherrschen nach Hasslis schnellem Treffer zum 1:0, doch plötzlich wankten die Grünweissen, die Gelbschwarzen setzten zu einem überraschenden Gegenangriff an und zwangen den St.Galler Schlussmann zu grossartigen Paraden. – Pause. Hutter schlotterte, er holte zwei Jägertee und machte Mock einen überraschenden Vorschlag: «Ab auf die Südkurve, jetzt braucht es jede einzelne Stimme!» Mock wedelte mit seinem Trainer-Ausweis, plapperte etwas von SFV-Stadionprävention und schon wurden sie vom Securitas durchgelassen. Hutter fühlte sich wie verwandelt. Die Gefahr schien die jungen Menschen zu beflügeln. Sie sangen in einem fort an gegen Angst und Trübsal und liessen auch nach dem unglücklichen gelbschwarzen Ausgleich nicht locker. Der grünweisse Held «Stefanooo» litt mit seinem geschunden Kameraden Callà und stürzte sich unter dem Jubel der Südkurve auf den Provokateur Pesenti. Gleichzeitig küssten sich zwei Fünfzehnjährige vor Hutter und Mock und liessen sich vom Durcheinander auf dem Rasen nicht aus der Ruhe bringen. Es war wunderbar schön.

Hutter wollte der Mannschaft nach dem Schlusspfiff nichts vorwerfen: «Wenn Alex wieder trifft, kommt alles gut.» Mock rechnete vor, dass sie mit dem besseren Torverhältnis eigentlich sieben Punkte Vorsprung auf Schaffhausen hatten. Und deshalb weigere er sich, weiterhin über das sinnlose Thema Barrage zu sprechen. Sie stiegen hinab zur Bar unter der Südkurve und das strahlende Lachen der Frau hinter dem Tresen machte den Abend perfekt. Mock gab eine Runde aus.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog. Zu den Magazinen gehts hier lang, zu der Rubrik auf dem Blog hier lang.

Die aktuelle Episode «Fregatte im Sturm» erschien anlässlich des Heimspiels der Saison 2004/05 gegen Neuchâtel Xamax (34. Spieltag).

Hutter & Mock


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Als sich die Saison 2004/05 langsam dem Ende zuneigte, war die Abstiegsgefahr beim FCSG zumindest nicht mehr akut. Hutter & Mock diskutierten deshalb weniger die aktuelle Lage, als vielmehr die Trainer der Vergangenheit.

Hutter und Mock

Hutter bekam nur in drei Fällen Post von seiner Mutter. Erstens: Ein Rheintaler Verwandter wurde in den Kirchenrat gewählt. Zweitens: Eine Rheintalerin wurde neue Miss Schweiz. Drittens: Ein Rheintaler Fussballer plauderte in der lokalen Zeitung über die Geheimnisse des nationalen und internationalen Fussballs. Beim Lesen war Hutter nicht erstaunt, dass der Rheintaler Werner Zünd es gerade mit den Trainern Kurt Jara und Heinz Peischl gut konnte. Es gab eben mehr Gemeinsamkeiten zwischen Mattersburg, Innsbruck und Rebstein als sich das Schweizer Fussballfans zwischen Wil und Meyrin vorstellen konnten.

Auch der «Rheintaler» überbrückte das lange Warten auf den neuen FCSG-Trainer: «Wissen sie noch, wie die acht Trainer zwischen Jara und Peischl hiessen?» – Hutter versuchte seit Tagen, das Rätsel zu knacken. Er begann von hinten her: Nr. 1: Thomas Staub, an dem das 11:3 wie ein Fluch kleben blieb. Nr. 2: Gérard Castella, der als Romand in St.Gallen an den hohen Erwartungen scheiterte. Nr. 3: Marcel Koller, der glorreiche Meistermacher. Aber dann? Folgte Koller direkt auf Roger Hegi, dem es als einzigem nach dem traurigen, verlorenen Cupfinal die Sprache nicht verschlagen hatte? Warum war der Polterer Uwe Rapolder aus St.Gallen weggegangen? Obwohl er aus dem B aufgestiegen war und dafür geachtet wurde wie heute bei der Arminia Bielefeld? Was war mit Leen Looijen, der bei seinem Antritt intelligent sprach wie Johann Cruyff und die FCSG-Fans von der grossen Holländischen Fussballschule träumen liess? Wie lange durfte er in St.Gallen von einem Fussball-System schwadronieren, das niemand sehen konnte und keiner ausser ihm verstand? – Hutter hatte sechs von acht, fehlten immer noch zwei.

Er bestellte eine Pizza und wartete auf Mock, der als einziger weiterhelfen konnte. – «Gratuleire, Hutter, wir haben einen Trainer, und wie bei den Katholiken setzt man auch beim FCSG auf einen Mann aus Deutschland. Mutig und clever!» Hutter liess Mock feiern, er brauchte sein fotografisches Fussballgedächtnis, um die zwei fehlenden Trainer aus der Zeit nach Zamorano zu finden. «Versuch es doch mit Sommer, Sing oder Johannsen – was kümmert uns die Vergangenheit. Hutter, schau vorwärts, wann begreifst du das endlich!»

Hutter war von Rubio, Zamorano und Mock ins Espenmoos gelockt worden, aber an die turbulente Zeit nach dem Höhenflug konnte er sich nicht mehr erinnern. Da war einfach ein schwarzes Loch. «Hutter, ich weiss es nicht, es gab Schwierigkeiten mit Geldgebern, der Trainer wurde unter Druck gesetzt bei der Aufstellung, irgendwann gab er entnervt auf. Lass uns über die Perspektiven für die neue Saison sprechen.»

Hutter war Historiker aus Leidenschaft. Er würde entweder heute abend Mocks graue Hirnzellen wachrütteln oder morgen im Archiv die zwei fehlenden Namen finden. – Die Lösung kam schnell und völlig unerwartet: Der Pizzakurier, regelmässiger und langjähriger Besucher der Südkurfe, lieferte Hutter die Namen: «Nach Kurt Jara kam Heinz Bigler, der nach seinem unfeinen Abgang von Leen Looijen beerbt wurde, auf den wiederum ein unbekannter Rheintaler folgte. Wie hiess der nur, es war ein Lehrer, ich bringe es einfach nicht mehr zusammen!» Mock sass auf dem Sofa, kaute ruhig und zufrieden seine Pizza, blickte nicht vom Fernseher auf und sagte trocken: «Ernst Hasler».

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog. Zu den Magazinen gehts hier lang, zu der Rubrik auf dem Blog hier lang.

Die aktuelle Episode «Rheintaler» erschien anlässlich der Heimspiele gegen den FC Thun (22. Spieltag) und den FC Schaffhausen (32. Spieltag).

Hutter & Mock