Share on FacebookTweet about this on Twitter

Das Spiel zwischen Neuchâtel Xamax und dem FCSG musste 2006 in der Lausanner Pontaise ausgetragen werden. Im damaligen Ausweichstadion von Xamax in La Chaux-de-Fonds war zum Rückrundenbeginn noch nicht an Fussball zu denken. Hutter ergriff die Möglichkeit eines Auswärtsspiels in Lausanne und besuchte «den besten Fussballer anzutreffen, den die Stadt St.Gallen je hervorgebracht hatte».

Hutter zählte aus dem fahrenden Zug die Schneepflüge auf den Strassen. Bis Gossau hatte er es schon auf dreizehn gebracht. Mock lag im Tiefschlaf irgendwo zwischen Muolen und Untereggen – im Fasnachtskostüm unter einer Festbank. Der Neffe war mit dem Snowboard Richtung Berge verschwunden. Der Intercity überquerte die Sprachgrenze. Plötzlich hörte der Schnee auf und die Wiesen wurden grün. Hutter stieg in Lausanne aus dem Zug und suchte die Bar de Rosemont gegenüber der Hauptpost. Dort drin hoffte er : Richard Dürr!

King Richard war beim SC Brühl gross geworden und nach einem Abstecher zu den Young Boys 1961 bei Lausanne-Sports gelandet, wo er neun Saisons lang spielte. Dürr war der Regisseur im Team der blauweissen Könige der Nacht, die im Flutlicht so traumhaft aufspielten. Da konnten welsche Journalisten noch so lange über den jämmerlichen und rustikalen Fussball in der Ostschweiz lamentieren – einer der grössten Fussballer in Lausanne war ausgerechnet ein waschechter St.Galler, der auf Drei Weiern und im Krontal zum technisch versierten Fussballer geworden war und am Ball einfach alles konnte.

Dürr begrüsste den Gast aus der Ostschweiz warmherzig und wunderte sich über den Grund der Reise: «Xamax – St.Gallen auf der Pontaise? Habe ich nicht einmal mitbekommen.» – Hutter lieferte Dürr die Stichworte und dieser begann zu erzählen: «Der Sitzstreik von Lausanne im Cupfinal gegen Basel? Der Schiedsrichter wurde nach dem Spiel in die vierte Liga zurückversetzt, das sagt alles aus über seine Leistung.» – Hutter staunte über die Wimpel an den Wänden: Real Madrid, Barcelona und mitten drin der SC Brühl. Dürr war 1966 sogar auf einer saudiarabischen Briefmarke erschienen, anlässlich seiner WM-Teilnahme mit der Schweiz, wo er überraschend gegen England spielen musste. «Köbi Kuhn wurde suspendiert, weil er abends mit ein paar Engländerinnen losgezogen war!»

Hutter hatte die Zeit vergessen, noch 10 Minuten bis zum Anpfiff. Dürr lobte Gérard Castella: «Ein bescheidener Trainer, der sich nie in den Vordergrund stellt.» – Dann schob er einem Stammgast seine Autoschlüssel zu und Hutter wurde direkt vor den Stadioneingang der Pontaise gefahren. Er stieg die Treppen zur eleganten Haupttribüne hinauf und staunte über die schweren Eichentüren, die ihn an ein Theater erinnerten. Das Stadion war fast leer und das Spiel vielleicht auch darum so aussergewöhnlich: Hier waren alle Fans an einem Auswärtsspiel. Die rotschwarzen Neuenburger verfolgten den grünweissen St.Galler Alex und versuchten vergeblich, ihn am Torschuss zu hindern. 0:1 in der ersten Minute! Hutter hörte den Torjubel der St.Galler Spieler bis unter das Dach der Haupttribüne. Auf der leeren Gegentribüne leuchtete das blauweisse Klubemblem von Lausanne. Hutter schrieb Mock ein SMS: «Guter Ort, dieses Lausanne. Höchste Zeit, dass die Blauweissen ins Oberhaus zurückkehren.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Chez Richard» erschien anlässlich des Heimspiels in der 22. Runde der Saison 2005/06 gegen die Berner Young Boys.

Hutter & Mock


Share on FacebookTweet about this on Twitter

Jeder FCSG-Fan weiss es. Seit YB im neuen Wankdorf spielt, hat der FC St.Gallen dort noch nie gewonnen. Das konnten Hutter & Mock bei ihrem Besuch im November 2005 natürlich noch nicht wissen. Was aber damals schon offensichtlich war: Bei YB setzt man auf Ladies Night und Gastgeschenke. Oder einfacher: auf Event.

Wankdorf

Hutter führte Tanja über Schnee und Glatteis in Richtung Wankdorf. Mock trug einen Haufen Sitzkissen und Wolldecken vor sich und Pia her. Es war klirrend kalt und die Glocken läuteten. «Mitternachtsmesse im Stade de Suisse! Wer hatte eigentlich die Idee gehabt zu diesem besinnlichen Ausflug?» Mock hatte nur gewartet, dass Hutter damit beginnen würde. «Ich, Hutter, ich allein, und ich würde jederzeit wieder gleich entscheiden. Falls du umkehren willst, – bitte, Bern hat bestimmt ein wunderbares Kulturprogramm in gut geheizten Räumen.»

Plötzlich standen sie vor der leuchtend weissen Fassade des Schweizer Fussballtempels. Tanja und Pia wurden von hilfsbereiten Stewards in gelben Westen hineingeführt. Es war Ladies Night! Hutter und Mock tappten wie abservierte Liebhaber hinter ihren Frauen her. Sie trauten ihren Augen nicht. Sie sassen in der Kathedrale des Schweizer Fussballs und waren fast allein. Hutter hatte seine eigene Methode, um die Stimmung im Family Corner aufzuheizen: «Wirklich überzeugend, diese Super League! Statt gratis Heizkissen und Kafi Schnaps zu verteilen, reissen sie uns mit ihrem neuen Stadion-TV auch noch den letzten Nerv aus.» Hakan Yakin legte sich auf Grossleinwand Gurken aufs Gesicht und Adrian Eugster plapperte im Smoking über seine alten Kollegen aus St.Gallen. «Entertainment vor dem Match gehört heute einfach dazu, Schalke machts, Real auch und Austria Lustenau sowieso.»

Hutter dachte an das 1:0 von Hottiger gegen Italien und an die schwankende Stahlrohrtribüne im alten Wankdorf. Ein verzweifelter Speaker bat die entfesselten Schweizer Fans inständig, mit dem Stampfen aufzuhören. Das war Unterhaltung! Trainer Loose hatte seiner Truppe gegen die Kälte viel Vorwärts-Bewegung verordnet. Callà stach wie ein Pfeil hinein in die freien Räume auf dem Flügel. Marazzi dribbelte sich schwindlig. Alex fightete. Aber der letzte Pass wollte einfach nicht gelingen. Dann unterschätzte Cerrone eine harmlose Flanke von Aziawonou und Varela versenkte den Ball mit dem Kopf hinter Razzetti. 1:0. Hutter stand auf: «Das wars wohl, ich organisiere Überlebensnahrung. Tanja, wie wärs mit einer kleinen Stadionbesichtigung?» In der Pause spielte der neue Mister Schweiz mit drei weiblichen Matchbesucherinnen um Tickets für das Robbie-Williams-Konzert! Mock gähnte und Pia fragte nur, warum sie bei einem Wettbewerb eigentlich nie gewinne. In der zweiten Hälfte wärmten die Grünweissen ihre zahlreichen Anhänger endlich mit gefälligem Spiel auf. Sie schnürten die Gastgeber minutenlang im Strafraum ein, fanden die Lücke zum Tor aber doch nicht. Mock spürte seine Zehen nicht mehr. Pia massierte ihre gefrorene Nase. Ein YB-Spieler blieb verletzt am Boden liegen. Sanitäter rollten eine Bahre aus dem Jahre 1954 aufs Feld und über die Grossleinwand flimmerte die Werbung für ein neues Schmerzmittel. Mock faltete die Wolldecke zusammen. «Pia, ich habe dich an einen schrecklichen Ort ausgeführt. Komm, wir suchen unsere Freunde!»

Mock wunderte sich, als ein Steward Pia eine gelbe Rose überreichte. Da traf ihn ein Schneeball am Kopf. Mock sah zornig auf und erblickte Hutter und Tanja, die lachten und ihn mit weiteren Schneebällen herausforderten. Mock und Pia nahmen die Einladung an.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Schneeball für Robbie Williams» erschien anlässlich des Heimspiels in der 17. Runde der Saison 2005/06 gegen Neuchâtel Xamax.

Hutter & Mock


Share on FacebookTweet about this on Twitter

Gegen Ende des Jahres 2005 zeichnete sich für den FC St.Gallen bereits eine weitere Übergangssaison ab. Gegen hinten genügend Abstand, gegen vorne kaum Chancen. Hutter & Mock waren im November 2005 aber sowieso mit der «Nati» beschäftigt, die in der zu zweifelhaftem Ruhm gekommenen Barrage gegen die Türkei den Einzug in den Europapokal schaffte. Ein bisschen St.Gallen gab es dennoch: Im Kader damals stand Tranquillo Barnetta.

Hutter stellte den Teller mit dem Tomaten-Mozzarella-Salat auf den Tisch. «Heute gilt nur rotweiss, Mock! Das fängt beim Essen an. Was hast du mitgebracht?» – Mock zauberte aus einer Tasche einen knallroten Apfel und legte ihn ohne Kommentar neben den Salat. Hutter versuchte, Mock in Stimmung zu bringen. Ein Wohnzimmer in der St.Galler Altstadt war nicht der ideale Ort, um sich das Spiel des Jahres anzusehen. Mock war sauer: «Jetzt sitzen im ‘Stade de Suisse’ all die kultivierten Menschen, die vor zehn Jahren bei einer Einladung zum Fussball noch die Nase gerümpft haben. Aber Fans wie du und ich, die das alte Wankdorf gefüllt haben, müssen heute draussen bleiben.»

Hutter füllte den Fressnapf mit einer Extra-Portion. Amoah und Rubio rasten daher. Während die zwei Katzen frassen, schnitzte Mock ein Schweizer Kreuz in den Apfel. Der slowakische Schiedsrichter pfiff die Partie an. Barnetta tanzte locker durch die türkische Verteidigung. Er widerlegte alle Vorurteile über St.Gallen: Tranquillo war kreativ, mutig, elegant. Ein Filou und Herzensbrecher, der Mitspieler und Fans ansteckte mit seiner Begeisterung. Barnetta vertrieb den kleinlichen Trotz auch aus Hutters Wohnzimmer und Mocks Augen begannen zu strahlen. «Ich nehme alles zurück, was ich je über Köbi und diese Mannschaft gesagt habe. Vogel mit seiner Ruhe und Übersicht ist Weltklasse. Senderos ein Leuchtturm in stürmischer See. Magnins Hingabe ein Geschenk. Da sind elf wahre Freunde auf dem Platz!»

Amoah und Rubio verfolgten aufmerksam jede Bewegung der beiden Fans vor dem Fernseher. Nach Senderos 1:0 schoss Mock aus dem Sofa in die Höhe und kippte den Mozzarella-Salat vom Tisch auf den Teppich. Amoah und Rubio stürzten sich darauf. Hutter lachte: «Verwüste diese Wohnung, Mock, mach was du willst, solange es uns an die WM bringt.» In der Pause rieb Mock mit einem Lappen auf dem Teppich herum und hörte dem von der «Nati» tief beeindruckten deutschen Fussballlehrer Daum zu. Hutter kehrte mit einer Ersatzverpflegung aus der Kälte zurück. «Kulinarisch haben wir die Barrage leider schon verloren.» Hutter drückte Mock einen Dürüm in die Hand. «Schneller gibt’s nichts.»

Nach der Pause deuteten die Türken an, warum sie die Deutschen kürzlich an die Wand gespielt hatten. Mock rutschte nervös auf dem Sofa herum und massierte Amoahs Rücken. Hutter tigerte durch die Wohnung und krümmte sich bei jedem verunglückten Konter der Schweizer. «Hat das denn nie ein Ende? Gut gespielt und doch nicht gewonnen, ein Leben lang. Warum?» – Mock zischte: «Schluss mit dem Gejammer. Wir kommen durch, dank Köbi. Der Mann hat einen siebten Sinn.» Endlich kam der Moment des Triumphs. Der einfache Mann aus Zürich-Wiedikon stopfte allen Besserwissern das Maul – mit einer einzigen Auswechslung: Kuhn brachte Behrami!

Drei Minuten später versenkte der Kosovo-Schweizer den Ball hinter Goalie Volkan zum 2:0 im Tor. Mock und Hutter sprangen auf und Mock stiess die Flasche mit dem Apfelsaft um. Rubio und Amoah sausten zum Fleck auf dem Teppich. Abpfiff. Mock holte einen Lappen in der Küche und wischte den Apfelsaft auf. Hutter trat hinaus auf den Balkon. Am Himmel leuchtete der Mond. Am Bohl hupten die Autos. Durch die Marktgasse rannten einige mit einer Schweizer Fahne. Es war fast wie im Mai 2000.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Wie im Mai» erschien anlässlich des Heimspiels in der 15. Runde der Saison 2005/06 gegen GC.

Hutter & Mock


Share on FacebookTweet about this on Twitter

Am 22. Oktober 2005 verliert der FC St.Gallen gegen Küssnacht am Rigi, ein Team aus der 2. Liga interregional. Die Erwähnung des Schwyzer Orts reisst heute noch tiefe Wunden bei jedem FCSG-Fan auf. Kein Wunder hatte sich Hutter schon kurz nach Abpfiff in eine Traumwelt geflüchtet.

Hutter setzte sich in den Voralpenexpress und döste ein. Schon kurz nach Küssnacht war er weit weg. Er trieb sich bei den Flugzeugen im Lustenauer Rheinvorland herum. Wenn er einmal gross wäre, würde es endlich klappen. Einmal mitfliegen! Aus dem Flugzeug drückte ihm einer Geld in die Hand. «Gang mer a Biir gi hoola, dänn kascht mitkoa!» Es war der übliche Scherz des Piloten, der auf billige Art zu seiner Pausenverpflegung kommen wollte. Enzo Hutter kam mit der Flasche Bier zurück zur Maschine und der Pilot liess ihn einsteigen. Das Flugzeug startete, holperte über die Graspiste und hob ab. Der Pilot zog in einer Kurve über den Rhein und Hutter sah das Dorf von oben: Kanal, Wohnhaus und Fussballplatz. Das grüne Rechteck war eingerahmt von vielen schwarzen Punkten. Hutter war der einzige Dorfbewohner, der jetzt nicht dort unten schrie und tobte. Ganz Widnau hatte sich auf den Besuch des FC St.Gallen gefreut. Es war das Spiel des Jahres: Stadt gegen Land. Und Widnau lachte, denn diese Meisterschafts-Partie hätte es doch gar nie geben dürfen, aber das grosse St.Gallen spielte ja schon seit fünf Jahren in der 1. Liga, und jetzt sogar gegen die Feierabendfussballer aus Widnau! Gegen die vom Rhein! – Deren Fussballplatz bei Hochwasser überschwemmt wurde. Die noch mit Schaufel und Spaten ausrücken mussten, um den Rasen bespielbar zu machen! Lächerlich. Der Pilot drehte ein paar Runden, kehrte sicher zurück zur Landepiste am Rhein und Hutter rannte am Zoll vorbei auf direktem Weg nach Hause.

Hutter hörte, wie sein Vater vom Match berichtete. Ein junger St.Galler Journalist hatte sich in der Zeitung über den bescheidenen FC Widnau lustig gemacht. Ein paar Hitzköpfe wollten sich dafür persönlich beim ahnungslosen jungen Mann aus der Stadt bedanken. Als dann das Spiel wirklich so lief, wie es die Zeitung aus der Hauptstadt vorausgesagt hatte – Widnau hatte keine Chance –, da wurde der junge Journalist beschimpft und bedrängt. Von ein paar unzimperlichen Widnauer Burschen bekam er den freundlichen Rat, sich besser nie mehr auf diesem Platz blicken zu lassen. Der junge Schreiberling, Sohn eines italienischen Maurers, packte seine Notizen, rückte die Brille zurecht, eilte auf den Bahnhof und fuhr mit dem nächsten Zug zurück in die Stadt. «Der Fussball macht euch noch ganz verrückt», sagte die Mutter zum Vater. Sie war froh, dass Sohn Enzo sich lieber hinter Büchern vergrub. Was hätte der Vater heute gesagt, nach diesem Cup-Match in Küssnacht? Er hörte ihn und seine unverwechselbare tiefe Stimme: «Sangalla – gschiid reda und tumm välüüra.» Der Zug hielt in Arth-Goldau und Hutter schreckte auf. Mock schwieg noch immer und schaute aus dem Fenster. Hutters Neffe spielte mit dem Natel.

Der Zug kroch hinauf Richtung Rothenturm. Hutter tauchte wieder weg. Er ging in Shorts und T-Shirt an ein südamerikanisches Stadt-Derby – Colo Colo gegen Universidad. Seine Freunde hatten ihn zu dieser Veranstaltung gezwungen. Sonst werde der «profesor suizo» Chile nie verstehen können. Hutter war überwältigt. Auf der Haupttribüne beschimpften unauffällige und gewöhnliche Menschen den Gegner mit einer Hingabe und Liebe zu ihrem eigenen Klub, wie es Hutter bisher nur aus dem Theater gekannt hatte. Hutter war elektrisiert und von da an jedes Wochenende mit dabei im Stadion. Plötzlich rüttelte Mock an Hutters Schulter und sagte mit einem Lächeln: «Biberbrugg, Reisene zur Schwarzen Madonna von Einsiedeln bitte umsteigen!» Der Neffe legte das Natel auf die Ablage und seufzte: «So ein Mist, die Herbstferien sind vorbei, am Montag fängt die Schule wieder an.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Tiefflug» erschien anlässlich des Heimspiels in der 13. Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Schaffhausen.

Hutter & Mock


Share on FacebookTweet about this on Twitter

Mit dem Sieg auswärts bei Neuchâtel Xamax hatte sich der FC St.Gallen etwas Luft verschafft im Abstiegkampf der Saison 2005/06. Mock zeigte schon wieder verhaltenen Optimismus: Drei Spiele, sieben Punkte und Basel ärgern wollte er sich vornehmen.

Hutter bummelte durch die Gassen. Er suchte verzweifelt nach kleinen Aufmunterungen, nach winzigen Signalen, nach kleinen Zeichen des Aufschwungs. Seit Wochen sprach die Schweiz nur von den Rotjacken und deren Betriebsunfällen. Daneben war alles egal: Brühls 1:9 gegen einen jämmerlichen Klub von der Zürcher Goldküste. – Schwamm drüber. Goalie Razzettis Aussetzer gegen YB. – Na und, auch Stefano macht mal einen Fehler. Gimenez Arbeitsverweigerung in Bremen. – So ist das Leben, voller Überraschungen.

Hutter trat in den «Tibet Corner» und entspannte sich. Er bestellte ein paar Momos. Von den Wänden strahlte ihm Dorjee Tsawa entgegen. Hutter staunte über die lange Reise des unerschrockenen Kämpfers, der seine technischen Mängel überall mit unglaublichem Einsatz kompensierte. St.Gallen, Zürich, Neuchâtel, Schaffhausen. Quer durch die Schweiz und ganz langsam wieder zurück nach Hause. Neben den eleganten Holländern Regtop und Vurens war damals auch genug Platz für einen aus der Gegend, einen wie Tsawa. Trainer Hegi hatte die 98er-Mannschaft aus Charakterköpfen gebildet: der ruhige, besonnene Zwyssig, der geniale und aufreizend langsame Slawtschew, der provokative Antreiber Stiel. Hutter hatte Mock nach dem 98er-Fiasko versprochen, dass er auch zu Fuss an den nächsten Cupfinal von St.Gallen reise. Dass er auch barfuss gehe. Oder zwischendurch auf den Knien. Bald wäre er pensioniert und hätte alle Zeit dafür.

Hutter war wieder auf der Strasse und griff ein Buch mit einem roten Umschlag aus dem Discount-Korb der Buchhandlung. «Tischgespräche» – Neue Wahrheiten eines Befreiungstheologen aus Brasilien? Weisheiten von Fidel Castro oder Hillary Clinton? Nein, für zwölf Franken konnte sich Hutter einfühlen in die empfindliche Verdauung der Schweizer Nationalmannschafts-Helden. Dabei entdeckte er unerwartete Gemeinsamkeiten: Marco Streller war ihm auf Anhieb hochsympathisch, denn er hatte immer genügend Raclettekäse und einige kleine Bierchen in seinem Kühlschrank. Endlich wusste Hutter auch, warum Alex Frei ein pfeilschneller Goalgetter war und Mock nur ein schwerfälliger Verteidiger. Bei Frei war bei jedem Essen Salat mit dabei. Und plötzlich konnte sich Hutter auch die eklatanten Leistungsschwankungen von Daniel Gygax erklären: Wahrscheinlich hatte Gygax kurz vor dem Match noch Dusty und Lucy, seine zwei Chihuahua-Hündchen, Gassi führen müssen.

«Perfekte Vorbereitung, Hutter, dabei ist das Frankreich-Spiel ja erst in einem Monat.» Mock hatte Hutter im dümmsten Moment erwischt. Er kostete den Moment aus. Hutter ging sofort in die Offensive. «Wenn du errätst, welcher Spieler sich mit ‘Lasagne à la Mama’ bei Laune hält, dann lade ich dich zu einem ‘Kalbskopf à la Enzo’ ein.» Mock wich aus. «Hutter, arbeitest du eigentlich noch oder stöberst du bloss den ganzen Tag in Wühlkisten und kaufst doch nie etwas? – Es ist mir übrigens wurstegal, wie sich überbezahlte Schweizer Fussballprofis ernähren. Es ist mir auch gleichgültig, wer für die Schweiz im Tor steht. Aber ich will endlich drei anständige Spiele des FC St.Gallen sehen, und zwar direkt hintereinander.» Mock faltete den Spielplan auf. «Yverdon, Zürich, Aarau, das macht sieben Punkte. Das Feld von hinten her aufrollen, unbemerkt, und Zubis rotblaue Schar endlich wieder gehörig ärgern.» Hutter schüttelte Mocks Arm. «Gratuliere zum Kalbskopf, du hast gewonnen: Lasagne à la Mama ist das Lieblingsgericht von Pascal Zuberbühler, genannt Zubi.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Kalbskopf à la Enzo» erschien anlässlich des Heimspiels in der neunten Runde der Saison 2005/06 gegen den Yverdon-Sport FC.

Hutter & Mock