Lange schien die Saison 2005/06 für den FC St.Gallen eigentlich schon so gut wie gelaufen. Gegen Ende kamen die Espen aber doch nochmal in Abstiegsnöte. Entsprechend wichtig war das Heimspiel gegen Yverdon in Runde 30. Glaubt man Hutter, so war Zelli in diesem Spiel Fussballgott und Schutzengel in Personalunion.

Hutter suchte seinen Stammplatz. Er zählte von der Säule an sieben Tritten aufwärts. Gegen YB waren es fünf und gegen GC sechs Tritte gewesen – beide Plätze hatten Niederlagen gebracht. Hutter versuchte die Gedanken der Mitkämpfer auf der Gegentribüne zu lesen: Er sah Gleichgültigkeit, Trotz oder Hoffnungslosigkeit. Der Speaker kündigte die St.Galler Mannschaft an und Hutter rutschte bei «Pascal» ein herzhaftes «Jenny» heraus. Er erntete böse Blicke für den schlechten Scherz. Hutter konnte nichts dafür, aber für ihn passte der leidenschaftliche Kämpfer Jenny noch immer besser zum FCSG als zum welschen Yverdon.

Die Südkurve gab allen Grünweissen im Stadion den Tarif bekannt: «Ab jetzt gibt’s keine Ausreden mehr!» Ein Tor für Yverdon! Hutter malte sich aus, was dann im Stadion passieren würde. Ein Vulkanausbruch! Ein Lavastrom des Zorns. Fünf Jahre Enttäuschung und Wut der Anhänger würden das Spielfeld in ein unbespielbares und heimtückisches Moor verwandeln. Ideale Voraussetzungen für ein befreites und kreatives Spiel zweier Teams, denen das Wasser bis zum Hals stand. Das kleine Yverdon verbarrikadierte sich im eigenen Strafraum. Alex, Marazzi, Callà und Hassli stürmten an, aber ihnen fehlte die Ruhe, einfach auf die offene Lücke vor dem gegnerischen Tor zu warten.

0:0 zur Pause. Mocks Zuversicht am Bierstand hinter der Gegentribüne war ungebrochen. «Hutter, das Tor wird fallen! Ja, so wie alle hier hätte ich auch lieber Schällibaum als Trainer gehabt, weil er mit seiner Hingabe und seiner Leidenschaft so gut zu uns gepasst hätte. Wir hätten ihm sogar eine unglückliche Niederlage gegen Yverdon verziehen. Aber das Tor für uns wird auch ohne Schällibaum fallen.» Hutter sagte nichts. Mock hatte vierzig Saisons Erfahrung auf dem Espenmoos, Hutter brachte es nur auf siebzehn.

Die Stimmung auf den Rängen wurde gereizt. Yverdon roch den Braten, wagte sich in den Strafraum von Goalie Razzetti und plötzlich flog der Ball auf das leere St.Galler Tor zu. Die ersten Fans krümmten sich schon vor Ärger, andere verwarfen die Hände und setzten zur nächsten Verwünschung der eigenen Spieler an. Der Ball senkte sich langsam, nur wenige Zentimeter fehlten noch bis zur Torlinie. Hutter sah die silberne Kugel sekundenlang leuchten. Ein teuflischer Regisseur hielt Film und Ton an, um den Schrecken in den hintersten Winkel des Espenmoos zu verbreiten. Alle sollten den Matchball sehen und nie mehr vergessen. – Doch dann kam er, der Retter, der Erlöser, der sich mit seiner Befreiungsaktion endgültig unsterblich machte. Er ganz allein zauberte die Wärme zurück in die untröstlichen Herzen der Fans und brauchte Glauben und Versöhnung zurück auf das Espenmoos. – Es war Zelli! Er flog durch den Strafraum und haute den Ball im letzten Moment weg in die Wolken, als wäre er ein Schutzengel, als wollte er sagen: «Aber das ist doch selbstverständlich, dafür bin ich doch da!» Zellis Glanztat rüttelte alle auf. Callà schoss überlegt zum 1:0 ein und kurz darauf stürzte sich Alex ungestüm auf einen Prellball, der sich hinter dem Yverdon-Hüter zum 2:0 ins Netz senkte. Neben Hutter sagte einer: «Alex stolpert einfach jeden Ball ins Tor.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Schutzengel» erschien anlässlich des Heimspiels in der 32. Runde der Saison 2005/06 gegen den FC Zürich.

Hutter & Mock


Die Saison 2005/06 war für den FC St.Gallen nach 30 von 36 Runden eigentlich schon gelaufen. Trotzdem schmerzte die Niederlage bei den Grasshoppers Hutter so sehr, dass er gleich einen kilometerlangen Marsch auf sich nehmen wollte.

Hutter leerte frischen Katzensand in die Schale auf der Terrasse. Amoah und Rubio kratzten lustlos darin herum. Seit der Heim-Niederlage gegen YB waren die Kater rückfällig geworden. Die Wohnung stank wieder nach Katzen-Pisse. Hutter hatte alles versucht: Leber und Niere aus der Metzgerei. Spiel-Mäuse. Katzengras. – Es war zwecklos, gegen den Gestank half nur eine FCSG-Siegesserie. Mock war auf Reisen. Stadionbesichtigung in München. Allianz-Arena! Herzog und de Meuron! Schweizer Qualitätsarbeit! Mock wollte mit seinen rotblauen Brüdern und Schwestern in München vorzeitig auf den Gewinn der 97. Deutschen Meisterschaft anstossen. Hutter hatte dankend abgelehnt. Ohne Mock war er zu Fuss im Fürstentum Liechtenstein am Stammtisch des 145. Münchner Löwen-Fanclubs gelandet. 1860 – der Münchner Traditionsverein! Das wärs gewesen: Der überdrehte Bayern-Fan Mock im Duell mit einem frustrierten Liechtensteiner 60er, eine knisternde und beherzte Debatte über den wahren Münchner Fussball, das hätte er erleben wollen – tausend Mal lieber als eine seelenlose, durchgestylte Allianz-Stadionpräsentation.

Hutter stellte die Wanderschuhe an die frische Luft und den Fernseher ein. St.Gallen führte in der Pause 1:0 – immerhin gegen GC auf dem Hardturm! Hutter holte frische Leber aus dem Kühlschrank und schüttete sie in den Katzen-Fressnapf. Er erinnerte sich an sein erstes Auswärtsspiel mit dem FCSG, 1970, nach dem Aufstieg in die Nationalliga A. Er war mit seinem Vater im Vauxhall Viva nach Zürich gerast und hatte auf dem Hardturm die erste von 137 St.Galler Niederlagen bei den Grasshoppers abgeholt. Der Hardturm war auf drei Seiten von Erdwällen umgeben. Auf der Gegentribüne feuerten ein paar Junge den FCSG an. Hutter merkte, dass etwas an ihnen nicht stimmte.

Ihre Schlachtrufe tönten falsch, statt dem gewohnten, spitzen, hellen «A» hörte er ein geschlossenes «O» und ein schreckliches «Hopp Songollo». Mussten St.Galler Fussballfans in der Fremde ihren Dialekt verleugnen? Kamen sie nur so heil aus dem fremden Stadion heraus? Keine Spur davon! Es waren FCZ-Fans, die auf dem Hardturm mit Hingabe den FC St.Gallen unterstützten. Einziges Ziel des grünweissen FCZ-Supports damals: Eine Niederlage für das verhasste GC! In Zürich braute sich 36 Jahre später ein weiterer FCSG-Schiffbruch zusammen. Renggli hatte die Gedanken der naiven St.Galler Verteidiger gelesen und zum 1:1 für GC ausgeglichen. Kurz darauf lieferte er das Tor zum standesgemässen 2:1 nach. Nie wären die verunsicherten Grasshoppers einfacher zu schlagen gewesen, aber die Grünweissen konnten den Hardturm-Fluch nicht einmal jetzt abschütteln. Hutter stellte den Fernseher ab. Er zog die Wanderschuhe an. Durch die Schmiedgasse Richtung Westen! 85 Kilometer weit! – Wenn er die ganze Nacht durchwanderte, würde er am nächsten Morgen in Zürich bei Tanja sein. Zusammen würden sie weitergehen – solange, bis der FCZ Meister wäre oder der FC St.Gallen wieder ein Auswärtsspiel gewinnen würde.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Hopp Sangallo!» erschien anlässlich des Heimspiels in der 30. Runde der Saison 2005/06 gegen den Yverdon-Sport FC.

Hutter & Mock


Das Spiel zwischen Neuchâtel Xamax und dem FCSG musste 2006 in der Lausanner Pontaise ausgetragen werden. Im damaligen Ausweichstadion von Xamax in La Chaux-de-Fonds war zum Rückrundenbeginn noch nicht an Fussball zu denken. Hutter ergriff die Möglichkeit eines Auswärtsspiels in Lausanne und besuchte «den besten Fussballer anzutreffen, den die Stadt St.Gallen je hervorgebracht hatte».

Hutter zählte aus dem fahrenden Zug die Schneepflüge auf den Strassen. Bis Gossau hatte er es schon auf dreizehn gebracht. Mock lag im Tiefschlaf irgendwo zwischen Muolen und Untereggen – im Fasnachtskostüm unter einer Festbank. Der Neffe war mit dem Snowboard Richtung Berge verschwunden. Der Intercity überquerte die Sprachgrenze. Plötzlich hörte der Schnee auf und die Wiesen wurden grün. Hutter stieg in Lausanne aus dem Zug und suchte die Bar de Rosemont gegenüber der Hauptpost. Dort drin hoffte er : Richard Dürr!

King Richard war beim SC Brühl gross geworden und nach einem Abstecher zu den Young Boys 1961 bei Lausanne-Sports gelandet, wo er neun Saisons lang spielte. Dürr war der Regisseur im Team der blauweissen Könige der Nacht, die im Flutlicht so traumhaft aufspielten. Da konnten welsche Journalisten noch so lange über den jämmerlichen und rustikalen Fussball in der Ostschweiz lamentieren – einer der grössten Fussballer in Lausanne war ausgerechnet ein waschechter St.Galler, der auf Drei Weiern und im Krontal zum technisch versierten Fussballer geworden war und am Ball einfach alles konnte.

Dürr begrüsste den Gast aus der Ostschweiz warmherzig und wunderte sich über den Grund der Reise: «Xamax – St.Gallen auf der Pontaise? Habe ich nicht einmal mitbekommen.» – Hutter lieferte Dürr die Stichworte und dieser begann zu erzählen: «Der Sitzstreik von Lausanne im Cupfinal gegen Basel? Der Schiedsrichter wurde nach dem Spiel in die vierte Liga zurückversetzt, das sagt alles aus über seine Leistung.» – Hutter staunte über die Wimpel an den Wänden: Real Madrid, Barcelona und mitten drin der SC Brühl. Dürr war 1966 sogar auf einer saudiarabischen Briefmarke erschienen, anlässlich seiner WM-Teilnahme mit der Schweiz, wo er überraschend gegen England spielen musste. «Köbi Kuhn wurde suspendiert, weil er abends mit ein paar Engländerinnen losgezogen war!»

Hutter hatte die Zeit vergessen, noch 10 Minuten bis zum Anpfiff. Dürr lobte Gérard Castella: «Ein bescheidener Trainer, der sich nie in den Vordergrund stellt.» – Dann schob er einem Stammgast seine Autoschlüssel zu und Hutter wurde direkt vor den Stadioneingang der Pontaise gefahren. Er stieg die Treppen zur eleganten Haupttribüne hinauf und staunte über die schweren Eichentüren, die ihn an ein Theater erinnerten. Das Stadion war fast leer und das Spiel vielleicht auch darum so aussergewöhnlich: Hier waren alle Fans an einem Auswärtsspiel. Die rotschwarzen Neuenburger verfolgten den grünweissen St.Galler Alex und versuchten vergeblich, ihn am Torschuss zu hindern. 0:1 in der ersten Minute! Hutter hörte den Torjubel der St.Galler Spieler bis unter das Dach der Haupttribüne. Auf der leeren Gegentribüne leuchtete das blauweisse Klubemblem von Lausanne. Hutter schrieb Mock ein SMS: «Guter Ort, dieses Lausanne. Höchste Zeit, dass die Blauweissen ins Oberhaus zurückkehren.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Chez Richard» erschien anlässlich des Heimspiels in der 22. Runde der Saison 2005/06 gegen die Berner Young Boys.

Hutter & Mock


Jeder FCSG-Fan weiss es. Seit YB im neuen Wankdorf spielt, hat der FC St.Gallen dort noch nie gewonnen. Das konnten Hutter & Mock bei ihrem Besuch im November 2005 natürlich noch nicht wissen. Was aber damals schon offensichtlich war: Bei YB setzt man auf Ladies Night und Gastgeschenke. Oder einfacher: auf Event.

Wankdorf

Hutter führte Tanja über Schnee und Glatteis in Richtung Wankdorf. Mock trug einen Haufen Sitzkissen und Wolldecken vor sich und Pia her. Es war klirrend kalt und die Glocken läuteten. «Mitternachtsmesse im Stade de Suisse! Wer hatte eigentlich die Idee gehabt zu diesem besinnlichen Ausflug?» Mock hatte nur gewartet, dass Hutter damit beginnen würde. «Ich, Hutter, ich allein, und ich würde jederzeit wieder gleich entscheiden. Falls du umkehren willst, – bitte, Bern hat bestimmt ein wunderbares Kulturprogramm in gut geheizten Räumen.»

Plötzlich standen sie vor der leuchtend weissen Fassade des Schweizer Fussballtempels. Tanja und Pia wurden von hilfsbereiten Stewards in gelben Westen hineingeführt. Es war Ladies Night! Hutter und Mock tappten wie abservierte Liebhaber hinter ihren Frauen her. Sie trauten ihren Augen nicht. Sie sassen in der Kathedrale des Schweizer Fussballs und waren fast allein. Hutter hatte seine eigene Methode, um die Stimmung im Family Corner aufzuheizen: «Wirklich überzeugend, diese Super League! Statt gratis Heizkissen und Kafi Schnaps zu verteilen, reissen sie uns mit ihrem neuen Stadion-TV auch noch den letzten Nerv aus.» Hakan Yakin legte sich auf Grossleinwand Gurken aufs Gesicht und Adrian Eugster plapperte im Smoking über seine alten Kollegen aus St.Gallen. «Entertainment vor dem Match gehört heute einfach dazu, Schalke machts, Real auch und Austria Lustenau sowieso.»

Hutter dachte an das 1:0 von Hottiger gegen Italien und an die schwankende Stahlrohrtribüne im alten Wankdorf. Ein verzweifelter Speaker bat die entfesselten Schweizer Fans inständig, mit dem Stampfen aufzuhören. Das war Unterhaltung! Trainer Loose hatte seiner Truppe gegen die Kälte viel Vorwärts-Bewegung verordnet. Callà stach wie ein Pfeil hinein in die freien Räume auf dem Flügel. Marazzi dribbelte sich schwindlig. Alex fightete. Aber der letzte Pass wollte einfach nicht gelingen. Dann unterschätzte Cerrone eine harmlose Flanke von Aziawonou und Varela versenkte den Ball mit dem Kopf hinter Razzetti. 1:0. Hutter stand auf: «Das wars wohl, ich organisiere Überlebensnahrung. Tanja, wie wärs mit einer kleinen Stadionbesichtigung?» In der Pause spielte der neue Mister Schweiz mit drei weiblichen Matchbesucherinnen um Tickets für das Robbie-Williams-Konzert! Mock gähnte und Pia fragte nur, warum sie bei einem Wettbewerb eigentlich nie gewinne. In der zweiten Hälfte wärmten die Grünweissen ihre zahlreichen Anhänger endlich mit gefälligem Spiel auf. Sie schnürten die Gastgeber minutenlang im Strafraum ein, fanden die Lücke zum Tor aber doch nicht. Mock spürte seine Zehen nicht mehr. Pia massierte ihre gefrorene Nase. Ein YB-Spieler blieb verletzt am Boden liegen. Sanitäter rollten eine Bahre aus dem Jahre 1954 aufs Feld und über die Grossleinwand flimmerte die Werbung für ein neues Schmerzmittel. Mock faltete die Wolldecke zusammen. «Pia, ich habe dich an einen schrecklichen Ort ausgeführt. Komm, wir suchen unsere Freunde!»

Mock wunderte sich, als ein Steward Pia eine gelbe Rose überreichte. Da traf ihn ein Schneeball am Kopf. Mock sah zornig auf und erblickte Hutter und Tanja, die lachten und ihn mit weiteren Schneebällen herausforderten. Mock und Pia nahmen die Einladung an.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Schneeball für Robbie Williams» erschien anlässlich des Heimspiels in der 17. Runde der Saison 2005/06 gegen Neuchâtel Xamax.

Hutter & Mock


Gegen Ende des Jahres 2005 zeichnete sich für den FC St.Gallen bereits eine weitere Übergangssaison ab. Gegen hinten genügend Abstand, gegen vorne kaum Chancen. Hutter & Mock waren im November 2005 aber sowieso mit der «Nati» beschäftigt, die in der zu zweifelhaftem Ruhm gekommenen Barrage gegen die Türkei den Einzug in den Europapokal schaffte. Ein bisschen St.Gallen gab es dennoch: Im Kader damals stand Tranquillo Barnetta.

Hutter stellte den Teller mit dem Tomaten-Mozzarella-Salat auf den Tisch. «Heute gilt nur rotweiss, Mock! Das fängt beim Essen an. Was hast du mitgebracht?» – Mock zauberte aus einer Tasche einen knallroten Apfel und legte ihn ohne Kommentar neben den Salat. Hutter versuchte, Mock in Stimmung zu bringen. Ein Wohnzimmer in der St.Galler Altstadt war nicht der ideale Ort, um sich das Spiel des Jahres anzusehen. Mock war sauer: «Jetzt sitzen im ‘Stade de Suisse’ all die kultivierten Menschen, die vor zehn Jahren bei einer Einladung zum Fussball noch die Nase gerümpft haben. Aber Fans wie du und ich, die das alte Wankdorf gefüllt haben, müssen heute draussen bleiben.»

Hutter füllte den Fressnapf mit einer Extra-Portion. Amoah und Rubio rasten daher. Während die zwei Katzen frassen, schnitzte Mock ein Schweizer Kreuz in den Apfel. Der slowakische Schiedsrichter pfiff die Partie an. Barnetta tanzte locker durch die türkische Verteidigung. Er widerlegte alle Vorurteile über St.Gallen: Tranquillo war kreativ, mutig, elegant. Ein Filou und Herzensbrecher, der Mitspieler und Fans ansteckte mit seiner Begeisterung. Barnetta vertrieb den kleinlichen Trotz auch aus Hutters Wohnzimmer und Mocks Augen begannen zu strahlen. «Ich nehme alles zurück, was ich je über Köbi und diese Mannschaft gesagt habe. Vogel mit seiner Ruhe und Übersicht ist Weltklasse. Senderos ein Leuchtturm in stürmischer See. Magnins Hingabe ein Geschenk. Da sind elf wahre Freunde auf dem Platz!»

Amoah und Rubio verfolgten aufmerksam jede Bewegung der beiden Fans vor dem Fernseher. Nach Senderos 1:0 schoss Mock aus dem Sofa in die Höhe und kippte den Mozzarella-Salat vom Tisch auf den Teppich. Amoah und Rubio stürzten sich darauf. Hutter lachte: «Verwüste diese Wohnung, Mock, mach was du willst, solange es uns an die WM bringt.» In der Pause rieb Mock mit einem Lappen auf dem Teppich herum und hörte dem von der «Nati» tief beeindruckten deutschen Fussballlehrer Daum zu. Hutter kehrte mit einer Ersatzverpflegung aus der Kälte zurück. «Kulinarisch haben wir die Barrage leider schon verloren.» Hutter drückte Mock einen Dürüm in die Hand. «Schneller gibt’s nichts.»

Nach der Pause deuteten die Türken an, warum sie die Deutschen kürzlich an die Wand gespielt hatten. Mock rutschte nervös auf dem Sofa herum und massierte Amoahs Rücken. Hutter tigerte durch die Wohnung und krümmte sich bei jedem verunglückten Konter der Schweizer. «Hat das denn nie ein Ende? Gut gespielt und doch nicht gewonnen, ein Leben lang. Warum?» – Mock zischte: «Schluss mit dem Gejammer. Wir kommen durch, dank Köbi. Der Mann hat einen siebten Sinn.» Endlich kam der Moment des Triumphs. Der einfache Mann aus Zürich-Wiedikon stopfte allen Besserwissern das Maul – mit einer einzigen Auswechslung: Kuhn brachte Behrami!

Drei Minuten später versenkte der Kosovo-Schweizer den Ball hinter Goalie Volkan zum 2:0 im Tor. Mock und Hutter sprangen auf und Mock stiess die Flasche mit dem Apfelsaft um. Rubio und Amoah sausten zum Fleck auf dem Teppich. Abpfiff. Mock holte einen Lappen in der Küche und wischte den Apfelsaft auf. Hutter trat hinaus auf den Balkon. Am Himmel leuchtete der Mond. Am Bohl hupten die Autos. Durch die Marktgasse rannten einige mit einer Schweizer Fahne. Es war fast wie im Mai 2000.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Wie im Mai» erschien anlässlich des Heimspiels in der 15. Runde der Saison 2005/06 gegen GC.

Hutter & Mock