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Es sind mal wieder schwere Zeiten für uns FCSG-Fans. Nach einer 0:7-Klatsche möchte man eigentlich im Boden versinken und sich erst bei der nächsten Chance zur Rehabilitierung wieder zeigen. Aber irgendwie gehört es als St.Galler ja dazu, ständig zu leiden. Nicht umsonst singt der Espenblock «mir, wo so vil mönd liidä für üsän Fuessballclub».

Egal wie oft wir uns der Lächerlichkeit preisgeben, egal wie oft wir gegen den Abstieg statt um den Europacup kämpfen, egal wie oft wir bei der Arbeit ausgelacht werden: Wir werden immer der älteste Club auf dem europäischen Festland bleiben. Dann feiern wir den 137. Geburtstag des FCSG halt nach einer Riesenklatsche. Und schenken euch unsere Ausgabe zur Geschichte des FCSG für 5 Stutz.

Di erschtä – für immer!


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Cover SENF02


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Anlässlich des Auswärtsspiels vom vergangenen Sonntag in Lugano wagt das Senf-Kollektiv einen Blick zurück – in die Jahre 2008 und 2009, in denen eine der eindrücklichsten Abfolgen von Gastspielen im Tessin stattfand.

Ob strahlender Sonnenschein oder strömender Regen: Das Wetter nach der Fahrt durch den Gotthard ist immer eine Überraschung. Die Vergangenheit zeigt: Ziemlich ähnlich verhält es sich, wenn St.Gallen auswärts im Tessin spielt. Auch hier wissen wir nie, was am Ende des Tages herausspringt.

Barrage in Bellinzona – das Wetter sagt alles

Wir schreiben das Jahr 2008. St.Gallen tritt in Bellinzona zum Hinspiel der Barrage an. Eine der prägendsten Erinnerungen: Es regnet in Strömen und ohne Unterbruch. In Bellinzona, wo doch sonst immer die Sonne scheint. Dieses Mal nicht. Vielleicht weil wir gegen den Abstieg spielen? Das Wetter als Sinnbild für die Lage des Clubs: Land unter!

Damals haben wir – nass bis auf die Knochen – noch nicht gewusst, dass der eigentliche Tiefpunkt im Rückspiel im Espenmoos folgen würde: der Abstieg und gleichzeitige Abschied vom Espenmoos, mit unschönen Nebengeräuschen.

Seit diesem Spiel kontrollieren wir immer doppelt, ob wir wasserfest angezogen sind, wenn wir ins Tessin reisen.

Locarno – hat das Tessin etwas zu kompensieren?

Es kommt, wie es kommen musste, der FCSG steigt ab – und wir reisen 2008/2009 darum mehr als je zuvor in den Süden, weil sich in der zweiten Liga zu diesem Zeitpunkt doch einige Tessiner Vereine finden. Einer davon, Locarno, und das Auswärtsspiel im Lido haben es uns besonders angetan.

Als ob das Tessin sich mit uns versöhnen wollte, herrscht bei unserer Ankunft im friedlichen Locarno strahlender Sonnenschein. Ausflugstimmung kommt auf, wir essen Gelati am See, erkunden ein zu diesem Zeitpunkt doch etwas verschlafenes Städtchen, marschieren ins Stadion und erleben einen ungefährdeten Sieg unseres FCSG, während die Sonne unermüdlich scheint.

Seit diesem Spiel kontrollieren wir immer doppelt, ob wir die Sonnencrème mit Schutzfaktor 50 eingeschmiert haben, wenn wir ins Tessin reisen.

Lugano zum Ersten – «mer gönd no lang nöd ha ha hai»

Und am Ende dieser erweiterten Saison (wenn man das Barrage-Spiel noch dazuzählt), die uns zwei Spiele mit zwei Extremen beschert hat, fahren wir noch einmal durch den Gotthard, dieses Mal jedoch vor einem völlig anderen Hintergrund: Nach dem gewonnenen Spiel gegen Concordia Basel, was den Aufstieg für den FCSG bedeutet, führt uns das letzte Spiel in der unteren Liga nach Lugano. Die Gefühlslage könnte nicht unterschiedlicher sein, wenn man das Bellinzona-Spiel damit vergleicht.

Wieder hat ein ordentlicher Haufen St.Galler den Weg ins Tessin gefunden, aber dieses Mal singen wir, feiern den Aufstieg. Im Cornaredo erleben wir einen der unvergesslichen Momente: ein Auswärtsspiel, das uns 90 Minuten voller Freude beschert.

Seit diesem Spiel kontrollieren wir immer doppelt, ob wir die Siegeszigarren eingepackt haben, wenn wir ins Tessin reisen.

Jedes Auswärtsspiel im Tessin – vom Barrage-Spiel bis zum Wiederaufstieg – war eine Wundertüte. Unterschiedlicher hätten sie kaum sein können. Deswegen erinnern wir uns wohl so gut an sie. Und deswegen kontrollieren wir seither immer doppelt, ob wir genügend Sonnencrème unter der wasserdichten Kleidung aufgetragen haben und ob wir genügend Zigarren und Champagner für Siegesfeiern im Gepäck haben. Denn, wie gesagt; im Tessin kann man alles erleben – vom einen Extrem ins andere.


Dieser Beitrag erschien am 20. Oktober 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Jeff Saibene kam 2011 ohne viel Kredit nach St. Gallen. Den Abstieg konnte er nicht mehr verhindern. Dann zeichnete er sich aber mitverantwortlich für die beste Zeit des FCSG in den letzten Jahren. SENF unterhielt sich mit dem Cheftrainer über diese Entwicklung, seine Europa League-Erlebnisse und über seine Eindrücke vom Club und den Fans.

Jeff Saibene

SENF: Jeff Saibene, wie kommt ein Luxemburger dazu, in der Schweiz Karriere zu machen?

Saibene: Dass ich in der Schweiz landete, war kein Zufall, sondern wie vorprogrammiert. Ich war immer ein Schweiz-Fan; nicht einmal unbedingt vom Fussball, sondern weil mir das Land immer sehr gefiel. Mit 19 spielte ich bei Standard Lüttich, da kam eine Anfrage aus Aarau, wo ich meinen ersten Profivertrag unterschrieb.Ich blieb dann, bis auf einen kleinen Unterbruch, immer hier. Heimweh verspüre ich nicht, ich will auch nicht zurück, sondern mit meiner Familie hier bleiben.

SENF: Luxemburg gilt als Fussballzwerg. Aus welcher Perspektive betrachtet man da den Weltfussball?

Saibene: Da ich schon mit 15 aus Luxemburg wegzog und mehr als die Hälfte meines Lebens in der Schweiz verbracht habe, sehe ich den Fussball mehr aus Schweizer Perspektive. Luxemburg wurde aufgrund seines geringen Stellenwerts aber schon immer etwas belächelt, wobei ich hier mittlerweile eine gewisse Akzeptanz spüre. Dass Luxemburg die Schweiz besiegt hat, trug vielleicht auch etwas dazu bei.

SENF: Eine Akzeptanz, die du dir in St. Gallen hart erarbeiten musstest.

Saibene: Verständlicherweise stand man mir kritisch gegenüber, als ich vom Luxemburgischen Fussballverband nach St. Gallen kam.Ich war ein Durchschnittskicker, nicht viele haben mich gekannt und wir verfehlten gleich das Ziel, die Liga zu halten. Die darauffolgende Saison in der Challenge League war ebenfalls schwierig. Danach gab es aber einen radikalen Wandel, nach dem ich mir und wir uns Akzeptanz aufgebautund viel Vertrauen bei der Bevölkerung gewonnen haben. Ich geniesse derzeit ein hervorragendes Verhältnis, was sich auch in einer gewissen Anerkennung und Dankbarkeit äussert. Dies trägt viel dazu bei, dass ich mich hier sehr wohl fühle.

SENF: Zum schwierigen Start trug sicher auch das Auswärtsspiel bei Xamax bei. Was geht einem Trainer durch den Kopf, wenn Tréand für acht verbliebene Neuenburger in der 94. Minute gegen St. Gallen das 2:1 schiesst?

Saibene: Das war wirklich ein Horrormoment. Wir waren in Überzahl und konnten in diesem wichtigen Spiel gegen einen direkten Konkurrenten wenigstens überhaupt noch ausgleichen. Dann haben wiruns bei einem Freistoss komplett naiv verhalten. Statt zu flanken, schoss Hämmerli direkt aufs Tor, der Torhüter parierte den harmlosen Schuss, warf aus, Tréand liess zwei von uns stehen und schoss das Tor. Es ist eine Episode, über die wir heute 
lachen können, damals war es aber Horror. Den Abstieg bedeutete es aber nicht: Obwohl es mental ein empfindlicher Schlag war, konnten wir das Rennen bis zum Schluss offen halten, ehe wir bei YB verloren.

SENF: War es danach eine undankbare Aufgabe, die Challenge League als Ligakrösus, also quasi aus der Bayern-Perspektive, in Angriff zu nehmen?

Saibene: Die Challenge League war eine zwiespältige Geschichte. Wir haben stets unsere Pflicht erfüllt, haben aber nicht das Spektakel gezeigt, das sich das Umfeld wünschte. Zudem war die Liga unattraktiv. Obwohl ein fader Beigeschmack bleibt, erreichten wir den Aufstieg ohne Probleme. Es war auch einmal schön, die Gewissheit zu haben, aufgrund der vorhandenen Qualität acht von zehn Spielen zu gewinnen. Wir gerieten nie ernsthaft unter Druck und stiegen früh auf.

SENF: Hat es dich dann selbst überrascht, als Aufsteiger gleich souverän Dritter zu werden?

Saibene: Meistens ist es ja so, dass man als Aufsteiger den Groove mitnimmt. Es war vielleicht aber auch eine Trotzreaktion: Wir hatten wenig Kredit, viele gaben uns keine Chance. Dazu kamen mit Nater und Janjatovic entscheidende Transfers; Spieler, die uns enorm weiterbrachten, vorhin jedoch kaum jemand kannte. Mit diesen zwei Top-Fussballern in der Mitte hat sich unser ganzes System verändert. Wichtiger als die letzte Saison ist für mich aber, dass wir die Leistung in der diesjährigen Hinrunde bestätigen konnten, trotz immenser Belastung sowie gewichtigen Abgängen. Was wir in diesem halben Jahr erreicht haben, finde ich bemerkenswert.

SENF: Von der Challenge League direkt in die Europa League: Ein Traum?

Saibene: Wenn ich jemandem beim Heimspiel vor zwei Jahren gegen Carouge gesagt hätte, dass wir hier 2013 in der Europa League-Gruppenphase Valencia empfangen, hätte der mich für komplett verrückt erklärt. Es nahm von Spiel zu Spiel seinen Lauf, alles ging sehr schnell. Möglicherweise werde ich erst in einigen Jahren realisieren, was wir hier als kleiner Club erreicht haben. In Moskau mit 4:2 zu gewinnen und die Gruppenphase zu erreichen ist mit das Schönste,was ich je erlebt habe. Die 30 Minuten nach dem frühen Gegentor waren mit das Beste, was der FC St. Gallen in jüngerer Vergangenheit gezeigt hat. Ich habe in der darauffolgenden Nacht kein Auge zugemacht, erhielt viele Nachrichten. Wir machten europaweit Schlagzeilen und erhielten innerhalb der Schweiz Anerkennung und Sympathie, wie es St. Gallen noch selten erfahren hat. Mit der Qualifikation zur Europa League sowie unserem Auftreten in der Gruppenphase haben wir viel für das positive Image des Vereins getan.

SENF: Dabei hast du vom schwerstmöglichen Gegner gesprochen, als uns Spartak Moskau zugelost wurde.

Saibene: Ja, ich dachte, das ist einfach Scheisse: Da verlierst du zweimal, hast zuhause keine Zuschauer, fliegst nach Moskau und das war dann die Europa League. Natürlich habe ich das weder dem Team, noch der Öffentlichkeit gegenüber so verkauft, aber ich hatte die Russen in der Meisterschaft verfolgt und sie waren wirklich sackstark. Ehrlich gesagt, wäre ich lieber nach Stuttgart gereist.

Ich glaube, dass wir danach mit Valencia und Swansea die beste Gruppe erwischt haben. Valencia ist ein Weltclub, der in den letzten zehn Jahren zweimal im Champions League-Final stand. Das Auswärtsspiel war für alle ein grosses Erlebnis, obwohl wir hoch verloren haben. Kuban Krasnodar war weniger ein Wunschgegner – insgeheim habe ich auf Standard Lüttich gehofft, wo ich als junger Spieler fünf Jahre verbrachte.

SENF: Haben sich die Prioritäten während der Europa League-Zeit verschoben?

Saibene: Nein, gar nicht. Ich habe von Spiel zu Spiel geschaut und so rotiert, dass einerseits alle Spieler im Rhythmus blieben und wir andererseits immer genügend fitte Spieler auf dem Platz hatten. Abgesehen von den Stürmern sind wir vom Verletzungspech verschont geblieben, weshalb wir alles ganz gut bewältigt haben – obwohl
die Belastung riesig war und wir zuletzt im Dreitagesrhythmus spielten.

SENF: Wie bewältigte die Mannschaft dieses immense Pensum?

Saibene: Es ist eine Frage des Willens und der Fitness. Nach der intensiven Vorbereitung im Sommer sagten mir viele Spieler, sie seien noch nie so fit gewesen. Auch darum sind wir die Mannschaft mit dem grössten Laufpensum der Liga. Die Teams der europäischen Topligen laufen im Schnitt 122 Kilometer pro Spiel, wir rund 130! Als ich der Mannschaft vorschlug, etwas weniger Pressing zu betreiben, wollten die Jungs das nicht. Sie wollen so Fussball spielen und zeigten, dass sie dazu im Stande sind: Nach dem Auswärtsspiel in Moskau besiegten wir Luzern mit 4:1. Aus Krasnodar kamen wir freitags in der Nacht zurück, klinisch tot. Trotzdem gewannen wir gegen Zürich und liefen wieder 130 Kilometer! Vor der Winterpause gab es aber doch Spiele, in denen wir die Belastung spürten. Trotzdem: Wie oft seid ihr nach Hause gegangen und wart wirklich enttäuscht von der Mannschaft? Ich denke, diese Spiele lassen sich im vergangenen Jahr an einer Hand abzählen.

SENF: Ihr habt uns beeindruckt – wir euch auch?

Saibene: Am meisten beeindruckt hat mich Swansea, als die ganze Schlange St. Gallen-Fans an unserem Bus vorbeizog. Wenn du zu diesem Club gehörst und so etwas siehst, ist das Wahnsinn! Riesig! Auch im Stadion war es ein einmaliges Erlebnis. Fans in England, das ist etwas anderes; es ist auch Stimmung, aber nicht so, das kennen sie gar nicht. Ich bekam danach Meldungen, sie hätten so etwas noch nie erlebt. Was haben sie geschrieben? ‚Best ever!‘ Auch im Cup gegen Zürich fand ich die Stimmung unglaublich cool. Es waren 7‘700 Leute da und von der Stimmung her hatte ich das Gefühl, das Stadion sei voll. Wir haben ein riesiges Fanpotenzial, ich geniesse jedes Spiel.

SENF: Jedes Spiel? Bist du von uns manchmal nicht auch enttäuscht?

Saibene: Im Moment selten. Natürlich, wenn einer einmal einen Penalty verschiesst und danach zwei, drei schlechte Aktionen hat, ist es unglücklich wenn 50 Prozent der Fans pfeifen. Ich habe zwar ein gewisses Verständnis, es gehört irgendwie auch dazu, denke aber auch ‚Scheisse, muss das jetzt sein?‘.

SENF: Stört es dich, wenn in einem Spiel mehr gegen den Gegner als für die eigene Mannschaft gesungen wird?

Saibene: Naja, es ist halt… Hauptsache es wird gesungen (lacht).

SENF: Wir kommen nicht drum herum, das Thema Pyro anzusprechen. Stört dich das? Gefällt dir das?

Saibene: Das Problem bei Pyros ist einfach, dass es gefährlich ist. Wenn es zur Waffe und auf Menschen geworfen wird, dann ist es Horror. Wenn es aber so ist, dass es als Fest, als Stimmung genutzt wird, finde ich es grandios.

SENF: Mittlerweile bist du der mit Abstand dienstälteste Trainer der Super League. Was bedeutet dir das? Könnte sich daraus eine längere Ära entwickeln?

Saibene: Ich hatte im Dezember meinen tausendsten Arbeitstag beim FC St. Gallen. Ich denke, darauf darf ich schon ein bisschen stolz sein. Tausend Tage sind eine lange Zeit und für mich besonders schön, weil die Anfangszeit nicht so positiv war. Darum gefällt es mir, dass der Trainer hier derzeit gar kein Thema ist und es wäre speziell, wenn dies über einige Zeit so bleiben würde – sieben, acht Jahre beim gleichen Club zu arbeiten, das würde mich schon sehr reizen. Vielleicht ist das aber auch nur Wunschdenken…

SENF: A propos Wunschdenken: Was willst du unbedingt erreichen?

Saibene: (Überlegt lange) Den Cupfinal möchte ich unbedingt einmal erleben, weshalb mir das Out gegen Zürich grausam auf dem Magen liegt. Früher wollte ich einmal der erste Luxemburger sein, der in der Bundesliga trainiert. Davon bin ich aber etwas abgekommen, zumal ich mich hier derzeit wunschlos glücklich fühle. Ich geniesse hier eine riesige Unterstützung von allen Seiten und kann mir nicht vorstellen, dass ich es irgendwann und irgendwo nochmals so gut haben werde wie hier. Dennoch muss man realistisch bleiben. Wenn ein Top-Angebot kommt und der Präsident, der Sportchef und ich finden, dass ich das unbedingt annehmen müsse, würde ich wahrscheinlich auch gehen. Ich denke kaum, dass ich Guy Roux werde und hier 37 Jahre lang Trainer bleibe.

SENF: Wer weiss!

Saibene: Wer weiss, ja! Vielleicht sitzen wir in 20 Jahren ja wieder hier (lacht).

Dieses Interview erschien zum ersten Mal im SENF #01 (erschienen im Januar 2014).


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Für unsere zweite Ausgabe sind wir im Frühling 2014 nach Sheffield gereist um den ältesten Fussballclub der Welt zu besuchen und den Weg zu ebnen, dass der FC St.Gallen dem Club of Pioneers beitritt. Schon damals berichtete Richard Tims, der Präsident des Sheffield FC, dass der Club irgendwann an seinen ursprünglichen Spielort zurückkehren möchte. Nun wird das Anliegen konkreter.

Sheffield FC Logo

Nach der Gründung im Jahr 1857 spielte der Sheffield FC auf einem Feld in Olive Grove, mitten in Sheffield. Am eigentlichen Geburtsort des Fussballs besteht zwar auch heute noch eine Rasenfläche, zum Fussballspielen genügt diese aber längst nicht mehr. Der Sheffield FC trägt seine Heimspiele derzeit etwas ausserhalb der Stadt aus. Das soll sich ändern. Die Stadt hat bereits eingewilligt, dass der Club an seine Geburtsstätte zurückkehren kann. Doch damit fängt das Projekt erst richtig an. Als Amateurverein verfügt der Verein nicht über die Ressourcen, alle nötigen Arbeiten auszuführen. Und hier kommen Fussballfans aus aller Welt ins Spiel: Mit einer Crowdfunding-Kampagne sollen die nötigen Mittel beschafft werden. Bereits mit einem Pfund kann man einsteigen, wer tiefer in die Tasche greifen möchte, kann sich sogar einen Einsatz für den Sheffield FC sichern.

Wir finden, der Fussball hat diese Heimat verdient! Und um dir einen Einblick zu gewähren, was den Sheffield FC ausmacht, veröffentlichen wir nachfolgend den Text aus dem SENF #02 mit dem Titel «Fussballpioniere» in voller Länge.


Vor 135 Jahren wurde im Restaurant Hörnli der FC St. Gallen 1879 gegründet. Auch wenn sich die Fans in einem Lied auf den ironischen Standpunkt stellen, damit der älteste Verein der Welt zu sein, gibt es einige wenige Vereine, die noch älteren Datums sind. SENF hat sich beim tatsächlich ältesten Fussballverein der Welt, dem Sheffield FC, umgesehen.

Der Ort Sheffield hat für den englischen Fussball tragische Berühmtheit erlangt. Vor 25 Jahren ereignete sich im Hillsborough-Stadion eine der grössten Katastrophen der Fussballgeschichte. Im traditionell auf neutralem Terrain stattfindenden Halbfinale des FA-Cups trafen Nottingham Forest und Liverpool aufeinander. Das Spiel zog die Massen an, vor dem Sektor des Liverpool-Anhangs stauten sich die Menschen, sodass die überforderte Polizei ein Eingangstor öffnete. Die Fans strömten dadurch in bereits überfüllte Stadionbereiche, wodurch es zur Tragödie kam. Im Gedränge der Menschenmenge verloren 96 Fans ihr Leben, viele weitere wurden verletzt. Die Ereignisse dieses Tages hatten weitreichende Konsequenzen. Während die Verfehlungen der Polizei erst vor kurzem richterlich festgehalten wurden – unter anderem dank dem grossen Einsatz der Kampagne «Justice for the 96», die jahrelang die Fehler der Polizei aufzudecken versuchte – wurden die Fans bereits kurz nach der Tragödie bestraft. Durch verschiedene Massnahmen, wie zum Beispiel die Abschaffung der Stehplätze, verschwand die bis anhin so berüchtigte englische Stimmung.

Trotz dieser Historie ist Sheffield nach wie vor eine fussballbegeisterte Stadt. Während die besser bekannten Vereine Sheffield Wednesday und Sheffield United in der zweit- beziehungsweise dritthöchsten Liga regelmässig um die 20‘000 Zuschauer zu ihren Spielen begrüssen dürfen, spielt der Sheffield FC vor rund 200 Zuschauern in der Northern Premier League Division One South, der achthöchsten Liga. Eine Zahl, die darüber hinwegtäuscht, dass der Sheffield FC mit Gründungsjahr 1857 der älteste Fussballverein der Welt ist und somit das Spiel, das heute Millionen in seinen Bann zieht, zu grossen Teilen mitgeformt hat. Dass man dieses Erbe pflegen will, daran lässt der Präsident Richard Tims beim Besuch von SENF keinen Zweifel. Auch wenn der Verein zurzeit in einem kleinen, rund 2‘000 Fans fassenden Ground zu Hause ist und die Räumlichkeiten aus einigen zusammengestellten Containern – immerhin mit vereinseigenem Pub – bestehen: Man sieht sich als der «great-great-grandfather» aller Fussballvereine dieser Welt. Nicht zu Unrecht, wie sogar die FA, der englische Fussballverband, bestätigt. Auch wenn es, so Tims Eindruck, «denen in London lieber wäre, dass es den Sheffield FC nicht gäbe». So könnte man einem grösseren, bekannteren Verein den Stempel des ältesten Vereins aufdrücken. Sie bekämen auch immer wieder den Vorwurf zu hören, dass damals höchstens eine sehr primitive Form von Fussball gespielt wurde, sogenannter «mob football», bei dem sich zwei Teams – nicht selten ganze Stadtviertel – eher um den Ball prügelten, als darum zu spielen. Dies entbehre aber jeglicher Grundlage, meint Tims. Er belegt das unter anderem mit einem Regelbuch. Die Gründer Nathaniel Creswick und William Prest gaben so nicht nur ihrem Verein eine formelle Grundlage, sondern mangels bestehender Regeln gleich auch dem Spiel an sich. Die Ähnlichkeiten zum heutigen Spiel sind frappant. Um endgültig alle Zweifel aus dem Weg zu räumen, will Tims demnächst ein Dokument veröffentlichen, das – noch bevor die FA überhaupt gegründet wurde – festhielt, dass eine Mannschaft aus elf Spielern zu bestehen habe. Wenn es noch weiterer Argumente bedarf, um Skeptische zu überzeugen, so erzählt Richard Tims gerne vom ältesten Derby der Welt, das auch heute noch jährlich zwischen dem Sheffield FC und dem nur drei Jahre jüngeren Hallam FC stattfindet. Wenn man Tims zuhört, stellt man sich aber sowieso kaum die Frage, ob das alles stimmt. Viel eher fragt man sich, wieso dieser Verein nicht die Aufmerksamkeit geniesst, die er verdient hat. Auch beim Sheffield FC hat man sich diese Frage gestellt. Anstatt sich darüber zu beklagen, nahm man in Sheffield die Dinge aber selber in die Hand und hob den Club of Pioneers aus der Taufe. In diesem sollen in nicht allzu ferner Zukunft die jeweils ältesten Fussballvereine aller Länder vertreten sein. Die Mitgliedschaft soll jedoch nicht nur ein Lippenbekenntnis sein, vielmehr soll sie ausdrücken, dass man als Mitglied die Ursprünge dieses Sports bewahren will. Um dem auch sportlich Ausdruck zu verleihen, findet regelmässig ein Pioneers Cup statt, bei dem Teams aller Pioniere mitmachen, bestehend aus Fans, ehemaligen Spielern und weiteren Persönlichkeiten. Auf Initiative und Vermittlung von SENF, mit Unterstützung des Dachverbands 1879, hat sich auch der FC St.Gallen mit dem Sheffield FC in Verbindung gesetzt und wird schon kurz nach Veröffentlichung dieser Ausgabe – am 24. September 2014 anlässlich des Heimspiels gegen den Grasshopper-Club Zürich – Vertreter des ältesten Vereins in St.Gallen begrüssen, um in den ehrwürdigen Kreis der Pioniere aufgenommen zu werden. Der FC St.Gallen wird an der Austragung des Pioneer Cups im nächsten Jahr voraussichtlich ebenfalls ein Team stellen, und SENF wird berichten.


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Die ersten Fussballlichtspiele St.Gallen wurden begleitet von einer Ausstellung, die der SENF als offizieller Medienpartner des Fussball Film Festivals organisiert hat. In die Ausstellung eingeführt hat ein adaptierter Text aus dem SENF #02, den wir nachfolgend veröffentlichen. Die Ausstellung selbst bestand aus Trikots des FCSG aus vielen verschiedenen Epochen.

Ausstellung Fussballlichtspiele

Am 19. April 1879 sorgte die kleine Ankündigung im St. Galler Tagblatt, dass am selben Abend ein «Foot-bal Club» gegründet werden soll, wohl noch für wenig Aufsehen. Fussball hatte zu dieser Zeit bei weitem noch nicht den Stellenwert, den er einige Jahre später haben sollte. Im Gegenteil, 1919 äusserte sich der damalige Präsident Emil Gretler folgendermassen zu den Anfängen: «Das war damals richtige Pionier-Arbeit, als es noch hiess, etwas zu betreiben, für das niemand Verständnis aufbrachte, sondern nur Spott und Gelächter übrig hatte … Ohne irgendwelche behördliche Subventionierung, ja an vielen Orten gegen die grössten Schwierigkeiten seitens der Obrigkeit, musste der Platz erobert werden.»

Seit diesen Anfängen sind die grün-weissen Clubfarben eine Selbstverständlichkeit für jeden, der sich mit dem FC St. Gallen verbunden fühlt. Doch dass der FCSG während seiner 135-jährigen Geschichte für einige Jahre andere Clubfarben trug und auch zu hause nicht immer in grün-weiss auflief, ist vielen nicht bekannt. Diese Ausstellung ermöglicht es, in die Geschichte des Vereins und damit in die Geschichte der Trikots des FC St.Gallen einzutauchen. Seit 1879.

Zur Gründung wählten die Verantwortlichen des FCSG die Clubfarben grün-weiss, jedoch wechselte der FC St. Gallen die Clubfarben mehrmals. Nach dem Zusammenschluss mit dem FC Celeriana 1889 änderten die St. Galler die Clubfarben von grün-weiss zu blau-weiss. Nach knapp zehn Jahren in blau-weiss spielte der FCSG nach einer weiteren Fusion mit dem FC Phoenix von 1898 bis 1900 in gelb-schwarz, bevor man zurück zu den bis heute bestehenden grün-weissen Vereinsfarben fand.

Die verschiedenen Trikots zeigen nicht nur die Entwicklung aktueller Trends auf, sie machen implizit auch Aussagen über den Fussballsport. Von schlichten, ohne Werbung versehenen Trikots ging der Weg über zaghafte erste Sponsoren auf der Brust bis zu den heutigen, doch etwas mehr bedruckten Shirts, die neben Marken auch offizielle Embleme der Liga aufweisen. Nur eines ist über die Jahre – mit wenigen Ausnahmen – konstant geblieben: «Der FCSG ist grün-weiss!»

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Wer mehr über die Geschichte des FC St.Gallen erfahren möchte, kann dies mit dem SENF #02 machen. Unter dem Titelthema «135 Jahre FCSG» haben wir verschiedene Episoden näher beleuchtet und in einem Zeitstrahl die ganze Geschichte inklusive der damaligen Trikots nachgestellt.