Als ältester Verein Kontinentaleuropas könnte der FC St.Gallen eigentlich auf eine lange Geschichte zurückblicken. Abgesehen vom ersten Logo, das in den jüngsten Jahren ein Revival erlebte, und dem Meistertitel 1904 ist jedoch weder bei den Fans noch beim Verein häufig von den Ursprüngen des FCSG die Rede. SENF hat sich deshalb in den Archiven umgesehen und insbesondere die ersten 40 Jahre unseres Fussballclubs untersucht.

Am 19. April 1879 sorgte die kleine Ankündigung im St. Galler Tagblatt, dass am selben Abend ein «Foot-bal Club» gegründet werden soll, wohl noch für wenig Aufsehen. Fussball hatte zu dieser Zeit bei weitem noch nicht den Stellenwert, den er einige Jahre später haben sollte. Im Gegenteil, 1919 äusserte sich der damalige Präsident Emil Gretler folgendermassen zu den Anfängen: «Das war damals richtige Pionier-Arbeit, als es noch hiess, etwas zu betreiben, für das niemand Verständnis aufbrachte, sondern nur Spott und Gelächter übrig hatte … Ohne irgendwelche behördliche Subventionierung, ja an vielen Orten gegen die grössten Schwierigkeiten seitens der Obrigkeit, musste der Platz erobert werden.» Dass in St. Gallen damals dennoch ein Fussballclub gegründet wurde, ist wohl auch dem Institut Schönberg in Rorschach zu verdanken. Dessen fussballbegeisterter Direktor Wiget hatte einige Schüler mit dem Fussballfieber angesteckt, sodass sie auch nach Abschluss der Schule dem Sport nachgingen und schliesslich als junge St. Galler Kaufleute einen Fussballverein gründeten. Der Grundstein für den späteren FC St. Gallen wurde also schon vor 1879 gelegt. Spätestens ab 1876 finden sich in Dokumenten der Gründungszeit Hinweise auf einen mehr oder weniger regelmässigen Fussballbetrieb in der Region, wenn auch noch ohne Vereinsstrukturen.

Die Gründungsväter

Der Übergang vom eher losen Spielbetrieb zu einem geregelten Vereinsleben kann nicht nur dank des erwähnten Inserats genau datiert werden. Auch wenn die anlässlich der Gründung verabschiedeten Vereinsstatuten nicht mehr vorliegen, verweisen verschiedene Dokumente auf ebendiese und bestätigen das Datum. Auf diese Weise lässt sich auch nachvollziehen, wie der FCSG zu seiner Gründung aufgestellt war. Die Statuten kamen mit lediglich neun Paragraphen aus, der Vorstand (damals noch «Commission») bestand aus dem Präsidenten, dem Aktuar und Vizepräsidenten in Personalunion, dem Kassier und dem Revisor. Dazu kamen zwei Spieldirigenten, deren Aufgabe aus einer Mischung zwischen Trainer und Captain zu bestehen schien. Von den Gründungsvätern des FC St. Gallen ist leider nicht allzu viel überliefert. Es liess sich zumindest rekonstruieren, dass der erste Präsident auf den Namen R. Renkowitz hörte, der erste Aktuar und Vizepräsident auf Pierre de St. Robert. Von beiden ist im späteren Verlauf der Geschichte aber nichts mehr zu hören. Bereits am 16. April 1880 wurden vom neuen Präsidenten Alb. Engeler aktualisierte Statuten unterzeichnet. Erst mit Gust Grunder, der Ende des 19. Jahrhunderts zu einer elfjährigen Amtszeit antrat, wurde das Präsidium erstmals mit einer gewissen Konstanz geführt. Seine Verdienste werden wohl auch deshalb immer wieder erwähnt und er wurde bereits zum Ehrenpräsident gewählt, als sein Nachfolger vor der Hauptversammlung zur Wahl antrat.

Wechselhafter Start

Die ersten Jahre des noch jungen Vereins waren äusserst wechselhaft. 1892 konnte zum ersten Mal ein Wettspiel durchgeführt werden, weil inzwischen der Grasshopper-Club Zürich gegründet worden war. In der vom damaligen Kassier Fritz Jäk verfassten 15-Jahres-Chronik des FCSG ist dazu zu finden: «Es war ein furchtbares Hundewetter, wir St. Galler holten nach damaligem Brauch die Zürcher mit der Fahne am Bahnhof ab, was den Grasshoppers jedenfalls nicht sehr angenehm war.» Auch die Grösse der Tore missfiel den Zürchern, denn diese fielen in St. Gallen offenbar etwas zu klein aus. Das Spiel ging 0:1 verloren und trotzdem resümierte Jäk: «Jetzt sind sie uns die nächsten Freunde geworden.» Nach dem ersten Enthusiasmus der Gründungszeit folgten jedoch bald Rückschläge. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kämpften sämtliche Fussballvereine in St. Gallen – und derer gab es nun einige – um ihr Überleben. Die Jugend schien sich lieber dem überbordenden Alkoholkonsum hinzugeben als der körperlichen Ertüchtigung zu frönen. Gar existenzbedrohend wurde die Situation insbesondere als am 17. Juli 1900 elf Spieler den FCSG verliessen und den FC Bluestars gründeten.

Dieser baute sich fortan ein ziemlich elitäres Image auf: Offenbar sollen die Spieler auf dem Rasen gar in Englisch kommuniziert haben. Während viele andere Vereine diese Zeit nicht überlebten, überstand der FCSG dank geschickten Schachzügen diese schwierige Zeit. Zum einen, so die Chronisten, soll der regelmässige Stamm den Verein zusammengehalten haben, auch wenn kaum Spiele angesetzt werden konnten. Zum anderen schaffte es der FCSG immer wieder, andere Vereine dank der guten Infrastruktur und der im Vergleich gut gefüllten Kasse zur Fusion zu überreden. Diese Fusionen führten indes auch immer wieder zur Änderung des Vereinsnamens und der Clubfarben. Aus dem in grün-weiss antretenden Foot-bal Club wurde ein in blau-weiss antretender Foot-ball Club St. Gallen. Dieser wiederum änderte nach der Fusion mit dem FC Phoenix im Jahr 1898 seinen Namen auf Vereinigter Foot-Ball Club St. Gallen und spielte neu in gelb-schwarz. Der Wechsel zurück auf die ursprünglichen und auch heute immer noch aktuellen Farben grün und weiss erfolgte bereits wieder 1900, die Namensänderung in FC St. Gallen drei Jahre später.

Erster Meistertitel

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging es mit dem FC St. Gallen aufwärts. Es folgte der erste Meistertitel 1904. Zu verdanken hatte der FCSG diesen einer ersten Mannschaft, die auch noch im Jahr 1917 an einer Monatsversammlung offenbar für regelrechte Gefühlsausbrüche gesorgt haben muss: «Noch heute sehe ich jene Wackern von 1904 vor mir, von denen man wirklich sagen konnte: Sie liebten sich wie Brüder.» Ein gewisser Lehrer, Wilhelm Inhelder, dem diese Aussage im Protokoll zugeordnet wurde, konnte sich noch detailliert an die Spielweise der damaligen Akteure erinnern. Am amüsantesten ist mit Sicherheit die Beschreibung des linken Verteidigers, Felix Thöny: «Seine besondere Spezialität war, jeden anstürmenden Gegner, ob gross oder klein, stark oder schwach, ein oder zwei Mann, unbarmherzig auf den «Sack» zu legen, alles mit vigilanter Schnelligkeit und eleganter Grazie. Als die reinste Unschuld betrachtete dann unser Thöny das angerichtete Unheil, und jedermann hatte die Überzeugung: Die sind von selbst gefallen,es ist ihre eigene Schuld.» Aber nicht nur die erste Mannschaft sicherte sich einen Meistertitel. Auch die Juniorenabteilung konnte erstmals in der «St. Gallischen Junioren-Vereinigung» reüssieren. Dazu kam es allerdings nur, weil ein unentschiedenes Spiel annulliert wurde, da in der Pause keine Zitronen zum Tee serviert wurden. Offenbar eine schwere Verfehlung in dieser Zeit.

Ein eigener Sportplatz    

Als Konsequenz aus dieser Entwicklung und weil auf der bis anhin als Matchstätte dienenden Kreuzbleiche nicht genug Platz war, suchte man nach einem eigenen Fussballplatz. Ein polysportives Stadion sollte im Tal der Demut durch die Stadt errichtet werden. Da die Verantwortlichen des FCSG den Aussichten des Projekts in der dafür nötigen Volksabstimmung wenig Chancen einräumten, verhandelten sie auf eigene Faust mit dem Grundstücksbesitzer und sicherten sich ein Vorkaufsrecht für 73‘000 Franken, um an gleicher Stelle eine eigene Spielstätte zu erstellen. Als die Volksabstimmung tatsächlich verloren ging, half aber auch dieser Plan B nichts. Die Feldschützen übertrafen das Angebot des FCSG – es wird gar eine Verdoppelung kolportiert – und erhielten somit den Zuschlag. Der FC St. Gallen erhielt lediglich 2‘000 Franken Entschädigung vom Grundstücksbesitzer Alther-Bischof, dem man aber offenbar trotzdem nicht böse gesinnt war. Im Gegenteil: Der Verein bedankte sich für die Möglichkeit, wenigstens temporär im Tal der Demut spielen zu können. Folglich mussten sich die Verantwortlichen aber auch auf die Suche nach einem neuen Platz begeben. Am 28. April 1910 übernahm der FCSG das Espenmoos, auf dem zu diesem Zeitpunkt noch nichts stand. Die nötigen finanziellen Mittel zum Stadionbau brachte man dank Spenden auf, die teilweise sogar von nach New York ausgewanderten Schweizern stammten. Am 10. Oktober des gleichen Jahres eröffnete der FCSG den Sportplatz mit einem 1:0-Sieg gegen den FC Brühl, der damals noch kein Sport-Club war.

Gesellschaftliche Bedeutung

Der FC St. Gallen engagierte sich nicht nur sportlich, sondern auch gesellschaftlich, wie sich den Archiven entnehmen lässt: «Die erste gesellschaftliche Veranstaltung von Bedeutung fand am 5. Januar 1884 im Museum statt anlässlich der Fahnenweihe. Als Gäste wurden jedoch nur solche angenommen, die im Stande waren, eine Dame mitzubringen. Letztere wurden aus der Vereinskasse bewirtet und scheinen einen recht guten Appetit mitgebracht zu haben.» Dazu finden sich in unzähligen Protokollen Beschreibungen des Clublokals und der Ortswechsel desselben. Die wohl grösste Bedeutung als Clublokal hatte das Löchlebad. Wo heute das Union-Gebäude steht, wurde früher getrunken, gejasst, Referenten gelauscht oder auf grossen Wandtafeln die Spielresultate aller Mannschaften betrachtet. Auch im Ausland schienen sich die Spieler nicht nur auf den Sport zu konzentrieren. Anlässlich einer Mailand-Reise an Ostern 1905 wird beispielsweise festgehalten: «Felix hatte sich derart angestrengt, dass der mitreisende Dr. Curti sich aus verschiedenen Gründen mitten in der Nacht in ein anderes Zimmer flüchten musste.» Gegen Ende der ersten vierzig Jahre des FCSG brach der erste Weltkrieg aus; dieser ging auch am FC St. Gallen nicht spurlos vorüber. Einerseits musste sich der Verein mehrmals dagegen wehren, dass das Espenmoos zum Anbau von Kartoffeln dienen sollte. Andererseits musste das Team im Jahr 1918 – dem nach Aussage der Vereinschronisten wegen einer Grippewelle schwersten aller Kriegsjahre – viele sportliche Rückschläge einstecken. Doch bereits damals schien den FC St. Gallen auszuzeichnen, was auch heute noch gilt: Selbst wenn die Zeiten schlecht sind, lässt sich niemand so schnell unterkriegen. Oder wie dies der ehemalige Präsident Emil Gretler ausdrückte: «Aber dann wieder frisch aufs neue ans Werk, vielleicht geht’s das nächste Jahr besser. Dieser stete Ansporn erhält ja uns Footballer immer frisch und lässt richtige Sportleute nicht erlahmen.»

Dieser Artikel basiert auf verschiedenen Dokumenten aus dem Archiv der Stadt St.Gallen sowie aus der Kantonsbibliothek Vadiana. Von grosser Hilfe beim Aufstöbern der richtigen Dokumente war Fredi Hächler. Als der FCSG vom Espenmoos ins neue Stadion umgezogen ist, ging das ganze Archiv an die Stadt. Fredi Hächler hat sich der Archivierung der Dokumente verschrieben und ist damit sicherlich einer der profundesten Kenner der Geschichte des FC St.Gallen. Vielen Dank!


Dieser Artikel erschien erstmals im SENF #02.  Zum Geburtstag des FC St.Gallen stellen wir sie online in voller Länge zur Verfügung.


Dem SENF wurde die Ehre zuteil zwei Treppenhäuser des Stadions neu zu gestalten. Seit letzter Woche sind die Folien aufgezogen und die Aufgänge zum oberen Teil der Haupttribüne erstrahlen in neuem Glanz. Wir waren mit der Kamera vor Ort.

Wer die bittere Olma-Pleite gegen die Waadtländer nicht gerade auf der Medientribüne oder den Logen verfolgte, dürfte davon nichts mitbekommen haben: Seit letzter Woche erstrahlen die Aufgänge in der Haupttribüne in neuem Glanz. Für alle, die ebenso in naher Zukunft nicht gerade eine Stadionführung planen, präsentieren wir hier einige Bilder der zwei neu gestalteten Treppenhäuser der Haupttribüne im Heimstadion des FC St.Gallen. Die aufgezogenen Folien zeigen über neun Stockwerke hinweg einen Zeitstrahl, welcher geschichtsträchtige Ereignisse der FCSG-Historie mit passenden Bildern illustriert. Von der Gründung, über den ersten Meistertitel in der Saison 1903/04 bis zu aktuelleren Ereignissen wie dem grossen Sieg von Moskau im Jahr 2013 kann der Betrachter in Erinnerungen schwelgen oder sich in vergangene Höhepunkte hineinversetzen. Auch dem aktuellen Kader wurde ein Platz gewidmet. Wie sich der Zeitstrahl fortschreibt, wird sich schon diesen Donnerstag im Spiel gegen SR Delémont zeigen. Nach dem Krampfsieg im Elfmeterschiessen gegen Linth 04 aus der zweiten Liga Interregional, wartet auf den FCSG im Schweizer Cup nun ein Gegner aus der 1. Liga Promotion.


Es sind mal wieder schwere Zeiten für uns FCSG-Fans. Nach einer 0:7-Klatsche möchte man eigentlich im Boden versinken und sich erst bei der nächsten Chance zur Rehabilitierung wieder zeigen. Aber irgendwie gehört es als St.Galler ja dazu, ständig zu leiden. Nicht umsonst singt der Espenblock «mir, wo so vil mönd liidä für üsän Fuessballclub».

Egal wie oft wir uns der Lächerlichkeit preisgeben, egal wie oft wir gegen den Abstieg statt um den Europacup kämpfen, egal wie oft wir bei der Arbeit ausgelacht werden: Wir werden immer der älteste Club auf dem europäischen Festland bleiben. Dann feiern wir den 137. Geburtstag des FCSG halt nach einer Riesenklatsche. Und schenken euch unsere Ausgabe zur Geschichte des FCSG für 5 Stutz.

Di erschtä – für immer!


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Cover SENF02


Anlässlich des Auswärtsspiels vom vergangenen Sonntag in Lugano wagt das Senf-Kollektiv einen Blick zurück – in die Jahre 2008 und 2009, in denen eine der eindrücklichsten Abfolgen von Gastspielen im Tessin stattfand.

Ob strahlender Sonnenschein oder strömender Regen: Das Wetter nach der Fahrt durch den Gotthard ist immer eine Überraschung. Die Vergangenheit zeigt: Ziemlich ähnlich verhält es sich, wenn St.Gallen auswärts im Tessin spielt. Auch hier wissen wir nie, was am Ende des Tages herausspringt.

Barrage in Bellinzona – das Wetter sagt alles

Wir schreiben das Jahr 2008. St.Gallen tritt in Bellinzona zum Hinspiel der Barrage an. Eine der prägendsten Erinnerungen: Es regnet in Strömen und ohne Unterbruch. In Bellinzona, wo doch sonst immer die Sonne scheint. Dieses Mal nicht. Vielleicht weil wir gegen den Abstieg spielen? Das Wetter als Sinnbild für die Lage des Clubs: Land unter!

Damals haben wir – nass bis auf die Knochen – noch nicht gewusst, dass der eigentliche Tiefpunkt im Rückspiel im Espenmoos folgen würde: der Abstieg und gleichzeitige Abschied vom Espenmoos, mit unschönen Nebengeräuschen.

Seit diesem Spiel kontrollieren wir immer doppelt, ob wir wasserfest angezogen sind, wenn wir ins Tessin reisen.

Locarno – hat das Tessin etwas zu kompensieren?

Es kommt, wie es kommen musste, der FCSG steigt ab – und wir reisen 2008/2009 darum mehr als je zuvor in den Süden, weil sich in der zweiten Liga zu diesem Zeitpunkt doch einige Tessiner Vereine finden. Einer davon, Locarno, und das Auswärtsspiel im Lido haben es uns besonders angetan.

Als ob das Tessin sich mit uns versöhnen wollte, herrscht bei unserer Ankunft im friedlichen Locarno strahlender Sonnenschein. Ausflugstimmung kommt auf, wir essen Gelati am See, erkunden ein zu diesem Zeitpunkt doch etwas verschlafenes Städtchen, marschieren ins Stadion und erleben einen ungefährdeten Sieg unseres FCSG, während die Sonne unermüdlich scheint.

Seit diesem Spiel kontrollieren wir immer doppelt, ob wir die Sonnencrème mit Schutzfaktor 50 eingeschmiert haben, wenn wir ins Tessin reisen.

Lugano zum Ersten – «mer gönd no lang nöd ha ha hai»

Und am Ende dieser erweiterten Saison (wenn man das Barrage-Spiel noch dazuzählt), die uns zwei Spiele mit zwei Extremen beschert hat, fahren wir noch einmal durch den Gotthard, dieses Mal jedoch vor einem völlig anderen Hintergrund: Nach dem gewonnenen Spiel gegen Concordia Basel, was den Aufstieg für den FCSG bedeutet, führt uns das letzte Spiel in der unteren Liga nach Lugano. Die Gefühlslage könnte nicht unterschiedlicher sein, wenn man das Bellinzona-Spiel damit vergleicht.

Wieder hat ein ordentlicher Haufen St.Galler den Weg ins Tessin gefunden, aber dieses Mal singen wir, feiern den Aufstieg. Im Cornaredo erleben wir einen der unvergesslichen Momente: ein Auswärtsspiel, das uns 90 Minuten voller Freude beschert.

Seit diesem Spiel kontrollieren wir immer doppelt, ob wir die Siegeszigarren eingepackt haben, wenn wir ins Tessin reisen.

Jedes Auswärtsspiel im Tessin – vom Barrage-Spiel bis zum Wiederaufstieg – war eine Wundertüte. Unterschiedlicher hätten sie kaum sein können. Deswegen erinnern wir uns wohl so gut an sie. Und deswegen kontrollieren wir seither immer doppelt, ob wir genügend Sonnencrème unter der wasserdichten Kleidung aufgetragen haben und ob wir genügend Zigarren und Champagner für Siegesfeiern im Gepäck haben. Denn, wie gesagt; im Tessin kann man alles erleben – vom einen Extrem ins andere.


Dieser Beitrag erschien am 20. Oktober 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


Jeff Saibene kam 2011 ohne viel Kredit nach St. Gallen. Den Abstieg konnte er nicht mehr verhindern. Dann zeichnete er sich aber mitverantwortlich für die beste Zeit des FCSG in den letzten Jahren. SENF unterhielt sich mit dem Cheftrainer über diese Entwicklung, seine Europa League-Erlebnisse und über seine Eindrücke vom Club und den Fans.

Jeff Saibene

SENF: Jeff Saibene, wie kommt ein Luxemburger dazu, in der Schweiz Karriere zu machen?

Saibene: Dass ich in der Schweiz landete, war kein Zufall, sondern wie vorprogrammiert. Ich war immer ein Schweiz-Fan; nicht einmal unbedingt vom Fussball, sondern weil mir das Land immer sehr gefiel. Mit 19 spielte ich bei Standard Lüttich, da kam eine Anfrage aus Aarau, wo ich meinen ersten Profivertrag unterschrieb.Ich blieb dann, bis auf einen kleinen Unterbruch, immer hier. Heimweh verspüre ich nicht, ich will auch nicht zurück, sondern mit meiner Familie hier bleiben.

SENF: Luxemburg gilt als Fussballzwerg. Aus welcher Perspektive betrachtet man da den Weltfussball?

Saibene: Da ich schon mit 15 aus Luxemburg wegzog und mehr als die Hälfte meines Lebens in der Schweiz verbracht habe, sehe ich den Fussball mehr aus Schweizer Perspektive. Luxemburg wurde aufgrund seines geringen Stellenwerts aber schon immer etwas belächelt, wobei ich hier mittlerweile eine gewisse Akzeptanz spüre. Dass Luxemburg die Schweiz besiegt hat, trug vielleicht auch etwas dazu bei.

SENF: Eine Akzeptanz, die du dir in St. Gallen hart erarbeiten musstest.

Saibene: Verständlicherweise stand man mir kritisch gegenüber, als ich vom Luxemburgischen Fussballverband nach St. Gallen kam.Ich war ein Durchschnittskicker, nicht viele haben mich gekannt und wir verfehlten gleich das Ziel, die Liga zu halten. Die darauffolgende Saison in der Challenge League war ebenfalls schwierig. Danach gab es aber einen radikalen Wandel, nach dem ich mir und wir uns Akzeptanz aufgebautund viel Vertrauen bei der Bevölkerung gewonnen haben. Ich geniesse derzeit ein hervorragendes Verhältnis, was sich auch in einer gewissen Anerkennung und Dankbarkeit äussert. Dies trägt viel dazu bei, dass ich mich hier sehr wohl fühle.

SENF: Zum schwierigen Start trug sicher auch das Auswärtsspiel bei Xamax bei. Was geht einem Trainer durch den Kopf, wenn Tréand für acht verbliebene Neuenburger in der 94. Minute gegen St. Gallen das 2:1 schiesst?

Saibene: Das war wirklich ein Horrormoment. Wir waren in Überzahl und konnten in diesem wichtigen Spiel gegen einen direkten Konkurrenten wenigstens überhaupt noch ausgleichen. Dann haben wiruns bei einem Freistoss komplett naiv verhalten. Statt zu flanken, schoss Hämmerli direkt aufs Tor, der Torhüter parierte den harmlosen Schuss, warf aus, Tréand liess zwei von uns stehen und schoss das Tor. Es ist eine Episode, über die wir heute 
lachen können, damals war es aber Horror. Den Abstieg bedeutete es aber nicht: Obwohl es mental ein empfindlicher Schlag war, konnten wir das Rennen bis zum Schluss offen halten, ehe wir bei YB verloren.

SENF: War es danach eine undankbare Aufgabe, die Challenge League als Ligakrösus, also quasi aus der Bayern-Perspektive, in Angriff zu nehmen?

Saibene: Die Challenge League war eine zwiespältige Geschichte. Wir haben stets unsere Pflicht erfüllt, haben aber nicht das Spektakel gezeigt, das sich das Umfeld wünschte. Zudem war die Liga unattraktiv. Obwohl ein fader Beigeschmack bleibt, erreichten wir den Aufstieg ohne Probleme. Es war auch einmal schön, die Gewissheit zu haben, aufgrund der vorhandenen Qualität acht von zehn Spielen zu gewinnen. Wir gerieten nie ernsthaft unter Druck und stiegen früh auf.

SENF: Hat es dich dann selbst überrascht, als Aufsteiger gleich souverän Dritter zu werden?

Saibene: Meistens ist es ja so, dass man als Aufsteiger den Groove mitnimmt. Es war vielleicht aber auch eine Trotzreaktion: Wir hatten wenig Kredit, viele gaben uns keine Chance. Dazu kamen mit Nater und Janjatovic entscheidende Transfers; Spieler, die uns enorm weiterbrachten, vorhin jedoch kaum jemand kannte. Mit diesen zwei Top-Fussballern in der Mitte hat sich unser ganzes System verändert. Wichtiger als die letzte Saison ist für mich aber, dass wir die Leistung in der diesjährigen Hinrunde bestätigen konnten, trotz immenser Belastung sowie gewichtigen Abgängen. Was wir in diesem halben Jahr erreicht haben, finde ich bemerkenswert.

SENF: Von der Challenge League direkt in die Europa League: Ein Traum?

Saibene: Wenn ich jemandem beim Heimspiel vor zwei Jahren gegen Carouge gesagt hätte, dass wir hier 2013 in der Europa League-Gruppenphase Valencia empfangen, hätte der mich für komplett verrückt erklärt. Es nahm von Spiel zu Spiel seinen Lauf, alles ging sehr schnell. Möglicherweise werde ich erst in einigen Jahren realisieren, was wir hier als kleiner Club erreicht haben. In Moskau mit 4:2 zu gewinnen und die Gruppenphase zu erreichen ist mit das Schönste,was ich je erlebt habe. Die 30 Minuten nach dem frühen Gegentor waren mit das Beste, was der FC St. Gallen in jüngerer Vergangenheit gezeigt hat. Ich habe in der darauffolgenden Nacht kein Auge zugemacht, erhielt viele Nachrichten. Wir machten europaweit Schlagzeilen und erhielten innerhalb der Schweiz Anerkennung und Sympathie, wie es St. Gallen noch selten erfahren hat. Mit der Qualifikation zur Europa League sowie unserem Auftreten in der Gruppenphase haben wir viel für das positive Image des Vereins getan.

SENF: Dabei hast du vom schwerstmöglichen Gegner gesprochen, als uns Spartak Moskau zugelost wurde.

Saibene: Ja, ich dachte, das ist einfach Scheisse: Da verlierst du zweimal, hast zuhause keine Zuschauer, fliegst nach Moskau und das war dann die Europa League. Natürlich habe ich das weder dem Team, noch der Öffentlichkeit gegenüber so verkauft, aber ich hatte die Russen in der Meisterschaft verfolgt und sie waren wirklich sackstark. Ehrlich gesagt, wäre ich lieber nach Stuttgart gereist.

Ich glaube, dass wir danach mit Valencia und Swansea die beste Gruppe erwischt haben. Valencia ist ein Weltclub, der in den letzten zehn Jahren zweimal im Champions League-Final stand. Das Auswärtsspiel war für alle ein grosses Erlebnis, obwohl wir hoch verloren haben. Kuban Krasnodar war weniger ein Wunschgegner – insgeheim habe ich auf Standard Lüttich gehofft, wo ich als junger Spieler fünf Jahre verbrachte.

SENF: Haben sich die Prioritäten während der Europa League-Zeit verschoben?

Saibene: Nein, gar nicht. Ich habe von Spiel zu Spiel geschaut und so rotiert, dass einerseits alle Spieler im Rhythmus blieben und wir andererseits immer genügend fitte Spieler auf dem Platz hatten. Abgesehen von den Stürmern sind wir vom Verletzungspech verschont geblieben, weshalb wir alles ganz gut bewältigt haben – obwohl
die Belastung riesig war und wir zuletzt im Dreitagesrhythmus spielten.

SENF: Wie bewältigte die Mannschaft dieses immense Pensum?

Saibene: Es ist eine Frage des Willens und der Fitness. Nach der intensiven Vorbereitung im Sommer sagten mir viele Spieler, sie seien noch nie so fit gewesen. Auch darum sind wir die Mannschaft mit dem grössten Laufpensum der Liga. Die Teams der europäischen Topligen laufen im Schnitt 122 Kilometer pro Spiel, wir rund 130! Als ich der Mannschaft vorschlug, etwas weniger Pressing zu betreiben, wollten die Jungs das nicht. Sie wollen so Fussball spielen und zeigten, dass sie dazu im Stande sind: Nach dem Auswärtsspiel in Moskau besiegten wir Luzern mit 4:1. Aus Krasnodar kamen wir freitags in der Nacht zurück, klinisch tot. Trotzdem gewannen wir gegen Zürich und liefen wieder 130 Kilometer! Vor der Winterpause gab es aber doch Spiele, in denen wir die Belastung spürten. Trotzdem: Wie oft seid ihr nach Hause gegangen und wart wirklich enttäuscht von der Mannschaft? Ich denke, diese Spiele lassen sich im vergangenen Jahr an einer Hand abzählen.

SENF: Ihr habt uns beeindruckt – wir euch auch?

Saibene: Am meisten beeindruckt hat mich Swansea, als die ganze Schlange St. Gallen-Fans an unserem Bus vorbeizog. Wenn du zu diesem Club gehörst und so etwas siehst, ist das Wahnsinn! Riesig! Auch im Stadion war es ein einmaliges Erlebnis. Fans in England, das ist etwas anderes; es ist auch Stimmung, aber nicht so, das kennen sie gar nicht. Ich bekam danach Meldungen, sie hätten so etwas noch nie erlebt. Was haben sie geschrieben? ‚Best ever!‘ Auch im Cup gegen Zürich fand ich die Stimmung unglaublich cool. Es waren 7‘700 Leute da und von der Stimmung her hatte ich das Gefühl, das Stadion sei voll. Wir haben ein riesiges Fanpotenzial, ich geniesse jedes Spiel.

SENF: Jedes Spiel? Bist du von uns manchmal nicht auch enttäuscht?

Saibene: Im Moment selten. Natürlich, wenn einer einmal einen Penalty verschiesst und danach zwei, drei schlechte Aktionen hat, ist es unglücklich wenn 50 Prozent der Fans pfeifen. Ich habe zwar ein gewisses Verständnis, es gehört irgendwie auch dazu, denke aber auch ‚Scheisse, muss das jetzt sein?‘.

SENF: Stört es dich, wenn in einem Spiel mehr gegen den Gegner als für die eigene Mannschaft gesungen wird?

Saibene: Naja, es ist halt… Hauptsache es wird gesungen (lacht).

SENF: Wir kommen nicht drum herum, das Thema Pyro anzusprechen. Stört dich das? Gefällt dir das?

Saibene: Das Problem bei Pyros ist einfach, dass es gefährlich ist. Wenn es zur Waffe und auf Menschen geworfen wird, dann ist es Horror. Wenn es aber so ist, dass es als Fest, als Stimmung genutzt wird, finde ich es grandios.

SENF: Mittlerweile bist du der mit Abstand dienstälteste Trainer der Super League. Was bedeutet dir das? Könnte sich daraus eine längere Ära entwickeln?

Saibene: Ich hatte im Dezember meinen tausendsten Arbeitstag beim FC St. Gallen. Ich denke, darauf darf ich schon ein bisschen stolz sein. Tausend Tage sind eine lange Zeit und für mich besonders schön, weil die Anfangszeit nicht so positiv war. Darum gefällt es mir, dass der Trainer hier derzeit gar kein Thema ist und es wäre speziell, wenn dies über einige Zeit so bleiben würde – sieben, acht Jahre beim gleichen Club zu arbeiten, das würde mich schon sehr reizen. Vielleicht ist das aber auch nur Wunschdenken…

SENF: A propos Wunschdenken: Was willst du unbedingt erreichen?

Saibene: (Überlegt lange) Den Cupfinal möchte ich unbedingt einmal erleben, weshalb mir das Out gegen Zürich grausam auf dem Magen liegt. Früher wollte ich einmal der erste Luxemburger sein, der in der Bundesliga trainiert. Davon bin ich aber etwas abgekommen, zumal ich mich hier derzeit wunschlos glücklich fühle. Ich geniesse hier eine riesige Unterstützung von allen Seiten und kann mir nicht vorstellen, dass ich es irgendwann und irgendwo nochmals so gut haben werde wie hier. Dennoch muss man realistisch bleiben. Wenn ein Top-Angebot kommt und der Präsident, der Sportchef und ich finden, dass ich das unbedingt annehmen müsse, würde ich wahrscheinlich auch gehen. Ich denke kaum, dass ich Guy Roux werde und hier 37 Jahre lang Trainer bleibe.

SENF: Wer weiss!

Saibene: Wer weiss, ja! Vielleicht sitzen wir in 20 Jahren ja wieder hier (lacht).

Dieses Interview erschien zum ersten Mal im SENF #01 (erschienen im Januar 2014).