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Die Nachricht schlug ein: Aus gesundheitlichen Gründen tritt Dölf Früh als Präsident des FC St.Gallen schon im Mai zurück. Wie er in die Clubgeschichte eingeht, wird massgeblich auch davon geprägt sein, wem er die Macht übergibt.

Als Dölf Früh 2010 das Präsidentenamt beim FC St.Gallen übernahm, hatte der Club gerade eine der schwersten Krisen durchlebt. Zusammen mit anderen Geldgebern bewahrte Früh den Club vor dem Konkurs, verlangte dafür aber auch den entsprechenden Einfluss. Die Rettung brachte Früh in weiten Teilen von Beginn weg eine Art Heldenstatus ein.

Es gab aber auch Kritik. Insbesondere die Strukturen des Clubs, die mit der Übernahme einhergingen, waren umstritten. Bis zum Einstieg Frühs existierte zwar neben der FC St.Gallen AG mit der Betriebs AG schon eine weitere – und sehr umstrittene – Organisation, sie hatte aber nicht den Einfluss, den die an ihre Stelle tretende FC St.Gallen Event AG erhalten sollte. Diese lag von Beginn weg in den Händen weniger privater Investoren. Und sie wurde faktisch zur Muttergesellschaft der FC St.Gallen AG. Zwar blieb letztere im Publikumsbesitz, die Publikumsaktionäre büssten aber an Bedeutung ein.

Nur eine ausserordentliche GV

Realistischerweise hatten die Kleinaktionäre zwar auch vorher nur wenig zu sagen (wir haben auch deshalb unlängst mehr Demokratie gefordert). Zumindest theoretisch bestand jedoch immer die Möglichkeit, an einer Generalversammlung einen Entscheid in die gewünschte Richtung zu lenken. Faktisch wurden die Entscheide über den FC St.Gallen neu aber in der Event AG getroffen. Das zeigt gerade auch die aktuelle Situation. Der FC St.Gallen verweist in seiner Medienmitteilung bloss auf eine ausserordentliche Generalversammlung der Event AG. Zwar wird danach auch die FC St.Gallen AG eine Wahl durchführen, die wird aber wohl nur noch Formalität sein.

Der Dachverband 1879 befürchtete auch deshalb vor rund sieben Jahren: «Die langfristige Ausrichtung des FCSG liegt somit in der Hand von privaten … Investoren, die ihren Spass am FCSG vielleicht bald verlieren.» Insbesondere Dölf Früh hatte über seine eigenen Anteile an den beiden Gesellschaften sehr viel Macht angehäuft.

Die Skepsis war aber auch gross, weil die Misswirtschaft in den Jahren vor der Übernahme kaum personelle Konsequenzen hatte. Das Unverständnis darüber, dass verantwortliche Personen weiter beschäftigt wurden, war vielerorts sehr gross. Es sollte sich jedoch bald zeigen, dass auch Früh aufräumen wollte. Nach und nach ersetzte er die verantwortlichen Personen jener Tage. Heute ist von der ehemaligen Führungsriege praktisch niemand mehr an Bord. Zwar wollte Früh nie über einzelne Personalien sprechen, er liess aber immer wieder durchblicken, wie wichtig ihm die richtigen Leute sind, gerade in Führungspositionen. Und richtig war vor allem, wer ähnlich tickte.

Wenig Nebenschauplätze und klare Zuständigkeiten

Gegen aussen führte das dazu, dass eine bis dahin ungekannte Professionalität Einzug hielt. Die Zuständigkeiten waren und sind klar geregelt. Und sie werden beim FC St.Gallen heute gelebt, nicht nur festgehalten. Der Präsident selbst hingegen tritt in der Öffentlichkeit kaum auf. Es wurde ruhig um den FC St.Gallen. Wenn die Espen in den Schlagzeilen standen, dann fast nur noch wegen der Leistungen auf dem Platz. Die Nebenschauplätze, die in der Vergangenheit so oft das mediale Bild geprägt hatten, verschwanden zusehends. Selbst nach den vielen Spruchbändern im Spiel gegen den FC Thun blieb es erstaunlich ruhig.

Wer direkt mit Früh zu tun hatte, kannte aber auch dessen andere Seite. Früh konnte sich in Diskussionen derart enervieren, dass sich auch schon mal Unbeteiligte ob des Lärmpegels umdrehten. Oft genug prallten in diesen Diskussionen grundsätzlich andere Einstellungen aufeinander. Wir können es nur vermuten, aber das Arbeiten mit und für Früh war ziemlich sicher nicht nur einfach.

Die Strukturen des FC St.Gallen sind in der Präsidialzeit Frühs im Kern unverändert geblieben. Zwar haben sich die konkreten Besitzverhältnisse etwas verschoben, noch immer aber wird ersichtlich, wie viel Macht sich bei Früh konzentriert. Wir haben diese Verhältnisse (und die aller Super League-Clubs) für unsere aktuelle Ausgaberecherchiert.

Früh hält selber 8,25 Prozent an der FC St.Gallen AG. Er hat aber auch grossen, wenn nicht bestimmenden Einfluss auf die 41,35 Prozent, die von der FC St.Gallen Event AG gehalten werden. In dieser ist er mit fast 40 Prozent nämlich bei weitem der grösste Aktionär. Trotzdem haben sich bisher die schlimmsten Befürchtungen nie bewahrheitet. Im Gegenteil. Wiederholt hat sich Früh dafür ausgesprochen, dass ein Fussballclub kein Investitionsobjekt sei. So sagte er beispielsweise vor zwei Jahren im Interview mit uns: «Ich verwalte hier nur eine Institution, die der Ostschweiz und der Allgemeinheit gehört.»

Ein Club sollte «kein Kommerz-Objekt» sein

Er scheint dies auch heute noch so zu sehen. Vor wenigen Wochen befragte ihn die NZZ zum Fall des FC Wil. Früh sagte unter anderem: «Ein Schweizer Klub ist ein Gut der Region, da geht’s um Tradition, um gesellschaftliche Verpflichtung, um Verlässlichkeit. Er sollte kein Kommerz-Objekt sein.» Noch erfreulicher für die Fans dürfte sein, dass sich die Verantwortlichen untereinander abgesichert haben, sollte einer der Beteiligten aussteigen. Wir haben im jüngsten Artikel in dieser Kolumne schon resümiert: «Ein Verkauf des FC St.Gallen ist damit zwar nicht unmöglich, aber eben schwieriger als sonstwo.»

Obwohl Früh den Club nicht als Investitionsobjekt begriff, hat er ihn immer auch wie ein Unternehmen verstanden, das es auf Vordermann zu bringen gilt. Und unternehmerisch scheint er das geschafft zu haben. Der FC St.Gallen steht 2017 auf soliden finanziellen Beinen. Der unternehmerische Fokus wurde Früh immer mal wieder aber auch übel genommen. Zwar wünschte man sich in St.Gallen zum Zeitpunkt der Übernahme nichts sehnlicher als Stabilität. Aber nach einer ersten Phase der Konsolidierung und befeuert durch die sensationelle Europa League-Qualifikation im Jahr 2013 war das Verlangen der Fans nach sportlichen Höhepunkten eben doch wieder grösser.

Mit der Mittelmässigkeit wollten sie sich nicht mehr zufriedengeben. Das wiederholt ausgegebene Ziel des Ligaerhalts stand für viele gleichbedeutend mit Ambitionslosigkeit. Gepaart mit dem fast schon trotzig anmutenden Festhalten am erfolglosen Zinnbauer zum Ende der letzten Hinrunde, schien es offensichtlich, dass der Fokus auf die finanzielle Gesundheit auch seine Kehrseite hat. Zum ersten Mal nach der Skepsis bei der Übernahme kämpfte Früh wieder mit einem etwas härteren Gegenwind.

Wer tritt die Nachfolge an?

Ob nun ein Verkauf bevorsteht, ist nicht sicher. Zwar will Früh das Präsidentenamt abgeben, einzelne Medien berichten aber, dass er die Aktienpakete behalten wolle. Ob sich ein neuer Präsident darauf einlassen wird, ist zumindest fraglich. Ohne die Übertragung der Aktienpakete bliebe Früh der starke Mann. Sicher ist bisher nur, dass die Übergabe des Präsidentenamts ansteht. Und sie kommt vermutlich etwas eher, als Früh das geplant hatte. Noch vor zwei Jahren sagte er zu uns: «Ich habe es in jeder Unternehmung zu meiner Aufgabe gezählt, die Nachfolge zu regeln.» Die Umstände, die jetzt zum Wechsel an der Spitze führen, verunmöglichen diese Planung, sollte sie denn nicht sowieso schon weit vorangeschritten sein.

So oder so: In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wie Früh in die Geschichte des FCSG eingehen wird. In den Jahren seit seiner Übernahme hat er viel dafür getan, die anfängliche Skepsis abzubauen. In erster Linie, weil der Club ohne finanziellen Sorgen dasteht. Zudem aber auch, weil die Verantwortlichen mit Bedacht kommunizieren. Lieber sagt man beim aktuellen FC St.Gallen mal gar nichts, als eine unnötige Diskussion zu befeuern. Mit einer guten Nachfolgeregelung kann sich Früh endgültig ein Denkmal setzen. Sein Fokus auf das Unternehmerische, sein teilweise etwas stures Festhalten an getroffenen Entscheiden und seine selbst proklamierte Ahnungslosigkeit bezüglich der sportlichen Seite des Fussballgeschäfts würden ihm dann wohl verziehen.

Sollte der Club aber in dubiose Hände geraten, könnten die Befürchtungen aus der Zeit der Übernahme doch noch Tatsache werden. Und darunter würde nicht nur Frühs Erbe leiden, sondern eben vor allem auch der FC St.Gallen und seine Fans.


Dieser Beitrag erschien am 10. April 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.

 


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Dass der FC Wil erneut vor dem finanziellen Abgrund steht, hat auch damit zu tun, wie die Vereine im Schweizer Fussball organisiert sind. Eine Reform der Ligavorgaben wäre dringender als der aktuell diskutierte Umbau des Super League-Modus.

Noch immer ist ungewiss, wie es beim FC Wil weitergeht. Oder ob es überhaupt weitergeht, auch wenn mittlerweile zumindest die Januarlöhne bezahlt sind. Nach dem Abgang der türkischen Investoren fehlt im Bergholz Geld, viel Geld. Es ist natürlich ein Leichtes, die Schuld den Geldgebern in die Schuhe zu schieben. Es ist ja auch zu verurteilen, einen Fussballclub einfach so fallen zu lassen und garantierte Summen nicht auszuzahlen.

Die Schuld kann und muss man aber auch den Wiler Verantwortlichen rund um Jetzt-wieder-Präsident Roger Bigger geben. Sie waren es, die den Verein zum zweiten Mal einem ausländischen Investor ausgeliefert haben. Das erste Mal 2003 lässt sich vielleicht noch mit der finanziellen Not erklären, die nach dem Desaster rund um die durch den vormaligen Präsidenten Andreas Hafen veruntreuten UBS-Millionen geherrscht hat. Dass man in Wil aber rund zehn Jahre später schon alle Lehren vergessen hatte und erneut den Weg ging, sich ausländischen Investoren anzuvertrauen, kann nur mit einem Wort erklärt werden: Grössenwahnsinn.

Natürlich ist es dem FC Wil unbenommen, sich nicht mit dem Mittelfeld der Challenge League abgeben zu wollen. Natürlich darf der FC Wil sich eine andere Zukunft ausmalen, als für immer der kleine Bruder des FC St.Gallen zu sein. Aber ein solcher Wandel lässt sich nicht von jetzt auf gleich erzwingen.

Bigger wollte genau das. Lieber heute als morgen in der Super League mitspielen. Und gleich danach im europäischen Geschäft mitmischen. Das Interesse der Öffentlichkeit sollte – nicht nur in der Schweiz – auf den FC Wil fallen. Das Experiment ist gescheitert, wie wir jetzt wissen. Das Mittelfeld der Challenge League wäre auf einmal wieder mehr als genug.

Tieferliegendes Problem

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf Bigger und seine Vertrauten. Die jüngsten Entwicklungen bestätigen alle, die schon immer gewusst haben wollten, dass das nicht gut kommen kann. Zugegeben, bei einigen dürfte eine gewisse Schadenfreude mitspielen. Verständlich, gerade in Anbetracht von Biggers jüngsten Äusserungen, in denen er einigen Spielern fehlende Loyalität vorwirft, weil sie an ihren ursprünglichen Verträgen festhalten wollen.

Verständlich, wenn man bedenkt, dass beim Aktienverkauf an die Türken nicht wenig Geld geflossen ist. Wie viel das war, bestätigt niemand. Dass der jetzt wieder in den FC Wil reinvestierte Betrag, mit dem sich die Task Force rund um Bigger rühmt, geringer ausfällt, darf zumindest vermutet werden. Die Schadenfreude verstellt aber auch den Blick auf das eigentlich Wichtige, das die Fussballschweiz aus dem Fall Wil mitnehmen muss.

Pflicht zur AG

Seit rund zehn Jahren müssen Vereine, die in der Super League mitspielen wollen, als Aktiengesellschaften organisiert sein. In der Challenge League, wo der FC Wil zurzeit spielt, ist das zwar nicht zwingend. Die Pflicht wurde aber just eingeführt, als der FC Wil für kurze Zeit erstklassig war. Und sowieso: Wer aufsteigen will, muss bereits zu dem Zeitpunkt als Aktiengesellschaft organisiert sein, zu dem er die Lizenz für die Super League beantragt.

Aktiengesellschaften haben zur Vereinsform, die davor üblich war und es heute in unteren Ligen immer noch ist, vor allem einen grossen Unterschied: Sie sind nicht demokratisch. In einem Verein hat jedes Mitglied eine Stimme. Sollten die gewählten Vereinsvertreter überborden, kann die Hauptversammlung eingreifen. Bei einer AG gibt es für jede Aktie eine Stimme. Wer mehr Aktien hält, hat mehr zu sagen. Das führt meistens dazu, dass die Macht in den Händen von wenigen Aktionären liegt.

In der siebten Ausgabe unseres Fussballmagazins SENFhaben wir die Besitzverhältnisse aller Super League-Teams aufgezeigt. Beim überwiegenden Teil wird schon auf den ersten Blick ersichtlich: Der oder die Einzelne hat wenig zu sagen. Bei manchen Clubs gar nichts, weil sie – wie zum Beispiel der FC Sion – komplett im Besitz einer einzigen Person sind.

Rihs-Brüder könnten YB verkaufen

Diese Machtfülle geht solange gut, bis die bestimmende(n) Person(en) Ungutes im Schilde führen. Bei YB halten sich Gerüchte hartnäckig, die beiden Rihs-Brüder wollten den Verein verkaufen. Sollten sie einen passenden Käufer finden, könnten sie das ohne Weiteres tun. Die Sport und Event Holding AG, die im Besitz von 100 Prozent der Aktien der BSC Young Boys Betriebs AG ist, gehört je zur Hälfte den beiden Brüdern.

Dieses Problem wurde an einzelnen Orten bereits erkannt. Beim FC Basel zum Beispiel. Auch hier gehört zwar nur ein Viertel der FC Basel 1893 AG dem Verein FC Basel 1893 und damit einem demokratischen Gefäss.

Die Verantwortlichen haben dem Verein anlässlich der Generalversammlung vom Juni vergangenen Jahres aber ein Vetorecht eingeräumt. Und diesen Verein will man in Basel weiter stärken, seine Mitgliederzahl auf 10’000 ausbauen. Damit hat der Verein ein weitgehendes Mitspracherecht, obwohl drei Viertel der FC Basel 1893 AG einer weiteren Aktiengesellschaft gehören, der FC Basel Holding AG, in der nur Wenige das Sagen haben.

FC St.Gallen «gehört der Allgemeinheit»

Auch beim FC St.Gallen hat man sich solche Überlegungen gemacht. Als 2010 im noch nicht lange eröffneten Stadion im Westen der Stadt das Geld auszugehen drohte, öffnete unter anderem Dölf Früh sein Portemonnaie. Geld gab es aber nur unter der Voraussetzung, entsprechenden Einfluss in den beiden Aktiengesellschaften zu haben, in denen sich der FCSG organisiert.

Für den Spielbetrieb verantwortlich ist die FC St.Gallen AG. Sie gehört nur noch zu rund 40 Prozent Kleinaktionären. Knappe zehn Prozent gehören der Priora Gruppe, rund acht Prozent Präsident Dölf Früh und rund 41 Prozent der zweiten AG, der FC St.Gallen Event AG. Diese wiederum gehört zu knapp 40 Prozent Dölf Früh. Weil aktuell auch noch knappe 20 Prozent der AG selbst gehören, hat Früh auf dem Papier nahezu bestimmenden Einfluss auf die FC St.Gallen Event AG und damit auf die FC St.Gallen AG.

Bereits vor zwei Jahren sagte Früh im Interview mit uns: «Ich verwalte hier nur eine Institution, die der Ostschweiz und der Allgemeinheit gehört.» Er wiederholte diese Aussage in leicht angepasster Form vor einigen Wochen in der NZZ, als er zum FC Wil befragt wurde: «Ein Schweizer Klub ist ein Gut der Region, da geht’s um Tradition, um gesellschaftliche Verpflichtung, um Verlässlichkeit. Er sollte kein Kommerz-Objekt sein.» Die Verantwortlichen haben sich deshalb untereinander abgesichert, sollte einer der Beteiligten aussteigen. Ein Verkauf des FC St.Gallen ist damit zwar nicht unmöglich, aber eben schwieriger als sonstwo.

Die Beispiele Basel und St.Gallen zeigen im Kontrast zu Wil aber vor allem eines: Es braucht den Willen der starken Person(en) im Verein, damit die Kontrolle über den Club nicht ohne Weiteres in fremde Hände übergehen kann. Die Ligavorgaben führen zur Bildung von Aktiengesellschaften, kümmern sich aber nicht um deren Schicksal.

Zwar müssen seit früheren Abgängen von Investoren neu auch gewisse Bankgarantien vorgelegt werden, nur nützt dies wenig. Die türkischen Investoren beim FC Wil hatten die nötigen Garantien. Die zwölf Millionen, die davon heute noch fehlen sollen, müssten gerichtlich erkämpft werden. Selbst wenn das zum Erfolg führen würde, so käme dieser vermutlich zu spät. Und sobald ein ausländischer Investor die Lust verliert, sind ihm Schweizer (Liga-)Vorgaben sowieso herzlich egal. Die türkischen Investoren haben ihr Aktienpaket an Dritte verkauft, ohne davor die Liga zu informieren, wie es an sich Pflicht wäre.

Vereine müssen Mehrheit haben

Es gäbe zwei einfache Varianten, diesen Missstand zu beheben. Die eine wäre, die AG-Pflicht wieder abzuschaffen. Nur dürften die wenigsten Vereine davon Gebrauch machen, zu gross wäre der Aufwand. Und zumindest in Teilen hat die Pflicht ja auch ihren Sinn: Geht die Profimannschaft unter, kann der Verein weiterleben. Zumindest theoretisch.

Die andere Variante wird in Deutschland bereits praktiziert, auch wenn sie aktuell unter Beschuss gerät. Die sogenannte «50+1»-Regel ist simpel: Auch bei einer Aktiengesellschaft muss die bestimmende Mehrheit – 50 Prozent der Stimmen plus eine Stimme – beim ursprünglichen Verein liegen. Dadurch bestimmt dieser, wohin sich die Aktiengesellschaft entwickelt.Passt die Entwicklung den Vereinsmitgliedern nicht, schieben sie einen Riegel vor. «One man, one vote» wäre nicht mehr nur toter Buchstabe. Sondern gelebte Realität.

Selbstredend müsste die Regel dann auch konsequent durchgesetzt werden. In Deutschland kommt sie auch deshalb unter Beschuss, weil zu viele Ausnahmen möglich sind. Wer beispielsweise schon mehr als 20 Jahre «ununterbrochen und erheblich gefördert» hat, darf mehr als 50 Prozent besitzen. Das ist unter anderem bei Hoffenheim der Fall, wo SAP-Gründer Dietmar Hopp als Mäzen auftritt.

Dazu kommt, dass die Regelung auch ohne Ausnahmeregelung geritzt wird. Bei RB Leipzig hält zwar ein Verein die Mehrheit an der AG, nur ist es nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, diesem Verein beizutreten. Das alles sind aber Probleme, die sich aus der Welt schaffen lassen. Nur ein Problem lässt sich auch mit dieser Lösung nicht gänzlich verhindern: Die Vereinsmitglieder müssen vernünftige Entscheidungen fällen.

So wie sich die Fans des FC Wil in den Medien und per Flugblatt geäussert haben, darf das für diesen Fall zumindest bezweifelt werden. Dann wäre das aber zumindest ein demokratisch legitimierter Untergang.


Dieser Beitrag erschien am 10. März 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.


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Ein internationales Recherche-Netzwerk deckt auf, was alle längst vermutet haben: Im Fussball gibt es viel Geld zu verdienen. Erst recht, wenn man sich nicht zu sehr mit moralischen Fragen abgibt. Nur: Beim Fussball geht es eigentlich um etwas ganz anderes.

Der Aufschrei blieb verhalten, als letzten Samstag die «Football Leaks» veröffentlicht wurden. Unter diesem Stichwort hat der «Spiegel» zusammen mit seinen Recherchepartnern vom Netzwerk European Investigative Collaboration (EIC) erste Erkenntnisse aus Daten veröffentlicht, die Einblicke in das Fussballgeschäft geben. «Eine solche Enthüllung gab es noch nie», schreibt der «Spiegel», und kündigt für die nächsten Wochen weitere Veröffentlichungen an. Diese alle sollen aufzeigen, «wie das moderne System Profifussball funktioniert».

Die einen fühlen sich bestätigt, die anderen haben sich längst damit abgefunden

Während das deutsche Magazin im Leitartikel einen Superlativ nach dem anderen auspackte, ebbte die Empörung in der (Medien-)Öffentlichkeit noch schneller ab als bei den «Panama Papers». Das ist schnell erklärt: Niemand hatte erwartet, dass es im Profifussball wirklich anders zu und hergeht. Wer den Fussball schon als sichtbarsten Ausfluss allen Übels ansah, fühlte sich bestätigt. Wer den Fussball schon immer als schönste Nebensache der Welt verstand, hatte sich mit dem Wissen über die Auswüchse längst arrangiert.

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Ronaldos Geldmaschine, aus: «Der Spiegel», Nr. 49

Die Gelassenheit, mit der wir – als ein aus eingefleischten Fussballfans bestehendes Kollektiv – über die «Football Leaks» berichten, mag erstaunen. Sie ist im Endeffekt aber nur konsequent. Für die an sich einfache Erklärung müssen wir trotzdem etwas ausholen.

Wir alle lieben Fussball. Und damit meinen wir in allererster Linie den Sport. Das Spiel zwischen zwei Teams, das auf der ganzen Welt auf Strassen, Plätzen, Feldern und sonstwo gespielt wird. Das Spiel, das durch seine Einfachheit Millionen in seinen Bann zieht. Bei der Begeisterung für Fussball geht es in seinem Kern kein bisschen darum, was die Leute auf dem Rasen verdienen, wie viele Kinder das Poster eines bestimmten Spielers in ihrem Zimmer hängen haben, wie viele Millionen ein als Fussballverein getarntes Unternehmen umsetzt. Es geht um Tore, 22 Spieler und 90 Minuten Wettkampf.

Die Teams pushen sich gegenseitig

Dieser Wettkampf kann fairer oder unfairer ausgetragen werden, er bleibt jedoch ein Wettkampf. Selbst in einer Alternativliga, die sich ja gerade durch den Fairness-Gedanken auszeichnet, geht es um Auf- und Abstiege und um Meistertitel. Die einen mögen mit einer Niederlage besser umgehen können als die anderen. Gewinnen wollen aber eigentlich alle.

Wer Spiele gewinnen will, muss besser sein als sein Gegner. Wer mehr Spiele gewinnen will, muss besser bleiben als sein Gegner. Weil dieser sich aber nicht damit abfinden wird, schlechter zu sein, wird er die Lücke schliessen wollen. Die Teams pushen sich gegenseitig. Je besser ein Team wird, desto weniger Platz ist für jene, denen es an Talent, Willen oder Lust mangelt. Wer in der Mannschaft keinen Platz mehr findet, muss die Spiele als Zuschauer verfolgen, wenn er doch noch nahe am Team bleiben will.

Bei einem Regionalfussballclub, wo es einem A-Junior nicht zum Sprung in die erste Mannschaft reicht, ist dieser Vergleich greifbarer. Bei einem professionellen Fussballclub trifft der Grundsatz aber genauso zu. Als unausweichliche Folge: Je besser ein Team ist, desto mehr Leuten bleibt nur noch das Zuschauen.

Zu diesen gesellen sich dann noch jene, die selber gar nie Fussball spielen wollten, aber trotzdem Interesse am Sport haben. Wir wollen ihnen nicht im Geringsten die Fussballkompetenz absprechen – Fussball ist ja eben durch seine Einfachheit so populär –, aber es ist wohl ein Faktum, dass kaum jemand, der selbst nicht Fussball spielt oder gespielt hat, sich Wochenende für Wochenende die Spiele einer 5. Liga-Mannschaft zu Gemüte führt. Viel eher werden sich diese Leute Spiele der oberen Ligen anschauen.

Früher Zuschauerzahlen, heute vor allem Werbeverträge und Fernsehrechte

Die Teams, die mehr Zuschauer aufweisen, können von dieser Popularität profitieren. Früher ergab sich der Vorteil vor allem durch Zuschauereinnahmen. Mittlerweile spielen – zumindest in den grossen Ligen – andere Faktoren eine grössere Rolle: Werbeverträge und Fernsehrechte, um nur zwei zu nennen. Der Mechanismus bleibt aber der gleiche: Die Teams wollen besser werden.

Früher gab es hier für die Teams wohl so etwas wie eine natürliche Grenze. Die Mobilität der Spieler war eingeschränkt, Wechsel bis vor nicht mal so langer Zeit gar nicht möglich und danach gar nicht so einfach. Weil heute aber zumindest potenziell ein Klub alle besten Talente kaufen will, fällt diese Grenze weg. Man mag nun das Übel darin suchen, dass Spieler wild durch die Ligen wechseln. Dass Spieler heute einfacher den Verein wechseln können, ist grundsätzlich zu begrüssen. Mit welchem Recht sollte einem Spieler das verboten werden? Wenn heute von Spielerverkäufen die Rede ist, mag das nach Sklaverei klingen. In Tat und Wahrheit war es früher näher an der Sklaverei, als ein Wechsel selbst nach Auslaufen eines Vertrages nur mit Zustimmung des Vereins möglich war.

Weil die Vereine immer besser werden wollen, wollen sie auch die besten Spieler verpflichten. Entsprechend überbieten sie sich mit Angeboten, um sie zu ihnen zu lotsen. Der Spieler wird sich vermutlich nicht nur nach dem möglichen Verdienst richten, aber der wird eine grosse Rolle spielen. Damit Fussballer – die allermeistens sehr jung sind – in dieser Situation auf das grosse Geld verzichten, dafür müssten sie schon über eine sehr gefestigte Persönlichkeit verfügen.

Es ginge auch anders: Beispiel Ødegaard

Zusammengefasst – und hiermit wären wir endlich bei der versprochenen einfachen Erklärung – ist es schlichtweg eine Spirale, die sich kaum durchbrechen lässt. Sie liesse sich vermutlich nur stoppen, wenn mehr Väter (und Mütter) so denken würden, wie jener des jungen Norwegers Martin Ødegaard. Als das Jungtalent von Real Madrid verpflichtet wurde, schrieben spanische Anwälte dem Vater, wie er die Steuern seines Sohnes optimieren könnte. Der Vater schrieb gemäss «Spiegel» zurück: «Er wird sowieso viel Geld verdienen; deshalb ist es auch eine moralische Frage, wie viel Mühe er sich mit dem Versuch geben sollte, ein paar Steuern zu sparen, wenn andere viel mehr damit zu kämpfen haben, ihre Rechnungen zu zahlen.»

Es ist aber kaum davon auszugehen, dass diese Haltung Überhand gewinnen wird. Denn, wie es «Zwölf»-Chefredakteur Mämä Sykora beim Interview mit Radio SRFausgedrückt hat: Wo viele Leute und viel Geld sind, kommt es zwangsweise zu Auswüchsen. Und auch wenn wir die Auswüchse zum Kotzen finden: Die Frage, die sich alle selber beantworten müssen, ist viel eher: Wo ziehe ich meine Grenze? Kann ich mit gutem Gewissen Champions League schauen? Oder doch nur Super League? Oder gar keinen Profifussball?

Hier scheiden sich die Geister. Eines dürften aber am Ende trotzdem alle Fussballfans denken: Ich schau mir alles an, aber verbunden fühle ich mich nur dem Verein, bei dem ich mit gutem Gewissen herzlich befreit jubeln kann, wenn in der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit das siegbringende 2:1 fällt.


Dieser Beitrag erschien am 7. Dezember 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.


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Ich hatte mir das jetzt mal angetan. Wider besseren Wissens und gesunden Menschenverstands. Tatsächlich war ich ja ein bisschen erstaunt über mich selbst, dass ich mich überhaupt daran erinnert hatte…

CL-Pokal_David Flores Flickr_adapted

… naja, hatte ich. Und darum (und wohl auch aufgrund eines kleinen Teils morbider Neugierde) schliesslich die Auslosung der UEFA Champions League-Gruppenphase im Live-Stream mitverfolgt.

Nachdem ich alle technischen Hindernisse einmal überwunden hatte (der Flash Player wollte ein Update um 17.58 Uhr, zwei Minuten vor dem eigentlichen Start der Übertragung), ertönte sie zum Einklang: die Hymne, die einem sofort in die geschichtsträchtigen Stadien dieses Kontinents transportiert und an alle grossen Clubs der europäischen Ligen denken lässt. Beim «the chaaaaampions» ertappte ich mich dabei, wie ich wünschte, dass ich das doch auch einmal bei einem Spiel des eigenen Clubs hören würde.

Item, mindestens der unmittelbare Start war also besser, als ich es erwartet hatte, nachdem ich auf der Zugangs-Webseite vorgängig lesen konnte, dass die Stars langsam im Saal einträfen. Gespannt wartete ich, wie es denn nun weitergehen würde, so als Auslosungs-Zuschauer-Neuling. Schnell stellte sich heraus: Obwohl das Ganze um 18.00 Uhr hätte beginnen sollen, begann der eigentliche Vorgang erst gefühlte 20 Jahre später. Und dauerte noch einmal gefühlt so lang. Um 18.35 Uhr war ich nur noch froh, nicht im Saal sein oder mitfiebern zu müssen.

Denn auch das Überbrückungsprogramm, sicherlich zum Spannungsaufbau gedacht, hatte mindestens bei mir nicht den geringsten Erfolg. Vielmehr wirkte es wie leere Selbst-Beweihräucherung, die inhaltslos und vor allem mit viel Geplänkel Zeit zu schinden versuchte. Die Fragen der Moderatoren waren flach, die Antworten der Spieler ebenso – alles wirkte einstudiert und brachte keinerlei neue Einsichten: sogar die vermeintlich spontanen Witze der Fussballspieler, die geladen waren, um die Ziehung zu vollziehen, fielen bei allen ausser bei den Moderatoren durch.

Einen richtig faden Beigeschmack verlieh dieser Veranstaltung aber das Wissen um anstehende Änderungen im Modus der Champions League, welche seit heute auch kommuniziert sind. Nun haben sich Befürchtungen, dass genau die bereits jetzt am meisten von der Champions League profitierenden Clubs noch mehr profitieren würden, mindestens zum Teil bewahrheitet. Weiterer Kommerzausbau, eine Steigerung der Werbe- und TV-Einnahmen und schliesslich Gewinn-Maximierung scheinen zur Stunde bei der UEFA (und der FIFA) im Vergleich zum eigentlichen Spiel soweit im Vordergrund zu stehen, dass alles (selbst eine Auslosung) zur einträglichen Show verkommen muss. Am besten mit Vermarktungspotenzial im asiatischen Markt. Der Zweite der englischen Liga zieht dort halt mehr als der dänische Meister. Dass das mit einer Champions League wenig zu tun hat, scheint bei der UEFA niemanden zu stören. Die gerade laufende Zeremonie schien so wie ein weiterer Arm dieser Auswüchse – wenigstens bis zur Hälfte.

Nach der Ziehung liess ichs dann gut sein. Ich hatte genug gesehen, stellte vor der Wahl von Europas Fussballer des Jahres ab, wollte keinen Satz der ungelenken Moderatorin und des jovialen Moderators mehr hören und dachte für mich: Ja, so eine europäische Reise wäre ja schon was. Aber dem ganzen Zirkus auch einfach mal den Rücken kehren zu können, hat auch etwas für sich.

Wer im Detail nachlesen will, was sich am Modus der UEFA Champions League genau ändert, dem empfehlen wir den Artikel der Süddeutschen Zeitung.


Foto: David Flores, CC by 2.0 (adapted)


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Als Marketingprodukt abgetan, als Totengräber des Fussballs verschrien – Red Bull schlägt beinahe überall ein rauer Wind entgegen, wenn sich der Konzern aufmacht, einen Fussballclub gross zu machen. Insbesondere in Leipzig und Salzburg.

RB_Logo-adaptiert

Bevor Red Bull im Frühjahr 2005 beim SV Austria Salzburg die Kontrolle übernahm, war der österreichische Getränkehersteller vor allem als Sponsor von Formel 1-Teams, Extremsportlern und deren Events in Erscheinung getreten. Oder noch davor in Kombination mit Vodka – als «Gummibärli», dem Lieblingsgetränk pubertierender 
Jugendlicher, die sich in der Gruppe volllaufen lassen wollen, den Geschmack von Alkohol aber eigentlich noch gar nicht mögen. Vielleicht mit ein Grund, warum die Marke bei den meisten so positiv konnotiert ist. Die Übernahme des traditionsreichen Salzburger Fussballclubs leitete die Wende ein. Dem FC Red Bull Salzburg folgten RB Leipzig, die New York Red Bulls, Red Bull Brasil und Red Bull Ghana.

Doch was ist dran an den Kommerz-Vorwürfen? Betritt man beim Eingang zu den Red Bull Arenen eine Marketingwelt, in der Fussball nur lästige Notwendigkeit ist? Soll über den sportlichen Erfolg nur der Bezug zur Marke gestärkt werden? Oder sind Fussballspiele in den Brausestädten wie sonst überall auch? Wir wollten uns ein Bild machen und sind nach Leipzig und Salzburg gereist.

Unsere erste Station ist Leipzig. Auf dem Weg zum Stadion beschleichen uns gemischte Gefühle. Diese Vorfreude – dieser Matchday Buzz, wie sie es im Mutterland des Fussballs zu sagen pflegen – stellt sich zwar auch hier ein. Wo diese sonst vielleicht in Begleitung von Nervosität und Ungewissheit wegen der sportlichen Situation des eigenen Clubs oder wegen des Rufs der Gästefans auftaucht, mischen sich hier jedoch andere Empfindungen darunter. Erleben wir gerade den Untergang des Fussballabendlands? Der Anblick des Stadions beruhigt uns erstmal. Keine Omnipräsenz des Getränkekonzerns, kein offensichtlich anderes Klientel als sonst wo. Sowieso, die neue Arena, 
errichtet in den Überresten des alten Zentralstadions, ist alleine eine Reise wert. Über die Treppen der ehemaligen Spielstätte gehts in die neue Arena. Auf den Check-In bei Facebook verzichten wir dennoch. Wir möchten doch lieber kein «Red Bull Arena» in unserer Timeline.

Im Stadion die nächste positive Überraschung: Wo wir eine geballte Ladung gelb-blau-roter Reklamen erwarteten, sehen wir viele werbefreie Flächen. Wir verfallen in leichten Optimismus. Leider zu früh. Das Vorprogramm zum Spiel scheint hier das eigentliche Hauptprogramm zu sein. Ohrenbetäubender Lärm begleitet die Minuten vor dem Anpfiff, abgelöst von einem nervig-überdrehten Stadionspeaker, der die Aufstellung präsentiert. Ein Gregor Lucchi auf Speed und Ecstasy, quasi. Das Spiel beginnt. Die paar wenigen der rund 30‘000 Fans, die versuchen, für Stimmung zu sorgen, sind bedeutend leiser als es der Stadionspeaker war. Fans der Gäste aus Bochum sind sowieso kaum da. Wie so viele Fanszenen boykottieren die Bochumer das Auswärtsspiel in Leipzig. Die Kampagne Nein-zu-RB.de erfährt in Deutschland viel Unterstützung und auch die Leipziger Fans haben sie zur Kenntnis genommen. Im Fanblock der Ostdeutschen weht nämlich eine Fahne, die das Logo der Kampagne in «Ja zu RB» geändert hat – in Leipzig stellen sich viele auf den Standpunkt, das Engagement unterscheide sich kaum von jenem von Bayer in Leverkusen oder VW in Wolfsburg. Damit hat es sich aber auch mit Kreativität. Jedes Mal, wenn wir den Fangesängen der Leipziger lauschen, fühlen wir uns um Jahre zurückversetzt. Die Auswahl der Lieder gleicht denen, die im Espenmoos in den 90ern durch das Stadion dröhnten. Nur dass sie hier nicht dröhnen.

Wir entdecken aber auch Positives: Den Begriff Red Bull nimmt hier kaum jemand in den Mund. Es wird ausgewichen auf RB oder Rasen- Ballsport. Auch der Club selber darf sich bekanntlich nicht Red Bull nennen, die Deutsche Fussballliga hat ihr Veto eingelegt. Sponsoren im Vereinsnamen sind in Deutschland nach wie vor tabu, sofern es sich nicht um Werksmannschaften handelt – oder zumindest mal gehandelt hat. Leicht irritiert verlassen wir das Stadion. Nach dem Vorhof zur Hölle hat sich das zwar nicht angefühlt. Nach dem Entwurf des Fussballvereins 
der Zukunft aber auch nicht. Was war das denn hier? Was macht dieses Red Bull zum Hassobjekt, dem sowohl als Konzern als auch als Verein dennoch so viele Leute die Stange halten?

Wir reisen zur zweiten Station. In Salzburg hoffen wir, Antworten zu finden. Die österreichische Liga hat bekanntlich schon früh damit gebrochen, die Vereinsnamen frei von Sponsoren zu halten. Selbst die SV Austria Salzburg, der Vorgängerverein von Red Bull Salzburg, trug schon ein Casino oder ein Wüstenrot in ihrem Namen. 
Doch heute Abend darf auch der Ableger aus der Stadt des Konzern-Hauptsitzes den Zusatz Red Bull nicht im Namen tragen. Beim Europa League-Gruppenspiel gegen den rumänischen Vertreter Astra Giurgiu verbietet es die UEFA. Es spielt ganz einfach der FC Salzburg. Und er tut dies im Stadion Salzburg, weil auch im Arena-Namen keine Sponsoren erlaubt sind. Auf den Stadtplänen findet sich übrigens auch meist nur Stadion oder allenfalls EM-Stadion. Und trotzdem: Red Bull ist hier im Gegensatz zu Leipzig allgegenwärtig.

Wer den Presseeingang passiert, steht in einem Stadion, dass einem die Marke Red Bull regelrecht mit dem Vorschlaghammer ins Bewusstsein hämmern will. Die Stadionwände sind mit roten Bullen bemalt, oben an allen Treppen gibts Red Bull-Fanklatschen, über die Lautsprecher dröhnt Werbung für sämtliche Sparten des grossen Konzerns. Im Matchprogramm tragen die Rubriken so intelligente Titel wie «Bullevard», die Kinder werden vom Maskottchen «Bulli» unterhalten, der übrigens sogar einen «Bulli’s Skitag» veranstaltet, Deppen-Apostroph in
klusive. Das Spiel interessiert indes kaum jemanden. Zugegeben, Salzburg ist bereits durch, die Gäste sind ausgeschieden. Aber dennoch: Es ist ein internationales Spiel, in dem die Salzburger sogar den Rekord der in einer 
Europa League-Gruppenphase erzielten Tore brechen können, was sie dann mit einem ungefährdeten 5:1-Sieg auch vollbringen werden. Wir haben schon vor dem Spiel genug gesehen, quälen uns aber trotzdem weiter. Zur Mannschaftsaufstellung dröhnen die Glockenschläge des AC/DC-Songs Hells Bells aus den Boxen. Es ist, als ob die Salzburger uns gleich selber sagen wollten: Ihr seid nicht nur im Vorhof angekommen, ihr seid auf direktem Weg in die Hölle gereist. Die wenigen Salzburger Fans singen indes «Mia san Soizburger, koana mog uns». 
Wir stimmen zu, holen uns einen letzten Kaffee aus dem Medienraum, nur um noch einmal die unzähligen Dosen Red Bull zu verschmähen, und verschwinden.

Von Salzburg bis New York, von Leipzig bis Ghana. Die Expansion von Red Bull dürfte damit kaum vorüber sein. Unlängst machten Gerüchte die Runde, der Konzern sei auch am englischen Verein Leeds United interessiert. Auch wenn daraus (noch?) nichts geworden ist, die Fussballabteilungen von Red Bull verteilen sich über die Fussballwelt wie das klebrige Getränk über Bartheken: Einmal nicht aufgepasst und kaum mehr wegzukriegen.


Dieser Text erschien zum ersten Mal im SENF #03. Aus Anlass des Testspiels des FC St.Gallen gegen RB Leipzig möchten wir ihn hier zur Verfügung stellen. Aus den im letzten Abschnitt erwähnten Gerüchten zu einer möglichen Übernahme von Leeds United durch Red Bull wurde bisher keine Tatsache. Aufgeflackert sind die Gerüchte aber auch in der Zwischenzeit, wie wir hier beschrieben hatten.