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Fussball ist Kultur, propagieren die Organisatoren der Fussballlichtspiele St.Gallen seit der ersten Durchführung im Jahr 2015. Auch im dritten Jahr in Folge ist es gelungen, dies mit einem vielfältigen Programm zu untermauern. Das Publikum scheint ebenfalls zuzustimmen: Das OK konnte einen Publikumsrekord vermelden. Wir waren auch bei der Ausgabe 2017 als Medienpartner vor Ort und haben eine Rangliste mit vier Highlights des Festivals erstellt: eines für jeden Festivaltag.

Tag 1, das Highlight zu Beginn:

In der Pause des Auftaktfilms, einem Dokumentarfilm über das Leben unseres Meistertrainers Marcel Koller, war ein weit verbreitetes Gesprächsthema die Aussage Kollers, ihm seien nach den Jahren bei den Grasshoppers bei seinen nächsten Stationen vor allem Unterschiede in Sachen Professionalität aufgefallen. Die Älteren unter unseren Lesern erinnern sich, Koller hatte nach Ende seiner Spielerkarriere und ersten Schritten als Assistenztrainer bei GC zuerst zu Wil und dann zu St.Gallen gewechselt, und hier teilweise kalte Duschen und Schnee auf dem Spielfeld vorgefunden. Unser erstes Highlight daher: die Szenen im Film, in denen Koller unsere ehemalige Spielstätte besucht und auf dem Weg erzählt, wie sie hier beim Restaurant am Eingang zur Haupttribüne «amel Boccia gspielt hend», und jeweils vor Spielen im Winter «am Schnee usehole gsi sind». In der Ostschweiz ticke man eben einfach ein bisschen anders, so Koller im Film.

Tag 2, Bullshit wird Bingo:

Als am anderen Ende der Stadt das Spielfeld des St.Galler Stadions während des Qualifikationsspiels der Schweiz gegen Andorra gerade zu versinken drohte, spielte man am Public Viewing der Fussballlichtspiele ein Spiel der etwas anderen Art. Für uns ist diese Variante, wie man ein Fussballspiel der Nationalmannschaft sehen kann, schlagartig zur favorisierten aufgestiegen: mit einer Bingo-Karte in der Hand, auf der sich mögliche Ausdrücke des Moderators zu einem grossen Ganzen zusammenfügen, dem Bullshit-Bingo. Klassiker wie «der Mann aus Sursee» finden sich ebenso darauf wie «Ronaldo-mässig» oder «Aufflackern von fussballerischem Können». Unser persönliches Highlight ist unter den gegebenen Wetter-Bedingungen aber ganz klar «rutscht im dümmsten Moment aus». Den flüssigen Hauptpreis (nein, keine Dusche im sintflutartigen Regen) hat übrigens ein Mitglied des SENF-Kollektivs gewonnen, was natürlich mit der Auswahl dieses Highlights überhaupt nichts – ÜBERHAUPT NICHTS – zu tun hat!

Tag 3, durch eine andere Linse:

Wer es nicht gesehen hat, hat was verpasst. Unser drittes Highlight stammt aus der Begleitaustellung Am Ball: Meister FC St.Gallen, wo Portraits der St.Galler Meistermannschaft zu sehen (und zu kaufen) waren, fotografiert von Franziska Messner-Rast. Während alle Portraits die Spieler in ungewohnter Umgebung zeigen, stellt dasjenige von Ivan Dal Santo, dazumal Schönling der Mannschaft, alle anderen in den Schatten – auch dasjenige unseres aktuellen Trainers. Diese Frisur. Dieser Blick. Diese Pose.

Tag 4, Abschluss-Furioso:

Während wir auch für den vierten Tag eine ganze Auswahl an Highlights zur Verfügung hätten (wer Shaolin Soccer noch nicht auf der Liste zu schauender Filme hat, sollte dies unbedingt nachholen – ein grosses Danke für den Tipp gebührt der Zwölf-Redaktion), ist unser letztes Highlight eines, das allgemein ausfällt.

Auch dieses Jahr hat das Organisations-Komitee es geschafft, in der Gestaltung des Festivals, in der Programmauswahl und im Zusammenstellen der Schwerpunkte neue Massstäbe zu setzen. Die Tages-Themen waren sorgfältig gewählt – vom Erfolg des Underdogs, zur Nationalmannschaft, einem Südamerika-Fokus und dem Traum vom Profi –, kleinere Produktionen erhielten genauso Raum wie grössere und Gespräche mit Regisseuren und Podiumsdiskussionen erlaubten das Aufgreifen zahlreicher Themen: Dies ergab erneut ein stimmiges Gesamtpaket. Mit 400 Eintritten gab es zudem einen Zuschauerrekord, auch auf dieser Ebene sind die dritten Fussballlichtspiele gewachsen. Unser Fazit ist darum auch in diesem Jahr wieder klar: Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Ausgabe.


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Wer hierzulande an Fussballfans in Asien denkt, der landet meistens bei chinesischen Fans, welche die Spieler des FC Bayern München bei der Ankunft zu ihrer China-Tournee bejubeln. Dabei geht vielfach unter, wie kreativ und spannend asiatische Fanszenen sind. Um das bekannter zu machen, haben Daniel Polomski und Tobias Enkel Football Fans Asia gegründet. Sie dokumentieren Spiele, Fanszenen und einzelne Gruppierungen aus verschiedenen asiatischen Ländern und geben so Einblick in eine in Europa bisher wenig bekannte Welt der Vielseitigkeit.

Ähnlich entstanden wie die Fussballlichtspiele St.Gallen – aus einer Bieridee – gibt es Football Fans Asia seit 2016. Bobotoh, der erste Kurzfilm über die Fans eines indonesischen Clubs, läuft am kommenden Samstag am Festival. Wir haben Daniel Polomski getroffen und mit ihm über den Film, asiatische Fanszenen, Football Fans Asia und Sepak Bola – also Fussball – gesprochen.

SENF: Bobotoh hat die Fans von Persib Bandung zum Thema. Warum habt ihr genau diesen Club und diese Fans für euren ersten längeren Film ausgesucht?

Polomski: Wir waren vorher schon oft in Indonesien beim Fussball und über das Spiel Persib Bandung gegen Persija Jakarta wird medial am meisten berichtet, es ist omnipräsent. Es ist das Spiel, an dem seit Jahren die Auswärtsfans nicht zugelassen werden. Diese Verbote gibt es, weil leider auch Personen sterben. Die Mannschaften des gegnerischen Teams werden teilweise in gepanzerten Fahrzeugen aufs Spielfeld gefahren, weil sie sonst gefährdet wären. Persib Bandung gegen Persija Jakarta wird der «Indonesische Classico» genannt. Und dann kam ehrlich gesagt ein Zufall dazu. Als wir überlegten, dass wir ein solches Projekt machen möchten, war es einfach auch das nächste interessante Spiel in Südostasien, welches wir sehen konnten.

SENF: Verschiedene Elemente aus dem Film widerspiegeln Elemente europäischer Fanszenen sehr stark. Was sind Hauptorientierungspunkte der Fans oder Fanszenen, welche ihr begleitet habt?

Polomski: In Indonesien ist Italien das Vorbild. Ganz klar. Als begonnen wurde, Fussball in Indonesien zu zeigen, gab es nur die Bildrechte für die Serie A. So hat jeder Indonesier ausschliesslich die Serie A gesehen, wenn er Profifussball aus Europa schauen wollte. Da kommt dieser ganze Ultra-Gedanke her, die Indonesier haben das als Inspiration genommen. In Bandung, wo unser Erstlingsfilm herkommt, ist das ein bisschen anders. Es gibt nur eine kleine Gruppe, die in einer ganz anderen Ecke im Stadion steht und den komplett italienischen Stil fährt. Und oft nennen Fans auch türkische Vereine, meistens Galatasaray Istanbul, als Vorbild.

SENF: Wie äussert sich diese starke Orientierung an Italien?

Polomski: Sehr viele Fahnen, ein komplett geschlossener Support. Die Fans machen 90 Minuten ausschliesslich, was der Capo sagt. Nichts Anderes. Bei PSS Sleman, wo wir gerade waren, einem Zweitliga-Verein, geht das sogar so weit, dass sie vor dem Spiel nichts Scharfes essen und keine kalten Getränke zu sich nehmen sollen, weil das auf die Stimme geht. Das sind ungeschriebene Gesetze. Und 90 Minuten Dauersupport ist dann tatsächlich auch zu beobachten. Es ist nicht bloss ein Ideal, an das man heranzukommen versucht. Wenn man da ist, sieht man, dass das genau in der Form funktioniert. Für uns war das das Beeindruckendste: Sie ziehen wirklich 90 Minuten komplett an einem Strang.

SENF: Und was sind merkliche Unterschiede zu europäischen Szenen?

Polomski: In Sleman geht alles, was im Brigata Curva Sud Shop, dem Ultras-Shop, verkauft wird, zu 100 Prozent an den Verein. Wenn sie Choreographien machen, sammeln sie im Stadion unter sich noch einmal extra. Das ist einer der grössten Unterschiede zu Europa. Ein weiterer ist die Organisation der Fans. Viele Jobs, welche in Europa von Sicherheitskräften ausgeübt werden, von der Polizei oder privaten Sicherheitsdiensten, werden von den Fans übernommen. Wenn du hier oder in Deutschland mit Bussen auswärts fährst, wirst du von Polizisten eingerahmt und auf eine Raststätte gezogen, sobald die Polizei mitkriegt, dass die Fanszene von XY auf der Autobahn in diese Richtung fährt. In Indonesien ist das überhaupt nicht der Fall. Die Fans sind komplett sich selbst überlassen. Wenn sie durch gefährliche Gebiete von rivalisierenden Fanszenen fahren, wird vorher der komplette Konvoi angehalten, es wird mit Funkgeräten koordiniert, wie sie durch die Stadt fahren, und jedes Auto hat seinen korrekten Platz. Mit absolut minimaler Polizeipräsenz, auf externe Kräfte legt da niemand wert.

SENF: Gibt es länder- und szenespezifische Einflüsse, wo eine eigene Identität erkennbar wird bei den Szenen?

Polomski: Auf jeden Fall. In Indonesien geht Fanszene-technisch wohl am meisten. Obwohl sie viele Gesänge kopieren, haben sie trotzdem lokale Gesänge und Kulturgüter. Sie bringen Dangung – eine traditionelle zentral-javanische Musikform, Lieder und Rhythmen – genauso ein wie europäische Gesänge und bewahren ihre lokale Kultur. Und Indonesien ist ein riesiges Land, es gibt auch regionale Einflüsse. Die Vereine sind wahnsinnige Identitätsanker. Egal wo wir als Football Fans Asia hingefahren sind, wenn wir die Menschen gefragt haben, was der Verein für die Stadt bedeutet, was die Stadt für den Verein bedeutet: Das geht immer Hand in Hand. Das ist untrennbar verbunden und der Fussball ist wahrscheinlich jeweils der Hauptidentitätsmarker.

SENF: Wie müssen wir uns die Zusammensetzung einer Kurve in Indonesien vorstellen?

Polomski: Jünger. Wenn ich ein Wort wählen müsste, dann jünger. Es ist beeindruckend, wie viele junge, motivierte Menschen dort sind. In europäischen Stadien sieht man immer noch die Väter, die ihre Töchter und Söhne zum Fussball gebracht haben, in den Kurven stehen. Das hat man in Indonesien und Malaysia kaum. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass es noch eine relativ neue Subkultur ist und vielleicht die erste Generation, die diese entwickelt.

SENF: Mit Football Fans Asia dokumentiert ihr Teile dieser Subkulturen, ihr macht das ehrenamtlich. Was ist eure Grundidee und was sind eure nächsten Projekte?

Polomski: Wenn man in Südostasien unterwegs ist, haben die Menschen unglaublich Ahnung vom europäischen Fussball. Am meisten natürlich von der Premier League, weil sie damit auch viel Geld verdienen, Fussballwetten sind richtig gross. Dann von populären Vereinen, die oft gewinnen. Aber selbst wenn man vom HSV spricht, können die Menschen das zuordnen. Wenn man in Europa jemanden nach Persib Bandung fragen würde, würde keiner auf die Idee kommen, wo das in Java ist. Das hat uns sehr beeindruckt. Und deswegen wollten wir ein Projekt starten, das Fussball-Interessierten aus ganz Europa ermöglicht, sich über solche Dinge informieren zu können.

Aktuell planen wir einen etwas längeren Film über den Port FC aus Bangkok, um die 45 bis 60 Minuten. Wir haben viele Kontakte in Bezug auf die Verbindung vom Club zu den Slums, zum Beispiel ein 14-jähriger Rapper, der in den Slums gross geworden ist und Musik für den Club macht. Oder Personen, welche ähnliche Projekte wie „Humans of New York“ machen, ein Thailänder macht nach dieser Vorlage „Humans of Thai Port“. Es gibt ein unglaublich grosses Engagement für diesen Verein in der Szene und wir wollen eine solche Dokumentation jetzt in den nächsten Wochen in Angriff nehmen.


Wer nach diesem ersten kurzen Einblick in eine diverse und faszinierende Fussballwelt in Südostasien mehr erfahren möchte, dem sei der Kurzfilmblock an den Fussballlichtspielen St.Gallen, am Samstag, 2. September, empfohlen. Beginn ist um 15.00 Uhr, Bobotoh wird gezeigt und Daniel Polomski wird anwesend sein. Wer sich ausserdem weiter über die laufenden Projekte von Football Fans Asia informieren möchte, kann dies via Facebook, Youtube, Instagram, und Twitter tun.

Die dritten Fussballlichtspiele St.Gallen starten am kommenden Mittwoch, 30. August, und dauern bis Samstag, 2. September. Nebst dem erwähnten Kurzfilmblock bietet das Programm auch dieses Jahr mehrere Highlights: so zum Beispiel eine Weltpremiere mit der Dokumentation über unseren Meistertrainer, Marcel Koller, oder die Schweizpremiere von Pelé: Birth of a Legend (hier ist das volle Programm zu finden). T minus 2 Tage: Die Vorfreude steigt!


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Ein grün-weisser Klub zieht von einem altehrwürdigen Quartierstadion in eine moderne Arena – was wie die Geschichte des FC St.Gallen klingt, ist auch jene von Hammarby IF. Wir wollten uns das genauer anschauen und sind nach Schweden gereist.

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Der Hammarby IF aus Stockholm musste vor rund drei Jahren aus dem angestammten Zuhause im Stadtteil Södermalm ausziehen. An den diesjährigen Fussballlichtspielen St.Gallen wurde unter anderem der Film «Vi är bäst ändå – This is Söderstadion» gezeigt, der den Ablöseprozess der Fans dokumentiert. In der neuen Arena ging die letzte Saison nicht allzu gut zu Ende. Hammarby belegte in der abgelaufenen Saison – in Schweden wird von Frühling bis Herbst durchgespielt – Rang 11 von 16. Im letzten Heimspiel der Saison gegen Norrköping ging es um nichts mehr. Auch deshalb, weil sich Norrköping einen Spieltag zuvor aus dem Meisterrennen verabschiedet hatte. Der Match ähnelte den Spielen in St.Gallen stark. Eine Mannschaft in grün-weiss, die zwar bemüht, aber doch nicht erfolgreich agiert und sich am Ende mit einem mageren 1:1 begnügen muss.

Auch sonst ähnelt Hammarby irgendwie ein bisschen dem FC St.Gallen. Die Zuschauer sind trotz fehlendem Erfolg unglaublich treu, erscheinen zahlreich – gegen Norrköping waren es rund 20‘000 – und unterstützen ihr Team auch in schlechteren Zeiten. Wir treffen uns in Stockholm mit Magnus, einem der Protagonisten des Films «Vi är bäst ändå». Er warnt uns schon vor dem Spiel, dass wir heute nicht zu viel erwarten dürften, da die Saison nicht so erfolgreich verlaufen sei.

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Uns interessiert aber vor allem, wie es den Fans von Hammarby nach dem Umzug vor rund drei Jahren geht. Schliesslich kennen wir die Situation: In Stockholm zügelten sie vom Söderstadion in die Tele 2 Arena, in St.Gallen zügelten wir vom Espenmoos in die AFG Arena. Auch die Fans von Hammarby vermissen ihr altes Stadion. Neu ist eben nicht immer besser, hat aber durchaus auch Vorteile. Da wäre zum Beispiel die Grösse. Ins alte Söderstadion passten gerade mal 10’000 Zuschauer. In die neue Arena dreimal so viel. Zudem muss wohl auch der Romantiker akzeptieren, dass viele Fans den Komfort eines neuen Stadions dem einer – wenn auch charmanten – Bruchbude vorziehen. Gerade für Familien sei der Matchbesuch angenehmer geworden, sagt Magnus. Und schliesslich sei es auch einfacher an Tickets zu kommen. Das ermögliche mehr Zuschauern ins Stadion zu kommen. Das bedeute auch: mehr Fans. Einige davon wüssten jedoch (noch) nicht, dass auch sie für die Atmosphäre im Stadion zuständig seien: «Sie gehen ans Spiel um die Stimmung zu konsumieren und nicht um sie zu erzeugen.»

Trotzdem findet Magnus das neue Stadion besser, als er es erwartet hätte. Dass das neue Stadion ganz nah am alten gebaut wurde, habe zusätzlich geholfen. Dass es viel schlimmer hätte kommen können, zeige sich aktuell beim Rivalen AIK. Deren neues Stadion sei zu gross, die Zuschauer zu weit weg vom Feld. Und dann stünde das Stadion noch in einer ganz anderen Gegend, ohne Restaurants und Bars. Noch so eine Parallele zum FC St.Gallen und seinem neuen Stadion: Irgendwie wird man nicht so richtig warm mit der neuen Heimat, aber besser als andere Stadionneubauten ist es halt doch noch. Ein Schicksal Hammarbys teilt St.Gallen jedoch nicht – wir müssen unser Stadion mit niemandem teilen. Hammarby hingegen schon – ihr Stadtrivale Djugården spielt in derselben Arena.


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Zum Abschluss war der Kinosaal vollbesetzt. Mit «Zlatan – Ihr redet, ich spiele» und anschliessender Diskussion mit dem extra aus Schweden angereisten Produzenten des Films, Lennart Ström, gingen am vergangenen Samstagabend die zweiten Fussballlichtspiele St.Gallen zu Ende. Drei Tage Fussball und Filme: Wir waren dabei und blicken zurück.

Als die Organisatoren am Donnerstag die zweiten Fussballlichtspiele St.Gallen eröffneten, beschrieben sie, wie das Festival aus einer typischen Bier-Idee entstanden war und sich nach der ersten Durchführung beim Abschlussessen zu einer Grappa-Idee weiterentwickelt hatte. Diese Entwicklung fand ihre Entsprechung auf allen Ebenen des Festivals: bei der Aufmachung der Lokalität, beim Barangebot (eine tolle Mischung aus Altbewährtem und Orientalischem bot für jeden etwas), bei der Filmauswahl und schliesslich auch bei den weiteren Programmpunkten und der Organisation. Waren die ersten Fussballlichtspiele wohl so etwas wie ein Testlauf gewesen, zeigte sich im zweiten Jahr: Sie sind da, um zu bleiben!
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Bereits der Start am Donnerstagabend zeigte den Zuschauern, dass sie sich auf die weiteren Tage freuen konnten. Die Programmauswahl war stimmig, der erste Film «Vi är bäst ändå – This is Söderstadion» sogar wie gemacht für St.Gallen und deswegen wohl auch der emotionalste für anwesende Fans des grössten hiesigen Clubs. Erzählte er doch eine Geschichte, die in vielen Zügen derjenigen des FCSG glich: nämlich die der Fans des Stockholmer Vereins Hammarby IF, der aus einem geliebten alten Stadion in eine neue Arena umziehen muss.

Ab den ersten Bildern, welche den Abriss des verlassenen Stadions zeigten, und im weiteren Verlauf des Filmes kamen immer wieder Erinnerungen an den eigenen Ablöseprozess vom Espenmoos auf, an die Bagger in der Südkurve. Viele Szenen erzeugten Resonanz beim anwesenden Publikum, weil man sich im Gezeigten und Gesagten wiedererkannte. Dies war bei den Zuschauern denn auch das hauptsächliche Gesprächsthema in der Pause und nach dem Film und wurde ebenfalls in der darauffolgenden Podiumsdiskussion aufgegriffen.

Yvette Sanchez, Daniel Fels und Daniel Torgler diskutierten dabei mit Corinne Riedener über verschiedenste Themenfelder, die im Film angesprochen worden waren: zum Beispiel über ebendiesen Ablöseprozess, über die Funktion eines Stadions als identitätsstiftenden Ort, Freiraum oder Heimat sowie über die Situation in St.Gallen im Jahr 2008. Für den längsten Lacher des Abends sorgte Torglers Aussage zu den Sektoren im Espenmoos und zu einem Kreislauf, den man dazumal als Fan vielfach durchlaufen hatte: «Als Kind im Sektor Blau wechselte man in der Jugend in die Südkurve, blieb dort einige Zeit, und begab sich dann auf die Haupttribüne, wenn man beruflich erfolgreich war, oder sonst wieder in den Sektor Blau.»

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Während bei den Podiumsdiskussionen der Fussballlichtspiele im vergangenen Jahr jeweils noch eine Fragerunde dabei gewesen war, war eine solche in diesem Jahr leider nicht mehr vorgesehen. Ein Zwischenruf aus dem Publikum zeigte jedoch: Das Thema löste so viele Fragen und Emotionen aus, dass es sich gelohnt hätte, die Podiumsdiskussion im Anschluss noch für Fragen und Wortmeldungen aus dem Publikum zu öffnen. So wurden diese in die Festwirtschaft getragen und eifrig vor dem Tiffany weiterdiskutiert.

Ebenfalls einem Thema aus Fan-Optik, jedoch einem etwas schrägeren, widmete sich der zweite Film des Abends: Die «Sons of Ben», ein Fanclub aus Philadelphia, hatten sich 1996 gegründet, bevor es ihren Club überhaupt gegeben hatte. Wir empfehlen diesen Film allen, die ihn verpasst haben, nur schon wegen der Fangesänge: «We’ve won as many Cups as you and we don’t have a team.»

Sowohl thematisch wie auch geographisch neue Wege gingen die Filme am Freitag. «The Damned United» und «I Believe in Miracles» führten nach England und hatten Trainerlegende Brian Clough zum Thema. Wieder zeigte sich die gelungene Auswahl: Der zweite Film schloss nahtlos an den ersten an, weil er mit Szenen eines Interviews begann, das in «The Damned United» den Abschluss gebildet hatte. Zusammen gaben beide diverse Einblicke in die Persönlichkeit Cloughs, so dass zum Schluss ein komplexeres Bild dieses Mannes resultierte, als gewisse seiner Aussagen in den einzelnen Filmen angedeutet hätten (zum Beispiel: «you work hard, and if you work hard, you have a chance of playing well, and if you play well, then you’ll enjoy it», aus «I Believe in Miracles»).

Etwas politischer und sozialkritischer wurde es am Samstag, dem letzten Tag der Lichtspiele. Mit «White, Blue and White» machte ein Film den Anfang, der die schwierige Situation von Osvaldo Ardiles und Ricardo Villa beleuchtet. Beide Argentinier spielten bei Tottenham Hotspur als der Falkland-Krieg ausbrach: Während zu Beginn die erfolgreiche Zeit beider nachgezeichnet wird (welche zum Beispiel auch zu einem klassischen Fussballsong geführt hat, «Ossie’s Dream»), werden die Zustände durch den Krieg komplexer und zusehends unhaltbar. Ein emotionales und berührendes Zeitzeugnis.

Diesen Themenblock schloss ein Film über arbeitslose Fussballer in Deutschland ab: «Zweikämpfer» feierte Schweizer Premiere. Bei der schwierigen Frage nach dem Zeitpunkt des Karrierenendes erkannten wir vom SENF-Team viele Parallelen zu unserem Interview mit Jörg Stiel (im SENF #06): Wie meistert ein Fussballprofi den Übergang, strukturiert seinen Alltag, wann ist der richtige Zeitpunkt, dem Game den Rücken zu kehren? Im Anschluss war Angelo Stomeo von der Swiss Association of Football Players (SAFP) zu Gast. Er sprach über die Situation in der Schweiz und legte dar, wie die SAFP Schweizer Fussballern Unterstützung bietet. Anhand des Beispiels von Adrian Winter betonte er die Wichtigkeit, am Ball zu bleiben. Winter hatte sich im Trainingscamp des SAFP fit gehalten, einen Vertrag in den USA bekommen und ist nun wieder zurück in der Schweiz.

Als Einleitung zur eigentlichen Finalissima am Samstag präsentierten Mämä Sykora und Sascha Török vom Fussballmagazin ZWÖLF allerlei Trouvaillen aus der «unheiligen Allianz zwischen den Königen Fussball und Fernsehen». Weil sie in einer stündigen Präsentation Highlight an Highlight reihten, ist es praktisch unmöglich, etwas darüber zu schreiben, was diesen gerecht werden würde. Wer dabei war, fand sich auf einer Reise durch die Vergangenheit, lachte zum Beispiel über die Trikots des FC Luzern aus der Saison 1970/71, hörte Alex Freis «Das isch emol ä Goal» (#Platzverweis) oder blickte in die Berichterstattung des Schweizer Fernsehens vor dem Cupfinal 1985, mit Matthias Hüppis Aargauer Socken (wie es Török nannte) und dem Torwandschiessen. Prädikat: Einmalig!
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Und zum Abschluss schloss sich der Kreis des Festivals mit «Zlatan – Ihr redet, ich spiele»: Es ging wieder nach Schweden. Im Film über Ibrahimovics jungen Jahre wurden Nuancen einer Person sichtbar, die wohl nur in solch frühem Filmmaterial zu finden sind. So erfuhren die Zuschauer zum Beispiel, dass Ibrahimovic als 19-Jähriger 350 Schulstunden verpasst hatte, ein Rekord. Seine Antwort dazu: «Ich habe einfach nur an Fussball gedacht, darum bin ich nicht hingegangen.» Ebenfalls einmalige Einsichten bescherte den anwesenden Gästen das abschliessende Gespräch mit Produzent Lennart Ström. Er beantwortete Fragen zur Entstehungsgeschichte des Films und schliesslich auch Fragen des Publikums. Ein überraschender und würdiger Abschluss des Tages und des Festivals als Ganzes.

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Während Kino in St.Gallen normalerweise etwa gleich spannend ist, wie die Champions League ab den Viertelfinals (ausser im Kinok ist nicht viel Neues zu erwarten, die Grossen machen das Geschäft), haben die vergangenen drei Tage gezeigt, dass auch unbekannteren und thematisch vielfältigeren Filmen eine Chance gegeben werden sollte. Die Fussballlichtspiele St.Gallen tun dies und vereinen vieles: ein ausgesuchtes Programm, abwechslungsreiche Zusatzveranstaltungen, eine Ausstellung (dieses Jahr mit Bildern von Manuel Stahlberger und vom tschutti heftli), ein durchmischtes Publikum und einen reibungslosen Ablauf. Fussball ist definitiv mehr als 11 gegen 11. Und manchmal eben auch ganz grosses Kino.


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Vom 1. bis 3. September finden bereits zum zweiten Mal die Fussballlichtspiele St.Gallen statt. Die Verantwortlichen haben heute das Programm veröffentlicht.

Fussballlichtspiele 2016

Wie bereits vor einem Jahr, als die Fussballlichtspiele St.Gallen ihre Premiere feierten, ist auch dieses Jahr SENF als Medienpartner mit von der Partie. Wir haben uns deswegen das Programm genauer angesehen und einige ausgewählte Empfehlungen zusammengestellt, was man dieses Jahr auf keinen Fall verpassen darf.

Highlights gibts auch beim zweiten Durchgang wieder einige: sowohl «Sons of Ben» wie auch «I Believe in Miracles» sind zum ersten Mal überhaupt mit deutschen Untertiteln zu sehen. Und «Zlatan – Ihr redet, ich spiele» muss man gesehen haben. Der Film zeigt – zum ersten Mal auf einer Schweizer Leinwand – rare Szenen aus den jungen Jahren von Ibrahimovic, als dieser noch nicht der ganzen Welt als Ausnahmespieler bekannt war.

Wer wie wir findet, dass man als interessierte/r Fussball-Fan oder Film-Liebhaber/in schlicht den Festival-Bändel posten und alle drei Tage das volle Programm verfolgen sollte, kann sich nachfolgend einen Programmüberblick verschaffen. An der Festivalkasse im Kino Tiffany gibts neben dem Festivalpass auch Tickets für einzelne Tage zu kaufen.

Weitere Informationen zum Festival und zu den Filmen sind unter www.fussballlichtspiele.ch zu finden.

Donnerstag, 1. September
17.30 – Türöffnung
18.45 – Eröffnung Fussballlichtspiele St.Gallen 2016
19.00 – Vi är bäst ändå / This is Söderstadion
Anschl. – Podiumsdiskussion
21:30 – Sons of Ben

Freitag, 2. September
17:00 – Türöffnung
18:00 – The Damned United
20:45 – I Believe in Miracles
23:00 – Konzert

Samstag, 3. September
13:00 – Türöffnung
14:00 – White, Blue and White
15:15 – 11mm Kurzfilmblock
17:00 – Zweikämpfer
19:45 – ZWÖLF präsentiert Fussball im TV und Film
21:00 – Den unge Zlatan / Zlatan – Ihr redet, ich spiele