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Zur Hälfte einer Saison wird gerne zurückgeblickt. Die Retrospektive auf das erfolgsarme Jahr 2016 ersparen wir euch aber und schauen lieber in die Zukunft. Denn die gibt Grund zur Hoffnung – zumindest, wenn man unserer Statistik Glauben schenkt.

Seit der erfolgreichen Europa League-Qualifikation im Jahr 2013 malen sich die FCSG-Fans in der Winterpause gerne aus, wohin denn die Reise im nächsten europäischen Jahr gehen könnte. Doch die Ernüchterung folgte jeweils kurz nach dem Beginn der Rückrunde. Nach einer guten Vorrunde vergaben die Espen in den drei dem Erfolgsjahr folgenden Saisons in der zweiten Saisonhälfte die Chance auf weitere europäische Nächte. Nach dem schlechten Start in die aktuelle Saison witzelten entsprechend viele Fans, dieses Mal werde man wenigstens nicht enttäuscht, wenn die Hoffnungen schon zur Winterpause verflogen sind. Nur: Nach der Aufwärtstendenz in den letzten Spielen stimmt das so nicht mehr. Schon gar nicht, wenn man einen Blick auf die Statistik wirft.

Seit der Saison 2003/04 besteht die oberste Schweizer Liga nur noch aus zehn Mannschaften. Im Vergleich der Rangierungen zur Winterpause und zum Saisonende zeigt sich: Wer zur Saisonhälfte auf Platz 6 steht – wie aktuell der FC St.Gallen –, hat reelle Chancen auf den Europapokal. Satte fünfmal beendete der anfangs des Winters Sechstplatzierte die Saison auf dem fünften Rang. Dem Rang also, der oft zur Teilnahme an der Europa League berechtigt, weil sich zumeist ein weiter vorne klassiertes Team bereits durch den Schweizer Cup einen Startplatz gesichert hat. Das könnte auch dieses Jahr sehr gut der Fall ein. Mit YB, Sion, Basel und Luzern hat die Hälfte aller im Cup verbliebenen Teams realistische Chance auf einen Platz unter den ersten Vier.

Selbst für jene, die nicht an eine erfolgreiche Rückrunde glauben, verspricht die Statistik Hoffnung: Seit Einführung der Super League landete nie ein Team auf dem letzten Rang, das zur Winterpause auf dem sechsten Rang oder besser klassiert war. Hier sind die Konkursfälle von Servette Genf und Neuchâtel Xamax ausgenommen, beim Einbezug des ersteren Falls hätte die Aussage aber nach wie vor ihre Richtigkeit.

In den oberen Tabellen-Regionen, in denen der FCSG bekanntlich in den letzten Jahren kaum je mitspielt, sagt die Statistik ebenfalls Interessantes aus. Zwar wird der zur Winterpause auf Platz 1 platzierte Club meistens auch Meister (in 9 von 13 Fällen) – aber der Zweitplatzierte wird öfter Erster oder Dritter (in 4 von 13 Fällen) als dass er auf dem zweiten Platz verbleibt (in 3 von 13 Fällen). Den Abstiegskampf, mit dem der FCSG gemäss unserer Statistik nichts zu tun haben dürfte, könnten der Neunte Thun und der Achte Lugano unter sich ausmachen. Der im Winter Letztplatzierte rettet sich nämlich öfter auf den neunten Platz (in 5 von 13 Fällen), als dass er am Tabellenschluss bleibt (in 3 von 13 Fällen). Am häufigsten abgestiegen ist seit Einführung der Zehnerliga der Zweitletzte (in 4 von 11 Fällen; zwei Abstiege wegen Konkurs nicht beachtet). In diesem Sinne: Europa wir kommen!


 


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Ich hatte mir das jetzt mal angetan. Wider besseren Wissens und gesunden Menschenverstands. Tatsächlich war ich ja ein bisschen erstaunt über mich selbst, dass ich mich überhaupt daran erinnert hatte…

CL-Pokal_David Flores Flickr_adapted

… naja, hatte ich. Und darum (und wohl auch aufgrund eines kleinen Teils morbider Neugierde) schliesslich die Auslosung der UEFA Champions League-Gruppenphase im Live-Stream mitverfolgt.

Nachdem ich alle technischen Hindernisse einmal überwunden hatte (der Flash Player wollte ein Update um 17.58 Uhr, zwei Minuten vor dem eigentlichen Start der Übertragung), ertönte sie zum Einklang: die Hymne, die einem sofort in die geschichtsträchtigen Stadien dieses Kontinents transportiert und an alle grossen Clubs der europäischen Ligen denken lässt. Beim «the chaaaaampions» ertappte ich mich dabei, wie ich wünschte, dass ich das doch auch einmal bei einem Spiel des eigenen Clubs hören würde.

Item, mindestens der unmittelbare Start war also besser, als ich es erwartet hatte, nachdem ich auf der Zugangs-Webseite vorgängig lesen konnte, dass die Stars langsam im Saal einträfen. Gespannt wartete ich, wie es denn nun weitergehen würde, so als Auslosungs-Zuschauer-Neuling. Schnell stellte sich heraus: Obwohl das Ganze um 18.00 Uhr hätte beginnen sollen, begann der eigentliche Vorgang erst gefühlte 20 Jahre später. Und dauerte noch einmal gefühlt so lang. Um 18.35 Uhr war ich nur noch froh, nicht im Saal sein oder mitfiebern zu müssen.

Denn auch das Überbrückungsprogramm, sicherlich zum Spannungsaufbau gedacht, hatte mindestens bei mir nicht den geringsten Erfolg. Vielmehr wirkte es wie leere Selbst-Beweihräucherung, die inhaltslos und vor allem mit viel Geplänkel Zeit zu schinden versuchte. Die Fragen der Moderatoren waren flach, die Antworten der Spieler ebenso – alles wirkte einstudiert und brachte keinerlei neue Einsichten: sogar die vermeintlich spontanen Witze der Fussballspieler, die geladen waren, um die Ziehung zu vollziehen, fielen bei allen ausser bei den Moderatoren durch.

Einen richtig faden Beigeschmack verlieh dieser Veranstaltung aber das Wissen um anstehende Änderungen im Modus der Champions League, welche seit heute auch kommuniziert sind. Nun haben sich Befürchtungen, dass genau die bereits jetzt am meisten von der Champions League profitierenden Clubs noch mehr profitieren würden, mindestens zum Teil bewahrheitet. Weiterer Kommerzausbau, eine Steigerung der Werbe- und TV-Einnahmen und schliesslich Gewinn-Maximierung scheinen zur Stunde bei der UEFA (und der FIFA) im Vergleich zum eigentlichen Spiel soweit im Vordergrund zu stehen, dass alles (selbst eine Auslosung) zur einträglichen Show verkommen muss. Am besten mit Vermarktungspotenzial im asiatischen Markt. Der Zweite der englischen Liga zieht dort halt mehr als der dänische Meister. Dass das mit einer Champions League wenig zu tun hat, scheint bei der UEFA niemanden zu stören. Die gerade laufende Zeremonie schien so wie ein weiterer Arm dieser Auswüchse – wenigstens bis zur Hälfte.

Nach der Ziehung liess ichs dann gut sein. Ich hatte genug gesehen, stellte vor der Wahl von Europas Fussballer des Jahres ab, wollte keinen Satz der ungelenken Moderatorin und des jovialen Moderators mehr hören und dachte für mich: Ja, so eine europäische Reise wäre ja schon was. Aber dem ganzen Zirkus auch einfach mal den Rücken kehren zu können, hat auch etwas für sich.

Wer im Detail nachlesen will, was sich am Modus der UEFA Champions League genau ändert, dem empfehlen wir den Artikel der Süddeutschen Zeitung.


Foto: David Flores, CC by 2.0 (adapted)


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Jeff Saibene kam 2011 ohne viel Kredit nach St. Gallen. Den Abstieg konnte er nicht mehr verhindern. Dann zeichnete er sich aber mitverantwortlich für die beste Zeit des FCSG in den letzten Jahren. SENF unterhielt sich mit dem Cheftrainer über diese Entwicklung, seine Europa League-Erlebnisse und über seine Eindrücke vom Club und den Fans.

Jeff Saibene

SENF: Jeff Saibene, wie kommt ein Luxemburger dazu, in der Schweiz Karriere zu machen?

Saibene: Dass ich in der Schweiz landete, war kein Zufall, sondern wie vorprogrammiert. Ich war immer ein Schweiz-Fan; nicht einmal unbedingt vom Fussball, sondern weil mir das Land immer sehr gefiel. Mit 19 spielte ich bei Standard Lüttich, da kam eine Anfrage aus Aarau, wo ich meinen ersten Profivertrag unterschrieb.Ich blieb dann, bis auf einen kleinen Unterbruch, immer hier. Heimweh verspüre ich nicht, ich will auch nicht zurück, sondern mit meiner Familie hier bleiben.

SENF: Luxemburg gilt als Fussballzwerg. Aus welcher Perspektive betrachtet man da den Weltfussball?

Saibene: Da ich schon mit 15 aus Luxemburg wegzog und mehr als die Hälfte meines Lebens in der Schweiz verbracht habe, sehe ich den Fussball mehr aus Schweizer Perspektive. Luxemburg wurde aufgrund seines geringen Stellenwerts aber schon immer etwas belächelt, wobei ich hier mittlerweile eine gewisse Akzeptanz spüre. Dass Luxemburg die Schweiz besiegt hat, trug vielleicht auch etwas dazu bei.

SENF: Eine Akzeptanz, die du dir in St. Gallen hart erarbeiten musstest.

Saibene: Verständlicherweise stand man mir kritisch gegenüber, als ich vom Luxemburgischen Fussballverband nach St. Gallen kam.Ich war ein Durchschnittskicker, nicht viele haben mich gekannt und wir verfehlten gleich das Ziel, die Liga zu halten. Die darauffolgende Saison in der Challenge League war ebenfalls schwierig. Danach gab es aber einen radikalen Wandel, nach dem ich mir und wir uns Akzeptanz aufgebautund viel Vertrauen bei der Bevölkerung gewonnen haben. Ich geniesse derzeit ein hervorragendes Verhältnis, was sich auch in einer gewissen Anerkennung und Dankbarkeit äussert. Dies trägt viel dazu bei, dass ich mich hier sehr wohl fühle.

SENF: Zum schwierigen Start trug sicher auch das Auswärtsspiel bei Xamax bei. Was geht einem Trainer durch den Kopf, wenn Tréand für acht verbliebene Neuenburger in der 94. Minute gegen St. Gallen das 2:1 schiesst?

Saibene: Das war wirklich ein Horrormoment. Wir waren in Überzahl und konnten in diesem wichtigen Spiel gegen einen direkten Konkurrenten wenigstens überhaupt noch ausgleichen. Dann haben wiruns bei einem Freistoss komplett naiv verhalten. Statt zu flanken, schoss Hämmerli direkt aufs Tor, der Torhüter parierte den harmlosen Schuss, warf aus, Tréand liess zwei von uns stehen und schoss das Tor. Es ist eine Episode, über die wir heute 
lachen können, damals war es aber Horror. Den Abstieg bedeutete es aber nicht: Obwohl es mental ein empfindlicher Schlag war, konnten wir das Rennen bis zum Schluss offen halten, ehe wir bei YB verloren.

SENF: War es danach eine undankbare Aufgabe, die Challenge League als Ligakrösus, also quasi aus der Bayern-Perspektive, in Angriff zu nehmen?

Saibene: Die Challenge League war eine zwiespältige Geschichte. Wir haben stets unsere Pflicht erfüllt, haben aber nicht das Spektakel gezeigt, das sich das Umfeld wünschte. Zudem war die Liga unattraktiv. Obwohl ein fader Beigeschmack bleibt, erreichten wir den Aufstieg ohne Probleme. Es war auch einmal schön, die Gewissheit zu haben, aufgrund der vorhandenen Qualität acht von zehn Spielen zu gewinnen. Wir gerieten nie ernsthaft unter Druck und stiegen früh auf.

SENF: Hat es dich dann selbst überrascht, als Aufsteiger gleich souverän Dritter zu werden?

Saibene: Meistens ist es ja so, dass man als Aufsteiger den Groove mitnimmt. Es war vielleicht aber auch eine Trotzreaktion: Wir hatten wenig Kredit, viele gaben uns keine Chance. Dazu kamen mit Nater und Janjatovic entscheidende Transfers; Spieler, die uns enorm weiterbrachten, vorhin jedoch kaum jemand kannte. Mit diesen zwei Top-Fussballern in der Mitte hat sich unser ganzes System verändert. Wichtiger als die letzte Saison ist für mich aber, dass wir die Leistung in der diesjährigen Hinrunde bestätigen konnten, trotz immenser Belastung sowie gewichtigen Abgängen. Was wir in diesem halben Jahr erreicht haben, finde ich bemerkenswert.

SENF: Von der Challenge League direkt in die Europa League: Ein Traum?

Saibene: Wenn ich jemandem beim Heimspiel vor zwei Jahren gegen Carouge gesagt hätte, dass wir hier 2013 in der Europa League-Gruppenphase Valencia empfangen, hätte der mich für komplett verrückt erklärt. Es nahm von Spiel zu Spiel seinen Lauf, alles ging sehr schnell. Möglicherweise werde ich erst in einigen Jahren realisieren, was wir hier als kleiner Club erreicht haben. In Moskau mit 4:2 zu gewinnen und die Gruppenphase zu erreichen ist mit das Schönste,was ich je erlebt habe. Die 30 Minuten nach dem frühen Gegentor waren mit das Beste, was der FC St. Gallen in jüngerer Vergangenheit gezeigt hat. Ich habe in der darauffolgenden Nacht kein Auge zugemacht, erhielt viele Nachrichten. Wir machten europaweit Schlagzeilen und erhielten innerhalb der Schweiz Anerkennung und Sympathie, wie es St. Gallen noch selten erfahren hat. Mit der Qualifikation zur Europa League sowie unserem Auftreten in der Gruppenphase haben wir viel für das positive Image des Vereins getan.

SENF: Dabei hast du vom schwerstmöglichen Gegner gesprochen, als uns Spartak Moskau zugelost wurde.

Saibene: Ja, ich dachte, das ist einfach Scheisse: Da verlierst du zweimal, hast zuhause keine Zuschauer, fliegst nach Moskau und das war dann die Europa League. Natürlich habe ich das weder dem Team, noch der Öffentlichkeit gegenüber so verkauft, aber ich hatte die Russen in der Meisterschaft verfolgt und sie waren wirklich sackstark. Ehrlich gesagt, wäre ich lieber nach Stuttgart gereist.

Ich glaube, dass wir danach mit Valencia und Swansea die beste Gruppe erwischt haben. Valencia ist ein Weltclub, der in den letzten zehn Jahren zweimal im Champions League-Final stand. Das Auswärtsspiel war für alle ein grosses Erlebnis, obwohl wir hoch verloren haben. Kuban Krasnodar war weniger ein Wunschgegner – insgeheim habe ich auf Standard Lüttich gehofft, wo ich als junger Spieler fünf Jahre verbrachte.

SENF: Haben sich die Prioritäten während der Europa League-Zeit verschoben?

Saibene: Nein, gar nicht. Ich habe von Spiel zu Spiel geschaut und so rotiert, dass einerseits alle Spieler im Rhythmus blieben und wir andererseits immer genügend fitte Spieler auf dem Platz hatten. Abgesehen von den Stürmern sind wir vom Verletzungspech verschont geblieben, weshalb wir alles ganz gut bewältigt haben – obwohl
die Belastung riesig war und wir zuletzt im Dreitagesrhythmus spielten.

SENF: Wie bewältigte die Mannschaft dieses immense Pensum?

Saibene: Es ist eine Frage des Willens und der Fitness. Nach der intensiven Vorbereitung im Sommer sagten mir viele Spieler, sie seien noch nie so fit gewesen. Auch darum sind wir die Mannschaft mit dem grössten Laufpensum der Liga. Die Teams der europäischen Topligen laufen im Schnitt 122 Kilometer pro Spiel, wir rund 130! Als ich der Mannschaft vorschlug, etwas weniger Pressing zu betreiben, wollten die Jungs das nicht. Sie wollen so Fussball spielen und zeigten, dass sie dazu im Stande sind: Nach dem Auswärtsspiel in Moskau besiegten wir Luzern mit 4:1. Aus Krasnodar kamen wir freitags in der Nacht zurück, klinisch tot. Trotzdem gewannen wir gegen Zürich und liefen wieder 130 Kilometer! Vor der Winterpause gab es aber doch Spiele, in denen wir die Belastung spürten. Trotzdem: Wie oft seid ihr nach Hause gegangen und wart wirklich enttäuscht von der Mannschaft? Ich denke, diese Spiele lassen sich im vergangenen Jahr an einer Hand abzählen.

SENF: Ihr habt uns beeindruckt – wir euch auch?

Saibene: Am meisten beeindruckt hat mich Swansea, als die ganze Schlange St. Gallen-Fans an unserem Bus vorbeizog. Wenn du zu diesem Club gehörst und so etwas siehst, ist das Wahnsinn! Riesig! Auch im Stadion war es ein einmaliges Erlebnis. Fans in England, das ist etwas anderes; es ist auch Stimmung, aber nicht so, das kennen sie gar nicht. Ich bekam danach Meldungen, sie hätten so etwas noch nie erlebt. Was haben sie geschrieben? ‚Best ever!‘ Auch im Cup gegen Zürich fand ich die Stimmung unglaublich cool. Es waren 7‘700 Leute da und von der Stimmung her hatte ich das Gefühl, das Stadion sei voll. Wir haben ein riesiges Fanpotenzial, ich geniesse jedes Spiel.

SENF: Jedes Spiel? Bist du von uns manchmal nicht auch enttäuscht?

Saibene: Im Moment selten. Natürlich, wenn einer einmal einen Penalty verschiesst und danach zwei, drei schlechte Aktionen hat, ist es unglücklich wenn 50 Prozent der Fans pfeifen. Ich habe zwar ein gewisses Verständnis, es gehört irgendwie auch dazu, denke aber auch ‚Scheisse, muss das jetzt sein?‘.

SENF: Stört es dich, wenn in einem Spiel mehr gegen den Gegner als für die eigene Mannschaft gesungen wird?

Saibene: Naja, es ist halt… Hauptsache es wird gesungen (lacht).

SENF: Wir kommen nicht drum herum, das Thema Pyro anzusprechen. Stört dich das? Gefällt dir das?

Saibene: Das Problem bei Pyros ist einfach, dass es gefährlich ist. Wenn es zur Waffe und auf Menschen geworfen wird, dann ist es Horror. Wenn es aber so ist, dass es als Fest, als Stimmung genutzt wird, finde ich es grandios.

SENF: Mittlerweile bist du der mit Abstand dienstälteste Trainer der Super League. Was bedeutet dir das? Könnte sich daraus eine längere Ära entwickeln?

Saibene: Ich hatte im Dezember meinen tausendsten Arbeitstag beim FC St. Gallen. Ich denke, darauf darf ich schon ein bisschen stolz sein. Tausend Tage sind eine lange Zeit und für mich besonders schön, weil die Anfangszeit nicht so positiv war. Darum gefällt es mir, dass der Trainer hier derzeit gar kein Thema ist und es wäre speziell, wenn dies über einige Zeit so bleiben würde – sieben, acht Jahre beim gleichen Club zu arbeiten, das würde mich schon sehr reizen. Vielleicht ist das aber auch nur Wunschdenken…

SENF: A propos Wunschdenken: Was willst du unbedingt erreichen?

Saibene: (Überlegt lange) Den Cupfinal möchte ich unbedingt einmal erleben, weshalb mir das Out gegen Zürich grausam auf dem Magen liegt. Früher wollte ich einmal der erste Luxemburger sein, der in der Bundesliga trainiert. Davon bin ich aber etwas abgekommen, zumal ich mich hier derzeit wunschlos glücklich fühle. Ich geniesse hier eine riesige Unterstützung von allen Seiten und kann mir nicht vorstellen, dass ich es irgendwann und irgendwo nochmals so gut haben werde wie hier. Dennoch muss man realistisch bleiben. Wenn ein Top-Angebot kommt und der Präsident, der Sportchef und ich finden, dass ich das unbedingt annehmen müsse, würde ich wahrscheinlich auch gehen. Ich denke kaum, dass ich Guy Roux werde und hier 37 Jahre lang Trainer bleibe.

SENF: Wer weiss!

Saibene: Wer weiss, ja! Vielleicht sitzen wir in 20 Jahren ja wieder hier (lacht).

Dieses Interview erschien zum ersten Mal im SENF #01 (erschienen im Januar 2014).


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Mit seinem Lieblingsklub durch Europa reisen: Für viele Fans wurde dieser Traum im letzten Halbjahr Wirklichkeit. Für Christoph Ziegler ebenfalls, wenn auch auf eine ganze besondere Art und Weise. Unverhofft wurde er zum EL-Mannschaftskoch und reiste an alle vier Auswärtsspiele mit der Mannschaft mit. SENF hat sich mit ihm getroffen und über seine Erfahrungen gesprochen.

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«Ich bin ein Espenmoos-Kind», stellt Christoph Ziegler gleich zu Beginn klar. Fast klingt es ein wenig nach Entschuldigung, dass er die EL-Spiele nicht zusammen mit den anderen Fans erleben konnte, sondern vom VIP-Bereich aus. Oder nach Rechtfertigung, schon ein richtiger Fan zu sein. Beides ist aber nicht nötig. Im Gespräch mit ihm, der seine ersten Spiele bereits Ende der 70er-, anfangs der 80er-Jahre erlebt hat, merkt man schnell, dass er durch und durch Fan ist. Die Eindrücke in den VIP-Räumen der Stadien seien zwar interessant gewesen, aber er hätte dann eben doch lieber Bier statt edlen Weisswein getrunken. Und so eindrücklich die schon von Jeff Saibene erwähnte «Schlange» an Fans war, die in Swansea am Car vorbeizog, er wäre lieber in der Masse gewesen.

Interessant waren für ihn jedoch nicht nur die VIP-Räume, sondern vor allem die internationalen Gepflogenheiten in Grossküchen. Christoph Ziegler hat mit dem Restaurant Wildegg früher sein eigenes Restaurant geführt und arbeitet heute im Restaurant Öchsli in Herisau. Er machte sich also mit viel Erfahrung im Gastgewerbe aber null Erfahrung im Bekochen einer Fussballmannschaft auf den Weg nach Moskau. Bei seinem ersten Einsatz hatte er dann auch ein wenig Glück. Der Küchenchef im Sheraton in Moskau konnte auf Schweizer Küchenerfahrung zurückgreifen und sprach daher Deutsch. Der Einstand gelang. Und weil die Mannschaft offenbar so gut verpflegt war, dass sie Spartak Moskau vom Platz fegte, kam Christoph in den Genuss einer Siegesfeier auf russischem Boden. Mit dem Klub an der Bar und später, als alle in den Zimmern waren, mit Fans im Hotel nebenan.

Zum temporären Job als Mannschaftskoch kam er, weil Dölf Früh seine Kochkünste im Restaurant Wildegg öfters getestet hatte. Den restlichen Staff und die Mannschaft konnte er offenbar auch überzeugen. Noch auf dem Nachhauseweg aus Moskau wurde besiegelt, dass er auch an den drei folgenden Spielen mit von der Partie sein sollte. Das war dann aber auch gleichbedeutend mit noch drei Mal Suppe, Salatbuffet, Pouletbrust, Tomatenspaghetti, Früchte. Nicht gerade abwechslungsreich, was Christoph Ziegler der Mannschaft zuzubereiten hatte. Für die persönliche Kreativität war sowieso kein Platz, der Menüplan war vorgegeben. Und handwerklich stellte dieser den Koch kaum vor Probleme. Wären da nicht die Eigenheiten vor Ort, die auch an ihm hängen blieben. Am meisten zu improvisieren hatte er in Krasnodar. Hier musste er sich mit Händen und Füssen verständigen. Wenn das nicht funktionierte, griff Christoph Ziegler zum Smartphone und liess sich übersetzen, wonach er gerade auf der Suche war. «Weil mir aber dann natürlich auch niemand ausführlich Auskunft geben konnte, wurden immer fünf Finger hochgehalten. Alles hat immer fünf Minuten gedauert.»

Man merkt Christoph Ziegler an, wie gerne er diese Aufgabe für den FCSG erledigt hat. Man merkt auch, wie ein bisschen Stolz mit schwingt, dass alles reibungslos geklappt hat. Zumindest in seinem Einflussbereich. Dass die ganze Mannschaft inklusive Staff nach der Landung in Krasnodar eine Stunde im Flieger warten musste, bis dann endlich mal jemand eine Gangway herangeschafft hatte, dafür konnte wohl niemand etwas. Ebenso wenig wie für die wenig geniessbaren Wurst-Sandwiches im Stadion. Wer im Charterflug des DV1879 nach Krasnodar geflogen ist, kann sich vermutlich vorstellen, wie das ausgesehen und geschmeckt haben muss. Und weil für ihn als EL-Neuling alles so gut geklappt hat, wars ihm dann auch egal, wenn Sascha Ruefer meinte, bei der Nationalmannschaft sei das dann schon alles noch etwas professioneller.


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Die Vorfreude war gross, als dem FC St.Gallen der Swansea City FC zugelost wurde – nicht wenige wünschten sich dieses Los bereits in der Qualifikationsphase. Dies nicht zuletzt, da die schönen Erinnerungen an den letzten britischen Gegner noch omnipräsent sind. Man verlor damals im Jahr 2000 zwar das Hinspiel gegen den Chelsea FC an der Stamford Bridge in London knapp mit 1:0, jedoch wurde das Londoner Team im Rückspiel mit 2:0 gebodigt und so aus dem UEFA-Cup geworfen. Auf eine ähnliche Sensation hoffte wohl insgeheim auch jeder gegen die Swans. Swansea City gewann in der letzten Saison den englischen Ligacup, weshalb die Waliser im Europacup vertreten sind. Bei ihrem Aufstieg 2011 waren sie gar die erste Premier League-Mannschaft aus Wales, mittlerweile ist Erzrivale Cardiff nachgezogen.

Gemäss dem Internetforum der Swansea-Fans erwarteten diese einige Dutzend Investment-Banker und Uhrmacher mittleren Alters, die mit gefederten Filzhüten in Swansea auftauchen würden. Was sich als eine «total miscalculation» herausstellen sollte. Rund 1‘500 Grün-Weisse nahmen die Reise nach Swansea in Angriff. Die Einwohner Swanseas waren am verregneten Spieltag Zeugen einer regelrechten grün-weissen Invasion. Aus allen Löchern – oder in diesem Fall wohl eher Pubs – kamen die Ostschweizer gekrochen und versammelten sich auf dem Castle Square, um gemeinsam den Marsch zum Stadion anzutreten. Da die britische Fankultur von einer Politik ausgerottet wurde, auf die man hierzulande gerne referenziert, war dieser Anblick für die Waliser ein sehr seltener. Biertrinkende, schreiende aber friedliche Fussballfans, die gemeinsam durch die Gassen Swanseas streiften.

Als die Mannschaften einliefen, verwandelte sich der Gästesektor schliesslich in ein Meer aus Fackeln, Schals, Fahnen und Doppelhaltern, begleitet von wirklich ohrenbetäubendem Support. Das Spiel im Liberty Stadium selbst war eine Nervenprobe für die mitgereisten Anhänger des FCSG. Nach einem harschen Start jubelte der grün-weisse Mob, als St.Gallen in der 14. Minute ein Penalty gegeben wurde. Karanovic vergab diesen jedoch fahrlässig und verwandelte sich vom russischen Goldmariechen zum walisischen Pechvogel mit Hirnerschütterung. Manch einer haderte noch mit dem Schicksal, als Mathys in der 18. Minute das Tor von Swansea-Goalie Tremmel nur knapp verfehlte. Nach diesem Chancenplus für die Ostschweizer waren es dann die Swans, die auffallender waren und ebenfalls zwei riesige Chancen vergaben.

Schade, das Spiel war verloren. Gewonnen haben immerhin die frenetischen Fans des FC St.Gallen, nämlich den Respekt der walisischen Zuschauer: «Well done you guys – best away support I’ve seen at our ground – don’t think you stopped singing!».

Reise nach Swansea

Dieser Text ist ein Auszug aus dem im SENF #01 erschienen Artikel «Mir spielet international – ein europäisches Tagebuch». Die Erstausgabe kann hier, im Fanlokal oder an Heimspielen am DV-Stand bezogen werden. Nur solange der Vorrat reicht!