Das Leben als Fussballfan ist nicht immer einfach. So manch jemanden hat seine Leidenschaft für den beliebten Ballsport schon in den Wahnsinn getrieben. Damit uns das auf der SENF-Redaktion nicht passiert, können wir auf die Hilfe des bekannten Fussball-Therapeuten Dr. O.W. zählen. In seinem ersten Gastbeitrag bietet er ausnahmsweise nicht der SENF-Redaktion seine Hilfe an, sondern einem erbosten YB-Fan.

Grüezi Herr «YB Fanatiker seit Geburt»

Aus unmittelbarem beruflichem Interesse habe ich Ihren Kommentar zum Artikel des Gratisblatts 20 Minuten gelesen, der das Fussballspiel zwischen den Berner Young Boys und dem FC St.Gallen von vergangenem Samstag zum Thema hat.

Wie Sie vielleicht wissen, beschäftige ich mich oft mit sogenannten fussball-induzierten Krankheiten. Zwar stammen meine besten Kunden grösstenteils aus dem Umfeld Ihres samstäglichen Gegners, aber seien Sie versichert, dass dies meine Kompetenz auf dem Gebiet keinesfalls einschränkt und dass meine Beratung vorurteilsfrei und unbehaftet erfolgt. Wenn Sie erlauben, möchte ich gerne auf Ihren Kommentar antworten, Sie scheinen nämlich ebenfalls an einer bekannten fussball-induzierten Krankheit zu leiden. Und ich möchte Ihnen gerne helfen.

Dazu müssen wir Ihren Kommentar aber etwas genauer anschauen. Sie beginnen mit der legitimen Frage, was denn diese «Dramatisierung…von einem simplen und bedeutungslosen Unentschieden» soll? Nun, wenn Sie mir kurz einen Perspektivenwechsel erlauben: Aus mehr oder weniger neutraler Beobachterperspektive kann man das Unentschieden YBs wohl durchaus als etwas unerwartet beschreiben, wenn man bedenkt, dass YB gegen Luzern eine veritable Klatsche eingefangen hat und gegen St.Gallen auch nicht hat reagieren können. Was doch schon fast ein wenig surreal anmutet, wenn man auch noch bedenkt, dass der FCSG in diesem Stadion noch nie gewonnen hat. Die zwei «Nicht-Siege» in Serie sind da schon fast eine Niederlagen-Serie, wenn auch noch nicht ganz st.gallischen Ausmasses.

Viel spannender wird es aber, wenn ich die verbleibenden Stellen Ihres Kommentars durchgehe. Sie haben mich nämlich ein bisschen überrascht und darum nachrechnen lassen: «YB […] wird hoch überlegen Schweizermeister» schreiben Sie da, direkt gefolgt von «die Basler werden diese Saison nochmals so richtig fett weg geballert in der Direktbegegnung und werden ende Saison mit -20 Tordifferenz als Absteiger feststehen».

Aktuell hat YB 17 Punkte Rückstand auf den führenden FCB (siehe unten).

Quelle: teletext.ch

Zu spielen sind noch 15 Runden. Sollte Basel alle verbleibenden Spiele verlieren und der aktuell Tabellenletzte Vaduz alle Spiele gewinnen, liegt am Schluss der Saison Vaduz mit sieben Punkten Vorsprung vor Basel. Der aktuell Zweitletzte, Lausanne, müsste aber ebenfalls alle Spiele gewinnen – ausser den beiden gegen den FC Vaduz natürlich. So kämen die Waadtländer auf zwei Punkte mehr als der FCB. Das wird knapp. Und beim aktuell Drittletzten, Thun, geht die Rechnung nicht mehr auf. Weil die Berner Oberländer ja gegen Vaduz und Lausanne insgesamt vier Spiele noch verlieren müssen, liegen noch maximal 53 Punkte drin. Drei zu wenig, um mit Basel gleichzuziehen. Sie sehen, Ihre Prognose wird nicht eintreten.

Mir macht also in Anbetracht der Faktenlage Ihr Kommentar eher den Eindruck eines emotionalen Ventils. Ihre Symptome sind zwar teilweise vergleichbar mit denen, die ich schon bei Fans des FCSG beobachten konnte. Die Ursache unterscheidet sich aber fundamental. Während ich im Osten regelmässig Morbus Relegatio diagnostizieren muss(te), kann es sich bei Ihnen nur um Morbus Semper Secundus handeln. Die konkreten Symptome dieser Krankheit sind:

a) Sie haben nach so einem Spiel Emotionen angestaut, die sich irgendwo bahnbrechen müssen (so weit so klassisch).

b) Das Kriegsvokabular in Ihrem Kommentar («weg geballert») lässt auf einen Grad an Gewaltbereitschaft schliessen, der in dieser Intensität Ihrer Gefühlslage sicherlich abträglich ist.

c) Ebenfalls lässt sich ein ausgeprägter, von alternativen Fakten beeinflusster Grad an Weltfremdheit feststellen, der Ihrer psychischen Verfassung auch nicht dienlich ist.

d) Fehlende Interpunktion lässt sich damit erklären, dass Sie schnell und unüberlegt gehandelt haben, was in einer akuten Phase von Morbus Semper Secundus durchaus üblich ist. Es zeichnet dieses Krankheitsbild geradezu aus, dass man nicht mehr im Stand ist, den Grad an Rationalität walten zu lassen, der zum Kommentare-Schreiben auf Online-Plattformen eigentlich nötig wäre (gerade auch um «Daumen-hochs» zu sammeln).

Morbus Semper Secundus kann behandelt werden – genauso wie Morbus Relegatio, da habe ich schon manch einem FCSG-Fan helfen können. Kontaktieren Sie mich bitte unter dr-o-w@senf.sg (das kann man sich einfach merken, reimt sich ja) und wir können einen ersten Sitzungstermin abmachen.

Herzlich, Ihr Dr. O.W.


Zur Person

Dr. O.W. ist in Fachkreisen bekannt als der erfahrenste und erfolgreichste Therapeut von fussball-induzierten Krankheiten. Sein Kundenstamm umfasst Fans, Spieler, Trainer und Vereinspräsidenten aus der ganzen Schweiz. Dr. O.W. hat sich unter anderem dadurch ausgezeichnet, dem SENF-Ticker-Team in einer emotional schwierigen Phase beizustehen. Dies nicht einfach nur im Rahmen der wöchentlichen Sitzungen auf der Behandlungscouch, sondern auch live vor Ort bei den Versuchen des FC St.Gallen im letzten Herbst, das Ruder doch noch irgendwie rumzureissen.

Auch interessant:

SCHNEEBALL FÜR ROBBIE WILLIAMS Jeder FCSG-Fan weiss es. Seit YB im neuen Wankdorf spielt, hat der FC St.Gallen dort noch nie gewonnen. Das konnten Hutter & Mock bei ihrem Besuch im November 2005 natürlich noch nicht wissen. Was...

Schreibe eine Antwort

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

Erforderlich