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Als ältester Verein Kontinentaleuropas könnte der FC St.Gallen eigentlich auf eine lange Geschichte zurückblicken. Abgesehen vom ersten Logo, das in den jüngsten Jahren ein Revival erlebte, und dem Meistertitel 1904 ist jedoch weder bei den Fans noch beim Verein häufig von den Ursprüngen des FCSG die Rede. SENF hat sich deshalb in den Archiven umgesehen und insbesondere die ersten 40 Jahre unseres Fussballclubs untersucht.

Am 19. April 1879 sorgte die kleine Ankündigung im St. Galler Tagblatt, dass am selben Abend ein «Foot-bal Club» gegründet werden soll, wohl noch für wenig Aufsehen. Fussball hatte zu dieser Zeit bei weitem noch nicht den Stellenwert, den er einige Jahre später haben sollte. Im Gegenteil, 1919 äusserte sich der damalige Präsident Emil Gretler folgendermassen zu den Anfängen: «Das war damals richtige Pionier-Arbeit, als es noch hiess, etwas zu betreiben, für das niemand Verständnis aufbrachte, sondern nur Spott und Gelächter übrig hatte … Ohne irgendwelche behördliche Subventionierung, ja an vielen Orten gegen die grössten Schwierigkeiten seitens der Obrigkeit, musste der Platz erobert werden.» Dass in St. Gallen damals dennoch ein Fussballclub gegründet wurde, ist wohl auch dem Institut Schönberg in Rorschach zu verdanken. Dessen fussballbegeisterter Direktor Wiget hatte einige Schüler mit dem Fussballfieber angesteckt, sodass sie auch nach Abschluss der Schule dem Sport nachgingen und schliesslich als junge St. Galler Kaufleute einen Fussballverein gründeten. Der Grundstein für den späteren FC St. Gallen wurde also schon vor 1879 gelegt. Spätestens ab 1876 finden sich in Dokumenten der Gründungszeit Hinweise auf einen mehr oder weniger regelmässigen Fussballbetrieb in der Region, wenn auch noch ohne Vereinsstrukturen.

Die Gründungsväter

Der Übergang vom eher losen Spielbetrieb zu einem geregelten Vereinsleben kann nicht nur dank des erwähnten Inserats genau datiert werden. Auch wenn die anlässlich der Gründung verabschiedeten Vereinsstatuten nicht mehr vorliegen, verweisen verschiedene Dokumente auf ebendiese und bestätigen das Datum. Auf diese Weise lässt sich auch nachvollziehen, wie der FCSG zu seiner Gründung aufgestellt war. Die Statuten kamen mit lediglich neun Paragraphen aus, der Vorstand (damals noch «Commission») bestand aus dem Präsidenten, dem Aktuar und Vizepräsidenten in Personalunion, dem Kassier und dem Revisor. Dazu kamen zwei Spieldirigenten, deren Aufgabe aus einer Mischung zwischen Trainer und Captain zu bestehen schien. Von den Gründungsvätern des FC St. Gallen ist leider nicht allzu viel überliefert. Es liess sich zumindest rekonstruieren, dass der erste Präsident auf den Namen R. Renkowitz hörte, der erste Aktuar und Vizepräsident auf Pierre de St. Robert. Von beiden ist im späteren Verlauf der Geschichte aber nichts mehr zu hören. Bereits am 16. April 1880 wurden vom neuen Präsidenten Alb. Engeler aktualisierte Statuten unterzeichnet. Erst mit Gust Grunder, der Ende des 19. Jahrhunderts zu einer elfjährigen Amtszeit antrat, wurde das Präsidium erstmals mit einer gewissen Konstanz geführt. Seine Verdienste werden wohl auch deshalb immer wieder erwähnt und er wurde bereits zum Ehrenpräsident gewählt, als sein Nachfolger vor der Hauptversammlung zur Wahl antrat.

Wechselhafter Start

Die ersten Jahre des noch jungen Vereins waren äusserst wechselhaft. 1892 konnte zum ersten Mal ein Wettspiel durchgeführt werden, weil inzwischen der Grasshopper-Club Zürich gegründet worden war. In der vom damaligen Kassier Fritz Jäk verfassten 15-Jahres-Chronik des FCSG ist dazu zu finden: «Es war ein furchtbares Hundewetter, wir St. Galler holten nach damaligem Brauch die Zürcher mit der Fahne am Bahnhof ab, was den Grasshoppers jedenfalls nicht sehr angenehm war.» Auch die Grösse der Tore missfiel den Zürchern, denn diese fielen in St. Gallen offenbar etwas zu klein aus. Das Spiel ging 0:1 verloren und trotzdem resümierte Jäk: «Jetzt sind sie uns die nächsten Freunde geworden.» Nach dem ersten Enthusiasmus der Gründungszeit folgten jedoch bald Rückschläge. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kämpften sämtliche Fussballvereine in St. Gallen – und derer gab es nun einige – um ihr Überleben. Die Jugend schien sich lieber dem überbordenden Alkoholkonsum hinzugeben als der körperlichen Ertüchtigung zu frönen. Gar existenzbedrohend wurde die Situation insbesondere als am 17. Juli 1900 elf Spieler den FCSG verliessen und den FC Bluestars gründeten.

Dieser baute sich fortan ein ziemlich elitäres Image auf: Offenbar sollen die Spieler auf dem Rasen gar in Englisch kommuniziert haben. Während viele andere Vereine diese Zeit nicht überlebten, überstand der FCSG dank geschickten Schachzügen diese schwierige Zeit. Zum einen, so die Chronisten, soll der regelmässige Stamm den Verein zusammengehalten haben, auch wenn kaum Spiele angesetzt werden konnten. Zum anderen schaffte es der FCSG immer wieder, andere Vereine dank der guten Infrastruktur und der im Vergleich gut gefüllten Kasse zur Fusion zu überreden. Diese Fusionen führten indes auch immer wieder zur Änderung des Vereinsnamens und der Clubfarben. Aus dem in grün-weiss antretenden Foot-bal Club wurde ein in blau-weiss antretender Foot-ball Club St. Gallen. Dieser wiederum änderte nach der Fusion mit dem FC Phoenix im Jahr 1898 seinen Namen auf Vereinigter Foot-Ball Club St. Gallen und spielte neu in gelb-schwarz. Der Wechsel zurück auf die ursprünglichen und auch heute immer noch aktuellen Farben grün und weiss erfolgte bereits wieder 1900, die Namensänderung in FC St. Gallen drei Jahre später.

Erster Meistertitel

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging es mit dem FC St. Gallen aufwärts. Es folgte der erste Meistertitel 1904. Zu verdanken hatte der FCSG diesen einer ersten Mannschaft, die auch noch im Jahr 1917 an einer Monatsversammlung offenbar für regelrechte Gefühlsausbrüche gesorgt haben muss: «Noch heute sehe ich jene Wackern von 1904 vor mir, von denen man wirklich sagen konnte: Sie liebten sich wie Brüder.» Ein gewisser Lehrer, Wilhelm Inhelder, dem diese Aussage im Protokoll zugeordnet wurde, konnte sich noch detailliert an die Spielweise der damaligen Akteure erinnern. Am amüsantesten ist mit Sicherheit die Beschreibung des linken Verteidigers, Felix Thöny: «Seine besondere Spezialität war, jeden anstürmenden Gegner, ob gross oder klein, stark oder schwach, ein oder zwei Mann, unbarmherzig auf den «Sack» zu legen, alles mit vigilanter Schnelligkeit und eleganter Grazie. Als die reinste Unschuld betrachtete dann unser Thöny das angerichtete Unheil, und jedermann hatte die Überzeugung: Die sind von selbst gefallen,es ist ihre eigene Schuld.» Aber nicht nur die erste Mannschaft sicherte sich einen Meistertitel. Auch die Juniorenabteilung konnte erstmals in der «St. Gallischen Junioren-Vereinigung» reüssieren. Dazu kam es allerdings nur, weil ein unentschiedenes Spiel annulliert wurde, da in der Pause keine Zitronen zum Tee serviert wurden. Offenbar eine schwere Verfehlung in dieser Zeit.

Ein eigener Sportplatz    

Als Konsequenz aus dieser Entwicklung und weil auf der bis anhin als Matchstätte dienenden Kreuzbleiche nicht genug Platz war, suchte man nach einem eigenen Fussballplatz. Ein polysportives Stadion sollte im Tal der Demut durch die Stadt errichtet werden. Da die Verantwortlichen des FCSG den Aussichten des Projekts in der dafür nötigen Volksabstimmung wenig Chancen einräumten, verhandelten sie auf eigene Faust mit dem Grundstücksbesitzer und sicherten sich ein Vorkaufsrecht für 73‘000 Franken, um an gleicher Stelle eine eigene Spielstätte zu erstellen. Als die Volksabstimmung tatsächlich verloren ging, half aber auch dieser Plan B nichts. Die Feldschützen übertrafen das Angebot des FCSG – es wird gar eine Verdoppelung kolportiert – und erhielten somit den Zuschlag. Der FC St. Gallen erhielt lediglich 2‘000 Franken Entschädigung vom Grundstücksbesitzer Alther-Bischof, dem man aber offenbar trotzdem nicht böse gesinnt war. Im Gegenteil: Der Verein bedankte sich für die Möglichkeit, wenigstens temporär im Tal der Demut spielen zu können. Folglich mussten sich die Verantwortlichen aber auch auf die Suche nach einem neuen Platz begeben. Am 28. April 1910 übernahm der FCSG das Espenmoos, auf dem zu diesem Zeitpunkt noch nichts stand. Die nötigen finanziellen Mittel zum Stadionbau brachte man dank Spenden auf, die teilweise sogar von nach New York ausgewanderten Schweizern stammten. Am 10. Oktober des gleichen Jahres eröffnete der FCSG den Sportplatz mit einem 1:0-Sieg gegen den FC Brühl, der damals noch kein Sport-Club war.

Gesellschaftliche Bedeutung

Der FC St. Gallen engagierte sich nicht nur sportlich, sondern auch gesellschaftlich, wie sich den Archiven entnehmen lässt: «Die erste gesellschaftliche Veranstaltung von Bedeutung fand am 5. Januar 1884 im Museum statt anlässlich der Fahnenweihe. Als Gäste wurden jedoch nur solche angenommen, die im Stande waren, eine Dame mitzubringen. Letztere wurden aus der Vereinskasse bewirtet und scheinen einen recht guten Appetit mitgebracht zu haben.» Dazu finden sich in unzähligen Protokollen Beschreibungen des Clublokals und der Ortswechsel desselben. Die wohl grösste Bedeutung als Clublokal hatte das Löchlebad. Wo heute das Union-Gebäude steht, wurde früher getrunken, gejasst, Referenten gelauscht oder auf grossen Wandtafeln die Spielresultate aller Mannschaften betrachtet. Auch im Ausland schienen sich die Spieler nicht nur auf den Sport zu konzentrieren. Anlässlich einer Mailand-Reise an Ostern 1905 wird beispielsweise festgehalten: «Felix hatte sich derart angestrengt, dass der mitreisende Dr. Curti sich aus verschiedenen Gründen mitten in der Nacht in ein anderes Zimmer flüchten musste.» Gegen Ende der ersten vierzig Jahre des FCSG brach der erste Weltkrieg aus; dieser ging auch am FC St. Gallen nicht spurlos vorüber. Einerseits musste sich der Verein mehrmals dagegen wehren, dass das Espenmoos zum Anbau von Kartoffeln dienen sollte. Andererseits musste das Team im Jahr 1918 – dem nach Aussage der Vereinschronisten wegen einer Grippewelle schwersten aller Kriegsjahre – viele sportliche Rückschläge einstecken. Doch bereits damals schien den FC St. Gallen auszuzeichnen, was auch heute noch gilt: Selbst wenn die Zeiten schlecht sind, lässt sich niemand so schnell unterkriegen. Oder wie dies der ehemalige Präsident Emil Gretler ausdrückte: «Aber dann wieder frisch aufs neue ans Werk, vielleicht geht’s das nächste Jahr besser. Dieser stete Ansporn erhält ja uns Footballer immer frisch und lässt richtige Sportleute nicht erlahmen.»

Dieser Artikel basiert auf verschiedenen Dokumenten aus dem Archiv der Stadt St.Gallen sowie aus der Kantonsbibliothek Vadiana. Von grosser Hilfe beim Aufstöbern der richtigen Dokumente war Fredi Hächler. Als der FCSG vom Espenmoos ins neue Stadion umgezogen ist, ging das ganze Archiv an die Stadt. Fredi Hächler hat sich der Archivierung der Dokumente verschrieben und ist damit sicherlich einer der profundesten Kenner der Geschichte des FC St.Gallen. Vielen Dank!


Dieser Artikel erschien erstmals im SENF #02.  Zum Geburtstag des FC St.Gallen stellen wir sie online in voller Länge zur Verfügung. Aus dem selben Anlass gibts nur heute jede SENF-Ausgabe für nur 5.-


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Tierischer Fussball

Für die Verantwortlichen der meisten Fussballklubs dieser Welt ist es mittlerweile ein unumstösslicher Fakt: Ein Spieltag muss zum Event werden und Fussball alleine genügt dafür nicht. So auch in Russland. Wie der lesenswerte Blog «Who ate all the pies» berichtet, kamen die Zuschauer der Partie zwischen Mashuk-KMV und dem FC Angusht Nazran (dritthöchste Liga) in den Genuss einer besonderen Attraktion vor Spielbeginn. Ein Braunbär heizte ihnen ein und forderte sie zum Mitklatschen auf. Doch damit nicht genug: Der Schiedsrichter nahm den Matchball von ebendiesem Braunbären entgegen.

Doch auch die Fans bedienen sich tierischer Unterstützung, um ihren Standpunkt klar zu machen. So beispielsweise bei Luch-Energiya Vladivostok (zweithöchste Liga). Dort protestierte ein Fan gegen den seiner Ansicht nach ungenügenden Trainer, in dem er einen lebenden Hahn in den Stadioninnenraum beförderte. Ob der Hahn in der russischen Kultur eine besondere Rolle einnimmt und deshalb verwendet wurde, ist uns leider nicht klar.

Dass tierische Beteiligung bei Fussballspielen auch schiefgehen kann, zeigte sich vor einigen Jahren im alten Letzigrund. Vor dem Spiel zwischen dem FCZ und dem FCSG entwischte ein Muni, der als Maskottchen fungieren sollte. Er schaffte es bis auf die Tribüne, wo er schliesslich eingefangen werden konnte.


(Foto: Video-Screenshot)