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Das entscheidende Tor für den FC St.Gallen im Europacup erzielen. Davon träumt Matthias Hüppi als Junior des FC Rotmonten. Der Wechsel in den FCSG-Nachwuchs gelingt, dann holt ihn ein zweiter Bubentraum vom Rasen: Hüppi wird Sportreporter.

Am Anfang steht der Fussball. «Wir waren Stammgäste im Espenmoos. Ich bin so nahe hinter dem Tor gesessen, dass ich mit den Händen das Netz berühren konnte. Möglichst nahe dran. Die Goalies waren meine Helden.» Wird ein Match abgesagt, bricht für Matthias Hüppi eine Welt zusammen. Die Begeisterung für Sport – nicht nur für Fussball – bestimmt in jungen Jahren seinen Alltag. Selber tschuttet er bei Rotmonten, spielt bei St. Otmar Handball und im Lerchenfeld Eishockey. Zuhause führt er vor dem Radio bei jedem Skirennen Buch: Zwischenzeiten, Resultate, Weltcuplisten. Hüppi will alles wissen. «Die grösste Freude konnte man mir mit einem Abo der Zeitschrift Sport machen.» Nach der Kantonsschule schreibt sich Hüppi für den Jura-Studiengang ein. Noch vor dem Abschluss bewirbt er sich bei der Radiolegende Sepp Renggli – dieser war unter anderem Sportchef von Radio DRS und Leiter des DRS-Radiostudios Zürich. Als Reporter erlebte Renggli 16 Olympische Spiele und 45 Austragungen der Tour de Suisse mit. Hüppi hatte Renggli offenbar überzeugen können – denn zwei Wochen später macht er seine erste Reportage. Als das Fernsehen ein Jahr später offene Stellen hat, ergattert sich Hüppi eine zweijährige Stage. Der Bubentraum geht in Erfüllung.

Wenn Hüppi 30 Jahre später über seinen Arbeitsalltag spricht, funkeln seine Augen. «Es kribbelt noch immer.» Auch die Hektik vor der Sendung mag er. Von Ghostwriting und Telepromptern hält Hüppi jedoch nichts – «es muss echt sein. Alles, was ich in der Sendung sage, ist von mir.» Wer so im Rampenlicht steht wie Hüppi wird auf der Strasse oft angesprochen. Meist positiv, selten auch unter der Gürtellinie. «Gefragt nach Hintergründen, haben die meisten dann keine Munition im Köcher.» Konstruktive Kritik ist ihm wichtig: «Wir leben in einer Welt, in der es viel zu wenig Feedback gibt.» Wenn man jedoch Skirennen und Fussball im Portefeuille hat, dann exponiert man sich natürlich gewaltig, zum Beispiel vor über einer Million Zuschauer in der Deutschschweiz während dem Lauberhornrennen. «Es ist völlig klar: Wenn einer aus dem Berner Oberland runterfährt, 2.5 Sekunden verliert und ich das nicht so toll finde, dann finden die mich im Berner Oberland unter Umständen auch nicht mehr so toll. Doch schlussendlich entscheiden die Zuschauer über gut oder schlecht.» Und diese wollen interessante Gespräche und keine Moderatoren in der Hauptrolle. Reisserischer Boulevard ist Hüppi fremd – Suggestivfragen bezeichnet er als fertigen «Pfupf». Dem «Revolver-Journalismus» zieht Hüppi Berichterstattung mit Herz und Verstand vor.

Bauchweh machen Hüppi die kommerziellen Entwicklungen im Fussballzirkus: «Ein Fussballspieler kann nicht 100 Millionen Wert sein. Das geht einfach nicht.» Hüppi fühlt sich jedoch hin- und hergerissen. «Ich wünschte mir die alten schönen Fussballzeiten zurück, als die Spieler beinahe den Zuschauern ‚Hoi’ sagen gingen. Da bin ich Romantiker. Und gleichzeitig finde ich es traumhaft, in der Champions League Modrić und Ronaldo beim Zusammenspiel zuzuschauen.» Ein Widerspruch, der wohl den meisten Fussballfans bekannt sein dürfte.

Ähnlich hin- und hergerissen ist Hüppi, wenn es um Transferpolitik geht. Während es durchaus verständlich ist, dass jeder Fussballspieler in seiner Karriere vorwärts kommen möchte, findet Hüppi jedoch, dass er das nicht um jeden Preis tun sollte. Wenn sich einem Spieler eine vernünftige Chance bietet, dann soll er diese natürlich annehmen, «aber wenn ein Spieler nur des Geldes wegen den Verein wechselt, eventuell sogar auf Kosten eines Stammplatzes, dann finde ich das völlig falsch», meint Hüppi. Er nennt das Beispiel Charles Amoah: «Amoah war DIE Figur im St.Galler Meisterteam und dann verschwindet er von der Bildfläche aufgrund eines blödsinnigen Transfers.»

Ruhig sitzen kann Hüppi nicht. Eine Woche am Strand? «Kannst du vergessen!» Hüppi arbeitet viel, engagiert sich beim lokalen Fussballclub FC Mutschellen im Vorstand und treibt selber viel Sport – sei es Joggen im Wald, eine Ausfahrt auf dem Bike, Skifahren oder Langlauf im Winter. Zusätzlich spielt er Zuhause Bass-Gitarre. «Am liebsten lasse ich es zu schönen Rocksongs ‚tschäddere‘.» Emotionen sucht und findet er überall: im Studio, im Stadttheater St.Gallen oder bei Musik-Festivals. Wenn aber der FCSG spielt, hält er sich professionell. «Ich kann kein Fanatiker sein. Das wäre unklug.» Die Schwärmerei lässt er sich aber nicht nehmen: «Ich fand die Challenge League-Saisons ein Highlight. Und natürlich war der Meistertitel 2000 wahnsinnig. Diese Mannschaft hat den Schweizer Fussball belebt. Ich habe die Meisterfeier moderiert. Beim Fest in der Stadt mit 30’000 Leuten hätte ich auf dem Lastwagen Interviews machen sollen. Vergiss es!» Eine weitere Moderation der Meisterfeier? Hüppi wäre dabei. Trotz der routinierten Professionalität hört es sich wie ein Eingeständnis an: «Ich trage den Verein im Herzen.»


Dieser Beitrag erschien zuerst im SENF#04 «Sicher isch sicher» und wurde anlässlich der Ernennung von Matthias Hüppi zum neuen Präsidenten des FCSG am 12.12.2017 online gestellt. Der ganze SENF#04 «Sicher isch sicher» kann nach wie vor hier bestellt werden.

 


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Das Leben als Fussballfan ist nicht immer einfach. So manch einen hat seine Leidenschaft für den beliebten Ballsport schon in den Wahnsinn getrieben. Damit uns das auf der SENF-Redaktion nicht passiert, können wir auf die Hilfe des bekannten Fussball-Therapeuten Dr. O.W. zählen. In unregelmässigen Gastbeiträgen bietet er seine Hilfe an. Heute für die Marketing-Abteilung der Young Boys, wo man nicht mehr an Erfolge zu glauben scheint.

Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich am Donnerstag merkte, dass ich wegen der falschen Mannschaft ans Cupspiel der Young Boys gegen den FC St.Gallen angereist war.

Da stand ich nun im Fansektor der Grün-Weissen und musste überhaupt nicht – wie zuvor erwartet – akute Symptom-Bekämpfung von Morbus Sangallensis betreiben. Im Gegenteil: Es schien mir, dass die FCSG-Fans im Schneetreiben voll und ganz in ihrem Element waren und ihre Bewältigungsstrategien schon vor Spielbeginn soweit geschleift hatten, dass meine Anwesenheit eigentlich gar nicht gebraucht wurde.

Und dann sah ich das hier:

 

«YBELIEVE». Aus meiner professionellen Warte wurde mir sofort klar, dass dies Ausdruck einer, man folge Freuds Argumentationen, unterbewussten Angst der Gelb-Schwarzen war, welche auf das grössere Krankheitsbild Morbus Semper Secundus schliessen lässt.

Es scheint, dass die Angst der Berner, auch diese Saison die Ausgangslage wieder zu «veryoungboysen», so gross ist, dass sogar die Kommunikationsabteilung unterbewusst davon beeinflusst wird; und das gleich in der Saisonabokampagne. Denn wenn man den Slogan «YBELIEVE» ganz sprachaffin in Englisch liest, liest man statt /ʌɪ/ (lese ai) believe – ich glaube (daran) – nämlich /wʌɪ/ (lese wai) believe. Weil das so verblüffend ähnlich klingt wie /hwʌɪ/ (why) believe – wieso (daran) glauben – und damit die Glaubensfähigkeit der Berner stark in Frage stellt, deutet das dann doch auf eine latent vorhandene, jedoch verdrängte Angst des «Veryoungboysens» hin: für mich eindeutig, das spricht für eine belastende und akute Phase des Zweifelns am eigenen Erfolg.

Ich habe mich für einen kurzen Moment wegen meiner eigenen Fehleinschätzung der Situation fassen müssen, möchte nun aber sagen: Verzweifelt nicht, ihr Berner. Morbus Semper Secundus kann behandelt werden – genauso wie Morbus Krösus, Morbus Relegatio, Morbus Sangallensis oder andere fussball-induzierte Krankheiten. Kontaktiert mich bitte unter dr-o-w@senf.sg (das kann man sich einfach merken, reimt sich ja; dafür hat mein Marketing-Experte gutes Geld verlangt) und wir können einen Sitzungstermin abmachen. Ich glaube, nächstes Mal gehe ich in den Heimsektor in Bern, Platz genug hat es da ja noch.

Herzlich, Ihr Dr. O.W.


Zur Person

Dr. O.W. ist in Fachkreisen bekannt als der erfahrenste und erfolgreichste Therapeut von fussball-induzierten Krankheiten. Sein Kundenstamm umfasst Fans, Spieler, Trainer und Vereinspräsidenten aus der ganzen Schweiz. Dr. O.W. hat sich unter anderem dadurch ausgezeichnet, dem SENF-Ticker-Team in einer emotional schwierigen Phase beizustehen. Nicht einfach nur wöchentlich auf der Behandlungscouch, sondern live und vor Ort bei zahlreichen Versuchen des FC St.Gallen, auf die Erfolgsspur zurückzukehren