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Wer hierzulande an Fussballfans in Asien denkt, der landet meistens bei chinesischen Fans, welche die Spieler des FC Bayern München bei der Ankunft zu ihrer China-Tournee bejubeln. Dabei geht vielfach unter, wie kreativ und spannend asiatische Fanszenen sind. Um das bekannter zu machen, haben Daniel Polomski und Tobias Enkel Football Fans Asia gegründet. Sie dokumentieren Spiele, Fanszenen und einzelne Gruppierungen aus verschiedenen asiatischen Ländern und geben so Einblick in eine in Europa bisher wenig bekannte Welt der Vielseitigkeit.

Ähnlich entstanden wie die Fussballlichtspiele St.Gallen – aus einer Bieridee – gibt es Football Fans Asia seit 2016. Bobotoh, der erste Kurzfilm über die Fans eines indonesischen Clubs, läuft am kommenden Samstag am Festival. Wir haben Daniel Polomski getroffen und mit ihm über den Film, asiatische Fanszenen, Football Fans Asia und Sepak Bola – also Fussball – gesprochen.

SENF: Bobotoh hat die Fans von Persib Bandung zum Thema. Warum habt ihr genau diesen Club und diese Fans für euren ersten längeren Film ausgesucht?

Polomski: Wir waren vorher schon oft in Indonesien beim Fussball und über das Spiel Persib Bandung gegen Persija Jakarta wird medial am meisten berichtet, es ist omnipräsent. Es ist das Spiel, an dem seit Jahren die Auswärtsfans nicht zugelassen werden. Diese Verbote gibt es, weil leider auch Personen sterben. Die Mannschaften des gegnerischen Teams werden teilweise in gepanzerten Fahrzeugen aufs Spielfeld gefahren, weil sie sonst gefährdet wären. Persib Bandung gegen Persija Jakarta wird der «Indonesische Classico» genannt. Und dann kam ehrlich gesagt ein Zufall dazu. Als wir überlegten, dass wir ein solches Projekt machen möchten, war es einfach auch das nächste interessante Spiel in Südostasien, welches wir sehen konnten.

SENF: Verschiedene Elemente aus dem Film widerspiegeln Elemente europäischer Fanszenen sehr stark. Was sind Hauptorientierungspunkte der Fans oder Fanszenen, welche ihr begleitet habt?

Polomski: In Indonesien ist Italien das Vorbild. Ganz klar. Als begonnen wurde, Fussball in Indonesien zu zeigen, gab es nur die Bildrechte für die Serie A. So hat jeder Indonesier ausschliesslich die Serie A gesehen, wenn er Profifussball aus Europa schauen wollte. Da kommt dieser ganze Ultra-Gedanke her, die Indonesier haben das als Inspiration genommen. In Bandung, wo unser Erstlingsfilm herkommt, ist das ein bisschen anders. Es gibt nur eine kleine Gruppe, die in einer ganz anderen Ecke im Stadion steht und den komplett italienischen Stil fährt. Und oft nennen Fans auch türkische Vereine, meistens Galatasaray Istanbul, als Vorbild.

SENF: Wie äussert sich diese starke Orientierung an Italien?

Polomski: Sehr viele Fahnen, ein komplett geschlossener Support. Die Fans machen 90 Minuten ausschliesslich, was der Capo sagt. Nichts Anderes. Bei PSS Sleman, wo wir gerade waren, einem Zweitliga-Verein, geht das sogar so weit, dass sie vor dem Spiel nichts Scharfes essen und keine kalten Getränke zu sich nehmen sollen, weil das auf die Stimme geht. Das sind ungeschriebene Gesetze. Und 90 Minuten Dauersupport ist dann tatsächlich auch zu beobachten. Es ist nicht bloss ein Ideal, an das man heranzukommen versucht. Wenn man da ist, sieht man, dass das genau in der Form funktioniert. Für uns war das das Beeindruckendste: Sie ziehen wirklich 90 Minuten komplett an einem Strang.

SENF: Und was sind merkliche Unterschiede zu europäischen Szenen?

Polomski: In Sleman geht alles, was im Brigata Curva Sud Shop, dem Ultras-Shop, verkauft wird, zu 100 Prozent an den Verein. Wenn sie Choreographien machen, sammeln sie im Stadion unter sich noch einmal extra. Das ist einer der grössten Unterschiede zu Europa. Ein weiterer ist die Organisation der Fans. Viele Jobs, welche in Europa von Sicherheitskräften ausgeübt werden, von der Polizei oder privaten Sicherheitsdiensten, werden von den Fans übernommen. Wenn du hier oder in Deutschland mit Bussen auswärts fährst, wirst du von Polizisten eingerahmt und auf eine Raststätte gezogen, sobald die Polizei mitkriegt, dass die Fanszene von XY auf der Autobahn in diese Richtung fährt. In Indonesien ist das überhaupt nicht der Fall. Die Fans sind komplett sich selbst überlassen. Wenn sie durch gefährliche Gebiete von rivalisierenden Fanszenen fahren, wird vorher der komplette Konvoi angehalten, es wird mit Funkgeräten koordiniert, wie sie durch die Stadt fahren, und jedes Auto hat seinen korrekten Platz. Mit absolut minimaler Polizeipräsenz, auf externe Kräfte legt da niemand wert.

SENF: Gibt es länder- und szenespezifische Einflüsse, wo eine eigene Identität erkennbar wird bei den Szenen?

Polomski: Auf jeden Fall. In Indonesien geht Fanszene-technisch wohl am meisten. Obwohl sie viele Gesänge kopieren, haben sie trotzdem lokale Gesänge und Kulturgüter. Sie bringen Dangung – eine traditionelle zentral-javanische Musikform, Lieder und Rhythmen – genauso ein wie europäische Gesänge und bewahren ihre lokale Kultur. Und Indonesien ist ein riesiges Land, es gibt auch regionale Einflüsse. Die Vereine sind wahnsinnige Identitätsanker. Egal wo wir als Football Fans Asia hingefahren sind, wenn wir die Menschen gefragt haben, was der Verein für die Stadt bedeutet, was die Stadt für den Verein bedeutet: Das geht immer Hand in Hand. Das ist untrennbar verbunden und der Fussball ist wahrscheinlich jeweils der Hauptidentitätsmarker.

SENF: Wie müssen wir uns die Zusammensetzung einer Kurve in Indonesien vorstellen?

Polomski: Jünger. Wenn ich ein Wort wählen müsste, dann jünger. Es ist beeindruckend, wie viele junge, motivierte Menschen dort sind. In europäischen Stadien sieht man immer noch die Väter, die ihre Töchter und Söhne zum Fussball gebracht haben, in den Kurven stehen. Das hat man in Indonesien und Malaysia kaum. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass es noch eine relativ neue Subkultur ist und vielleicht die erste Generation, die diese entwickelt.

SENF: Mit Football Fans Asia dokumentiert ihr Teile dieser Subkulturen, ihr macht das ehrenamtlich. Was ist eure Grundidee und was sind eure nächsten Projekte?

Polomski: Wenn man in Südostasien unterwegs ist, haben die Menschen unglaublich Ahnung vom europäischen Fussball. Am meisten natürlich von der Premier League, weil sie damit auch viel Geld verdienen, Fussballwetten sind richtig gross. Dann von populären Vereinen, die oft gewinnen. Aber selbst wenn man vom HSV spricht, können die Menschen das zuordnen. Wenn man in Europa jemanden nach Persib Bandung fragen würde, würde keiner auf die Idee kommen, wo das in Java ist. Das hat uns sehr beeindruckt. Und deswegen wollten wir ein Projekt starten, das Fussball-Interessierten aus ganz Europa ermöglicht, sich über solche Dinge informieren zu können.

Aktuell planen wir einen etwas längeren Film über den Port FC aus Bangkok, um die 45 bis 60 Minuten. Wir haben viele Kontakte in Bezug auf die Verbindung vom Club zu den Slums, zum Beispiel ein 14-jähriger Rapper, der in den Slums gross geworden ist und Musik für den Club macht. Oder Personen, welche ähnliche Projekte wie „Humans of New York“ machen, ein Thailänder macht nach dieser Vorlage „Humans of Thai Port“. Es gibt ein unglaublich grosses Engagement für diesen Verein in der Szene und wir wollen eine solche Dokumentation jetzt in den nächsten Wochen in Angriff nehmen.


Wer nach diesem ersten kurzen Einblick in eine diverse und faszinierende Fussballwelt in Südostasien mehr erfahren möchte, dem sei der Kurzfilmblock an den Fussballlichtspielen St.Gallen, am Samstag, 2. September, empfohlen. Beginn ist um 15.00 Uhr, Bobotoh wird gezeigt und Daniel Polomski wird anwesend sein. Wer sich ausserdem weiter über die laufenden Projekte von Football Fans Asia informieren möchte, kann dies via Facebook, Youtube, Instagram, und Twitter tun.

Die dritten Fussballlichtspiele St.Gallen starten am kommenden Mittwoch, 30. August, und dauern bis Samstag, 2. September. Nebst dem erwähnten Kurzfilmblock bietet das Programm auch dieses Jahr mehrere Highlights: so zum Beispiel eine Weltpremiere mit der Dokumentation über unseren Meistertrainer, Marcel Koller, oder die Schweizpremiere von Pelé: Birth of a Legend (hier ist das volle Programm zu finden). T minus 2 Tage: Die Vorfreude steigt!


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Wäre Fussball Musik, wären die ersten Klänge des neuen FCSG-Albums noch etwas unsauber. Aber mit Potenzial. SENF analysiert den Saisonstart und die Musiker.

Jedes Fussballspiel hat einen gewissen Sound. Die spannenden Begegnungen sind laut. Latenter Olma-Geräuschpegel, Szenenapplaus, überraschter Aufschrei, nervöses Knistern in Strafraumnähe, lautes Zurückweichen der Sitzschalen bei plötzlichem Aufstehen, kollektives Schreien. Auch am Fernseher singt das Spiel ein Lied. Durch die Lautsprecher hallt das hoffnungsvolle Anfeuern bei vielversprechendem Ballgewinn, der Kommentator hebt die Stimme und beschleunigt die Wortkadenz, die Gespräche vor dem Bildschirm weichen dem ungeduldigen Fingernägelkauen.

Die rockigen Spiele – vorbei?

Viele Partien jedoch klingen mittlerweile ähnlich. Ähnlich leise. Die Mutation vom Fussballverein zum globalen Unternehmen hat vor allem im internationalen Kräftemessen einen äusserst vorhersehbaren Klangteppich erzeugt. Das Ergebnis: Mit einigen wenigen Ausnahmen – blaue Füchse und zweikampfbrünstige spanische Hauptstädter – geben die Immergleichen den Ton an. Aber es gibt sie noch, diese rockigen Spiele. Auch in St.Gallen. Als man Sitten am zweiten Spieltag überzeugend 2:0 bezwang, war es laut. Der Konter kurz vor Schluss zur Entscheidung hörte sich wunderbar an. Die Instrumente harmonierten. Barnetta sah den freien Raum, in welchen Aratore stiess, der wiederum Ajeti im Fünfmeterraum bediente.

Doch seit diesem Sieg über die Walliser sind die Spiele des FCSG nicht mehr laut. Besonders die Schlussphasen gegen Luzern und GC waren enttäuschend, wobei natürlich nicht der einmal mehr lächerlich leere und entsprechend stimmungslose Letzigrund gemeint ist, sondern die Abstinenz dieser überraschten Aufschreie. Es gab schlicht keinen Anlass dazu. Dafür waren die letzten Auftritte des St.Galler Ensembles zu uninspiriert, zu mutlos, zu leise.

Klar sind fünf gespielte Runden nur überschaubar aussagekräftig. Das fachmännische Auge versucht, Tendenzen zu erkennen, mindestens aber am Stammtisch bereits Erwähntes auf Papier zu bringen. Und wenn ein Spiel Musik macht, dann wäre eine Saison ein Album. Den Opener hätten wir uns entsprechend schon angehört. Klar, da warten noch viele andere Songs, doch lässt uns das Anfangsstück erahnen, wie der Rest aussehen könnte.

Ouvertüre: die Identifikationsfigur

Dem FC St.Gallen ist der Opener – trotz einiger Durchhänger – insgesamt nicht allzu schlecht geglückt. Kein glorioses Politik von Coldplays damaligem Meisterwerk A Rush of Blood to the Head, aber immerhin. Betrachten wir uns den Start etwas genauer.

Daniel Lopar im Tor ist eine Identifikationsfigur, und die sucht man vielerorts händeringend. Am Rheinknie stattete man einen verspielten Argentinier mit jenem Emblem aus, da es wohl auf dem Platz an Optionen mangelte. Die Identifikationsfigur Lopar ist gut auf der Linie, nach wie vor aber etwas unbeholfen mit dem Ball am Fuss. Umsichtige Verantwortliche dürften sich allmählich nach einem technisch versierteren Nachfolger umsehen. Die wahre Identifikationsfigur Lopar verabschieden wir dann dereinst im letzten Heimspiel der Saison gegen den FC Basel mittels Platzsturm. Dangge, Dani!

Mit Ersatzkeeper Stojanovic steht bereits ein durchaus fähiger Mann mit langfristigem Vertrag bereit. Ein Modell, wie man es in Luzern oder Bern praktiziert, scheint nicht allzu abwegig.

Verteidigung: Dissonanzen ums System

Lopars Defizite im Umgang mit dem Plastik werden mitunter durch eine der augenscheinlichsten spielerischen Änderungen seit dem Amtsantritt Giorgio Continis offenbart: dem Spielaufbau. Selbst bei hochstehenden gegnerischen Angriffs- und Mittelfeldreihen verlangt Contini, den weiten, oftmals ziellosen Ball zu unterlassen und stattdessen über die Verteidiger flach aufzubauen.

Der Match im Letzigrund förderte auch die Erkenntnis zutage, dass Alain Wiss für jenen spielerisch ambitionierten Aufbau wesentlich ist. Der Widersacher hat einzig den Passweg zum derzeitigen Sechser Peter Tschernegg zu blockieren, um die Spieleröffnung in den Aufgabenbereich der St.Galler Verteidigungsreihe zu befördern. Doch dort tun sich die meisten grün-weissen Defensivprotagonisten schwer, einen sinnvollen ersten Ball zu spielen. Ausser eben der unter Joe Zinnbauer kaum mehr berücksichtigte Wiss.

Will man die Defensive beurteilen, muss man immer auch die Frage nach dem System beantworten. Die Dreierkette wartet mit anderen Aufgaben auf als die Viererkette. Contini startete die Spielzeit mit Viererkette, wo der solide Neuzugang Philippe Koch rechts begann. Für die Dreierkette, auf die Contini mittlerweile umgestellt hat, ist Koch nicht prädestiniert, da es ihm an Offensivdrang fehlt. Über jenen verfügt der fleissige und ungleich flexiblere Andreas Wittwer, der in beiden Systemen Platz findet.

Karim Haggui mimt wie gewohnt den erfahrenen Leitwolf mit Stärken im Zweikampf hoch wie tief, mit Schwächen aber im Stellungsspiel und bezüglich Geschwindigkeit. Bei Silvan Hefti erhofft man sich den nächsten Schritt, wenn auch damit zu rechnen ist, dass der 19-Jährige bei Erfüllung dieser Hoffnung kaum zu halten ist. Der jüngste Neuzugang Yrondu Musavu-King ist erst einmal für Grün-Weiss aufgelaufen. Eine kräftige Erscheinung, dessen fehlende Spielpraxis beim 0 : 2 erbarmungslos aufgedeckt wurde. Mal sehen, ob sich der Gabuner steigern kann.

Gedämpfter Optimismus im Talentschuppen

Im Mittelfeld zählt Tschernegg zu den Gewinnern der Startwochen. Der Österreicher ist ein umsichtiger Ballverteiler, der glücklicherweise nicht unter der im Fussball weitverbreiteten Krankheit der Selbstüberschätzung leidet. Tschernegg macht das, was er kann: einfache Bälle spielen. Der unsägliche Berlin-Mitte-Pferdeschwanz ist sein einziges Zugeständnis an den Übermut. Ansonsten meist angenehm unaufgeregt, wenn er den Ball hat. Spannend zu beobachten dürfte sein, was Contini macht, wenn Captain Nzuzi Toko zurückkehrt. Toko ist ein anderer Spielertyp. Eher Abräumer als ruhiger Ballverteiler. Man kann dies auch als Chance begreifen.

Tscherneggs Mittelfeldgenosse Stjepan Kukuruzovic ist ebenfalls neu beim FC St.Gallen, zeigt sich aber unauffälliger. Obwohl der Neuzugang aus Vaduz immer beginnen durfte, ist er noch kein federführender Akteur im St.Galler Mittelfeld. Es scheint, als suche der 28-Jährige noch nach einer sinnvollen Balance zwischen defensiver Kontrolle und offensivem Kreieren.

Bei Yannis Tafer oder Danijel Aleksic bemühen wir uns nun schon länger, Optimismus walten zu lassen. Kein naives Vorhaben, sind die beiden doch überdurchschnittlich talentierte Fussballer.

Das bekannte Dogma, dass Talent alleine eben nicht alles sei, greift zu kurz und gehört zurück in den Sprüche-Baukasten von Trainern. Eine solche Aussage steht externen Beobachtern nicht zu, da sie zwischen den Zeilen fehlenden Fleiss unterstellt. Gleichwohl gehört es zu den Aufgaben eines hoch veranlagten Spielers, diese Fertigkeiten auch in Wettkampfmomenten abrufen zu können. Sowohl bei Tafer als auch bei Aleksic sind solche Augenblicke äusserst rar. Ob Contini den beiden zur ersehnten Konstanz verhelfen kann? Bei Aleksic zumindest sind Fortschritte sichtbar.

Fortissimo – manchmal – im Sturm

Bei Nassim Ben Khalifa scheint man ähnliche Symptome auszumachen. Zweifelsfrei ist der weitgereiste Romand ein Spieler, der Intelligenz, technische Raffinesse und einen guten Abschluss mitbringt. Dass er trotz U17-Weltmeistertitel und Bundesliga-Verträgen mit 25 beim FC St.Gallen spielt, spricht allerdings nicht für die erfolgreiche Umsetzung der genannten Attribute. Auch hier ist Contini gefordert. Ben Khalifa wirkte in seinen bisherigen Einsätzen teilweise etwas isoliert.
Roman Buess ist ebenfalls eine Alternative im Sturm. Er ist ein anderer Stürmertyp als Ben Khalifa. Nicht so kombinationssicher, dafür aber physisch robuster. Einer, der sich aufreiben kann im Zweikampf mit gegnerischen Verteidigern, um Räume zu schaffen. Dass man auf der Stürmerposition verschiedene Spielertypen hat, spricht auch für den ehemaligen Sportchef Christian Stübi, der den Kader nachvollziehbar verstärkt hat.

Anders als Tafer und Aleksic präsentieren sich da die nicht minder talentierten Marco Aratore und Albian Ajeti. Den beiden gelingt Bemerkenswertes: Selbst an schwachen Tagen gibt es diese einzelnen Augenblicke, in denen sie offensiv Vielversprechendes kreieren. Insbesondere Ajeti schafft es stets, sich in ein Spiel zu kämpfen. Notfalls lässt er sich fallen und sichert sich im Mittelfeld Berührungen mit dem Spielgerät, um initiierend auf das Spiel einwirken zu können. Es ist wohl die seltene Melange zwischen kraftvoller Kampfeslust und beachtlichen technischen Fähigkeiten, die den Stürmer so begehrt machen. Beide sind derzeit Fixstarter. Aratore stand sogar trotz vorhandener Alternativen auf den Flügelpositionen in sämtlichen fünf Partien in der Startelf. Wie im übrigen auch naturgemäss Lopar, Haggui, Tschernegg und Kukuruzovic.

Der zündende Refrain fehlt

Ein richtiges Gerüst, einen verlässlich guten Refrain, hat Contini bislang aber noch nicht gefunden. Im FC St. Gallen hatte man eines in der Meistersaison. Man hatte im Herbst 2007 eines, als man mit Philippe Montandon, Marcos Gelabert und Francisco Aguirre zwischenzeitlich vom Leaderthron grüsste. Und man hatte mit dem zurückgekehrten Montandon, Stéphane Nater und Oscar Scarione eines, als man furios kontinentales Berufsreisen erreichte.

Das mag daran liegen, dass mit Anführer Toko ein Baustein dieses Gerüsts noch einige Wochen fehlt. Das liegt mutmasslich aber auch daran, dass es Tranquillo Barnetta (noch) nicht schafft, unverzichtbar für diese Mannschaft zu sein.

Dies gründet womöglich darauf, dass Contini rotierte. Im Falle des GC-Spiels tat er dies auf vier Positionen. Für Wohlwollende erscheint dies sinnvoll, da eine englische Woche mit zwei Auswärtspartien an die Substanz geht. Andere werden anmerken, dass sich so kaum Automatismen erarbeiten lassen. Nur: Contini liess die Startelf einzig vor dem Luzern-Spiel unberührt. Und prompt verlor der FCSG nach seltsam lethargischer Vorstellung 0:2. Rotation muss also nicht schlecht sein.


Dieser Beitrag erschien am 24. August 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.


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Nicht nur das Heft ist neu, auch die Lokalität des Release-Anlasses war das. Die mittlerweile achte Ausgabe des SENF ist jetzt erhältlich.

Cover SENF 8

Seit Mitte Juli dient der modifizierte Bierhof als Treffpunkt für alle Grün-Weissen und war entsprechend auch Schauplatz der Hefttaufe. Die neuste Ausgabe des St.Galler Fussballmagazins befasst sich im Titelthema mit dem aufkommenden Thema eSports, beinhaltet aber auch die üblichen Rubriken.  Im Mittelpunkt des Release standen auch zwei FIFA-Championats. Eins gegen eins und zwei gegen zwei. Vor der feierlichen Heft-Präsentation ermittelte man mittels kompromisslosem «Win-or-Die»-Prinzip die Gegner für die St.Galler eSports-Profis Sandro Poschinger und Bruno Bardelas, die dem Anlass ebenso beiwohnten wie Pascal Signer, Verantwortlicher der grün-weissen eSports-Delegation. Unzählige musikalische FIFA-Klassiker begleiteten die Ausscheidungen. Im Zweier-Turnier setzte sich «Black n’ White» durch. Überraschender war der Sieger im Einzel. Aufgrund Abstinenz eines Spielers trat kurzentschlossen SENF-Kollektivmitglied R.S. an und marschierte prompt ins Endspiel. Die Zuschauer lauschten nach den Leistungen von R.S. den Gesprächen von Zeugen, welche die «Mischung aus heroischem Kampfeswillen und spielerischer Brillanz» fast schon poetisch umschrieben. Gegen 20 Uhr trafen auch diejenigen ein, die dem Praktizieren des virtuellen Ebenbildes der schönsten Nebensache der Welt nicht allzu viel abgewinnen können. Bevor sie aber den ersten Blick auf das neue Cover werfen konnten, standen die FCSG-eSports-Spieler Rede und Antwort im Interview und besiegten anschliessend vor den interessierten Augen des nun etwas üppiger gefüllten Bierhofs die Kontrahenten «Black n’ White» und R.S. In der Folge deckten sich die Gäste mit Heft und Bier ein, um über Inhalte oder die faszinierenden Fingerfertigkeiten der FIFA-Zocker zu parlieren.


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Das 3:3 des FC St.Gallen zum Saisonauftakt in Lausanne scheint zu bestätigen, was wir in Teil 1 unserer Saisonvorschau konstatiert hatten: Sportlich gibt es Grund zum Optimismus, im Umfeld sieht es freilich etwas anders aus.

Das Kader des FC St.Gallen Ausgabe 2017/18 lässt sich sehen. Im ersten Teil unserer Saisonvorschau kamen wir zum Schluss, dass die Fans durchaus positiv in die Saison gehen können. Das 3:3 in Lausanne hat zwar einzelne Schwächen aufgezeigt, aber eben auch eines unserer Fragezeichen – die Offensive – zumindest teilweise beseitigt. Auch wenn die erste Halbzeit der später abgebrochenen Partie in Lugano nicht berauschend war: Sportlich macht sich dieses Jahr kaum jemand wirklich Sorgen.

Die grossen Baustellen des FCSG scheinen heuer im Umfeld zu liegen. Seit dem überraschenden Rücktritt von Dolf Früh blieb kaum Zeit zum Durchatmen. Gefühlt verging kaum eine Woche ohne eine Nachricht zum Umfeld des Vereins. Doch eigentlich ist der Anfang der aktuellen Unruhen schon früher zu suchen, mindestens 2015: Im März jenes Jahres ersetzte Marco Otero Roger Zürcher als Nachwuchschef. Otero soll sich von Donato Blasucci beraten lassen. Dem Spielerberater wird, wie das «St.Galler Tagblatt» es ausdrückte, «grossen Einfluss auf Früh» attestiert. Kurze Zeit später trat auch Sportchef Heinz Peischl zurück. Sein Nachfolger wurde Christian Stübi.

Stübi in der Kritik

Stübi war nicht unbedingt der Wunschkandidat der meisten Fans. Viele hegten Zweifel, ob er der Aufgabe gewachsen ist. In seinen rund zwei Jahren als Sportchef schaffte er es, viele Zweifler zu überzeugen. Dabei halfen vor allem die Transfers von Tranquillo Barnetta, Albian Ajeti oder Nzuzi Toko.

Als im Mai dieses Jahres Zinnbauer doch endlich entlassen wurde, schien vorerst etwas Ruhe einzukehren. Mit Giorgio Contini wurde ein Nachfolger eingestellt, der in St.Gallen wegen des Meistertitels 2000 sowieso viel Kredit geniesst. Vor allem aber dürfte jedem St.Galler Fan in schmerzlicher Erinnerung sein, wie oft Contini als Vaduz-Trainer gegen den FCSG angetreten ist und nie verloren hat. Dass er auch Teil des Blasucci-Netzwerks sein soll, wusste man zwar auch zu dieser Zeit schon, es warf aber kaum Wellen.Am meisten Kritik musste er einstecken, weil er als Nachfolger von Jeff Saibene den deutschen Joe Zinnbauer präsentierte, dem er gleich einen Dreijahres-Vertrag anbot. Als Sportchef ist er offiziell zumindest mitverantwortlich, dass der FC zu lange am Deutschen festhielt. Es wurde jedoch schon früh gemunkelt, dass Zinnbauer auch bei Stübi nicht mehr viel Kredit genossen hat. Das «Tagblatt» schrieb sogar: «Doch völlig überraschend – und gegen den Willen Stübis – wird nicht der Deutsche, sondern Talentmanager und Co-Trainer Martin Stocklasa entlassen.»

Contini, Stübi und Otero auf einer Ebene

Das änderte sich kurze Zeit später. Wenige Tage nach der Bekanntgabe des neuen Trainers konnte Früh auch seinen eigenen Nachfolger präsentieren: Mit Stefan Hernandez wurde ein gänzlich Unbekannter Präsident der FC St.Gallen Event AG. Die weitreichenden Änderungen geschahen indes im Organigramm der FC St.Gallen AG – quasi als letzte Amtshandlung änderte Früh dort das System: Der bisherige «Future Camp Ostschweiz»-Geschäftsführer Ferruccio Vanin wurde zum CEO. Darunter stehen Contini, Stübi und Otero auf einer Ebene. Die Änderung kam faktisch einer Entmachtung des Sportchefs gleich, auch wenn dies von verschiedenen Beteiligten immer wieder abgestritten wird.

Das Organigramm der FC St.Gallen AG. (Bild: fcsg.ch)

Dieses System stösst rundherum auf Skepsis. Das «Tagblatt» schrieb von einem Pulverfass und zitierte den früheren YB- und heutigen Rapid Wien-Sportchef Fredy Bickel, der das neue Organigramm als «höchst untragbare Lösung» bezeichnet. Erschwerend kommt hinzu, dass Vanin und Otero seit gemeinsamen FCO-Zeiten ein verschworenes Team zu sein scheinen.

Wie gross der Einfluss von Berater Blasucci auf die beiden und auf Contini ist, ist von aussen schwierig abzuschätzen. Dass mit dem neuen Assistenztrainer Markus Hoffmann und Konditionstrainer Harry Körner zwei weitere, vermeintlich zum Blasucci-Netzwerk gehörende Exponenten den Weg nach St.Gallen finden, beruhigt zumindest nicht. Hernandez gab in einem «Tagblatt»-Interview an, die Sache im Griff zu haben. Er dulde keine solche Einflussnahme. In einem Artikel des «Tagesanzeigers» räumte er jedoch ein, von der Allianz rund um den Spielerberater zu wissen.

Für Stübi wurde die Situation offenbar untragbar. Er gab seinen Rücktritt bekannt. Die Unruhe verging auch in der Folge nicht. Nur wenige Wochen vor Saisonstart wurde der bisherige Physiochef Simon Roth abgesetzt – die Gründe blieben vage – und Verteidiger Roy Gelmi wechselte – mit unschönen Nebengeräuschen – nach Thun, obwohl er eigentlich gerne in St.Gallen geblieben wäre.

Wer will Sportchef werden?

Natürlich sind Netzwerke im Fussball nicht prinzipiell verwerflich. So funktioniert der Sport, vielfach sind Netzwerke sogar unabdingbarer Bestandteil. Wer zum richtigen Berater ein gutes Verhältnis pflegt, kommt eher zu einem guten Transfer. Dass sich die Verantwortlichen bei der Besetzung von wichtigen Posten in ihren Bereichen nach Vertrauten umsehen, ist ebenso wenig im Grundsatz verwerflich. Dass der Einfluss eines einzelnen «Kuchens» aber so gross wird, dass ein Sportchef nur noch den Ausweg des freiwilligen Rücktritts sieht, dürfte so eigentlich nicht geschehen.

Damit in St.Gallen wieder Ruhe einkehren kann, braucht der FC St.Gallen einen starken Sportchef, der nicht zum gleichen Dunstkreis gehört. Ob im bestehenden Organigramm überhaupt Platz dafür ist, scheint äusserst fraglich. Welcher Sportchef würde eine solche Position übernehmen wollen? Deshalb darf auch dieses Organigramm nicht sakrosankt sein.

Hier ist Hernandez gefragt: Wenn er von Allianzen Kenntnis hat, die ihm die Arbeit und dem FCSG die Zukunft erschweren, muss er einschreiten. Zur Not auch gegen den Willen Frühs, der diese Änderung des Organigramms zum Schluss seiner Amtszeit noch umgesetzt hat. Wieso es zu dieser Änderung kam, die sich nicht aufzudrängen schien, bleibt sowieso weiterhin unklar. Im angesprochenen «Tagesanzeiger»-Artikel wird von Unstimmigkeiten zwischen Früh und dem restlichen Verwaltungsrat zum Schluss seiner Amtszeit gesprochen.

Früh soll verkaufen

Vor diesem Hintergrund wäre es wünschenswert, wenn Früh den angekündigten Verkauf von Teilen seines Aktienpakets möglichst bald umsetzt. Damit würde er deutlich machen, dass er nicht im Hintergrund als graue Eminenz weiterwirken will. Mit seinen aktuell beinah 50 Prozent Anteilen an der FC St.Gallen Event AG dürfte sich dieses Gerücht sonst noch lange halten.

Die Gefahren eines Verkaufs sind schliesslich gering, auch dank Früh. Er und das restliche Aktionariat haben sich untereinander abgesichert, um einen Verkauf in unliebsame Hände möglichst zu verunmöglichen. Damit würde Früh auch den Prozess der Machtübergabe abschliessen. Wie wir schon zu seiner Rücktrittsankündigung geschrieben haben, wird es diese Übergabe sein, die im kollektiven Gedächtnis der FCSG-Fans den Ausschlag geben wird, wie Früh in Erinnerung bleibt.


Dieser Beitrag erschien am 2. August 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.