Share on FacebookTweet about this on Twitter

Die Auftritte der Mannschaft unter dem neuen Trainer Giorgio Contini lassen auf Grosses hoffen. Und die Statistik prophezeit auch nach der Niederlage in Lugano – oder gerade wegen dieser – seltene Höhenflüge. SENF zum Traumszenario unter dem neuen Mann an der Seitenlinie

Was war das für ein Fussballabend – 2:0 gegen den Angstgegner Vaduz. Nach elf Super-League-Spielen gegen die Liechtensteiner resultierte endlich der erste Sieg in der höchsten Liga. Das Wissen Giorgio Continis um seine ehemalige Mannschaft hat Früchte getragen. Contini kennt nicht nur Vaduz und dessen Spielweise bis ins Detail. Wie er von sich selbst behauptet, weiss er auch bei den weiteren Gegnern in der höchsten Schweizer Liga über Laufwege und kleinere oder grössere Einzelheiten im Spielaufbau Bescheid.

Das lässt auf Grosses hoffen und markiert zugleich einen Paradigmenwechsel in der Führungskultur an der Seitenlinie des FCSG. Während Joe Zinnbauer – und auch Jeff Saibene zuvor – stets betonten, sich auf die eigene Leistung konzentrieren zu wollen, möchte Contini dem Gegner einen Schritt voraus sein, indem er seine Mannen auf dessen Spielweise einstellt. Dies liess sich zum Teil bereits beim Auftaktsieg gegen Lausanne, spätestens aber im Spiel gegen Vaduz erkennen. Die Liechtensteiner starteten wohl besser und kamen sogleich zu einigen Chancen. Doch die St.Galler liessen sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen, standen tiefer als auch schon, spielten konzentriert und bauten das Spiel von hinten auf. Schliesslich siegten die Espen verdient mit 2:0.

Continis Einfluss zeigte sich erneut beim Auswärtsspiel in Lugano. Nachdem der FCSG im Luganeser Cornaredo zuletzt mit 3:2 gewinnen konnte, waren die Erwartungen seitens der Fans auch an dieses Spiel gross. In Reisebussen und Autos angereist, fanden sich rund 150 Anhänger im Cornaredo ein. Was die Fans schliesslich geboten bekamen, waren zwei Halbzeiten, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Die St.Galler starteten schlecht und kamen in der ersten Halbzeit kaum zu Chancen. Auch Lugano brauchte etwas Anlaufzeit, kam nach einer halben Stunde aber mit dem ersten Versuch zum ersten Treffer. Kurz darauf setzte es den zweiten Treffer ab – 0:2 zur Pause. Wie die Mannen des FCSG dann aber aus dem Pausentee kamen, war fast schon unheimlich. Contini hatte definitiv die richtigen Worte gefunden (möglicherweise im Stil von Carsten Rump bei Bielefeld?) – mit einem Doppelpack schafften es die St.Galler, die Partie wieder auszugleichen. Auch Lugano konnte aber reagieren und gewann schliesslich mit 3:2. Für den FCSG ein schlechter Lohn für eine durchaus ansprechende Leistung, vor allem in Halbzeit Zwei. Oder kommt der Lohn einfach erst in der nächsten Saison?

Die Historie sagt: Schweizermeister 2018

Trainerwechsel geben der Mannschaft neue Impulse und sind in vielen Fällen mit Siegen in den ersten Spielen verbunden. So auch beim FCSG. Ob die neuen Ideen mittel- und langfristig für erfolgreiche Spiele verantwortlich zeichnen, muss sich erst noch weisen, denn wie verschiedene Untersuchungen aus der Bundesliga zeigen, hat ein Trainerwechsel oft nur kurzfristigen Einfluss auf den Erfolg des Teams. So drücke sich ein Trainerwechsel vor allem in den ersten drei Spielen in einer Leistungssteigerung aus – danach fehle zumeist eine messbare Verbesserung.

Die Historie lässt aber auf anhaltende, grosse Erfolge des FCSG hoffen. Wie der Kurvenstatistiker Tomi Wunder auf seiner Facebook-Seite schreibt, lassen sich Parallelen in den Auftaktspielen Continis und jenen von Meistertrainer Marcel Koller finden. Auch wenn die Aussagen keine wirkliche statistische Relevanz haben, lassen sie doch schöne, spielerische Vergleiche zu. So war es vor Contini zuletzt Koller, der bei seinem Trainerauftakt einen Auswärtssieg verbuchen konnte (2:0 im Februar 1999 gegen den FC Zürich). Der neue Espen-Coach Contini erzielte damals das erste Tor des Spiels, bevor Jairo mit dem 2:0 den Sieg besiegelte.

Und auch im zweiten Spiel unter dem neuen Trainer war die Koller-Truppe erfolgreich. Gegen den Servette FC Genève gewann der FCSG am 6. März 1999 ebenfalls mit 2:0. Beide Tore erzielte – unsere Leserschaft wird es bereits ahnen –Contini. Ebendiesem gelang es 18 Jahre später als Trainer ebenfalls die ersten zwei Spiele zu gewinnen. Beide Trainer kassierten zudem in den ersten zwei Spielen kein einziges Gegentor. Und es wird noch besser: Auch zum dritten Spiel fragt Statistiker Wunder: «Zufall oder Schicksal?» Wie 1999, im dritten Spiel unter Koller gegen den FC Neuchâtel Xamax (Contini erzielte das 1:3), verlor auch die Contini-Truppe diese Woche im dritten Spiel auswärts gegen Lugano mit 2:3. Wo führt das noch hin? Zum Meistertitel 2018?

Schweres Schlussprogramm

Trotz aller Euphorie: Auch wenn Contini mit dem FCSG einen guten Start hatte, ist eigentlich noch nicht einmal der Ligaerhalt rechnerisch sicher. Vaduz hat bei drei verbleidenden Spielen acht Punkte Rückstand auf den FC St.Gallen. Die Liechtensteiner müssen noch gegen Lugano, Luzern und Thun ran, während St.Gallen auf GC, Sion und Basel trifft. Können die St.Galler aus den drei Spielen einen Punkt holen, ist der Ligaerhalt dank besserem Torverhältnis (Stand nach 33 Runden: FCSG 37:51, FC Vaduz 41:71) geschafft. Auch dürften die Vaduzer gegen die starken Luganesi und die Thuner Mühe haben. Mit dem Abstieg dürfte der FCSG deshalb nichts mehr zu tun haben. Theoretisch wäre es für die St.Galler gar noch möglich, die Qualifikation für die Europa League zu erreichen.

Darf man sich als FCSG-Fan also wieder nach oben orientieren? In dieser Saison wohl eher nicht, aber mittelfristig ja – zumindest wenn es nach dem neuen FCSG-Präsidenten Stefan Hernandez geht. Man wolle gegen die Kleinen gewinnen und die Grossen mit überragenden Leistungen ärgern, hiess es beim Amtsantritt des Ostschweizer Unternehmers. Das ist Musik in den Ohren eines FCSG-Fans.


Dieser Beitrag erschien am 20. Mai 2017 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv kommentiert dort in der Rubrik «Am Ball» das Geschehen auf und neben dem Platz.


Share on FacebookTweet about this on Twitter

Gegen Ende des Jahres 2005 zeichnete sich für den FC St.Gallen bereits eine weitere Übergangssaison ab. Gegen hinten genügend Abstand, gegen vorne kaum Chancen. Hutter & Mock waren im November 2005 aber sowieso mit der «Nati» beschäftigt, die in der zu zweifelhaftem Ruhm gekommenen Barrage gegen die Türkei den Einzug in den Europapokal schaffte. Ein bisschen St.Gallen gab es dennoch: Im Kader damals stand Tranquillo Barnetta.

Hutter stellte den Teller mit dem Tomaten-Mozzarella-Salat auf den Tisch. «Heute gilt nur rotweiss, Mock! Das fängt beim Essen an. Was hast du mitgebracht?» – Mock zauberte aus einer Tasche einen knallroten Apfel und legte ihn ohne Kommentar neben den Salat. Hutter versuchte, Mock in Stimmung zu bringen. Ein Wohnzimmer in der St.Galler Altstadt war nicht der ideale Ort, um sich das Spiel des Jahres anzusehen. Mock war sauer: «Jetzt sitzen im ‘Stade de Suisse’ all die kultivierten Menschen, die vor zehn Jahren bei einer Einladung zum Fussball noch die Nase gerümpft haben. Aber Fans wie du und ich, die das alte Wankdorf gefüllt haben, müssen heute draussen bleiben.»

Hutter füllte den Fressnapf mit einer Extra-Portion. Amoah und Rubio rasten daher. Während die zwei Katzen frassen, schnitzte Mock ein Schweizer Kreuz in den Apfel. Der slowakische Schiedsrichter pfiff die Partie an. Barnetta tanzte locker durch die türkische Verteidigung. Er widerlegte alle Vorurteile über St.Gallen: Tranquillo war kreativ, mutig, elegant. Ein Filou und Herzensbrecher, der Mitspieler und Fans ansteckte mit seiner Begeisterung. Barnetta vertrieb den kleinlichen Trotz auch aus Hutters Wohnzimmer und Mocks Augen begannen zu strahlen. «Ich nehme alles zurück, was ich je über Köbi und diese Mannschaft gesagt habe. Vogel mit seiner Ruhe und Übersicht ist Weltklasse. Senderos ein Leuchtturm in stürmischer See. Magnins Hingabe ein Geschenk. Da sind elf wahre Freunde auf dem Platz!»

Amoah und Rubio verfolgten aufmerksam jede Bewegung der beiden Fans vor dem Fernseher. Nach Senderos 1:0 schoss Mock aus dem Sofa in die Höhe und kippte den Mozzarella-Salat vom Tisch auf den Teppich. Amoah und Rubio stürzten sich darauf. Hutter lachte: «Verwüste diese Wohnung, Mock, mach was du willst, solange es uns an die WM bringt.» In der Pause rieb Mock mit einem Lappen auf dem Teppich herum und hörte dem von der «Nati» tief beeindruckten deutschen Fussballlehrer Daum zu. Hutter kehrte mit einer Ersatzverpflegung aus der Kälte zurück. «Kulinarisch haben wir die Barrage leider schon verloren.» Hutter drückte Mock einen Dürüm in die Hand. «Schneller gibt’s nichts.»

Nach der Pause deuteten die Türken an, warum sie die Deutschen kürzlich an die Wand gespielt hatten. Mock rutschte nervös auf dem Sofa herum und massierte Amoahs Rücken. Hutter tigerte durch die Wohnung und krümmte sich bei jedem verunglückten Konter der Schweizer. «Hat das denn nie ein Ende? Gut gespielt und doch nicht gewonnen, ein Leben lang. Warum?» – Mock zischte: «Schluss mit dem Gejammer. Wir kommen durch, dank Köbi. Der Mann hat einen siebten Sinn.» Endlich kam der Moment des Triumphs. Der einfache Mann aus Zürich-Wiedikon stopfte allen Besserwissern das Maul – mit einer einzigen Auswechslung: Kuhn brachte Behrami!

Drei Minuten später versenkte der Kosovo-Schweizer den Ball hinter Goalie Volkan zum 2:0 im Tor. Mock und Hutter sprangen auf und Mock stiess die Flasche mit dem Apfelsaft um. Rubio und Amoah sausten zum Fleck auf dem Teppich. Abpfiff. Mock holte einen Lappen in der Küche und wischte den Apfelsaft auf. Hutter trat hinaus auf den Balkon. Am Himmel leuchtete der Mond. Am Bohl hupten die Autos. Durch die Marktgasse rannten einige mit einer Schweizer Fahne. Es war fast wie im Mai 2000.


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Die aktuelle Episode «Wie im Mai» erschien anlässlich des Heimspiels in der 15. Runde der Saison 2005/06 gegen GC.

Hutter & Mock