Share on FacebookTweet about this on Twitter

Am Ende der Saison 2004/05 war der FC St.Gallen vier Punkte vom Barrageplatz entfernt. Deshalb hatte er mit diesem Entscheidungsspiel nichts zu tun. Hutter und Mock wollten es sich trotzdem ansehen, auch wenn sich Schaffhausen und Vaduz um den letzten verbliebenen Platz in der Super League duellierten.

Rheinpark

Hutter wollte die verzweifelte Kassierin umarmen und trösten. Eine Glasscheibe hinderte ihn daran. Die Frau sass vor einer halbvollen Kasse, zeigte auf den leeren Tisch daneben, schüttelte den Kopf und versuchte erfolglos mit dem Funkgerät irgend jemanden ausserhalb der Kabine zu erreichen. Sie war kurz vor einem Nervenzusammenbruch und wiederholte in einem fort den gleichen Satz: «I ha koo Billet mee, usverkooft.» Hutter hatte volles Verständnis für die Kassierin in ihrer unangenehmen Situation und begegnete ihr deshalb mit Respekt.

Mock zuckte mit den Schultern. Er hatte schon vor weit grösseren Stadien auf ein Wunder gehofft – so wie im Werbespot: Fan rennt jubelnd aus dem Stadion Richtung Geburtsklinik, stoppt, dreht sich um und wirft dem verdatterten Mock seine Sitzplatzkarte zu! Es war der Blick in den Vaduzer Stehplatzsektor, der die beiden Herren aus der Ostschweiz in Rage brachte. Dort war fast niemand: ein paar ältere Einheimische, die früher noch auf dem Rheindamm gehockt waren und sich das jämmerliche Zweitliga-Gekicke bei Regen sogar direkt vom Auto aus angesehen hatten, damals in den schäbigen Zeiten des FC Vaduz. Hutter und Mock hatten ein Synchron-Stimmungstief. Innert Sekunden wurden sie zu Schaffhausern. Hutter staunte und Mock sprach: «Hier läuft jeder rum, als hätte er eine ausserordentlich wichtige Mission zu erfüllen. Aber vor lauter Bedeutung denkt niemand daran, ein paar Papierzettel bei der armen Frau im Kassahäuschen zu deponieren. Wie hat es dieser Verein bloss so weit gebracht?»

Goran Obradovic wirbelte mit seinen unverwechselbaren Rushes das Schaffhauser Mittelfeld durcheinander, auch die Ex-St.Galler im gelben Trikot wurden vom stämmigen Vaduzer Gohouri der Reihe nach durch die Luft geschleudert und Hutter hockte auf einem Baum und schaute dem Spektakel zu. Ja, er sass auf einem Akazienast und sah sich gratis das entscheidende Barrage-Spiel an. «Usa mit Schaffhuusa!», sang die Vaduzer Dorfjugend auf der Haupttribüne, und Hutter merkte, dass sein Bein eingeschlafen war. Er kletterte hinab. Mock plauderte immer noch mit der unglücklichen Kassierin. «Die Frau ist völlig fertig. Ich baue sie psychologisch auf.» Hutter fragte sich, was sie hier eigentlich machten. Dann glückte Daniel Senn ein wunderschöner Hocheck-Schuss zum 0:1 für Schaffhausen und auf der Haupttribüne wurde es ruhig. Noch blieb eine Viertelstunde und Hutter merkte, dass er doch auf den Vaduzer Ausgleich hoffte. Er wollte die Saison auskosten bis zur letzten Sekunde, bis zur 120. Minute der Verlängerung und einem anschliessenden Penaltyschiessen. Die Kassierin schloss ihre Kabine und führte Hutter und Mock als ihre persönlichen Gäste an der Eingangskontrolle vorbei und wünschte ihnen alles Gute. Sie sahen sich zusammen die letzten zehn Minuten der Saison 2004/05 direkt hinter dem Schaffhauser Goalie an und rauften sich die Haare, weil der Vaduzer Mittelstürmer den Ball aus fünf Metern unbedrängt am Tor vorbeischoss. Es war das Schlussbild der Saison und Mock lieferte die Bildlegende dazu: «Hutter, es kann nur aufwärts gehen! Ich wünsche dir schöne Ferien.»


Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog. Zu den Magazinen gehts hier lang, zu der Rubrik auf dem Blog hier lang.

Die aktuelle Episode «Usa, usa!» erschien anlässlich des ersten Heimspiels der Saison 2005/06 gegen den FC Zürich.


Bild: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=473379