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Italien gegen Spanien: Der Achtelfinal hatte es in sich, auch was das Publikum betrifft. Doch beim Public Viewing am Treffpunkt Herisau blieben die Fans friedlich. Hier der Bericht, Teil 3 von #Senfgoespublic.

herisau1In Herisau trifft man sich zum gemeinsamen Fussballschauen passenderweise gleich im Treffpunkt. Das Restaurant vis-à-vis des ausserrhodischen Regierungsgebäudes hat für die EM eine Leinwand im Freien aufgebaut. Beim frühabendlichen Spiel Italien gegen Spanien am Montag spielt auch das Wetter mit. Gut so, weil nur etwa die Hälfte der rund 80 Besucherinnern und Besucher im überdachten Teil der Gartenwirtschaft Platz finden. Bei unserer Ankunft etwa 45 Minuten vor Spielbeginn scheint die Sonne gar noch so hell, dass wir uns Sorgen machen um die Bildqualität. In Herisau sorgt nämlich nur ein ziemlich gewöhnlich aussehender Beamer für die Übertragung der EM-Partien. Pünktlich zu Spielbeginn ist die Sonne aber schon genügend tief, dass das Bild den hohen Ansprüchen der beiden anwesenden Kollektivmitglieder des SENF knapp genügt.

Unter den anderen Besucherinnen und Besuchern sind die Sympathien ziemlich klar verteilt: Den zahlreichen Italien-Fans stehen beziehungsweise sitzen nur ein paar Spanierinnen und Spanier gegenüber. Ohne Fantrennung. Man kennt und versteht sich in Herisau. Die spanische Unterzahl kann eine einzelne Besucherin ganz gut kompensieren, indem sie mehrfach lautstark «Venga España» zur Leinwand schreit. Könnte ja was bewirken, wie der Postillon unlängst «bewies».

Heute bleiben aber alle Motivationsversuche, die Spanien zum Sieg führen sollten, ergebnislos. Als Italien das 1:0 schiesst, jubelt die Menge. Als sie kurz vor Schluss das Spiel mit dem zweiten Treffer entscheiden, fliegen gar Mützen durch die Gegend. Die Szenerie erinnert an die guten alten Zeiten, als die Herren noch mit Anzug und Mütze im Stadion standen. Den Spaniern bleibt nur, sich mit der Menükarte des Treffpunkts zu trösten. Das anwesende Senf-Team konnte mangels Hunger die extra für die EM gestaltete Essenskarte nicht testen, aber die an uns vorbeigetragenen Speisen sahen sehr lecker aus. Und wer sich flüssig ernähren will: Die Stange Appenzeller-Bier gibts für faire 4.40 Franken. Wer sich ausserkantonal mit einem Bier an die nahe Heimat erinnern will: Klosterbräu ist auch zu haben.

Als wir kurz vor Schluss wegen der angesprochenen Flüssignahrung die Toilette aufsuchen, entdecken wir – leider zu spät – das eigentliche Bijou dieses Public Viewings: In den Innenräumen des Treffpunkts empfängt uns englische Atmosphäre. Das Licht ist gedämpft, aber nicht düster, Burgerduft hängt in der Luft und in einer Ecke wird sogar Englisch gesprochen. Natürlich wird auch hier die EM gezeigt. Fehlt nur noch der ranzige Teppich, dann könnte man sich in Herisau über ein Pub freuen.

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Kurzbewertung:

Lage: 2 von 5 Croissants – ja, klar, eine eigene Bushaltestelle hat der Treffpunkt eigentlich auch. Aber die steht halt in Herisau. Und Herisau selber liegt eigentlich nicht dort, wo der Bahnhof liegt, der mit Herisau angeschrieben ist.

Stimmung: 4 von 5 Croissants – hier sind wir etwas pingelig. Zwar war es durchaus angenehm während dem Spiel und auch ziemlich laut nach den beiden Toren, aber bei Italien gegen Spanien sind die Voraussetzungen für eine gute Stimmung halt schlicht besser als bei England gegen Russland.

Verpflegung: 5 von 5 Croissants – in Herisau hat man sich Mühe gegeben und gleich eine eigene Karte für die EM kreiert. Wir wissen zwar nicht, was davon auch sonst zu haben ist, aber Burger (sowieso) und Flammkuchen (weil Frankreich), das passt.

Kosten: 5 von 5 Croissants – kein Eintritt, Bier für 4.40. Und auch beim Appenzeller Bier gibts bei jeder Stange die Chance, eine weitere zu gewinnen. Unser Portemonnaie freuts, die Leber weniger.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden. Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu, im zweiten Stephan Lichtsteiner. An diesem Montag muss sich der Schiedsrichter selber aus dem Spiel nehmen. Teilweise pfiff Cüneyt Cakir überaus kleinlich, manchmal sah er glasklare Fouls nicht. Eine Linie war nicht erkennbar. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 28. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.


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Während die Fussballwelt nach Frankreich schaut und gebannt die EM verfolgt, verbringt ein Mitglied des SENF-Kollektivs den Sommer in der Rekrutenschule. Auch dort kommt man nicht an der EM vorbei.

Esssaal_lang

Um die grösste Einschränkung gleich zu Beginn zu nennen: Während dem Militärdienst ist es abgesehen vom Ausgang nicht erlaubt, Alkohol zu trinken – schon gar nicht in rauen Mengen, wie es bei manchen während der EM durchaus vorkommen kann.

Auch die ansonsten pünktlich zum Eröffnungsspiel auftretende Vorfreude blieb dieses Jahr weitestgehend aus. Schliesslich gestaltet sich das bei einem komplett durchgeplanten Tagesablauf und einer chronisch unterbeschäftigten Leber ziemlich schwierig.

Euphorie im Esssaal
Dennoch kam in unserer Kompanie nach den ersten Spielen trotz der langen Tage und kurzen Nächte – einem schleichenden Aufbauprozess infolge einer Verletzung vergleichbar – ein wenig Euphorie auf. Die Gespräche an den Esstischen begannen sich immer mehr zu ähneln: «Hey Jungs, wiä wiit denkeder, dass XY chunnt?» oder «Läck, isch da ä langwiligs Spil gsi gescht».

Da dank dem neuen Modus fast ganz Europa an die EM fahren konnte und in unserer Kompanie Rekruten aus ähnlich vielen Nationen den «Dienst am Vaterland» erfüllen, entwickeln sich logischerweise rege Diskussionen über die anstehendenden und gespielten Partien. Verfolgt werden die Spiele meist im Esssaal vor dem Beamer oder gemeinsam im Kiosk, der glücklicherweise mit einem Fernseher ausgerüstet ist.

«Golden Ticket» Wachdienst
Die mehr als einwöchige Einteilung für den Wachtdienst zu Beginn der EM war zunächst ein kleiner Schock – im Nachhinein stellte sich diese Einteilung, wie wir es im Militär so schön nennen, jedoch als «Golden Ticket» heraus. Der ansonsten aufgrund des stundenlangen Herumsitzens ungeliebte Wachdienst erwies sich dank den zahlreichen Pausen zwischen den einzelnen Schichten als Glücksfall.

Zusammen mit den anderen dienstfreien Kameraden – bewaffnet mit Eistee als Bier-Ersatz samt den obligaten Bauchschmerzen nach dessen übermässigem Genuss – verfolgte man die Partien dank Laptop und Beamer jeweils gemeinsam. Es kam öfters vor, dass auch mal ein Offizier vorbeikam und sich stillschweigend dazusetzte, bis ihm ein Geschehnis auf dem Platz sauer aufstiess und er sich genauso über den Schiedsrichter aufregte, wie die anderen anwesenden Soldaten.

Besonders bei den Spielen der Schweizer Nationalmannschaft kochte die Stimmung teilweise über, sodass es vereinzelt vorkam, dass ein Stuhl durch die Lüfte flog oder ein Becher mit voller Wucht auf den Boden geschleudert wurde. Man kann spüren, dass König Fussball im ansonsten disziplinbetonten Militär-Alltag die Emotionen zum Vorschein bringt und man gradunabhängig hitzige Diskussionen führt, die man als umsichtiger Soldat eigentlich besser bleiben liesse.

Paranoide Blicke
Als einziger Wehmutstropfen des ansonsten fussballfreundlichen 24-Stunden-Betriebs auf der Wache lässt sich anführen, dass man teilweise auch während den Spielen tatsächlich Wache schiebt und man als geneigter Fussballfan höllisch aufpassen muss, sich nicht beim heimlichen Schauen der Partie auf dem Handy erwischen zu lassen.

Die Blicke wechseln dabei jeweils schon fast paranoid von der Türklinke am Eingang auf den Handybildschirm und zurück. Dennoch wurde es mit der Zeit zu einem Ritual, dass man sich kurz vor 15 Uhr, 18 Uhr und 21 Uhr für das anstehende Spiel einrichtete und seine Prognose den Kameraden mitteilte.

«Leider» geht auch die Zeit auf der Wache irgendwann zu Ende und man muss wieder den ganzen Tag zurück aufs Feld, um an irgendwelchen Übungen teilzunehmen, deren Sinn wohl niemand je ganz verstehen wird. Auch das Verfolgen der einzelnen Partien gestaltet sich auf dem Feld logischerweise schwieriger. Dabei könnte man stets hochgepriesene militärische Kameradschaft doch geradesogut bei Fussball und Bier (oder in unserem Fall: Eistee) pflegen…


Dieser Beitrag erschien am 24. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Aber auch während der EM haben wir was zu sagen.


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Man kann von der EM halten, was man will – sicher ist: Sie bringt Menschen vor Bildschirmen zusammen. Und schafft damit vorübergehend neue öffentliche Räume. Das Senf-Kollektiv testet im Verlauf der EM ein paar Public Viewing-Orte. Teil 2: Palace St.Gallen.

palace

Seit Jahren ist das Palace ein sicherer Wert während grossen Turnieren. Zum einen ist man vor den Kapriolen des Wetters geschützt: Wenns draussen zu heiss ist, ists im ehemaligen Kino angenehm kühl. Wenns regnet – wie dieses Jahr eigentlich ständig – ists drinnen trocken. Zum anderen sind die Besucher meist sehr angenehm. Keine grölenden Massen, keine aufgeheizte Stimmung, viele fachkundige Gespräche.

Wer ob der negativen Schlagzeilen aus Frankreich Angst vor herumfliegenden Stühlen hat, den können wir auch beruhigen: Die Kino-Sessel sind fest im Boden verankert und sowieso zu schwer. Seine volle Qualität kann das Palace allerdings vor allem dann ausspielen, wenn nicht die Schweizer Nationalmannschaft spielt und der Saal nicht so überfüllt ist.

Zugegeben, die lauten «Oohs» und «Aahs», wenn mal wieder ein Schweizer seine bisher nicht bekannten St.Galler Wurzeln zeigt und eine Grosschance versemmelt, die haben schon was für sich. Gemeinsam leiden ist ja doch irgendwie angenehmer. Und auch der Torjubel, wie beim 1:1-Ausgleichstreffer durch Mehmedi gegen Rumänien, ist in der Masse irgendwie intensiver. Glück soll ja das einzige sein, was grösser wird, wenn man es teilt. So viel Fussballromantik muss sein.

Aber eben, wenn sich das Palace nach einem Schweizer Spiel leert und für das anschliessende Spiel Frankreich gegen Albanien nur noch jeder zweite Kinosessel besetzt ist, dann fühlt es sich wie ein überdimensioniertes Wohnzimmer an. Vorne wird «töggelet», in den Sesseln wird gefachsimpelt und das Sofa wird kurzerhand so vor die Leinwand verschoben, wie man es zuhause auch vor den Fernseher stellen würde.

Wäre das für die eigene Gesundheit nicht schädlich, man könnte in der Tat einziehen. Aber eben, bei Bratwurst als Grundnahrungsmittel und grossem Bier für faire sechseinhalb Stutz dürfte man das schon nach zwei von vier Wochen EM bereuen. Wobei, wenn man dort wohnt, muss man sich ja auch nicht mehr so fest bewegen.

Wenns beim Public Viewing an diesem Mittwochabend etwas zu bemängeln gab, dann eigentlich nur, dass die Jungs vom Adrenalin-Team lediglich das Spiel der Schweiz gegen Rumänien live kommentierten. Zumal man sie wegen der vielen Leute eben auch nicht so gut verstand. Bei Frankreich-Albanien waren zwar weniger Leute anwesend, diese wären dafür aber sicher umso aufmerksamer gewesen.

Und nebenbei: Eine Loge im Obergeschoss gibts hier natürlich auch. Wer aber dort Platz nehmen will, muss bei Spielen der Schweiz früh kommen. Das frühe Kommen lohnt sich übrigens sowieso: Sobald das Palace nämlich voll ist, wird auch trotz eines fehlenden Eintrittspreises «ausverkauft» vermeldet.

Kurzbewertung:

Lage: 4 von 5 Croissants – das erste getestete Public Viewing hatte mit einer eigenen Bushaltestelle einen vermutlich nicht zu überbietenden Vorteil. Deshalb müssen wir hier pingelig sein. Der Bahnhof ist leider ein paar Meter zu weit weg, um als Palace-eigen zu gelten.

Stimmung: 4 von 5 Croissants – beim Schweiz-Spiel sicher angenehmer als anderswo und meist herrscht perfekte Wohnzimmeratmosphäre. Abzug gibts nur, weil wir mehr Adrenalin hören wollen.

Verpflegung: 3 von 5 Croissants – Das Essensangebot ist zwar nicht sonderlich innovativ, dafür verfügt das Palace über eine komplett eingerichtete Bar – ein neuer Sitzungsort fürs SENF-Kollektiv?

Kosten: 5 von 5 Croissants – Gratis Eintritt und grosses Bier für 6.50. Zudem gibts bei jedem Bier die Chance, eine Stange zu gewinnen.

#Platzverweis:

Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden.

Im ersten Test kam Roman Neustädter hinzu. An diesem Abend müssen wir Lichtsteiner tadeln. So ein unnötiges Foul, das zu einem Penalty führt, dürfte dem erfahrenen Verteidiger nicht passieren. Wegen ihm musste die Schweiz einem Rückstand nachrennen. Ohne dieses unnötige Foul wäre das nicht passiert. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 17. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.


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Russen, Franzosen und Engländer prügeln sich in Marseille, in Nizza stossen einheimische Fans mit Nordiren zusammen und vor dem Spiel Deutschland gegen die Ukraine kommt es in Lille ebenfalls zu unschönen Szenen. Die Europameisterschaft in Frankreich ist noch keine Woche alt, und schon gibt es die ersten Skandale.

«Chlöpfts oder chlöpfts nöd. Und wenn ja, warum?» Vor wenigen Tagen haben wir auf unserem Blog einen Gastbeitrag von Alain Brechbühl zu diesem Thema veröffentlicht. Der Berner Sportwissenschaftler hat in einer für die Schweiz einmaligen Studie untersucht, warum kritische Situationen rund um Spiele der Super League eskalieren und warum nicht.

Brechbühl und die Uni Bern beliessen es aber nicht bei der Publikation der Ergebnisse. Zu Beginn des Monats luden sie zu einem Symposium über die «Dynamik der Gewalt bei Sportveranstaltungen» nach Bern. Rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten der Einladung, darunter Vertreter des SFV, des Fedpol und verschiedener Polizeikorps sowie Fanarbeiter und Fanverantwortliche verschiedener Clubs.

Wie reagiert die Polizei?
Neben einer Präsentation von Brechbühl, bei der er seine Resultate zeigte, konnten die Teilnehmer auch einem Referat von Clifford Stott beiwohnen. Stott ist Professor der Sozialpsychologie an der University of Keele in England und einer der profiliertesten Kenner von Massendynamiken bei Fussballspielen. Entsprechend war eine seiner Kernaussagen, dass es gar nicht so sehr darum gehe, wie und warum Hooligans zu Spielen reisten. Vielmehr gehe es um die Dynamiken, die in einer Masse entstehen können. Und darauf aufbauend: Wie reagiert die Polizei?

Nach vielen Jahren der Forschung kam er auf einen relativ einfachen Befund: «Low risk, low profile. High risk, high targeted profile.» Solange das Risiko klein ist, sollten sich Polizisten in Ordnungsdienstausrüstung im Hintergrund halten. Wenn das Risiko steigt und eine Intervention unerlässlich ist, sollte diese gezielt vonstatten gehen.

Brechbühl kam, zusammen mit seiner Forschungspartnerin Annemarie Schumacher, zu ähnlichen Resultaten. Die beiden Wissenschaftler haben ihre Erkenntnisse in ein Modell verpackt, das sich, vereinfacht, auf Risikofaktoren vor dem Entstehen einer kritischen Situation und auf Warnzeichen während einer solchen reduzieren lässt.

Zu den Risikofaktoren gehören Vorzeichen (beispielsweise eine bestehende Rivalität zweier Teams) und ein Auslöser (beispielsweise eine Verhaftung). Zu den Warnzeichen gehören die Reaktionen der beteiligten Parteien (beispielsweise Vermummung) und die sich daraus ergebenden Konsequenzen (beispielsweise Kontaktaufnahme). Interventionen seien vor allem dann problematisch, sagen sie, wenn sie von der anderen Partei als illegitim bewertet würden. Wichtig sei deshalb vor allem eine informative Kommunikation, die eine Erhöhung der Legitimität ermögliche.

Etliche Risikofaktoren
Wenn wir nun exemplarisch das Spiel England gegen Russland in Marseille herausgreifen, muss man nicht lange suchen, bis man Risikofaktoren findet – es gäbe für unzählige weitere Paarungen ähnliches zu berichten: Die Türken sollen bei vielen Franzosen in Ungnade gefallen sein, die Deutschen mag man sowieso nicht, die Polen seien von den Russen angestachelt und so weiter.

Was aber an dieser EM dazu kommt, ist die französische Polizei. Im britischen Telegraph wird mit Geoff Pearson eine Koryphäe auf dem Gebiet zitiert, der die französischen Polizeitaktiken als «outdated», also überholt, bezeichnet: «Pearson hat in der Vergangenheit die Französische Polizei höchst kritisch betrachtet und argumentiert, dass diese im Gegensatz zu anderen Europäischen Polizeikräften nicht überholte Massen-Kontroll-Methoden hinter sich gelassen hat, welche die Situation oft verschlimmern.»

Er bestätigt auch, was Stott, Brechbühl und Schumacher wissenschaftlich herausgearbeitet hatten: «‹Einige Engländer schmissen Flaschen zurück und die Polizei bewegte sich zurück ins Blickfeld›, sagte Pearson. ‹Im Kontext, was geschehen war in dieser Woche, wurde ein Polizist mit einem Schild zu einem Ziel. Bis zur ersten Intervention wäre das nicht der Fall gewesen. Die Beweislage zeigt, dass die Menge keine Flaschen wirft, wenn die Polizei keine Helme und Schilder trägt. Die Polizei lag so falsch, dass es einen Wunder nimmt, ob das Endresultat das war, was sie wollten.›»

«Wer einen Nationenwettkampf ausruft, darf sich nicht wundern, wenn er ihn dann auch bekommt»
Gehört wird diese Sichtweise kaum. Zumal es für viele Medien schon schwer zu begreifen scheint, dass die Engländer – wenn auch keine Unschuldslämmer – eher nicht als Auslöser der Krawallen zu bezeichnen sind. Die Football Supporters’ Federation sagt in einer Stellungnahme gar: «Was auch immer die Geschichte ist – und da gab es genug in den vergangenen Jahren, was uns einen schlechten Ruf beschert hatte – dieses Mal sind diese Anschuldigungen weit verfehlt».

Natürlich, einfach den Engländern, den Russen oder der Polizei die Schuld zu geben – von den Einheimischen, die bei den Ausschreitungen mitmischen haben wir noch gar nicht gesprochen – wäre zu einfach. Und aus der Ferne so oder so nicht zu beurteilen. Zu oft haben wir nach Spielen des FC St.Gallen schon erlebt, dass die tatsächlichen Zustände eben doch ganz anders waren, als sie im Nachhinein von Leuten beschrieben wurden, die davon gar nichts mitgekriegt haben.

Es scheint eben doch so, dass die Franzosen vor lauter Terrorangst vergessen haben, dass unzählige Menschen aus den 24 Teilnehmerländern sich während der EM auf relativ kleinem Raum aufhalten. Solche Ansammlungen sind per se schon nicht einfach zu managen, wenn auch noch Rivalitäten ins Spiel kommen, erst recht nicht mehr. Und in Zeiten des wieder erstarkenden Nationalismus wäre es auch vermessen zu glauben, dieser mache vor der EM halt.

Nicole Selmer, stellvertretende Chefredakteurin desballesterers hat schon vor vier Jahren geschrieben: «Wer einen Nationenwettkampf ausruft, darf sich nicht wundern, wenn er ihn dann auch bekommt.» Die Aussage dürfte heute nicht minder wahr sein.

Und trotzdem: Sich die Freude an der Europameisterschaft verderben zu lassen, wäre falsch! In unserem ersten Public Viewing-Bericht haben wir einleitend gesagt: «Man darf von der EM halten, was man will» Damit spielten wir aber nicht auf die Ausschreitungen an, sondern wir meinten viel eher zwielichtige Sponsoren und zwielichtige Funktionäre.

Die EM: eine vierjährliche Gelegenheit
Wir halten trotzdem daran fest: Auch in Zeiten, in denen die internationalen Fussballverbände kaum je mit Sportlichem für Aufregung sorgen, interessiert die EM als Wettkampf, den es so eben nicht jedes Jahr gibt. Und auch in diesen Zeiten bringt der Fussball Menschen vor den Bildschirmen zusammen. Und er bringt sie nicht nur vor den Bildschirmen zusammen, er bringt sie zuweilen eben auch ganz generell zusammen.

Im Internet kursieren fast ebenso viele Videoclips mit überschwänglichen Verbrüderungen über die Landesgrenzen hinweg, wie man fliegende Plastikstühle durch die Gassen Marseilles fliegen sieht. Nordirische Fans zum Beispiel – eigentlich ja auch irgendwie Engländer und deshalb per se Risikofans – bringen ihren polnischen Kollegen – polnisch! Nochmal Risiko! – den aktuellen Gassenhauer in Belfasts Strassen «Will Griggs on fire!» bei.

In diesem Sinn ist eine Europameisterschaft vielleicht nicht einfach nur ein vierjährliches Risiko von gewalttätigen Ausschreitungen im jeweiligen Gastgeberland. Vielleicht ist eine Europameisterschaft auch die vierjährliche Gelegenheit, Mauern einzureissen und einander kennenzulernen. Vielleicht müssen wir einfach noch ein wenig üben. Dazu bleiben noch fast vier Wochen Zeit!


Dieser Beitrag erschien am 15. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Aber auch während der EM haben wir was zu sagen.


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Man kann von der EM halten, was man will – sicher ist: Sie bringt Menschen vor Bildschirmen zusammen. Und schafft damit vorübergehend neue öffentliche Räume. Das Senf-Kollektiv testet im Verlauf der EM ein paar Public Viewing-Orte. Zum Auftakt: Grossacker St.Gallen.

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Als wir an der Haltestelle Grossacker aus dem  Bus steigen, sticht uns die Grossleinwand sofort ins Auge. Prominent steht sie mitten auf dem Innenhof des Einkaufszentrums. Wo Menschen normalerweise auf den Bus warten, mit vollen Einkaufstaschen über den Platz hetzen oder nach dem Einkaufen den neusten Tratsch und Klatsch des Quartiers austauschen, lädt ein Public Viewing während der EM dazu ein, sich länger als üblich dort aufzuhalten.

Und: Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen, wo für den gleichen Fussball und den gleichen Salzgeber Eintritt verlangt wird, können die Spiele beim Grossacker gratis angesehen werden.

Loge im Obergeschoss

Festbänke und Holztische vor der Leinwand, die Terrasse des Restaurants «la bocca» und – vermutlich jeweils nur nach Ladenschluss – auch Festbänke unter dem Vordach der Post: Einen Platz findet an diesem Samstag jeder Besucher. Das Spiel zwischen Russland und England scheint keine grossen Massen anzuziehen. Wir mögens natürlich exklusiver und begeben uns in den Logenbereich im Obergeschoss. Von dort hat man die beste Sicht auf die Leinwand, könnte aber auch dem Treiben an den Festbänken zuschauen. Könnte.

Wegen des Wetters – es regnet zwar nur ab und an – haben sich die meisten der rund 50 Besucher unters Vordach zurückgezogen. Im Logenbereich spielen Kinder mit einer Plastikflasche Fussball. Strassenfussball, quasi. Quartierfussball.

Sowieso hat dieses Public Viewing Potenzial, dem Quartier Leben einzuhauchen. Umso mehr irritiert es, dass im Quartier niemand informiert wurde, was beim Grossacker während der EM passiert. Zumal man doch fast alles richtig gemacht hat und weiterhin macht: Die Grossleinwand läuft nur solange, wie sie muss. Der Lärmpegel ist nicht zu brachial, und das Bier kostet angenehme vier Franken dreissig, mit einem Bierpass ist sogar jedes sechste gratis. Dazu gibt’s Würste vom Grill.

Wer kein Fleisch mag oder sich während der EM schon zu viele Bratwürste gegönnt hat, kann sich in der Speisekarte des «la bocca» umsehen. Sollte dort kein Platz in Sichtweite der Leinwand frei sein, hängt beim Quartier-Italiener auch ein Fernseher im Lokal, in dem man übrigens auch sein Bier wieder loswerden kann. Sogar fürs Geldabheben – auch wenn bloss glücklicher Zufall für die Veranstalter – ist beim Grossacker gleich mit zwei Automaten gesorgt.

Lediglich die Helligkeit der Leinwand irritiert. Wir empfehlen auch für Spiele um 21 Uhr die Sonnenbrille mitzunehmen. Und wir empfehlen auch, sich von den unzähligen «Dieser Bereich wird videoüberwacht»-Hinweisen und dem anwesenden Sicherheitsmann nicht irritieren zu lassen. Ob Auflage oder dem aktuellen Sicherheitswahn geschuldet: Nötig wärs wohl kaum. Dass zum Schluss einer der letzten Besucher beim Abräumen einer Festbank und absichtlich die Rolle vorwärts versucht, konnte auch der Sicherheitsmann nicht verhindern.

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Kurzbewertung:

Lage: 5 von 5 Croissants – mit einer eigenen Bushaltestelle ist das Public Viewing perfekt erreichbar. Zentrum muss nicht immer Stadtzentrum sein; hier sind wir mitten im Quartierzentrum.

Stimmung: 2 von 5 Croissants – grosszügigerweise, aber bei dem Wetter ist wohl kaum ein Public Viewing unter freiem Himmel mit Bombenstimmung gesegnet.

Verpflegung: 3 von 5 Croissants – vom Grill gibt’s Würste und bei der Pizzeria das übliche Angebot. Etwas Spezielles vermisst man.

Kosten: 5 von 5 Croissants – Eintrittspreise gibt’s nicht und das Bier erhält man für faire 4.30, jedes sechste sogar gratis.

#Platzverweis:
Seit kurzem können Schiedsrichter schon vor Anpfiff der Partie rote Karten verteilen. Wir haben schon vor Turnierbeginn zehn Herren eruiert, bei denen wir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden. Die Erfahrung lehrt uns, dass bei jedem Spiel eine Personalie dazukommt.

Bei Russland gegen England war das nicht anders. Roman Neustädter stand in der Startaufstellung der russischen Nationalmannschaft. Russe ist der Schalke-Spieler aber erst seit Mitte Mai. Zwar hat er durchaus russische Wurzeln und gegen eine Einbürgerung an sich ist auch gar nichts einzuwenden, aber wenn Putin per Präsidialdekret kurz vor der EM eine solche verfügt, riecht das zumindest mal streng. Deshalb: #Platzverweis!


Dieser Beitrag erschien am 13. Juni 2016 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Während der EM testen wir verschiedene Public Viewings der Region.