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Als Marketingprodukt abgetan, als Totengräber des Fussballs verschrien – Red Bull schlägt beinahe überall ein rauer Wind entgegen, wenn sich der Konzern aufmacht, einen Fussballclub gross zu machen. Insbesondere in Leipzig und Salzburg.

RB_Logo-adaptiert

Bevor Red Bull im Frühjahr 2005 beim SV Austria Salzburg die Kontrolle übernahm, war der österreichische Getränkehersteller vor allem als Sponsor von Formel 1-Teams, Extremsportlern und deren Events in Erscheinung getreten. Oder noch davor in Kombination mit Vodka – als «Gummibärli», dem Lieblingsgetränk pubertierender 
Jugendlicher, die sich in der Gruppe volllaufen lassen wollen, den Geschmack von Alkohol aber eigentlich noch gar nicht mögen. Vielleicht mit ein Grund, warum die Marke bei den meisten so positiv konnotiert ist. Die Übernahme des traditionsreichen Salzburger Fussballclubs leitete die Wende ein. Dem FC Red Bull Salzburg folgten RB Leipzig, die New York Red Bulls, Red Bull Brasil und Red Bull Ghana.

Doch was ist dran an den Kommerz-Vorwürfen? Betritt man beim Eingang zu den Red Bull Arenen eine Marketingwelt, in der Fussball nur lästige Notwendigkeit ist? Soll über den sportlichen Erfolg nur der Bezug zur Marke gestärkt werden? Oder sind Fussballspiele in den Brausestädten wie sonst überall auch? Wir wollten uns ein Bild machen und sind nach Leipzig und Salzburg gereist.

Unsere erste Station ist Leipzig. Auf dem Weg zum Stadion beschleichen uns gemischte Gefühle. Diese Vorfreude – dieser Matchday Buzz, wie sie es im Mutterland des Fussballs zu sagen pflegen – stellt sich zwar auch hier ein. Wo diese sonst vielleicht in Begleitung von Nervosität und Ungewissheit wegen der sportlichen Situation des eigenen Clubs oder wegen des Rufs der Gästefans auftaucht, mischen sich hier jedoch andere Empfindungen darunter. Erleben wir gerade den Untergang des Fussballabendlands? Der Anblick des Stadions beruhigt uns erstmal. Keine Omnipräsenz des Getränkekonzerns, kein offensichtlich anderes Klientel als sonst wo. Sowieso, die neue Arena, 
errichtet in den Überresten des alten Zentralstadions, ist alleine eine Reise wert. Über die Treppen der ehemaligen Spielstätte gehts in die neue Arena. Auf den Check-In bei Facebook verzichten wir dennoch. Wir möchten doch lieber kein «Red Bull Arena» in unserer Timeline.

Im Stadion die nächste positive Überraschung: Wo wir eine geballte Ladung gelb-blau-roter Reklamen erwarteten, sehen wir viele werbefreie Flächen. Wir verfallen in leichten Optimismus. Leider zu früh. Das Vorprogramm zum Spiel scheint hier das eigentliche Hauptprogramm zu sein. Ohrenbetäubender Lärm begleitet die Minuten vor dem Anpfiff, abgelöst von einem nervig-überdrehten Stadionspeaker, der die Aufstellung präsentiert. Ein Gregor Lucchi auf Speed und Ecstasy, quasi. Das Spiel beginnt. Die paar wenigen der rund 30‘000 Fans, die versuchen, für Stimmung zu sorgen, sind bedeutend leiser als es der Stadionspeaker war. Fans der Gäste aus Bochum sind sowieso kaum da. Wie so viele Fanszenen boykottieren die Bochumer das Auswärtsspiel in Leipzig. Die Kampagne Nein-zu-RB.de erfährt in Deutschland viel Unterstützung und auch die Leipziger Fans haben sie zur Kenntnis genommen. Im Fanblock der Ostdeutschen weht nämlich eine Fahne, die das Logo der Kampagne in «Ja zu RB» geändert hat – in Leipzig stellen sich viele auf den Standpunkt, das Engagement unterscheide sich kaum von jenem von Bayer in Leverkusen oder VW in Wolfsburg. Damit hat es sich aber auch mit Kreativität. Jedes Mal, wenn wir den Fangesängen der Leipziger lauschen, fühlen wir uns um Jahre zurückversetzt. Die Auswahl der Lieder gleicht denen, die im Espenmoos in den 90ern durch das Stadion dröhnten. Nur dass sie hier nicht dröhnen.

Wir entdecken aber auch Positives: Den Begriff Red Bull nimmt hier kaum jemand in den Mund. Es wird ausgewichen auf RB oder Rasen- Ballsport. Auch der Club selber darf sich bekanntlich nicht Red Bull nennen, die Deutsche Fussballliga hat ihr Veto eingelegt. Sponsoren im Vereinsnamen sind in Deutschland nach wie vor tabu, sofern es sich nicht um Werksmannschaften handelt – oder zumindest mal gehandelt hat. Leicht irritiert verlassen wir das Stadion. Nach dem Vorhof zur Hölle hat sich das zwar nicht angefühlt. Nach dem Entwurf des Fussballvereins 
der Zukunft aber auch nicht. Was war das denn hier? Was macht dieses Red Bull zum Hassobjekt, dem sowohl als Konzern als auch als Verein dennoch so viele Leute die Stange halten?

Wir reisen zur zweiten Station. In Salzburg hoffen wir, Antworten zu finden. Die österreichische Liga hat bekanntlich schon früh damit gebrochen, die Vereinsnamen frei von Sponsoren zu halten. Selbst die SV Austria Salzburg, der Vorgängerverein von Red Bull Salzburg, trug schon ein Casino oder ein Wüstenrot in ihrem Namen. 
Doch heute Abend darf auch der Ableger aus der Stadt des Konzern-Hauptsitzes den Zusatz Red Bull nicht im Namen tragen. Beim Europa League-Gruppenspiel gegen den rumänischen Vertreter Astra Giurgiu verbietet es die UEFA. Es spielt ganz einfach der FC Salzburg. Und er tut dies im Stadion Salzburg, weil auch im Arena-Namen keine Sponsoren erlaubt sind. Auf den Stadtplänen findet sich übrigens auch meist nur Stadion oder allenfalls EM-Stadion. Und trotzdem: Red Bull ist hier im Gegensatz zu Leipzig allgegenwärtig.

Wer den Presseeingang passiert, steht in einem Stadion, dass einem die Marke Red Bull regelrecht mit dem Vorschlaghammer ins Bewusstsein hämmern will. Die Stadionwände sind mit roten Bullen bemalt, oben an allen Treppen gibts Red Bull-Fanklatschen, über die Lautsprecher dröhnt Werbung für sämtliche Sparten des grossen Konzerns. Im Matchprogramm tragen die Rubriken so intelligente Titel wie «Bullevard», die Kinder werden vom Maskottchen «Bulli» unterhalten, der übrigens sogar einen «Bulli’s Skitag» veranstaltet, Deppen-Apostroph in
klusive. Das Spiel interessiert indes kaum jemanden. Zugegeben, Salzburg ist bereits durch, die Gäste sind ausgeschieden. Aber dennoch: Es ist ein internationales Spiel, in dem die Salzburger sogar den Rekord der in einer 
Europa League-Gruppenphase erzielten Tore brechen können, was sie dann mit einem ungefährdeten 5:1-Sieg auch vollbringen werden. Wir haben schon vor dem Spiel genug gesehen, quälen uns aber trotzdem weiter. Zur Mannschaftsaufstellung dröhnen die Glockenschläge des AC/DC-Songs Hells Bells aus den Boxen. Es ist, als ob die Salzburger uns gleich selber sagen wollten: Ihr seid nicht nur im Vorhof angekommen, ihr seid auf direktem Weg in die Hölle gereist. Die wenigen Salzburger Fans singen indes «Mia san Soizburger, koana mog uns». 
Wir stimmen zu, holen uns einen letzten Kaffee aus dem Medienraum, nur um noch einmal die unzähligen Dosen Red Bull zu verschmähen, und verschwinden.

Von Salzburg bis New York, von Leipzig bis Ghana. Die Expansion von Red Bull dürfte damit kaum vorüber sein. Unlängst machten Gerüchte die Runde, der Konzern sei auch am englischen Verein Leeds United interessiert. Auch wenn daraus (noch?) nichts geworden ist, die Fussballabteilungen von Red Bull verteilen sich über die Fussballwelt wie das klebrige Getränk über Bartheken: Einmal nicht aufgepasst und kaum mehr wegzukriegen.


Dieser Text erschien zum ersten Mal im SENF #03. Aus Anlass des Testspiels des FC St.Gallen gegen RB Leipzig möchten wir ihn hier zur Verfügung stellen. Aus den im letzten Abschnitt erwähnten Gerüchten zu einer möglichen Übernahme von Leeds United durch Red Bull wurde bisher keine Tatsache. Aufgeflackert sind die Gerüchte aber auch in der Zwischenzeit, wie wir hier beschrieben hatten.


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Am 20. März 2005 gewann der FC St.Gallen zum letzten Mal in Bern. Hutter & Mock waren nicht vor Ort, aber trotzdem dabei.

Hutter und Mock

Hutter hoffte auf den grossen Coup: beruflich, privat, sportlich. Seine persönliche Erfolgsbilanz war niederschmetternd: Seit fünfzehn Jahren versuchte er vergeblich, den geklauten Globus aus Zürich zurückzuholen in sein Museum. 0:1. Seit zehn Jahren wünschte er sich vergeblich, dass Tanja nach St.Gallen zog und mit ihm zusammen eine Familie gründete. 0:2. Seit drei Jahren hoffte er vergeblich, dass der FC St.Gallen auswärts so auftrat wie zu Hause. 0:3. Hutter sass in seinem Wohnzimmer und feierte zusammen mit seinem Neffen Geburtstag. Sie spielten «Eile mit Weile». Hutter lag im Hintertreffen, sein zwölfjähriger Neffe kannte kein Erbarmen und schickte ihn konsequent zurück an den Start. Im Radio berichtete Toxic.fm direkt aus dem Berner Neufeld: «Die blonde Mähre Bruno Sutter ist ein ständiger Unruheherd in der St.Galler Verteidigung. Er hat und gibt sich Mühe. Aber besser einmal auffallen als nie: Warum nicht mit einer gelben Karte!» Hutter traute seinen Ohren nicht. Bei «Sport und Musik» hatten die Reporter auf Radio Beromünster einst Dramen erzählt, Heldensagen aus der Hölle St.Jakob, aus dem Hexenkessel Tourbillon und von den wunderbaren «Prinzen der Nacht» aus Lausanne. Toxic.fm war bekifftes Radio für Fussball-Fans unter sechzehn. Hutter wechselte die Frequenz.

Sein Neffe feierte den «Eile mit Weile»-Sieg mit einem Computer-Spiel. Hutter blätterte in den seltsamen Briefen, die er in den letzten Wochen erhalten hatte: «Die Liga gegen das Rauchen möchte sie auf eventuelle Spätfolgen hinweisen, die sich im gewiss kommenden Alter zeigen werden – vielleicht ist es dann zu spät –, möchten aber den Teufel nicht an die Wand malen und hoffen, dass wir sie an einem Nichtrauchertreffen einmal persönlich kennen lernen dürfen.» Hutter trank Alkohol, er war Fan des FC St.Gallen, er hatte offensichtliche gesundheitliche Risiken – aber er rauchte nicht! Wer kam auf die Idee, ihn nikotinfrei und endlich glücklich zu machen? Sein Neffe tippte ihm auf die Schuler. «0:1, Freistoss von Julio Lopez aus dreissig Metern.» Hutter öffnete ein Vollmond-Bier, wartete auf den YB-Ausgleich und las eine Geschichte mit dem Titel «Zweni Alouf» – nichts über Zinedine Zidane, sondern eine Nachricht vom 61-jährigen YB-Fan Ernst Burren. «Bi de Juniore hani immer aui Penautine gschosse. I ha jede versänkt. I ha aber ou immer gnue Alouf no. D Delia hät nüt vo Schutte wöue wüsse. Aber woni im letschte Lehrjohr s Schutte wäge ihre ha ufgä, isch si gli druf mit emene angere gange»: So wie Burren wollte Hutter alt werden: «Bin YB-Fan seit 1957. Ein primitives Interesse, ich bringe es einfach nicht weg. Zu meiner Frühpensionierung haben sie mir einen YB-Dress, einen Schal und ein Chäppi geschenkt. Als ich mit dem ankam, fanden das meine Freunde so blöd, dass ich es in der Halbzeit wieder abgezogen habe.»

Hutter dachte an Mock, der gerade in diesem Moment seinen Kaninchen die ersten frischen Löwenzahnblätter durchs Gitter schob, denn dank Merenda (auf Pass von Sutter) und Pavlovics Tor des Monats führte St.Gallen in Bern schon 0:3 und Hutter stellte sich Ernst Burrens Ärger vor. «Nei! Usgrächnet gägä Sangauä!» Er fragte seinen Neffen, ob er Lust habe auf eine Pizza. Sie schlenderten locker die Marktgasse hinab und hatten keine Ahnung von YBs Anschlusstreffern zum 2:3. Beim Kino Scala fragte Hutter den Neffen: «Wenn Träume fliegen lernen, Renn Zebra renn, Die Tiefseetaucher oder Die wilden Kerle. Was willst du zum Geburtstag?»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog. Zu den Magazinen gehts hier lang, zu der Rubrik auf dem Blog hier lang.

Die aktuelle Episode «Zweni Alouf» erschien anlässlich des Heimspiels am 26. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Zürich.

Hutter & Mock