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Trotz zwei Toren auswärts gegen den FCZ, die etwas Mut machen: Joe Zinnbauer wird sich in Zukunft noch einige Fragen stellen müssen.

Die Taktik des FCSG im Letzigrund setzte sich am Samstag aus einer kompakten Abwehr und temporärem Pressing – vor allem zu Beginn der beiden Halbzeiten – zusammen. Joe Zinnbauer hatte in seiner Spielvorbereitung offenbar FCZ-Kapitän Nef als Schwachstelle ausgemacht. Der Innenverteidiger wurde immer wieder von den St.Gallern unter Druck gesetzt.

Nef, von Haus aus eher kompromissloser Zweikämpfer als ballsicherer Aufbauspieler, sah sich folglich oft zum weiten Ball gezwungen. Oder zum Rückpass, wie nach knapp fünf Spielminuten. Das ungenaue Zuspiel Nefs zu Torwart Brecher erlief Edgar Salli und traf zum frühen 1:0. Vor allem in Auswärtsspielen dürfte sich der Kameruner als echte Waffe entpuppen. Seine Schnelligkeit prädestiniert ihn zum Konterspieler. Aufgrund seiner schmächtigen Erscheinung ist Salli aber womöglich auf der Flügelposition besser aufgehoben.  Denn den Ball bei Kontern gegen stämmige Innenverteidiger zu behaupten, setzt gewisse Körpermasse voraus, über die die Leihgabe aus Monaco nicht verfügt.

Thrier knapp genügend, Sidekick Gelmi überraschend souverän

Auch in den Startminuten nach dem Pausentee versuchte Zinnbauer die Zürcher auf dem falschen Fuss zu erwischen. Die Abwehr stand nun 15 Meter weiter vorne. Dass Grün-Weiss die Balance zwischen Angriff und Abwehr in jenen offensiv ambitionierten Minuten nicht fand, belegt die Chance Etoundis nach knapp 50 Spielminuten. Der St.Galler Abwehrverbund rückte in jener Phase bis zur Mittellinie auf, weshalb FCZ-Taktgeber Yapi ein einfacher Ball zwischen die Innenverteidigung reichte, um eine Grosschance zu lancieren. Der schnelle Etoundi enteilte wegen fehlender Absicherung problemlos, traf aber nur die Latte.

Bei den Espen war es vor allem Pascal Thrier, der ab und an Mühe bekundete. Der 30-Jährige ist ein solider Abwehrspieler. Viel mehr aber nicht. Auffällig ist, dass er neben sich einen starken Partner benötigt. Das waren einst Montandon oder Besle: starke Persönlichkeiten, ausgestattet mit einer enormen Präsenz. Nun ist es Roy Gelmi. Der U21-Nationalspieler ist neben Lopar der einzige St.Galler, der noch keine Meisterschaftsminute verpasst hat.

Das Vertrauen der Verantwortlichen scheint sich bezahlt zu machen: Gelmi spielt stets einen – in Anbetracht von Alter und Super-League-Erfahrung – überraschend souveränen Part. Mit Alain Wiss stellte man ihm bis anhin einen eigentlich defensiven Mittelfeldspieler zur Seite, der Gelmi in der Spieleröffnung Aufgaben abnahm. Wiss kam in Zürich kurz vor dem zwischenzeitlichen 1:2 in die Partie – erstmals auf der Sechs, seit er grün-weiss trägt.

Ewiges Problemkind Janjatovic

Es ist zu erwarten, dass Wiss auch zukünftig im Mittelfeld eingesetzt wird, zumal der Luzerner angeblich nur ungern im Abwehrzentrum spielt. Wer künftig neben dem wohl gesetzten Gelmi die Position des Innenverteidigers bekleidet, dürfte eine der wichtigsten Fragen der nächsten Wochen sein.

Thrier fehlt es an Qualität.

Russo ist zwar wieder fit, aber seine Fähigkeiten scheinen ebenfalls begrenzt.

Rückt Wiss also wieder eine Position zurück? Oder ist gar Angha eine Option, der die Position schon an früheren Stationen spielte?

Ansonsten scheint Zinnbauer seine Defensive gefunden zu haben: Angha – unter Saibene noch aussen vor – und der jüngste Super-League-Spieler dieser Saison, Hefti, besetzen die Aussenverteidiger-Positionen. Hefti wirkte zwar in Zürich nicht immer sattelfest, musste mit Bua aber auch gegen den besten Mann des Spiels verteidigen. Wichtige Erfahrungen für den seit Sonntag volljährigen Hefti, dessen Nominationen sicherlich für Zinnbauer sprechen.

Überraschend ist, dass Zinnbauer jüngst erklärte, dass einzig Lopar und Mutsch gesetzt seien. Man staunt über die plötzliche, unverhoffte Ballsicherheit, die Mutsch jeweils im defensiven Mittelfeld erlangt. Gegen den FCZ fehlte er gesperrt. Insbesondere bei Heimspielen gibt es aber wohl bessere Alternativen als den 31-jährigen Luxemburger, denn es gilt, offensive Akzente zu setzen, Tore zu schiessen.

Das chronische Problemkind Dejan Janjatovic verfügt über alle Anlagen dazu: Seine Ruhe am Ball wäre überragend, sein Schuss überdurchschnittlich und seine Spielintelligenz ausgezeichnet. Wäre, leider. Konstanz ist für den ehemaligen Bayern-Junior allerhöchstens eine Stadt in Deutschland, aber noch keine Tugend, die sich mit Fussball vereinen lässt. In Zürich betraute Zinnbauer seinen Landsmann mit eher defensiven Aufgaben, was nicht unbedingt den Vorlieben Janjatovics entspricht.

Traditionell leeres Letzigrund

Der neue Trainer durchlebt die üblichen Phasen. Es wird ausprobiert und experimentiert, ehe sich langsam ein Stamm herauskristallisiert. Beispiel Yannis Tafer: Zunächst setzte Zinnbauer den 24-Jährigen als einzige Sturmspitze ein, was ein durchaus spannender Versuch ist. Die Idee eines mitspielenden Stürmers hat sich schon vielerorts bewährt. Gegen defensiv starke Teams hängt Tafer aber in der Luft. Am Samstag agierte der Franzose, wie schon unter Saibene, auf dem Flügel. Am besten scheint er aber auf der Zehn aufgehoben zu sein. Bezüglich Kreativität und Technik dürfte Tafer beim FCSG führend sein. Entsprechend braucht er den Ball. Spielt er auf dem Flügel oder als einzige Sturmspitze, ist er von Zuspielen abhängig und demnach nur bedingt einflussreich.

Der Auftritt im traditionell leeren Letzigrund machte Mut. Zwei Tore in einem Spiel gelangen den Espen erst einmal in dieser Super-League-Saison – am ersten Spieltag beim 2:0-Sieg über Lugano. Das Schlusslicht aus Zürich erzielte nun schon siebenmal mindestens zwei Tore. Eine bemerkenswerte Gegenüberstellung, liegen doch die St.Galler immerhin vier Punkte vor den Zürchern.

Ärgern wird man sich in St.Gallen aber über fünf Gegentore aus den letzten beiden Spielen. Und die fielen nicht etwa gegen Tabellenführer Basel und den selbsternannten Meisterschaftskandidaten YB, sondern gegen Aufsteiger Lugano und Schlusslicht FCZ. Zinnbauer legt grossen Wert auf defensive Ordnung, weshalb ihn die defensiven Schwächen besonders stören werden. «Wir wollten hier nicht verlieren», erklärte er die Zielsetzung für die Partie in Zürich. Das liegt keineswegs an fehlendem Selbstvertrauen, so tickt Zinnbauer nicht. Viel eher ist es Ausdruck seiner Präferenz, der Defensive.


Dieser Beitrag erschien am 27. Oktober 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Anlässlich des Auswärtsspiels vom vergangenen Sonntag in Lugano wagt das Senf-Kollektiv einen Blick zurück – in die Jahre 2008 und 2009, in denen eine der eindrücklichsten Abfolgen von Gastspielen im Tessin stattfand.

Ob strahlender Sonnenschein oder strömender Regen: Das Wetter nach der Fahrt durch den Gotthard ist immer eine Überraschung. Die Vergangenheit zeigt: Ziemlich ähnlich verhält es sich, wenn St.Gallen auswärts im Tessin spielt. Auch hier wissen wir nie, was am Ende des Tages herausspringt.

Barrage in Bellinzona – das Wetter sagt alles

Wir schreiben das Jahr 2008. St.Gallen tritt in Bellinzona zum Hinspiel der Barrage an. Eine der prägendsten Erinnerungen: Es regnet in Strömen und ohne Unterbruch. In Bellinzona, wo doch sonst immer die Sonne scheint. Dieses Mal nicht. Vielleicht weil wir gegen den Abstieg spielen? Das Wetter als Sinnbild für die Lage des Clubs: Land unter!

Damals haben wir – nass bis auf die Knochen – noch nicht gewusst, dass der eigentliche Tiefpunkt im Rückspiel im Espenmoos folgen würde: der Abstieg und gleichzeitige Abschied vom Espenmoos, mit unschönen Nebengeräuschen.

Seit diesem Spiel kontrollieren wir immer doppelt, ob wir wasserfest angezogen sind, wenn wir ins Tessin reisen.

Locarno – hat das Tessin etwas zu kompensieren?

Es kommt, wie es kommen musste, der FCSG steigt ab – und wir reisen 2008/2009 darum mehr als je zuvor in den Süden, weil sich in der zweiten Liga zu diesem Zeitpunkt doch einige Tessiner Vereine finden. Einer davon, Locarno, und das Auswärtsspiel im Lido haben es uns besonders angetan.

Als ob das Tessin sich mit uns versöhnen wollte, herrscht bei unserer Ankunft im friedlichen Locarno strahlender Sonnenschein. Ausflugstimmung kommt auf, wir essen Gelati am See, erkunden ein zu diesem Zeitpunkt doch etwas verschlafenes Städtchen, marschieren ins Stadion und erleben einen ungefährdeten Sieg unseres FCSG, während die Sonne unermüdlich scheint.

Seit diesem Spiel kontrollieren wir immer doppelt, ob wir die Sonnencrème mit Schutzfaktor 50 eingeschmiert haben, wenn wir ins Tessin reisen.

Lugano zum Ersten – «mer gönd no lang nöd ha ha hai»

Und am Ende dieser erweiterten Saison (wenn man das Barrage-Spiel noch dazuzählt), die uns zwei Spiele mit zwei Extremen beschert hat, fahren wir noch einmal durch den Gotthard, dieses Mal jedoch vor einem völlig anderen Hintergrund: Nach dem gewonnenen Spiel gegen Concordia Basel, was den Aufstieg für den FCSG bedeutet, führt uns das letzte Spiel in der unteren Liga nach Lugano. Die Gefühlslage könnte nicht unterschiedlicher sein, wenn man das Bellinzona-Spiel damit vergleicht.

Wieder hat ein ordentlicher Haufen St.Galler den Weg ins Tessin gefunden, aber dieses Mal singen wir, feiern den Aufstieg. Im Cornaredo erleben wir einen der unvergesslichen Momente: ein Auswärtsspiel, das uns 90 Minuten voller Freude beschert.

Seit diesem Spiel kontrollieren wir immer doppelt, ob wir die Siegeszigarren eingepackt haben, wenn wir ins Tessin reisen.

Jedes Auswärtsspiel im Tessin – vom Barrage-Spiel bis zum Wiederaufstieg – war eine Wundertüte. Unterschiedlicher hätten sie kaum sein können. Deswegen erinnern wir uns wohl so gut an sie. Und deswegen kontrollieren wir seither immer doppelt, ob wir genügend Sonnencrème unter der wasserdichten Kleidung aufgetragen haben und ob wir genügend Zigarren und Champagner für Siegesfeiern im Gepäck haben. Denn, wie gesagt; im Tessin kann man alles erleben – vom einen Extrem ins andere.


Dieser Beitrag erschien am 20. Oktober 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Das selbsternannte Downtown Switzerland hat immer noch kein Fussballstadion. Aber weil gleich zwei Clubs in Zürich spielen, muss man als FCSG-Fan vier Mal pro Jahr ins Stimmungsloch Letzigrund. Auch am vergangenen Samstag wieder, beim Spiel gegen GC.

Letzigrund

Dass GC kein Heimstadion hat, geistert in regelmässigen Abständen durch die Medien. Stadionprojekte werden entworfen, nur um dann aus verschiedenen Gründen doch nicht realisiert zu werden. Ungeschickte Kampagnen vor Abstimmungen und ein gewisser Hochmut haben mehrmals zu einem Abschmettern der Projekte an der Urne geführt.

Gegen den Zustand wird protestiert, wie unlängst durch die GC-Fans in Form eines Legendenspiels gegen Neuchâtel Xamax auf dem Ex-Hardturmareal. Ohne Erfolg. Darum hiess es auch für uns an diesem wunderbar herbstlichen Samstag wieder: auf zu einem Fussballspiel in einem Leichtathletikstadion.

Dieses Mal war nichts anders als sonst und gerade deshalb war es furchtbar desillusionierend.

Gekommen sind wenige
Bei den Ticketschaltern muss man in letzter Zeit nicht lange anstehen. Früh entsteht der Eindruck, dass die anströmenden Massen wie gewohnt ausbleiben werden.

Aber vielleicht liegt das auch an den nach wie vor hohen Preisen. GC hält sich nämlich nur im Vorverkauf an die schweizweit eingeführten Obergrenzen von 25 Franken (voller Preis) bzw. 20 Franken für ermässigte Tickets. An den Tageskassen kosten die Tickets immer noch 30 bzw. 25 Franken. Das könnte noch zu reden geben.

Kaum im Stadion erblicken wir die gewohnt trotzige Zaunfahne im GC-Heimsektor: «trotz Exil a jedem Spiel». Das wirkt seltsam, wenn man gleichzeitig die beiden mit einer grossen blauen Blache abgedeckten Teilsektoren der Heimkurve sieht.

Obwohl die Anspielzeit am frühen Samstagabend nicht allzu schlecht ist und die Platzierung der Grasshoppers im oberen Teil der Tabelle in der Regel zu einem erstaunlichen Anschwellen der bekennenden GC-Fans führt: Das weite Rund ist weitgehend leer. Nicht nur jeder zweite Platz ist leer, es sind ganze Sektoren, in die sich keine Menschenseele verirrt hat.

Für uns keine Überraschung: Wir verstehen jeden GC-Fan, der sich nach Jahren im Exil (!) in einem Leichtathletikstadion (!!), das noch dazu die Heimstätte des stadtinternen Erzfeindes (!!!) ist, nicht mehr in den Letzigrund bewegen mag.

Stimmung? Geht anders
Um das Geschehen auf dem Platz, ein für den FCSG glückliches Unentschieden, aus unserer Perspektive mitverfolgen zu können, braucht man fast einen Feldstecher – oder aber viel Fantasie. Bei Spielbeginn lässt sich knapp der Name des GC-Torhüters hinter der roten Tartanbahn entziffern. Joe Zinnbauer, der zeitweise seinen Trainerbereich um das Doppelte verlässt, erahnt man nur.

Während in anderen Stadien zwischenzeitlich eine laute Kulisse Anziehungspunkt ist und Zuschauer ins Stadion lockt, macht dieses Leichtathletikstadion nicht wirklich Laune. Es herrscht ein wortwörtliches Stimmungsloch – dies da das Letzigrund ja in den Boden hinein gebaut wurde –, die Akustik leidet stark. Die gegnerische Kurve hört man eigentlich nie. Als die Zuschauerzahl kommuniziert wird, ist niemand überrascht: offiziell haben sich 5’500 Fans eingefunden. Wie so oft erscheint selbst das zu hoch.

Fad und seelenlos
Beim Abpfiff bleibt vor allem eines: das Gefühl, heute kein «richtiges» Fussballspiel gesehen zu haben. Dass GC schon so lange keine eigene Heimstätte hat, ist an sich schon ein Armutszeugnis. Dass man aber in ein Leichtathletikstadion ausweichen muss, wird mit jedem erneuten Besuch ein bisschen trostloser. Für ein so emotionales Spiel wie Fussball, für einen solchen Verein – «d’Super League vum Rekordmeischter, än Institution, ey» – und in einer Grossstadt sollte es möglich sein, ein Stadionprojekt auf dem ehemaligen Hardturmareal zu realisieren.

Die jetzige Situation hinterlässt einen faden Beigeschmack, gerade auch wenn man sich an die Spiele im alten Hardturm und die Stimmung dort erinnert. Wir verlassen nach dem Spiel dieses seelenlose Leichtathletikstadion und sind uns ziemlich sicher: Wir werden wohl auch nächstes Mal, wenn St. Gallen gegen GC spielt, wiederkommen. Wenigstens müssen wir nicht jedes zweites Wochenende ins Letzi.

Und unser einziger Trost heute: Das GC-Siegeslied müssen wir, zur Abwechslung, auch nicht hören.

(Bild: Wikipedia/Raymond Lafourchette)


Dieser Beitrag erschien am 29. September 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.