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Was ist der Neue beim FCSG eigentlich für ein Typ? Einer mit Ecken und Kanten, der nach Emotionen giert. Könnte also zum Verein passen.

Joe Zinnbauer

Eigentlich waren wir uns ja sicher: Die dunklen Rauchschwaden beim Auswärtsspiel in Basel stellten die obligate Begleiterscheinung einer Papstwahl dar. Oder entsprechend dem St.Galler Pendant in jenen Tagen: der Trainerwahl.

Womöglich symbolisierten die unzählig in die Höhe gereckten Fackeln aber auch einfach Zündhölzli. Unter Saibene schien die Reiboberfläche zuletzt hart abgenutzt. Heftiges «Zöseln» in den Jahren 2011, 2012 und 2013 sowie im Herbst 2014 hatte dazu geführt, dass nur noch grauer Karton übrig blieb. Das Hölzli entzündete sich nicht mehr. Es war Zeit für ein neues Schächteli.

Passt Joe zu uns?

Dieses präsentierte die St.Galler Führung vor einer Woche mit Josef «Joe» Zinnbauer. Eine überraschende Lösung, waren doch zuvor viele andere Namen gehandelt worden. Dennoch ist es eine Lösung mit Weitsicht.

Auf den ersten Blick bringt Zinnbauer Bundesliga-Glamour und Nachwuchserfahrung mit. Zudem dürfte das finanzielle Risiko überschaubar sein, da die Espen Zinnbauer von einer Regionalliga-Mannschaft weg verpflichteten.

Aber passt das? Das mit unserem FC St.Gallen und dem Neuen, mit Joe?

Er habe «Feuer gefangen», als er sich den Verein näher ansah. Der FCSG scheint für den Emotionsmenschen Zinnbauer Sinn zu machen. Man betrachte die ruhmreiche Historie des FC St.Gallen, der eine Pionierrolle einnahm, um den Fussball in der Schweiz zu etablieren. Und man betrachte das Stadion, das – trotz Aura einer unpersönlichen Multifunktionsarena – gut besetzt und mit Leben gefüllt ist. Die leise Sehnsucht nach Grossem, nach neuerlichem «Zöseln», liegt da in der Luft.

Dafür ist der Europa-League-Rausch noch zu präsent, siegestrunkene Hinrunden-Erfolge wie in den letzten beiden Saisons noch zu sehr im Gedächtnis.

Kapitel HSV war kein Scheitern

Zinnbauer stillt diese leise Sehnsucht nach Grossem. Von September 2014 bis März 2015 trainierte der Bayer die erste Mannschaft des HSV. Seeler, Keegan, Magath, später Barbarez und mit Abstrichen auch van der Vaart – wobei letzterer noch unter Zinnbauer spielte – trugen alle das Trikot mit der Raute.

Dass Zinnbauer als Trainer der Bundesliga-Mannschaft freigestellt wurde, lässt kein Urteil über seine Fähigkeiten zu. Dafür verwendet man in der Berichterstattung rund um den Bundesliga-Dino HSV zu oft Begriffe wie «chaotisch» und «peinlich». 1983 noch Sieger im Europapokal der Landesmeister, ist der HSV zum Abstiegskandidaten verkommen. So liest sich die Beschäftigung beim HSV in der Vita von Joe Zinnbauer beinahe mehr als wertvoller Erfahrungsschatz, denn als klägliches Scheitern.

Insbesondere das unstete Umfeld in Hamburg dürfte dazu führen, dass Zinnbauer der St.Galler Führung viel abgewinnen kann. Präsident Früh und Sportchef Stübi sind zweifellos pflegeleichter, als es die Vorgesetzten in Hamburger Zeiten waren.

Die Chance, auf höchster Ebene seine Ideen umsetzen zu können, dürfte unter Umständen Zinnbauers Verlangen, in die Bundesliga zurückzukehren, überlagern. Die Unterschrift unter einen Dreijahresvertrag ohne Ausstiegsklausel unterstützt diese These.

Zinnbauers Gänsehaut-Momente

Und wenn man denn etwas aus dem Boulevard-Thema rund um Zinnbauers Finanzgeschäfte mitnehmen will – dann die Einsicht, dass er im Fussball findet, was er in seinem Unternehmen vergeblich suchte: Emotionen. Danach giert Zinnbauer nun. Sein wichtigstes Stilmittel ist die Ansprache. Gestandene Bundesligaspieler berichteten von Gänsehautmomenten in der Kabine bei seinen Reden.

Oftmals aber mündet die so erzeugte Motivation in einer unkontrollierten Aggressivität (wir hoffen inständig, dass Everton seinen Deutschunterricht nicht fortsetzt): In der vergangenen Saison belegte der HSV in der Fairplay-Tabelle den letzten Platz. Während 23 von 34 Saisonspielen trug Zinnbauer dabei die Verantwortung. Es ist eine Statistik, die als Indikator für die Bereitschaft der Spieler dienen kann. Böse Zungen werden aber behaupten, dass sich dahinter auch taktische Unbeholfenheit verbirgt.

«Es ist wie am Anfang einer Beziehung. Erst später bemerkt man die Ecken und Kanten», sagte Zinnbauer dem «Tagblatt» bezüglich Kennenlernen der Mannschaft.

An diesem frühen Herbsttag zünden wir eine Kerze an. «Zöseln» halt. Und bis zum Bemerken von Ecken und Kanten geben wir uns der naiven Vorstellung hin, dass das passen könnte mit dem Neuen, mit Joe. Und wer weiss, vielleicht gefallen uns diese Ecken und Kanten. Denn trotz dem auch im Fussball herrschenden Kapitalismus, ist das Zwischenmenschliche eine ungemein bedeutende Komponente. Timing und Chemie lassen sich nicht planen. Vielleicht wird aus der Kerze schon bald wieder ein Feuerwerk.

Anzünden! Los!


Dieser Beitrag erschien am 22. September 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Gegen den FCB Experimente, nun soll (wieder) Stabilität her – wir blicken anhand des letzten Saisonspiels gegen den FC Basel zurück auf die bisherige Leistung der St. Galler Mannschaft und machen Kassensturz vor dem ersten Spiel des FCSG unter dem neuen Cheftrainer Josef Zinnbauer.

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Interimscoach Daniel Tarone überraschte am letzten Samstag beim Auswärtsspiel in Basel viele bei der Startaufstellung: Mario Mutsch rückte für Everton ins defensive Mittelfeld, auf der rechten Aussenbahn verteidigte dafür erstmals der erst 17-jährige Silvan Hefti – dieser hatte in der Woche vor dem Spiel seinen ersten Profivertrag beim FCSG unterschrieben und zeigte gegen den FCB ein ansprechendes Debut. Es waren jedoch lediglich die FCB-Spieler, welche zu Beginn zu einigen guten Chancen kamen und aus dieser starken Anfangsphase heraus resultierte dann auch der Führungstreffer durch Delgado, dies vom Penaltypunkt aus. Im Basler St. Jakob-Park zündeten in der Folge einzig noch die Gästefans ein veritables Feuerwerk, denn nach der spannenden Startphase flachte die Partie merklich ab. Aratores Sonntagsschuss konnte nicht verstecken, dass die Umstellungen im Kader des FCSG (noch?) nicht die gewünschte Wirkung hatten. Das übliche Bild zeigte sich: Hinten stand man relativ sicher, doch nach vorne ging einmal mehr wenig bis gar nichts.

Nach acht Spieltagen zeichnet sich in der Tabelle deshalb langsam eine Zäsur ab. Der FCSG liegt zwar noch auf Rang 6, doch zum fünftplatzierten Luzern fehlen bereits fünf Punkte, während das letztplatzierte Lugano nur einen Punkt hinter den Espen liegt. Auch die Formkurve zeigt mit zuletzt drei verlorenen Spielen gegen die Grasshoppers, den FC Vaduz sowie den FCB klar nach unten. Auch wenn die Saison noch jung ist, droht der FCSG damit bereits in den Abstiegskampf zu geraten. Nach dem Cupspiel gegen den FC Breitenrain gastiert am kommenden Dienstag der FC Thun in St.Gallen. Die Berner Oberländer vermochten nach dem Abgang von Trainer Urs Fischer bisher auch noch nicht wirklich zu überzeugen. Möchte man es verhindern komplett in den Abstiegssumpf abzurutschen, sind gegen die Thuner drei Punkte Pflicht – somit muss bereits relativ früh in der Saison von einem sogenannten «Sechs-Punkte-Spiel» gesprochen werden.

Die zahlreich mitgereisten Fans der Espen schienen nichtsdestotrotz in Basel noch Feuerwerksbestände vom 1. August loswerden zu wollen. Die anwesenden Zuschauer wähnten sich dabei zeitweise wie im Vatikan: Analog der Papstwahl wurde zu Beginn der zweiten Halbzeit ein wenig schwarzer Rauch gezündet, was in Rom bekanntlich bedeutet, dass noch kein neuer Papst gewählt worden ist – ob die FCSG-Fans auf den am Samstag noch nicht präsentierten neuen Trainer anspielen wollten, ist nicht zweifelsfrei nachzuweisen. Sicher ist jedoch, dass die Frage nach dem neuen Trainer zu einem guten Zeitpunkt beantwortet wurde: Vergangenen Dienstagnachmittag kündigten die Verantwortlichen des FCSG Josef «Joe» Zinnbauer als Nachfolger von Jeff Saibene an und ermöglichen dem Neo-Chefcoach mit dem Cupspiel gegen das unterklassige Breitenrein somit einen (hoffentlich) gelungenen Einstand als Trainer des FC St.Gallen. Es wird sich dabei zeigen, ob die von Daniel Tarone vorgenommenen Umstellungen auch unter dem neuen Chefcoach Bestand haben. Wir hoffen auf jeden Fall, dass Zinnbauer die Mannschaft wieder zu stabilisieren vermag und möglichst schnell dafür sorgt, dass der FCSG die Abstiegsplätze hinter sich lässt. Die nötige Qualität dazu wäre im Kader bereits vorhanden und dem Auftritt in Basel zufolge sicherlich auch ein wenig weisser Rauch seitens der Fans.


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Es gibt gewisse Situationen, die jedem FCSG-Fan bekannt sind. SENF hat zehn solcher Begebenheiten zusammengestellt – Viel Spass!

1. Wenn jemand aus unerklärlichen Gründen Senf zu seiner Bratwurst bestellt:

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2. Wenn ein besonders witziger Zeitgenosse den unsäglichen Spruch «Hopp Sangallä, inä mit äm Ballä» zum Besten gibt:

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3. Wenn der FC Basel mal wieder Schweizermeister wird:

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4. Wenn das Bier wider Erwarten alkoholfrei ist:

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5. Wenn der FCSG im Cup (schon wieder) gegen einen unterklassigen Gegner verliert:

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6. Wenn dich deine Mitarbeiter nach einer Niederlage am Montag nach dem Resultat fragen:

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7. Wenn die Hobby-Zürcher mal wieder mit ihren 27 Meistertiteln angeben:

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8. Wenn du dir die Wiederholung vom «Wunder von Moskau» ansiehst:

kbstng[1]

9. Wenn der Schiedsrichter mal wieder einen völligen Schwachsinn pfeift:

1065[1]

10. Wenn das Spiel in fünf Minuten beginnt und du noch immer auf dein Bier wartest:

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Dieser Beitrag erschien am 15. September 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Zugegeben, Jeff Saibene war in St.Gallen nicht mehr bei allen beliebt. Die zahlreichen verschlafenen Rückrunden und der doch etwas verhaltene diesjährige Saisonstart liessen einige Fans daran zweifeln, ob Saibene noch der richtige Mann für diesen Job sei. Mit dem überraschenden Rücktritt hat der Trainer des FC St.Gallen seinem Club einen Bärendienst  erwiesen: Nun muss sich der FCSG auf die Suche nach einem neuen Coach machen, eine Aufgabe, an die man sich in St.Gallen schlicht nicht mehr gewöhnt ist. Um den Verantwortlichen die Arbeit zu erleichtern, hat SENF fünf  Vorschläge zusammengestellt. Die möglichen Kandidaten sind dabei so sorgfältig ausgewählt und passen so gut zum FCSG, dass man fast das Los entscheiden lassen muss.

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Andy Egli

Keine Trainersuche sollte vonstattengehen, ohne den 57-jährigen Egli zumindest in der engeren Auswahl zu haben. Egli, der als Spieler insgesamt fünfmal Meister und viermal Cupsieger wurde, gilt zu Recht als einer der versiertesten Kenner des Schweizer Fussballs. Seine langjährige Erfahrung als Trainer von verschiedensten Topteams wie Luzern, Aarau oder zuletzt dem SC Cham machen ihn zu einem der heissesten Anwärter auf den Job in St.Gallen. Da der FC St.Gallen zukünftig bekannterweise wieder vermehrt auf die eigene Jugend setzen will, hat Egli dank seinem Job als Nachwuchschef in Luzern ein echtes Ass im Ärmel. Auch die Tatsache, dass er in St.Gallen bereits einmal als Sportchef tätig war, spricht für ihn. Ein Grossteil der St.Galler Fans kommt heute noch ins Schwärmen, wenn sie auf die ruhmreichen Zeiten mit Egli zu sprechen kommen. Das Problem mit Kandidat Egli: Immer wenn im Schweizer Fernsehen ein versierter Fussball-Kenner gesucht wird, ist Andy Egli nicht weit. Es dürfte also nicht einfach sein, den Scheinwerfer-gebräunten Fachmann aus den SRF-Studios zu locken und anschliessend ohne Billag-Gebühren zu bezahlen.

Urs «Longo» Schönenberger

Wovon andere Trainer das ganze Leben träumen, das hat Schönenberger geschafft: Er hat im Jahr 2005 mit dem FC Thun ein Team in die Champions League geführt. Was damals als absolutes Fussballmärchen galt, wird dem 56-jährigen Zürcher auch heute noch hoch angerechnet. Dass er auf die Saison 2005/06 von der sportlichen Führung der Thuner freigestellt wurde, lag einzig und allein an der mangelnden Kompetenz ebendieser und keinesfalls am Zürcher Erfolgstrainer. Longo hat danach erneut bewiesen, dass er keine Eintagsfliege ist und wirklich zu den Top-Trainern dieses Landes gehört. Dies als er den FC Aarau trotz aussichtsloser Situation in der Saison 2005/06 vor dem Abstieg gerettet hat. Auch seine internationale Erfahrung als Coach des SCR Altach könnte für den FCSG Gold wert sein – schliesslich kann, nach der erfolgreichen Etablierung des FCSG in der obersten Liga, in zehn Jahren das Saisonziel nur Europacup heissen. Schönenbergers Nachteile: Die Erwartungshaltung in der Ostschweiz dürfte für ihn wohl zu hoch sein. Longo hat zwar den Ruf eines ausgezeichneten Trainers, doch seine Erfolge mit dem FC Thun eilen ihm voraus: Die Fans in St.Gallen würden von einem Mann wie ihm nichts anderes als die Qualifikation für die Champions League erwarten.

Gilbert Gress

Kaum ein Trainer mit einem Schweizer Pass (Gress besitzt auch den französischen) verfügt über so viel Erfahrung im Fussballbusiness wie Gress. Der äusserst erfolgreiche Gress wäre für den FC St.Gallen eine Bereicherung. Ein Trainer mit einem solchen Leistungsausweis – unter anderem französischer Meister mit Olympique Marseille als Spieler und Trainer sowie mehrfacher Schweizer Meister als Trainer – würde ein Signal an die nationale Konkurrenz aussenden, das die anderen Teams erzittern liesse: Wer einen Trainer holt, der in Frankreich als Trainer des Jahres 1978 ausgezeichnet wurde, tut dies nur, um ganz oben mitzumischen. Auch für die zahlreichen Franzosen im Team des FCSG wäre eine Verpflichtung von Gress ein starkes Zeichen – sie würden endlich verstehen, was der Trainer denn nun genau von ihnen verlangt. Gress’ Nachteile: Sowohl bei Aarau, als auch bei der Schweizer Nationalmannschaft scheiterte eine Vertragsverlängerung an den Lohnforderungen von Gress. Andererseits darf ein Mann wie Gilbert Gress, der wie kein zweiter den modernen Fussball verkörpert, auch etwas kosten.

Diego Armando Maradona

Der bald 55-jährige Argentinier würde das Image des FC St.Gallen mächtig aufpolieren und den Verein weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt machen. Nicht nur sportlich, sondern auch finanziell würden sich bei einer Verpflichtung Maradonas ganz neue Türen öffnen. St.Gallen könnte mit ihm als Trainer auch die Massen aus dem nahen Ausland (wie dem Vorarlberg, Baden-Württemberg oder gar aus Zürich) anlocken. Die Hand Gottes würde zweifellos auch bei der Mannschaftsaufstellung ein goldiges, von Gott geführtes Händchen beweisen. Zusätzlich könnten mit Maradonas Beziehungen viele junge argentinische Talente den Durchbruch in Europa schaffen und von der Ostschweiz aus für viel Geld in die anderen europäischen Top-Ligen transferiert werden. Maradonas Nachteil: Er kennt den Schweizer Fussball nicht. Es müsste zusätzlich ein Assistenztrainer mit Erfahrung angestellt werden. Hier böte sich zum Beispiel Rolf Fringer an. Zur Zeit zwar (wenig) erfolgreich in Luzern als Sportchef tätig, jedoch zweifellos ein Mann für diesen Job. Die für die Verpflichtung von Barnetta gedachten Mittel könnten hier sinnvoll investiert werden.

Lothar Matthäus

Wenn einer der erfolgreichsten deutschen Trainer der Neuzeit auf dem Trainermarkt zu haben ist, muss er auch in St.Gallen ein Thema sein. Doch nicht nur sportlich, sondern auch menschlich würde Matthäus hervorragend zu St.Gallen passen. Der ruhige Arbeiter würde sich mit Präsident Dölf Früh sicherlich bestens verstehen, halten doch beide nicht viel von grossen Tönen und arbeiten lieber im Hintergrund. Trotzdem würde Matthäus einen gewissen Promifaktor in die Ostschweiz bringen, was den St.Gallern nach einigen Jahren mit dem Luxemburger Jeff Saibene ganz gut tun würde. In seiner extrem erfolgreichen Zeit als Nationaltrainer von Bulgarien hat Matthäus klar gezeigt, dass er trotz der knapp verpassten Qualifikation für die EM 2012 durchaus für höhere Aufgaben geeignet ist. Mit ihm an der Seitenlinie könnte der Traum von einer weiteren Europacup-Saison wieder in Erfüllung gehen. Matthäus hat seiner Konkurrenz auf dem Trainerposten noch etwas voraus: Keiner versteht es so gut wie er, die manchmal wacklige St.Galler Abwehr zu stabilisieren. Mit der Wiedereinführung des Liberos würde er Daniel Lopar im restlichen Saisonverlauf ungemein entlasten. Matthäus’ Nachteile: Wie lange würde St.Gallen einen Trainer mit solch internationalem Ruf halten können? Der FC St.Gallen müsste damit rechnen, dass Matthäus bei einem entsprechenden Angebot eines Bundesligisten um Freigabe bitten würde. Für deutsche Trainer ist die Schweiz – nicht zuletzt aufgrund der beinahe unüberwindbaren Sprachbarriere – nicht das höchste aller Gefühle, der Traum ist und bleibt die Bundesliga.

An dieser Stelle möchten wir unsere Leserinnen und Leser sowie Christian Stübi darauf hinweisen, dass diese Vorschläge keinesfalls ernst gemeint sind. Sollte tatsächlich einer unserer Kandidaten den Trainerjob erhalten – wir wären schockiert! SENF lehnt jegliche Haftung für Schäden ab, welche dem FC St.Gallen entstehen, wenn trotz obiger Warnung einer der genannten Kandidaten das Rennen macht.


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Zur Winterpause der Saison 2004/05 stand der FCSG auf dem zweitletzten Platz, dem Barrange-Rang. Und zum ersten Spiel nach der Pause empfingen die Ostschweizer den FC Basel. Eigentlich bestand wenig Hoffnung auf Besserung. Doch dann kam Hilfe von oben…

Schneespiel

Hutter setzte sich im St.Galler Hauptbahnhof in den Regionalzug Richtung St.Fiden. Er boykottierte die St.Galler Verkehrsbetriebe: Gegen Aarau hatte Hutter wie gewohnt beim Marktplatz in den 3er einsteigen wollen, aber er hatte es nicht einmal aufs Trittbrett des überfüllten Bus geschafft. Er kam zu spät, verpasste Alex‘ Traumtor zum 1:1 und also «die fünf verrücktesten Startminuten, die es auf dem Espenmoos je gegeben hat», wie Mock behauptete. Hutter war missmutig, aber damit war er nicht allein: Ein Kondukteur machte am Sonntag Dienst nach Vorschrift und begann die Fussballfans im Zug zu kontrollieren. «Ich geh an den Match», sagte Hutter, als sich der eifrige Bahnbeamte vor ihm aufbaute. Jedes Kind dieser Stadt wusste, dass ein Match-Ticket ein Passepartout für den öffentlichen Verkehr auf Stadtgebiet bedeutete, nur dieser gewissenhafte Beamte schien das noch nicht mitbekommen zu haben: «Und wenn Sie mit dem Zug an den Genfer Autosalon fahren, so lösen Sie auch kein Bahnbillet, Sie Klugscheisser?» – Hutter hatte seinen ersten Adrenalinstoss schon eine halbe Stunde bevor der erste rotblaue Spieler den St.Galler Strafraum betrat. Was war eigentlich los? Warum hatten es alle frustrierten Menschen dieser Welt auf friedliche Fussballfans abgesehen? Welche geheimen, teuflischen Mächte waren hier am Werk? – Hutter drückte dem armen Mann in Bähnler-Uniform seinen grünweissen Schal in die Hand, umarmte ihn, wünschte ihm gute Gesundheit und stieg in St.Fiden aus dem Zug.

Mock tigerte schon vor dem Bierzelt herum. «In Bern bringen sie es nicht fertig, zehn Zentimeter Schnee vom Neufeld zu schaffen, aber die vorbildliche Ostschweiz arbeitet Tag und Nacht, bloss damit sich der Meister Basel auf dem Espenmoos ein bisschen einturnen kann vor dem kapitalen Uefacupspiel in Lille. Sind wir eigentlich alle verrückt geworden?» – Mocks Empörung war reine Show. Er hatte ein Elefantengedächtnis und wusste, dass St.Gallen auf Schnee meist besser aussah als der Gegner, dass also der weisse Zufall, unterkühlte Schiedsrichter und orange Fussbälle ein Herz für St.Gallen hatten. Wen interessierte es hier schon, wie man die Punkte holte, Hauptsache, man verscheuchte endlich dieses schreckliche Abstiegs-Barrage-Gespenst.

Die Schneetherapie wirkte: Das verhärmte, tieftraurige Publikum erwärmte sich beim Anblick der drei Neuen Hassli, Callà und Lopez und fand von Minute zu Minute zurück zu längst verlorener Lebensfreude. Eric Hassli traf im Stile eines grossen Goalgetters schon bei seinem ersten Schuss auf Zubis Tor zum 1:0. Julio Lopez bewegte sich wendig und entschlossen auf dem weissen Rasen, als hätte er nie andere äussere Bedingungen als Schnee und Eis gekannt und sich gerade deswegen für den FC St.Gallen entschieden. 2:0. Davide Callà schliesslich zauberte mit seinen Dribblings und Körpertäuschungen einen Hauch grossen Fussballs zurück aufs winterliche Espenmoos. 3:1.

«Souveräner Auftritt, fast so wie in der Meistersaison. Hutter, von mir aus kann dieser Winter ewig weitergehen!» Mock war richtig überschwänglich, Hutter kannte ihn kaum mehr. «Schnee, ich wünsche mir Schnee noch im Mai! Ich liebe Schnee.» Weisse Euphorie am selben Ort, wo bloss eine Woche früher alles düster und trostlos gewesen war. «Hutter, eigentlich müsste mir meine Krankenkasse die Saisonkarte bezahlen. Fussball tut gut, ich fühle mich wunderbar.»

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03
– «Was dann?»
 «Kiki, Trello und Philippe»
 «Grünweisse Flotte»
– «Rudi und Lolita» im SENF #04

Die aktuelle Episode «Schneetherapie» erschien anlässlich des Heimspiels am 22. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Thun.

Hutter & Mock