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Mit dem Projekt «Focus One» will die Swiss Football League (SFL) Fans auf öffentlichem Grund verdeckt filmen. Die Wochenzeitung (WOZ) hat bereits im Mai datenschutzrechtliche Fragen dazu aufgeworfen. In der Ausgabe vom 9. Juli 2015 doppelt die WOZ nach: Der FC St.Gallen filme schon lange verdeckt und tue das nach wie vor. SENF wollte es genau wissen und hat bei den Sicherheitsverantwortlichen nachgefragt.

Kamera_Blog

Das Bekanntwerden des von der Schweizerischen Fussballiga finanzierten Projekts «Focus One» schlug bereits im Frühling hohe mediale Wellen. Insbesondere die WOZ berichtete ausführlich von den berechtigten Datenschutzbedenken, die der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte damals äusserte. Unter den Fans des FC St.Gallen sorgte dieses Projekt der Liga jedoch für wenig Aufregung: Die Ostschweizer Fans wurden nämlich teilweise schon früher auf öffentlichem Grund gefilmt. Dies von einer vom Verein angestellten privaten Sicherheitsfirma. Die juristisch heikle Sache sollte dabei verdeckt durchgeführt werden. Aufgefallen ist es wenig überraschend trotzdem. Pikant daran: Die Sicherheitsverantwortlichen des FCSG haben eine entsprechende Bewilligung erst auf die Bedenken der Fans hinsichtlich der Legalität der Aktion hin geholt.

Die Skepsis war damit zwar nicht weggewischt, eine Möglichkeit sich auf (juristischer) Ebene weiter dagegen zu wehren, fehlte aber. Insbesondere da betont wurde, dass das Filmen für einen Erhalt der Super League-Lizenz relevant sei. Offensichtlich eine Auflage, an die sich nicht alle Clubs gleichermassen hielten.

Gemäss einem gestern erschienen Bericht der Wochenzeichtung verzichte der FCSG deshalb aber nicht auf seine eigenen Aufnahmen. Diese Meldung kam für die Fans wiederum dann doch ein wenig überraschend, hatte man doch vernommen, dass der Verein die Sicherheitsfirma nicht mehr beschäftige – was auch glaubwürdig erschien, da man diese seit geraumer Zeit nicht mehr an den Fussballspielen gesehen hatte. SENF wollte Klarheit und hat beim  Sicherheitsverantwortlichen Benni Burkart nachgefragt. Gemäss ihm filmt der FCSG «nur» noch in den Stadien und – sofern der Einsatzleiter der St.Galler Polizei einen entsprechenden Auftrag gibt – situativ auch im öffentlichen Raum rund um das Stadion. Bei Auswärtsspielen werden die FCSG-Fans nicht mehr auf Geheiss des FCSG auf öffentlichem Grund gefilmt, sondern «nur» noch durch die Liga, sofern ein Auswärtsspiel des FCSG im Projekt «Focus One» ausgewählt wird. Laut Burkart hätte der FCSG seit Bekanntwerden dieses Projekts deshalb auch nur noch gefilmt, wenn sie einen schriftlichen Auftrag der Behördern erhalten hätten. Nur: Seit die Liga nachgezogen habe, fühle sich dafür niemand mehr zuständig oder die örtlichen Behörden würden dafür keinen Bedarf mehr sehen. Folglich habe der FCSG seit dem Frühjahr 2015 keine Aufnahmen dieser Art mehr veranlasst.

So «nobel» diese neu entdeckte Zurückhaltung auch sein mag, der schale Beigeschmack der fraglichen datenschutzrechtlichen Legalität beider Projekte bleibt dennoch bestehen. Insbesondere wenn man bedenkt, dass die von der Liga beschriebenen Einschränkungen auf das Filmen der Partien mit einem «hohem Gefahrenpotenzial» und auf lediglich die Aufzeichnung der Ausschreitungen und nicht die «friedlichen» Fanmärsche viel Interpretationsspielraum offen lassen. Über kurz oder lang werden die Gerichte zu entscheiden haben, was man unter diesen beiden dehnbaren Begriffen versteht. Wie so oft steckt der Teufel also im Detail.

Wer sich noch weiter zur Thematik der Sicherheit im Fussball informieren möchte, holt sich am Besten den am 30 Juli erscheinenden SENF #04 «Sicher isch sicher».


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In drei Wochen ist es soweit: Am 30. Juli erblickt der SENF #04 «Sicher isch sicher» das Licht der Welt. Der Release der vierten Ausgabe findet traditionell im Fanlokal statt, ansonsten ist aber nichts wie früher: Statt einer Podiumsdiskussion findet dieses Mal eine Preisverleihung statt.

Der Goldene Schlagstock

Die mediale Berichterstattung dreht sich nach einem Spieltag immer mal wieder nicht um den Fussball, sondern um das ganze Drumherum. Dabei steht vielfach das Thema Sicherheit im Fokus – sei dies aus berechtigten Gründen oder schlicht aus medialer Aufmerksamkeitshascherei. Für uns ist dieses Phänomen Grund genug, diesem Thema eine ganze Ausgabe zu widmen. Dies auch, weil wir uns sicher sind, dass bei dieser Thematik zwar immer alle mitreden, jedoch nur die wenigsten wirklich wissen, was denn nun in diesem sogenannten «Hooligan-Konkordat» steht, was ein Rayonverbot genau für einen Fussballfan bedeutet oder wie die Polizei einen Matchtag bestreitet.

Just weil immer alle mitreden, hat es deshalb vermutlich bereits jede erdenkliche Kombination für eine Podiumsdiskussion gegeben. Wir verzichten deshalb – im Gegensatz zu den vorherigen Release-Veranstaltungen – auf eine solche. Gäste wird es aber natürlich trotzdem geben: Für einmal werden diese jedoch nicht ins Fanlokal eingeladen, um zu diskutieren, sondern um unserer ersten Preisverleihung beizuwohnen. SENF verleiht diesen Juli nämlich erstmals Preise an Personen oder Institutionen, die sich in verschiedenen Bereichen rund um den Fussball besonders hervorgetan haben.

Da wäre zum einen – passend zum Titelthema des SENF #04 – der «Goldene Schlagstock». Dieser Preis wird an Organisationen verliehen, die sich im Bereich der Sicherheit rund um Fussballspiele in besonders bedenklicher Weise exponiert haben. Denkbar sind dabei missglückte Polizeieinsätze oder übermotivierte Sicherheitskräfte an den Stadioneingängen. Weiter verteilen wir das «Goldene Altpapier». Dieser Preis geht an Personen oder Organisationen, die sich mit einer besonders bedenklichen Berichterstattung zum Thema Fussball(fans) einen Namen gemacht haben. Im Zusammenhang mit der Sicherheitsthematik darf natürlich auch der «Goldene Käfig» nicht fehlen. Dieser wird dem Verein mit dem schlechtesten Gästesektor verliehen. Zu guter Letzt möchten wir aber auch noch einen positiven Preis vergeben. Dies, da im häufig negativ gefärbten Diskurs rund um Fussballfans Fürsprecher oder neutrale Vermittler enorm wichtig sind. Diejenigen Personen oder Institutionen, die uns besonders positiv aufgefallen sind, erhalten das «Goldene Megaphon».

Wer für die einzelnen Preise nominiert ist, erfahrt ihr nächsten Donnerstag hier auf unserem Blog. Bis dahin könnt ihr euch schon mal den 30. Juli ab 20.00 Uhr dick im Kalender anstreichen und darüber werweissen, wer die möglichen Preisträger sind.


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Der FC St.Gallen hat mit dem Umzug vom Espenmoos in die nach einem Sponsor benannte Arena im Westen der Stadt nicht nur ein Stück Geschichte abgeschlossen, er hat damit auch ein Stück Identität verloren.

Panorama-Ansicht des StadionsErlebnisse und Erinnerungen sind unweigerlich mit dem Ort verbunden, an dem sie stattgefunden haben. Wenn Fussballfans in der Vergangenheit schwelgen, ist die Nostalgie oft mit Erinnerungen an Stadien verbunden. Vermutlich haben Stadionnamen auch deshalb eine so grosse Bedeutung für Fussballfans. Und vielleicht sträuben sich auch deshalb so viele gegen den Verkauf der Namensrechte von Stadien, weil sie Angst haben, einen Teil ihrer Geschichte, einen Teil ihrer Identität zu verlieren.

Gerade bei neuen Stadien scheint diese Angst vorzuherrschen. Verständlich: Ein Sponsor wird den Namen nie auf ewig für sich beanspruchen. Zum Glück!, werden die Fans des deutschen Vereins Greuter Fürth sagen, deren Stadion zwischenzeitlich schon mal «Playmobil-Stadion» oder «Trolli Arena» hiess. Namenwechsel sind also vorprogrammiert. Ein Fan will sich aber beim Rückblick nicht überlegen müssen, war das jetzt noch in der «AOL Arena», in der «HSH Nordbank Arena» oder in der «Imtech Arena», wie es die Fans des Hamburger SV tun müssen.

Nicht so schön: «Neues Stadion St.Gallen»

Nachdem der FC St.Gallen fast 100 Jahre im Quartierstadion im Osten, dem Espenmoos, beheimatet war, spielt er nun seit 2008 in der AFG-Arena. Damit haben sich viele Fans nie anfreunden können. Mit dem Namen schon gar nicht. Unter dem Verkauf der Namensrechte der Arena im Westen leiden die FCSG-Fans seit Beginn, seit sieben Jahren. Man versucht sich mit Kürzeln wie NSSG – für «Neues Stadion St.Gallen» – zu behelfen. So richtig schön ist das aber auch nicht.

Wenn in drei Jahren der Vertrag mit der Arbonia-Forster Gruppe ausläuft, wird wohl ein anderer Sponsor kommen, denn die AFG durchlebt turbulente Zeiten. Ein erneutes Sponsoring wird kaum zur Debatte stehen. Das ist die Chance, eine Diskussion anzustossen. Unsere Heimat hat einen Namen verdient, der nicht wie ein Spieler ausgewechselt wird. Und wenn er nur inoffiziell ist. Der Espenblock heisst schliesslich auch nicht offiziell so, trotzdem kennt kaum einer den «richtigen» Namen. Doch wie soll dieser Name lauten?

Nicht so prickelnd: «Stadion Winkeln»

Die Umgebung des Stadions gibt leider nicht viel her. «Stadion an der Zürcher Strasse» fällt aus offensichtlichen Gründen weg. «Stadion Winkeln» klingt auch nicht so prickelnd. «Gründenmoos» wäre auch wegen der sprachlichen Anlehnung an Espenmoos schön, ist aber leider vergeben. Das Breitfeld liegt um die Ecke, aber ein Open Air-Parkplatz will man ja auch nicht sein. Regionale Bezüge taugen also wenig.

Vielleicht sind daher geschichtliche Anleihen besser? «Amoah-Stadion»? «Zellweger-Arena»? Hat zwar etwas für sich, ist aber irgendwie dann doch noch zu aktuell. Blicken wir länger zurück. Vielleicht sogar ganz zu den Anfängen des FC St.Gallen? Das Stadion nach den Gründervätern zu benennen, wäre naheliegend. Zwar sind hier Namen bekannt, vom ersten Präsidium weiss man sonst aber praktisch nichts. Heikel. Wer weiss, was das für Leute waren.

Nicht so falsch: «Stadion» statt «Arena»

Aber, wenn wir nur ein paar Jahre weiterschauen, sticht ein Name heraus: Emil Gretler. Er hat – wie im SENF #02 nachzulesen ist – viel Engagement in den Club gesteckt. Und er hat schon 1919 den FC St.Gallen als Pionier bezeichnet. Der Beitritt des FCSG in den Club of Pioneers wäre eine Genugtuung für ihn gewesen, hat er doch damals gesagt: «Das war […] richtige Pionier-Arbeit, als es noch hiess, etwas zu betreiben, für das niemand Verständnis aufbrachte, sondern nur Spott und Gelächter übrig hatte […] Ohne irgendwelche behördliche Subventionierung, ja an vielen Orten gegen die grössten Schwierigkeiten seitens der Obrigkeit, musste der Platz erobert werden.»

Doch welchen Zusatz hängt man dem Namen an? Ein «Arena» verbietet sich – zu Gretlers Zeiten hiess wohl kaum ein Stadion so. Sportplatz würde da schon eher hinkommen, aber es muss ja auch ein bisschen in die Zeit passen, zum modernen Stadion. Man sollte die Heimstätte des FCSG wohl wirklich als das sehen, was es ist: ein Stadion. Das «Emil-Gretler-Stadion»?

Welchen Namen würdet ihr der Arena im Westen der Stadt geben? Wir freuen uns über Kommentare und Einsendungen an info@senf.sg oder via unsere Facebook-Seite!


Dieser Beitrag erschien am 7. Juli 2015 beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. In der spielfreien Zeit veröffentlicht das Kollektiv auf Saiten in loser Folge.


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Es läuft immer noch nicht rund beim FC St.Gallen, Ausgabe 2004/05. Zwar konnte Thun zuhause bezwungen werden, das Auswärtsspiel in Basel endete aber wenig überraschend mit einer Niederlage. Im letzten Heimspiel der Hinrunde gegen den FC Aarau ging es deshalb auch darum, nicht auf einem Abstiegsplatz überwintern zu müssen. Hutter hatte sich etwas Besonderes ausgedacht, um die Südkurve und damit die Mannschaft anzuspornen: Eine Armada aus Papierschiffchen.

Papierschiffchen

Hutter stopfte die Hosenstösse in die Gummistiefel und kletterte auf der Eisenleiter hinunter zur Steinach. Mock lehnte müde am Geländer bei der Talstation des Mühleggbähnli und schaute lustlos hinab. «Nein Hutter, ich komme nicht mit. Abgemacht war eine kulturelle Stadtwanderung. Das aber ist billiger Erlebnis-Quatsch. Ausserdem beginnt der Match in 90 Minuten.» Hutter kannte den störrischen Mock. Er versuchte es auf die sanfte Tour: «Lieber Mock, du stehst an der Wiege dieser grossartigen Stadt. Hier hat alles begonnen, hier hat Gallus den Bären gefüttert und seine Einsiedlerzelle gezimmert. Ohne dieses Wunder gäbe es kein Espenmoos und keine Gegentribüne und wir hätten uns gar nie kennen gelernt. Komm schon, Mock.»

Hutter kannte sich gut aus in der St.Galler Unterwelt. Seine Stadt-St.Galler Cousins hatten ihm als Kind alle Zugänge gezeigt, stundenlang waren sie mit Taschenlampe unterwegs gewesen. «Hutter, es stinkt, so kann ich mich beim besten Willen nicht auf ein Fussballspiel vorbereiten. Warum zeigst du mir diesen Dreck da unten?» – «Aus zwei Gründen, Mock: Die Steinach wird völlig unterschätzt. Was hat die giftige Sitter mit St.Gallen zu tun? Nichts. Dieses Wasser hier heilt und gibt Kraft – auch verzagten Fussballfans vor kapitalen Partien. Zweitens: Du sollst endlich die Seele der Stadt St.Gallen kennen lernen. Dazu muss man herabsteigen in die Geschichte. Das tun wir gerade.»

Mock trottete wie ein müder Bär hinter Hutter her. Es war still. Die Steinach gurgelte, die Schritte hallten. Mock dachte an den Basel-Match vom letzten Wochenende. St.Gallen hatte drei richtige Torchancen gehabt in neunzig Minuten: Alex‘ Schuss ging daneben, Akwuegbo scheiterte allein vor Zubi und Schickers sehenswerter und korrekter Ausgleich wurde vom Schiedsrichter wegen Offside annulliert. Ohne Punkte heute gegen Aarau würden Mock und der FCSG wohl auf einem Abstiegsplatz überwintern. Frohe Weihnachten!

Mock blieb vor einem Schacht stehen. «Hutter, mir reichts. Ich will raus hier, hinauf ans Licht. Bis nachher im Bierzelt. Danke für deine Bemühungen.» Hutter hielt ihn fest, öffnete seinen Rucksack und drückte Mock einen Sack mit grünweissen Papierschnipseln und Papierschiffchen in die Hand. «Komm, hilf mir bei meiner kleinen Überraschung für die Südkurve. Die grünweisse Steinach wird die jungen Menschen auf ihrem Weg zum Sektor Grün aufheitern und zu weiteren grossartigen Choreos anspornen. So helfen wir mit, den Abstieg zu vermeiden.» Mock setzte die Papierboote vorsichtig ins kalte Wasser, beleuchtete die schwankende Papier-Armada mit seiner Taschenlampe und schrie dazu: «Allez, SG, allez! Mer wered immer zämestoh.»

Hutter schaute auf die Uhr. «Wir kommen nun zum Höhepunkt und Abschluss unserer Stadtführung. Wir befinden uns unter dem Bahnhof St.Fiden, wo in diesen Minuten Tausende aus allen Ecken der Ostschweiz ankommen und hinüber zum Espenmoos strömen.» Dann sahen sie Licht, das mit jedem Meter grösser und heller wurde. Beim Tunnelausgang mischte sich das Rauschen der Steinach mit den Liedern, die von der Südkurve hinunter geweht wurden. Grünweisse Schiffe tanzten auf dem Wasser.

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03
– «Was dann?»
 «Kiki, Trello und Philippe»

Die aktuelle Episode «Grünweisse Flotte» erschien anlässlich des Heimspiels am 17. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Aarau.

Hutter & Mock


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Während vergangenen Mittwochabend bereits die ersten Openair-Enthusiasten auf den Einlass ins Gelände warteten, fand im Tagblatt-Mediencenter eine Informationsveranstaltung zu den Fragetechniken der St.Galler Staatsanwaltschaft statt. SENF liess sich diesen Einblick in die Methodik der Staatsanwaltschaft nicht entgehen und gibt dir an dieser Stelle Tipps, wie man sich am besten gegen diese Fragen wappnet.

Rund 20 Journalistinnen und Journalisten folgten der Einladung des Recherchenetzwerks investigativ.ch und fanden sich am frühen Abend im St.Galler Westen ein, um von den Befragungstechniken der St.Galler Staatsanwaltschaft für die eigene journalistische Tätigkeit zu profitieren. Die Absichten der beiden Vertreter des SENF waren dabei weniger von journalistischer, sondern viel mehr von rein praktischer Natur: Wie soll man sich am besten verhalten, wenn man zum «Gespräch» mit dem Staatsanwalt oder der Polizei aufgeboten wird?

Sicherheit

Grundsätzlich einmal lässt sich festhalten, dass es im ersten Moment sinnvoll ist, vom Aussageverweigerungsrecht Gebrauch zu machen. Dies bedeutet konkret, dass du als Schweizer Bürger lediglich deine Personalien in Form von Name, Vorname, Geburtsdatum, Adresse, Heimatort sowie – sofern du noch nicht 18 Jahre alt bist – die Namen deiner Eltern angeben musst. Sämtliche weiteren Angaben wie dein Arbeitgeber, Hobbies und die Namen deiner Freunde und Bekannten können im weiteren Verlauf eines allfälligen Strafverfahrens gegen dich verwendet werden. Deshalb gilt: Verweigere am besten sämtliche weiteren Aussagen mit dem Satz «Ich verweigere die Aussage» oder «Ich habe nichts zu sagen» – dies zumindest bis du einen Anwalt zur Seite hast.

Falls du dich dennoch dazu entschliesst mit dem Staatsanwalt zu sprechen, erfährst du unten wie das Gespräch abläuft und du dich dabei am besten anstellst:

> Sobald du beginnst zu sprechen, begibst du dich in den sogenannten Befragungstrichter: Zu Beginn wirst du aufgefordert in einem möglichst offenen Bericht so umfassend wie möglich zum Befragungsgegenstand zu berichten. Hier gilt: Erzähle dem Staatsanwalt ausführlich von deinen Hunden und wie gerne du mit ihnen spazieren gehst und betone dabei mehrfach weshalb das Ganze für den Gegenstand der Befragung so eminent wichtig ist. Keine Angst: Er wird dir gerne zuhören – schliesslich will er etwas von dir und nicht umgekehrt!

> Pass dabei vor komplexen Aussagestrukturen und möglichen Widersprüchen auf – diese können dir im weiteren Verlauf der Befragung zum Verhängnis werden. Bilde einfache, verständliche Sätze und nimm Rücksicht auf dein gestresstes Gegenüber.

> Als nächstes wird deine Erzählung auf mögliche Widersprüche hin geprüft, wobei sämtliche erklärungsbedürftigen Aussagen mit einem «Wieso» hinterfragt werden. Weiter wird versucht mittels gezielter Nachfragen die sieben W-Fragen (Wer?, Wann?, Wo?, Was?, Wie?, Warum?, Wozu?) beantwortet zu bekommen, die du während deiner freien Erzählung natürlich ausgelassen hast.

> Nachdem versucht wurde, möglichst viel in Erfahrung zu bringen, wird wiederum versucht, auf deine Ankerangaben (also diejenigen Angaben, die sich überprüfen lassen) einzugehen. Dies um allfällige Widersprüche aufzudecken. Dankenswerterweise sind Widersprüche schwieriger aufzudecken, wenn sie schwierig zu überprüfen sind: «Meine Hunde? Die habe ich von einem Freund, der gerade nach Kolumbien ausgewandert ist.»

> Danach wird der Staatsanwalt versuchen, mittels gezielter Fragen die für ihn weiteren noch notwendigen Details zu erfahren. Er wird dabei zusehendes auf das Muster «Eine Frage – Eine Antwort» zurückgreifen. Wenn du dich bis an diesen Punkt des Trichters durchgekämpft hast, dann ist es wichtig, dass du bei deiner Geschichte bleibst, und diese bis zum Schluss beibehältst. Wenn du jetzt beginnst, bei bestimmten Fragen die Aussage zu verweigern, machst du dich verdächtig, musst dich noch einmal durch den Trichter kämpfen und darfst dem netten Herrn im Staatsdienst deine Geschichte noch einmal erzählen.

> Wie du vielleicht festgestellt hast, ist dieser Trichter nicht ganz ohne Tücken. Falls du dieses langwierige Prozedere also dennoch auf dich nehmen möchstet und der Staatsanwalt in deiner Geschichte keine Widersprüche finden kann: Gratulation – Du hast es (schadlos) durch den Befragungstrichter geschafft!

Für all diejenigen, welche es sich nicht zumuten wollen durch den – übrigens hier einsehbaren – Befragungstrichter zu kämpfen, empfiehlt es sich vom Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch zu machen und den Anwalt sprechen zu lassen. Schliesslich heisst es nicht umsonst: «Reden ist Silber, Schweigen ist Gold».


Alles weitere zum Thema Fussball und Sicherheit erfährst du im neuen SENF #04 «Sicher isch Sicher». Im Ende Juli erscheinenden Heft findest du beispielsweise ein ausführliches Interview mit dem ersten Staatsanwalt Thomas Hansjakob oder einen möglichen Lösungsweg, um aus der Repressionsspirale auszubrechen. Natürlich wird die vierte Ausgabe wiederum mit einem gebührenden Release-Anlass gefeiert: Dieser findet am 30. Juli im Fanlokal statt. Das ist jedoch auch das einzige, was der Release der vierten Ausgabe mit den bisherigen Anlässen gemeinsam hat – soviel isch sicher!