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Alle Infos zu den ersten Fussballlichtspielen St.Gallen gibts hier.


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Jahrelang war der politische Tenor einhellig: Die Situation rund um Fussballspiele wird immer schlimmer, die Gewalt nimmt zu, Familien getrauen sich nicht mehr ins Stadion. Repression muss her! Umso erstaunlicher sind die jüngsten Aussagen der St.Galler Regierung zur Lage rund um Sportveranstaltungen.

Espenblock

Es dürfe nicht sein, dass man als Familie nicht mehr unbeschadet an einem Fussballmatch teilnehmen könne. So argumentierte die St.Galler Regierung – in der Person von Karin Keller-Sutter – noch 2008 im Kantonsrat, um den Beitritt des Kantons St.Gallen zum sogenannten «Hooligan-Konkordat» zu erreichen. Mit diesem immer wieder verwendeten Scheinargument wurde 2008 der Beitritt zum Konkordat und 2012 dessen Verschärfung durchgewunken. Schliesslich steige die Gewalt rund um Fussballspiele immerzu.

Dass diese Behauptung nicht durch Fakten untermauert wurde, hat der «Beobachter» bereits 2013 erkannt: «Offenbar nimmt die Gewalt an Sportveranstaltungen nicht zu.» Mittlerweile scheint diese Erkenntnis auch bei der Staatsanwaltschaft und bei der Regierung angekommen zu sein. Thomas Hansjakob, erster Staatsanwalt und nicht gerade als Verharmloser bekannt, sagte unlängst in einem TVO-Interview zur aktuellen Situation rund um Fussballspiele: «Das Problem hat sich tatsächlich etwas entschärft in letzter Zeit.»

Und auch die St. Galler Regierung nahm in der Antwort auf eine Interpellation, welche von CVP-Kantonsrat Cornel Aerne im November des letzten Jahres eingereicht worden war, ausführlich Stellung zur aktuellen Situation.

Zuschauer am Stadioneingang fotografieren?
Aerne (der als Kantonspolizist arbeitet) stellte zur Diskussion, ob ein Personen-Identifikationssystem nach dem Vorbild des Eishockeyvereins EV Zug an den Eingängen zu St.Galler Sportstätten denkbar wäre. Dabei werden Zuschauer fotografisch erfasst und ihre Identitätskarten gescannt, um diese mit der sogenannten «Hooligan-Datenbank» abzugleichen. Dies habe, so argumentiert Aerne, zu einer drastischen Reduktion der anreisenden gewaltbereiten Fans geführt. Jetzt – auch er bringt dieses Argument – sei es Familien wieder möglich, «mit gutem Gefühl eine Sportveranstaltung zu besuchen».

Die Regierung hat wenig übrig für Aernes Ansinnen, wie die seit kurzem vorliegende Antwort auf die Interpellation zeigt. Sie stellt sich in einer Klarheit gegen die Ausdehnung repressiver Massnahmen, die noch vor kurzem in St.Gallen undenkbar gewesen wäre. Sowohl Verhältnismässigkeit als auch Erforderlichkeit werden klar abgesprochen: «Die aktuelle Sicherheitslage, die sich in den Sportstadien des Kantons St.Gallen seit längerer Zeit als relativ ruhig präsentiert, könnte einen generellen Einsatz solcher Personen-Identifikationssysteme zum jetzigen Zeitpunkt wohl kaum rechtfertigen.»

Fehlbare könnten mit konventionellen Massnahmen überführt werden und die polizeilichen Szenekenner würden die (Problem-)Fans kennen. Die Regierung erwähnt auch, dass der Vergleich zwischen dem Eishockeyverein EV Zug und dem FC St.Gallen schwierig sei. Schliesslich fasse alleine der Gästesektor im Stadion des FC St.Gallen mehr als 1‘000 Plätze, während in Zug höchstens 350 Gästefans Platz fänden. Eine systematische Erfassung von 1‘000 Personen sei logistisch kaum zu bewältigen und führe vor allem zu Wartezeiten.

Das aber würde jüngste Erfolge gefährden: «Zwischenzeitlich konnte beim Gästesektor aber eine deutliche Entlastung der Eingangssituation herbeigeführt werden. Mit der Einführung von Personen-ldentifikationssystemen müsste mit einer neuerlichen Verschärfung der Situation gerechnet werden.» Und weiter: «Es kann im Übrigen auch nicht davon ausgegangen werden, dass sich einschlägig bekannte Fans mit der Einführung solcher Personen-ldentifikationssysteme nachhaltig von einer Anreise nach St.Gallen abhalten lassen würden.»

Hoffnung auf Vernunft in der Politik
Die Klarheit, mit der die Regierung solchen Personen-Identifikationssystemen eine Abfuhr erteilt, lässt hoffen, dass in der politischen Diskussion langsam Vernunft einkehrt. Wie die Regierung richtig erwähnt, können Fehlbare jetzt schon zur Rechenschaft gezogen werden. Vielleicht ermöglicht dieses Tauwetter auch fundierte Diskussionen über Sinn und Unsinn des umstrittenen «Hooligan-Konkordates». Während nämlich Karin Keller-Sutter noch 2010 im Kantonsrat anlässlich der Diskussion zur Verschärfung des Konkordats zu Protokoll gab, die Unschuldsvermutung gelte immer im Strafrecht, ist sich die Regierung Ausgabe 2015 zumindest bewusst, dass es um «straf- und konkordatsrechtliches» Verhalten geht.

In letzterem hat die Unschuldsvermutung aber seit jeher einen schweren Stand. Selbst das Bundesamt für Polizei führte in einer Beschwerde gegen den Beitritt des Kantons Luzern zum verschärften «Hooligan-Konkordat» aus: «Der Grundsatz ‚in dubio pro reo‘ als Bestandteil der strafrechtlichen Unschuldsvermutung komme in Bezug auf HOOGAN daher nicht zum Tragen.» Höchste Zeit also für etwas Tauwetter.


Dieser Beitrag erschien am 19. Mai beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten. Das SENF-Kollektiv veröffentlicht dort in der Rubrik «Am Ball» nach jedem Auswärtsspiel einen Beitrag zum Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.


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Kommt Eric Cantona nach St.Gallen? Im Kulturmagazin Saiten wurde schon vor Tagen gemunkelt. Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Cantona kommt – auf die Leinwand! Am 12./13. Juni 2015 finden die ersten «Fussballlichtspiele St.Gallen» statt. Spiel-, Dokumentar-, Kinder- und Kurzfilme machen die Lämmlisbrunnenstrasse zur Kulturmeile. Podiumsdiskussionen, eine Ausstellung und ein Strassenfest inklusive Openair-Kino beleben das Linsebühlquartier.

Looking for Eric

«Fussball ist mehr als 11 gegen 11, mehr als 90 Minuten sportlicher Wettkampf.» Mit diesen Worten fassen die Veranstalter der ersten Fussballlichtspiele St.Gallen an der heutigen Pressekonferenz die Motivation zusammen, in St.Gallen ein Fussball-Filmfestival zu organisieren. Aus einer spontanen Idee am Rande des letzten SENF-Releases im Februar wurde ernst und nun, wenige Wochen später, verkünden die Organisatoren ein vollgepacktes Programm für das Wochenende vom 12./13. Juni: Zwei Spielfilme, zwei Dokumentarfilme, ein Kinderfilm, zwei Kurzfilmblöcke. Dazu ein Rahmenprogramm mit Podiumsdiskussionen, Musik, einer Ausstellung und einem Strassenfest.

Die ganze Veranstaltung findet entlang der Lämmlisbrunnenstrasse in St.Gallen statt. Das Fanlokal ist Infopoint und offizielle Festivalbeiz. Zudem wird am Freitagabend DJ Leroy hier den Abend musikalisch ausklingen lassen. Am Samstag tut ihm das Pascal Claude mit seiner Sammlung von Fussball-Schallplatten gleich. Vis-à-vis des Fanlokals, im Kulturraum 4 ½, kann in einer Ausstellung in die Geschichte des FC St.Gallen eingetaucht werden. Die Filme werden im ehemaligen Kino Tiffany sowie im Figurentheater gezeigt. Los geht es am Freitagabend mit einem Spielfilm, der die wahre Geschichte von Cass nacherzählt – einem schwarzen Jungen, der im England der 50er Jahre permanent diskriminiert wird. Er verschafft sich Anerkennung, indem er die «Karriereleiter» der Hooligan-Gruppierung Inter City Firm hochklettert. Nach seiner Verhaftung will er sein Leben umkrempeln, ein schwieriges Unterfangen. Anschliessend an den Film nimmt sich eine Podiumsdiskussion den im Film aufgeworfenen Themen an.

Weiter geht es am Samstag mit dem Kinderfilm «Marcello & Fatima – Zwei kleine Helden». In dieser Geschichte helfen sich ein christlicher Junge und ein muslimisches Mädchen gegenseitig bei ihren Problemen. Für die weniger jungen Festivalbesucher werden am Samstag mit «The Other Chelsea» und «Offside Istanbul» zwei Dokumentarfilme gezeigt. Ersterer nimmt sich der Region rund um das ukrainische Donetsk an, wo ein Fussballverein zur politischen Profilierung dient, während viele Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt sich in Kohleminen abschuften müssen. Im zweiten Film erhalten die Besucherinnen und Besucher einen Einblick in die Welt afrikanischer Flüchtlinge, die in Istanbul stranden und ihren Traum von einer Profifussballkarriere als Weg aus der Armut zu verlieren drohen. Das Thema Migration wird in der anschliessenden Podiumsdiskussion nochmal aufgegriffen.

Das Programm wird am Samstag abgerundet von zwei Kurzfilmblöcken und einer Openair-Vorführung von «Looking for Eric». In diesem Spielfilm erhält der depressive Postbote Eric Bishop Unterstützung von seinem grossen Idol, Eric Cantona. Dieser hilft ihm, sein Leben wieder auf die richtige Spur zu bringen. Und mit dazu das seiner Stiefsöhne. Eine gelungene Komödie, die mit viel Humor auch zu Solidarität aufruft.

Am Samstag belebt zudem ein Strassenfest das Linsebühlquartier. Zusammen mit dem Quartierverein findet dieses an der Unteren Büschenstrasse, gleich bei der Kantonsschule, statt. Restaurants des Quartiers sorgen für das leibliche Wohl.

Tickets gibt es nur an der Abendkasse für 5.-/Tag. Festivalpässe für beide Tage sind ebenfalls erhältlich. Wer die Fussballlichtspiele St.Gallen weitergehend unterstützen will, kann den Solidaritätspreis von 20.- bezahlen oder gleich Mitglied im Trägerverein werden. Alle Infos dazu und zu der Veranstaltung sind unter www.fussballlichtspiele.ch zu finden.

Bild Plakat


SENF ist offizieller Medienpartner der Fussballlichtspiele St.Gallen. Die Fussballlichtspiele werden ermöglicht durch das Sponsoring von St.Galler Fussballvereinen von der Alternativ-Liga bis zur Super League: FC St.Gallen, SC Brühl, FC Winkeln, FC St.Otmar, FC Fortuna, FC Rotmonten, Alternative Fussball Liga St.Gallen.


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Nach dem 2:2 zuhause gegen Aarau war der FC St.Gallen nach 12 Spieltagen in der Saison 2004/05 weiterhin tief im Abstiegssumpf. Trotzdem traten Hutter & Mock die weite Reise zum Auswärtsspiel gegen Neuchâtel Xamax an. Die Neuenburger empfingen in jener Saison die Gäste aus der Ostschweiz wegen des Neubaus der Maladière im Exil in La Chaux-de-Fonds. Geholfen hat die Präsenz von Hutter & Mock auf der Jura-Hochebene nicht. Der FCSG verlor erneut und fand sich nun ganz zuhinterst in der Tabelle wieder.

Charriere in La Chaux-de-Fonds

Hutter staunte über die imposanten Felsen an den Jurahängen. Mock drehte an seiner Bierflasche und studierte die Resultate der Bundesliga. Hutter startete einen weiteren Versuch, mit Mock ein ernsthaftes Gespräch anzufangen. «Wie heisst das Stadion des FC Biel?» – «Gurzelen! Hutter, ich weiss, dass du alle welschen Stadien schon wegen ihrer Namen viel charmanter findest. Auf der Fontanette, der Charrière und der Pontaise wird genauso geholzt wie auf dem Espenmoos, dem Brügglifeld oder dieser blöden Gurzelen.» Hutter liess nicht locker und schickte die nächste Frage hinterher: «Welche beiden Klubs stiegen 1972 aus der Nati A ab?» – «Biel und Luzern. St.Gallen hatte sich in einem dramatischen Entscheidungsspiel 4:2 gegen Luzern durchgesetzt. Heinz Biglers Tor werde ich nie vergessen.» Nun war Mock richtig bei der Sache. Hutter setzte nach: «Dritte und letzte Frage: Was macht der wahre Fussball-Fan, wenn sein Klub am Abgrund steht?» Mocks Antwort kam prompt: «Er geht in den Garten, holt frischen Lauch und kocht daraus einen Gratin mit Schinken, Rahm und Steinpilzen für die Spieler des Fanionteams.» Dann schwieg Mock erneut.

Draussen rauschte die Taubenloch-Schlucht vorbei, dahinter öffnete sich das St.-Immer-Tal mit den verlassenen Fabrikgebäuden und einsamen Bauernhöfen. Hinter den Hügeln lag La Chaux-de-Fonds. Als St.Galler wusste man wenigstens, wem man seinen kalten Wohnort im Hochtal der Steinach zu verdanken hatte. Wer zum Himmel aber kam auf die verrückte Idee, eine Stadt für vierzigtausend Menschen auf einer Jura-Hochebene zu bauen? Hutter und Mock spazierten durch die menschenleere Avenue und hinaus durch die einfache Vorstadt zum «Stade de la Charrière», temporäres Exil von Xamax und ein Bijou im Ballenberg-Museum des Schweizer Fussballs. Sie suchten sich Plätze auf der Gegentribüne, einem hellbraun gestrichenen Betonklotz aus den Sechzigerjahren, der die ungemütliche Bise wie eine Talsperre zurückhielt. Nun hatten sie freie Sicht auf das holprige und mit gelbem Laub übersäte Spielfeld, auf dem manch grosser Spieler zu Hause war: «Kiki» Antenen! Schoss La Chaux-de-Fonds 1964 zum letzten Schweizer Meistertitel. – Trello Abegglen! War in Sochaux ein Star nach sechs Toren in einem Match, wechselte als Spielertrainer auf die Charrière und starb tragisch bei einem Zugunglück. – Wehmut machte sich nach wenigen Spielminuten auch bei den St.Galler Anhängern breit. Geschenkter Penalty für Xamax, 1:0 durch den Ex-St.Galler Jefferson. Der fleissige Rathgeb prüfte den eigenen Goalie Wüthrich mit einer hohen Rückgabe, M’Futi profitierte – 2:0. Margairaz‘ verunglückte Direktabnahme landete ausgerechnet auf dem Kopf von Jefferson – 3:0.

Mock holte sich einen Hamburger, ass einen Biss davon und merkte, dass das Fleisch innen noch roh war. Fabinho donnerte den Ball frei stehend über das Tor und aus dem St.Galler Gästesektor stieg schwarzer Rauch zum Himmel. Mock entdeckte unter den Zuschauern auf den Stehplätzen einen weiteren grossen Neuenburger Fussballer, den «Marathon-Man» Philippe Perret. Sechzehn Saisons lang hatte der für Xamax seine Knochen hingehalten. Er war 539-mal in Schwarz-rot angetreten und feierte nach dem 3:0 seine würdigen Nachfolger auf dem Feld, zusammen mit den «Young Tigers» hinter dem Tor. Die hatten ein Transparent aufgehängt: «Les gens comme nous ne meurent jamais» – «Leute wie wir sterben nie».

Die Geschichten von Hutter & Mock waren über Jahre fixer Bestandteil der St.Galler Matchvorbereitung. Die ersten 37 Folgen bis zum Abschluss der Rückrunde der Saison 2003/04 sind in einem Sammelband im Saiten-Verlag erschienen. Der Autor Daniel Kehl hat uns freundlicherweise die nachfolgenden, bisher nicht in Buchform erschienenen Episoden überlassen. Wir veröffentlichen in jeder Ausgabe des SENF eine Hutter & Mock-Episode, die erste im SENF #02. Zusätzlich erscheint jeden zweiten Monat eine Episode hier auf diesem Blog.

Bisher erschienen:
– «Kurort St.Gallen» im SENF #02
– «Müll in der Marktgasse»
– «Stöckl oder Zamorano»
– «Rock im Stadion»
– «Heiliger Ivan» im SENF #03
– «Was dann?»

Die aktuelle Episode «Kiki, Trello und Philippe» erschien anlässlich des Heimspiels am 15. Spieltag der Saison 2004/05 gegen den FC Thun.

Hutter & Mock

Foto: chaux-de-fonds.ch