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Das Hooligan-Konkordat führt seit seinem Bestehen zu Diskussionen über dessen Verhältnismässigkeit. Wenig verwunderlich, dass diese auch vor Richtern weitergeführt werden. Das Bundesverwaltungsgericht hat nun in einem Fall ein exemplarisches Urteil gefällt: Ein eingestelltes Strafverfahren führt zur Löschung aus der HOOGAN-Datenbank.

Waage

Seit der Vergabe der Euro 2008 an die Schweiz und Österreich zanken sich in der Schweiz Politikerinnen und Politiker, Fans, Medienschaffende und die Öffentlichkeit darüber, wie gegen Gewalt anlässlich von Fussballspielen vorzugehen sei. Seit jeher sind sich die verschiedenen Parteien auf praktisch allen Ebenen uneinig – vom eigentlichen Ausmass des Problems bis hin zur Verhältnismässigkeit und Sinnhaftigkeit der präsentierten Lösungen. Dies hat in der Vergangenheit schon oft zu Gerichtsverfahren geführt. Im jüngsten Fall hat das Bundesverwaltungsgericht die Löschung eines Eintrags aus der HOOGAN-Datenbank verfügt, in der gemäss Definition gewalttätige Fussballfans registriert werden sollen. Ein Urteil mit grundlegender Bedeutung.

Der Reihe nach: Im Jahr 2012 besuchte ein Fan ein Spiel seiner Mannschaft im Stadion Letzigrund in Zürich. Bei der Einlasskontrolle wurden in seinem Rucksack zwei Rauchpetarden gefunden. Er erhielt vom Heimklub ein zweijähriges Stadionverbot mit nationaler Gültigkeit. Die Stadtpolizei Zürich verfügte zudem ein zehnmonatiges Rayonverbot und die Staatsanwaltschaft leitete eine Strafuntersuchung wegen versuchter Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz ein. Wir erinnern uns: Bei einem früheren Fall hatte das Bundesgericht entschieden, dass mit dem Passieren der Stadion-Drehkreuze der «point of no return» überschritten, eine Verurteilung deshalb auch ohne das eigentliche Abrennen gerechtfertigt sei, wie das St.Galler Tagblatt damals berichtete. Im vorliegenden Fall machte der betroffene Fan jedoch geltend, dass er nicht über den Inhalt seines Rucksacks Bescheid wusste. Es handle sich um einen Rucksack seiner Fangruppe, worin sich nur Fahnen hätten befinden sollen. Die Staatsanwaltschaft stellte daraufhin bereits am 17. Juni 2013 das Verfahren ein. Der Besitz von pyrotechnischen Gegenständen sei nicht strafbar und es könne dem Fan nicht nachgewiesen werden, dass er um den Inhalt des Rucksacks wusste.

Weil sowohl Rayon- als auch Stadionverbot mittlerweile ausgelaufen waren, konnte sich der Fan nur noch um die Löschung seiner Daten in der HOOGAN-Datenbank bemühen. Diese werden dort nämlich bis drei Jahre nach dem Auslaufen der letzten Massnahme gespeichert. Seinem Gesuch entsprach das Bundesamt für Polizei (Fedpol) jedoch nicht. Die Gründe dafür sind just diejenigen, die Gegner des Hooligan-Konkordats immer anführen: Für die im Konkordat vorgesehenen Massnahmen und die Eintragung in der Datenbank sind keine rechtskräftigen Urteile notwendig. Das Fedpol ist daher, wie das Bundesverwaltungsgericht festhält, der Ansicht: «Der Grundsatz ‚in dubio pro reo‘ als Bestandteil der strafrechtlichen Unschuldsvermutung komme in Bezug auf HOOGAN daher nicht zum Tragen». Beim Fedpol versucht man diese Haltung zu untermauern, indem man die Einstellung des zu Grunde liegenden Verfahrens als Freispruch zweiter Klasse darzustellen versucht. Dies ist aber, wie das Bundesverwaltungsgericht festhält, nicht zutreffend: «Unter diesen Umständen besteht kein Anlass, einer Einstellungsverfügung generell weniger Gewicht beizumessen als einem freisprechenden Strafurteil. Dies, zumal gerade jene Fälle zu einer Einstellung führen, in denen sich die Unschuld des Tatverdächtigen klar erwiesen hat, während in den ‚kritischen‘ Fällen eher eine gerichtliche Beurteilung erfolgt.» Es stellt zudem klar, dass trotz der fehlenden Notwendigkeit eines richterlichen Urteils für das Verhängen von Massnahmen, dies nicht bedeute, «dass der Ausgang eines allfälligen Strafverfahrens irrelevant wäre». Oder noch deutlicher: «Lässt sich der Verdacht eines strafbaren Verhaltens im Strafverfahren nicht ausreichend erhärten, können daher auch Massnahmen … nicht mehr als gerechtfertigt erachtet werden.» Das Gericht kommentiert weiter aus anderen, früher ergangenen Urteilen kantonaler Gerichte: «Müsse ein Strafverfahren jedoch mangels genügender Nachweise eingestellt werden, dann erscheine es problematisch, ein Rayonverbot auf die Aussagen der Polizei abzustützen, die zu dieser Strafuntersuchung geführt hätten. Grundsätzlich könne ein Rayonverbot daher nicht gestützt auf einen Sachverhalt angeordnet werden, den die Strafverfolgungsbehördern nicht für anklagewürdig erachteten.» Folgerichtig kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss: «Es ergibt sich somit, dass das Rayonverbot definitiv aus HOOGAN zu löschen ist. Da nicht mehr von einem gewalttätigen Verhalten auszugehen ist, kann zudem auch das Stadionverbot nicht mehr als begründet erachtet werden … Auch dieses ist daher definitiv zu löschen.»

Trotz dieses klaren Urteils des Gerichts – auch die Verfahren und Anwaltskosten gehen zu Lasten des Staates – bleibt ein fahler Nachgeschmack. Ganz egal, wie man den am Ursprung stehenden Fund von zwei Rauchpetarden deutet, das Verfahren wurde rechtsgültig eingestellt. Der betroffene Fan durfte dennoch während zweier Jahre keine Stadien mehr betreten und musste sich während zehn Monaten zudem aus einem bestimmten Rayon fernhalten. Die Massnahmen, die ihn also am direktesten betroffen haben, wurden über die volle Zeit vollzogen. Dass der Fan nun nicht mehr in der HOOGAN-Datenbank geführt werden wird, ist da vermutlich ein schwacher Trost.


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Sepp Blatter referiert an der ETH Zürich, vor und im Gebäude kommt es zu massiven Protesten, die Polizei schreitet ein. Der Vorsitzende der rechtssprechenden Kammer der FIFA Ethik-Kommission, Hans-Joachim Eckert, entscheidet, dass bei der Vergabe der zukünftigen WM an Katar und Russland alles mit rechten Dingen vonstatten gegangen sei. Weil kritische Stimmen im Moment vor allem in die Zukunft blicken und sich auf die kommenden Weltmeisterschaften konzentrieren, blicken wir zurück auf die Weltmeisterschaft vor vier Jahren in Südafrika und auf die nach wie vor langen Schatten, welche diese wirft. Klaas-Jan Olifant vom Basler Schreyhals weiss Interessantes zu berichten. Wir hören zu.

Weisser Elefant
2010 fand die Weltmeisterschaft erstmals auf dem afrikanischen Kontinent statt und die Vorfreude auf den wirtschaftlichen Aufschwung in Südafrika war gross. Insgesamt wurden geschätzte 3,5 Milliarden Euro für Infrastruktur, Strassen, Flughäfen und das öffentliche Verkehrssystem ausgegeben, 1,5 Milliarden davon allein für Neu- und Umbauten der Stadien: Fünf von zehn Stadien wurden für den Grossanlass neu gebaut. Vier Jahre später schreibt aber nur eine der Spielstätten schwarze Zahlen. Bürgermeister, Lokalpolitiker, Anwohner und Betreibungsgesellschaften sind uneinig, wie die Bauten rentabel bewirtschaftet werden sollen, manche fordern eine komplette Neunutzung und den Abriss. Was tun also mit einem modernen Stadion, das einfach nicht rentiert? Eine Spurensuche am Kap der Guten Hoffnung.

Das Cape Town Stadium ist zwar erst knapp über fünf Jahre alt, dennoch ranken sich viele Geschichten um den weissen Elefanten vom Kap. Die Capetonians sind gesprächsfreudige Menschen und jeder hat eine Meinung zum Prunkbau am Green Point. Egal mit wem man redet, Unternehmer, Taxifahrer, Professoren, Kassierer oder Polizisten, man hört die verrücktesten Anekdoten: von einem FIFA-Präsidenten, der sich quasi aus der Luft in den Standort verliebte und mit Nachdruck einen kompletten Neubau forderte; von einem Rugbyverband, der sich dagegen aussprach, das Stadion für die symbolische Summe von einem südafrikanischen Rand (ca. 10 Rappen!) zu übernehmen; von Anwohnern, die einer wirtschaftlichen Nutzung skeptisch gegenüberstehen, weil sie ein Casino fürchten; und einer französischen Betreiberfirma, die noch vor Vertragsbeginn lieber eine Busse für den Ausstieg aus den Verpflichtungen bezahlte, als das defizitäre Stadionmarketing zu übernehmen.

Als gesichert gelten folgende Zahlen: Die Stadt muss jedes Jahr 53 Millionen Rand für den Unterhalt aufbringen (ca. 5,5 Millionen Franken), das Stadion generiert aber nur gerade 13 bis 18 Millionen Rand. Den Rest bezahlt die öffentliche Hand. Der Verlust zeichnete sich schon vor Jahren ab und wurde seit Baubeginn heftig kritisiert. Je nach Betrachter herrscht eine Mischung aus Stolz und Enttäuschung, wirtschaftlichem Optimismus und Resignation, Freude und Ärger. Je nach Ansicht wird das Cape Town Stadium als Abrissprojekt gesehen oder als enormes wirtschaftliches Potential für die Stadt.

Aber der Reihe nach. Nach dem Zuschlag der FIFA, die Weltmeisterschaft 2010 nach Südafrika zu vergeben, besuchte Joseph S. Blatter das Land mehrfach. Kapstadt war als Spielort gesetzt und es wurden mehrere Möglichkeiten diskutiert: Favorisiert war in den frühen Planungen ein Ausbau des bestehenden Athlone Stadium oder eine Erweiterung und Modernisierung der Newlands Arena, des zweitältesten Rugbystadions der Welt. Athlone und Newlands liegen in den Cape Flats, in der Nähe des Flughafens, und hätten die benötigte Infrastruktur (öffentliche Erschliessung, Parkplätze, Fünfsternhotel für die FIFA in 30 Minuten Anfahrtszeit) ohne grosse Auflagen erfüllen können. Das Fassungsvermögen war in beiden Fällen ausreichend (34’000 und 52’000), sie hätten ohne kolossale Investitionen vergrössert und auf den neusten Stand gebracht werden können.

Dann kam es aber zum Meinungsumschwung. Die Geschichte hält sich hartnäckig, dass Blatter und der damalige Staatspräsident Thabo Mbeki im Helikopter über die Stadt flogen, um die Örtlichkeiten aus der Luft zu besichtigen, und sich Blatter während dieses Fluges für einen neuen Standort stark gemacht haben soll: den Green Point am Signal Hill, direkt an der Victoria and Albert Waterfront und vor dem majestätischen Tafelberg. Dieser Spielort ist ohne Frage einer der schönsten der Welt, direkt an einem der beliebtesten und bekanntesten Postkartenmotive Afrikas, was den Ausschlag gab.

Postkarte Weisser Elefant
Was dann weiter geschah, ist nicht ganz klar, aber es gilt als gesichert, dass die FIFA sich gegen den Umbau bestehender Stadien und für einen kompletten Neubau in Green Point aussprach. Sie nahm indirekt Einfluss, indem Überlegungen zur Spielvergabe öffentlich gemacht wurden. Kapstadt hätte im Fall eines umgebauten kleineren Stadions in den Cape Flats nur ein Spielpaket von vier Vorrunden- sowie einem Achtelfinalspiel bekommen sollen. Die offizielle Begründung lautete, dass Viertel- und Halbfinalspiele zwingend 65’000 Zuschauern Platz bieten müssten, was in beiden Umbauprojekten unrealistisch war. Der Rivale Johannesburg hätte davon profitiert – das Soccer City in Johannesburg war bereits als Finalort gesetzt. Für den Fall eines Neubaus am Green Point mit entsprechender Grösse wurde aber ein volles Paket von acht Spielen inklusive Viertel- und Halbfinale zugesagt, wovon sich die Stadt einen wirtschaftlichen Schub versprach.

Während der Planungsphase kam es zu Spannungen mit den betroffenen Anwohnern sowie politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Bürgermeister und Helen Zille, der Premierministerin der Provinz Western Cape. Zille forderte, dass das Stadion nach dem Grossanlass selbsttragend sein müsse und fürchtete einen weissen Elefanten – einen architektonischen Prunkbau, der Prestige und Anerkennung einbringt, das Budget der Stadt aber belastet, weil er sich nicht finanzieren lässt. So machte Zille die Bewilligung für den Stadionneubau von finanziellen Garantien der Regierung und auch der FIFA abhängig, was kontrovers diskutiert wurde und hohe Wellen warf. Die Situation beruhigte sich erst, als die südafrikanisch-französische Betreibergesellschaft Sail Stadefrance, die auch das Stade de France in Paris betreibt, sich bereit erklärte, die Stadionvermarktung bis 2040 zu übernehmen. Die Finanzierung der insgesamt 450 Millionen Euro Baukosten wurde zu 73% von der Landesregierung übernommen, zu 5% von der Regierung der Western Province und zu 22% von der Stadt Cape Town.

Das alte Green Point Stadion, Heimstätte von Santos Cape Town mit 18’000 Plätzen, wurde 2007 grösstenteils abgerissen und durch das heutige Cape Town Stadium ersetzt, das an der WM 68’000 Zuschauern Platz bot und heute auf eine Kapazität von 55’000 reduziert ist. Das erzürnte Fussballfans, aber die Würfel waren gefallen: Das offiziell teuerste aller südafrikanischen Stadionprojekte wurde 2009 feierlich eröffnet. Die Spiele verliefen reibungslos, allerdings führte die WM nicht zum erhofften Reibach – der Aufmarsch von Fussballfans aus aller Welt war wie bekannt weit geringer als erhofft.

Wie sich die Situation nach der WM veränderte, kann man im zweiten Teil dieser Serie nachlesen.

Eine gekürzte Version dieses Textes wurde im Schreyhals (Oktober 2014) abgedruckt.


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Wenn der FC St.Gallen wegen der Länderspielpause nicht zum Einsatz kommt, sucht sich das SENF-Team Alternativen. Im Oktober haben wir uns auf den Plätzen der Region umgesehen, in der jüngsten Natipause wollten wir uns auf die grosse Bühne begeben, nahmen aber einen Umweg über einen englischen Pokalwettbewerb und über einen gänzlich fussballfremden Sportanlass.

Leyton Orient

Man wird das Gefühl nicht los, dass in Grossbritannien so viele Pokalwettbewerbe wie sonst nirgends durchgeführt werden. Die bekanntesten sind der FA Cup und der League Cup. Auch diese pausieren aber, wenn sich die Nationalteams duellieren. Bleibt also noch die Football League Trophy. Da in diesem Wettbewerb einzig Mannschaften der League One und der League Two – Englands dritt- bzw. vierthöchster Liga – antreten, startete unser Alternativprogramm mit dem Spiel Leyton Orient gegen Northampton Town. Vor 1’966 Zuschauern gewannen die Hausherren aus dem gleichnamigen Londoner Stadtteil mit 2:0. Mehr gibt es zum Spiel tatsächlich nicht zu sagen, denn herausragende Fussballunterhaltung sieht anders aus. Die 9’271 Zuschauer fassende Brisbane Road, das schmucke Kleinstadion des Heimteams, kann sich jedoch sehen lassen. Typisch englisch und mitten im Wohnquartier. Tatsächlich bilden sogar die Balkone eines mehrstöckigen Wohnhauses eine Ecke des Stadions. Doch auch im Nordosten Londons ist man wie in St.Gallen auf Geld angewiesen, auch hier wurde das Stadion mittlerweile nach einem Sponsor benannt: Matchroom Stadium, immerhin irgendwie passend.

Weil danach aber selbst in England kaum ein vernünftiges Fussballspiel aufzutreiben war, hat sich SENF (nach dem Motto Sogar Emol Nöd Fuessball) zum Tennis aufgemacht. In den ATP World Tour Finals machten immerhin gleich zwei Schweizer mit. Das Fazit ist schnell gezogen: Die O2 Arena ist gross, warm und verfügt über bequeme Sitze plus Doppelspiele sind relativ ermüdend plus Stan ist chancenlos gegen Djokovic gleich Tennis bleibt für SENF keine ernsthafte Option für die Zukunft. Wir bleiben beim Fussball.

So setzten wir uns vergangenen Freitag für einen knapp 24-stündigen Abstecher nach Glasgow in den Flieger. Auf dem Programm stand das EM-Qualifikationsspiel Schottland gegen Irland. Die Affiche versprach einiges, war doch die Ausgangslage in der Gruppe D äusserst spannend. Der Gruppenfavorit Deutschland war vor diesem Spieltag hinter Irland klassiert und wies gleich viele Punkte wie Schottland auf. Auch auf den Rängen war einiges zu erwarten, sind doch beide Nationen als laute Sänger bekannt. Das Spiel wurde im rappelvollen Celtic Park durchgeführt. Das Stadion ist für jeden St.Galler ein Traum. Das ganze Stadioninnere ist in grün-weiss gehalten, sogar Verpflegungsstände und Fussböden. Das Spiel selber lief wie erwartet ab: viel Kampf auf beiden Seiten – als würden sich 22 St.Galler gegenüberstehen. Den sehenswerten und entscheidenden Treffer schoss schliesslich der Schotte Shaun Maloney nach 74 Minuten: ein wunderbarer Schlenzer quer durch den Strafraum. Das Stadion schien zu explodieren. Auf den Rängen war die Stimmung sowieso das ganze Spiel hindurch ausgezeichnet. Vor allem die Hymne – während dem Spiel gesungen – erzeugte Gänsehaut.


Laut wurde es auf den Rängen auch, wenn der Ire Aiden McGeady am Ball war. Die irische Nummer sieben wurde bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen, ausgebuht und beschimpft, denn McGeady, der in Schottland geborene Flügel, hat sich gegen Schottland und für das irische Nationalteam entschieden. Die mitgereisten Gäste aus Irland waren gegen die schottische Übermacht meist unterlegen. Dass die Iren singen können, haben sie aber unter anderem an der EM 2012 eindrücklich bewiesen, als sie kurz vor Schluss des Spiels gegen Spanien Fields of Athenry anstimmten – beim Stand von 0:4 notabene. Nach dem Spiel machten sich die Fans zu Fuss auf dem Heimweg quer durch die Stadt, da der Celtic Park nicht annähernd am U-Bahnnetz angeschlossen ist, und so war an ein Durchkommen mit Bus oder Auto nicht zu denken. Es kamen Erinnerungen an den Europacup-Ausflug nach Swansea hoch.

Am Tag darauf fand im Wembley das Qualifikationsspiel zwischen England und Slowenien statt. Das Wembley, 2003 bis 2007 nach dem Abriss des alten Stadions neu erbaut, hat Platz für 90’000 Zuschauer; nach dem Camp Nou in Barcelona ist es somit das zweitgrösste Fussballstadion Europas. Im Gegensatz zum Camp Nou ist das Wembley jedoch kein Stadion einer Clubmannschaft. Hier trägt die englische Nationalmannschaft ihre Spiele aus. Zusätzlich finden im Wembley jeweils die Finalspiele der Englischen Pokalwettbewerbe und das Finalspiel der Aufstiegsplayoffs in die Premier League statt. Auch die NFL (American Football) war schon zu Gast. Und schliesslich wird das Wembley auch für Konzerte gebraucht. Wenn man an der U-Bahnhaltestelle Wembley Park aussteigt, sieht man den charakteristischen Bogen des Stadions schon von weitem, der Weg dorthin ist somit nicht zu verfehlen. Ausser dem eindrücklichen Bau und der lauthals mitgesungenen Nationalhymne war das Spiel jedoch enttäuschend. Zwar haben die mitgereisten rund 1’000 slowenischen Gästefans ab und zu mitgemacht, in so einem Stadion geht das jedoch schnell unter. Das englische Publikum rang sich ab und an ein bisschen zum Mitmachen durch, alles in allem jedoch herrschte eine Stimmung fast wie in der Kirche. Sogar beim Tennis war die Stimmung besser. Die Slowenen – leider ohne Dzengis Cavusevic – gingen dank eines Eigentors der Engländer in Führung, Rooney konnte keine fünf Minuten später ausgleichen und Danny Welbeck sorgte mit einem Doppelpack für das 3:1-Endresultat.

England im Wembley

Was bleibt nun nach einer Woche Grossbritannien mit Klubfussball, Tennis und Länderspielen? Die Stimmung beim Tennis ist trotz verordneter Ruhe während dem Spiel besser als bei Länderspielen der Three Lions. Die Schotten aber, die haben uns wohl für die meisten Länderspiele verdorben.


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Als Pascal Claude seine wöchentlichen Kolumnen in der Schweizer Wochenzeitung (WOZ) einstellte und später auch seinen Blog knappdaneben.net auf Eis legte, fehlte dem Schweizer Fussball eine der kompetentesten Stimmen. Nun hat Pascal Claude seinen Blog reaktiviert und in einem Buch mehrere Geschichten «aus den Randgebieten des Fussballs» zusammengefasst. Endlich!

Den Autor des Buches «Viele Grüsse aus dem Stadion – Neues aus den Randgebieten des Fussballs» zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Pascal Claude ist Fussballfan, ohne sich wirklich nur einem einzigen Verein verschrieben zu haben. Und das obwohl er vor dem Umbau des Letzigrund in der Stadionbar Flachpass gearbeitet hat. Pascal Claude sammelt Fussballschallplatten, die er unter 45football.com archiviert und unter dem Titel «Singende Beine» auch immer mal wieder in informativer und sehr amüsanter Art und Weise live präsentiert, dies auch schon mehrere Male in St.Gallen. Mit Knapp daneben gab er schon 1997 ein Fanzine heraus, das mittlerweile im gleichnamigen Blog eine digitale Fortsetzung findet. Schreibend betätigte er sich lange Zeit auch mit einer Kolumne bei der WOZ. Mit dem Buch «Viele Grüsse aus dem Stadion» erscheinen seine kurzweiligen Kurzgeschichten nun zum zweiten Mal in Buchform. Egal in welcher Rolle Pascal Claude gerade unterwegs ist, er zeichnet sich immer durch eine pointierte Meinung aus. Er schafft es, aktuelle Fehlentwicklungen im Umgang mit Fussballfans zu kritisieren, ohne dabei als blinder Verfechter der Fanszenen zu wirken. Ganz im Gegenteil: Wenn er es für angebracht hält, kritisiert Claude auch die Fans selbst.

Man könnte erwarten, dass die zu einem Buch zusammengefassten Geschichten allesamt nur Fussball zum Inhalt haben. Das haben sie auch, aber oft beginnen die Geschichten mit persönlichen Erlebnissen, die so gar nichts mit Fussball zu tun haben scheinen. Der Fussballbezug ergibt sich dann erst zum Ende einer Geschichte. Ob Claude die Medien für ihre Berichterstattung kritisiert, die Leiden eines Sammlers beschreibt, latenten Rassismus offenlegt oder die manchmal schwer zu verstehenden Denkmuster einer Fanszene hinterfragt, die Geschichten sind trotz – oder gerade wegen – ihrer Kürze immer auf den Punkt gebracht. Mehr über den Inhalt des Buches zu verraten, möchten wir uns nicht anmassen. Die Geschichten muss man selber lesen, um von ihnen eingenommen zu werden. Sogar 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster hat in einem Tweet nur lobende Worte übrig und trifft den Nagel auf den Kopf: «Einer der klügsten Köpfe des Fussballjournalismus und sein neues grossartiges Buch.»

Das Buch ist für 25 Franken unter www.woz.ch erhältlich. Pascal Claude stellt Passagen aus seinem Buch am 20. November im Fanlokal vor.

Stadiongruesse_Pascal_Claude


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Fussball und die Vereinigten Staaten – bisweilen ein ambivalentes Verhältnis. Nichtdestotrotz scheint der Soccer in den Staaten auch dank den jüngsten Erfolgen der Nationalmannschaft an Stellenwert zu gewinnen. Grund genug für SENF, das MLS-Spiel zwischen D.C. United und Chicago Fire in Washington D.C. zu besuchen.

Eins vorneweg: Ob es nun Soccer oder Football heisst, darüber mögen sich die Europäer und Amerikaner streiten. Beide Begriffe haben ihre Berechtigung. Soccer leitet sich vom in England entstandenen Begriff Association Football ab, wobei sich im Mutterland des Fussballs dennoch der Begriff Football durchgesetzt hat. Fakt ist aber, dass der Fussball in den Vereinigten Staaten bei weitem nicht dieselbe Popularität wie in Europa geniesst. Baseball, American Football, Basketball und Eishockey sind bedeutend populärer. Während Basketball und Eishockey für den durchschnittlichen europäischen Zuschauer durchaus interessant sein mögen, hält sich die Beliebtheit von Baseball und American Football in Grenzen. Spiele beider Sportarten dauern mehrere Stunden, wobei das Verhältnis zwischen Spieldauer und tatsächlich gespielter Zeit haarsträubend ist. Zahlreiche Werbepausen unterbrechen das Spiel. Damit mag sich der gemeine Europäer wohl nur schwer anfreunden.

Überraschenderweise erhielten wir zwei Tage vor dem Spiel einen Anruf von D.C. United. Leicht verwirrt erkundigten wir uns, was los sei. Erleichtert stellten wir jedoch fest, dass sich der Ticketverantwortliche nur nach unserem Befinden erkunden und fragen wollte, ob wir bereit für das Spiel seien. Eine ziemlich nette und überraschende Geste. Generell sind die Ticketverantwortlichen und Sicherheitskräfte sehr locker im Umgang mit den Fans. Hooligans und Gewalt sind weitgehend inexistent. Die Stimmung rund um Sportveranstaltungen ist sehr gelassen, die Polizei beschränkt ihre Tätigkeit oft nur auf das Regeln des Verkehrs und Gästefans reisen aufgrund der grossen Reisedistanzen meistens gar nicht an.

Erfreulicherweise schossen in den Staaten in den letzten Jahren neue Fussballstadien wie Pilze aus dem Boden. Das Robert Kennedy Memorial Stadium, Schauplatz der von uns ausgewählten Partie, gehört leider nicht dazu. Gebaut im Jahre 1961, diente es bis 1996 als Heimat der Washington Redskins (American Football) und wurde zwischenzeitlich auch von den Washington Nationals (Baseball) genutzt. Die Spuren jener Zeit sind heute noch gut erkennbar. Zudem diente das Stadion als Spielstätte der Fussball-WM 1994. Diese Multifunktionalität ist jedoch auch mit gewissen Nachteilen verbunden. Das Stadion gleicht stimmungstechnisch dem Zürcher Letzigrund und obwohl es Platz für rund 57’000 Zuschauer bieten würde, ist aufgrund des geringen Interesses am Fussball nur der Unterrang geöffnet, weshalb sich die tatsächliche Zuschauerkapazität auf rund 19’000 Besucher beläuft.

DC United vs Chicago Fire

Die Major League Soccer (MLS) ist zweigeteilt in eine Eastern und Western Conference. Ähnlich wie im Eishockey gibt es eine Regular Season, welche jedoch Conference-übergreifend stattfindet. Die Playoffs werden innerhalb der Conference ausgetragen, die beiden Sieger spielen in einem Finalspiel um den Meistertitel. Aufgrund der Tatsache, dass in den letzten Jahren einige berühmte Spieler wie David Beckham, Thierry Henry, Mikaël Silvestre, Jermain Defoe oder Robbie Keane in die MLS wechselten, erwarteten wir ein vergleichsweise hochstehendes Spiel. Im Kader von D.C. United befindet sich ausserdem ein gewisser Samuel Inkoom, welcher jedoch nicht zum Einsatz kam. Seitens Chicago Fire dürfte einzig der frühere Liverpool-Stürmer Florent Sinama-Pongolle dem gemeinen europäischen Fussballfan bekannt sein. Während D.C. United von der Tabellenspitze grüsste, stand Chicago Fire an zweitletzter Position. Auf dem Papier also eine klare Angelegenheit. Das Spielniveau war allerdings insgesamt enttäuschend und entsprach in etwa einer unterdurchschnittlichen Super League-Partie. D.C. United dominierte das Spiel und ging in der ersten Halbzeit mit 1:0 in Führung. Nach der Pause erhöhten die Hauptstädter auf 2:0 und konzentrierten sich fortan auf das Kontern. Chicago gelang zwar in der 67. Minute der Anschlusstreffer, das Team lief jedoch danach in zahlreiche Konter. Dem Unvermögen der Stürmer seitens D.C. United war es zu verdanken, dass das Resultat nicht höher ausfiel. Mit dem 2:1-Sieg sicherte sich D.C. United den Sieg in der Eastern Conference und befindet sich damit in einer komfortablen Lage im Hinblick auf die Playoffs.

DC United vs Chicago Fire

Neben dem Platz unterscheidet sich das Spiel in einigen Punkten wesentlich von einem hiesigen Stadionbesuch. Wie bei Sportveranstaltungen in den Staaten üblich wurde vor dem Anpfiff die Nationalhymne gespielt. Die Zuschauer schien das jedoch nicht gross zu interessieren. Rund ein Drittel der Matchbesucher war nämlich zum Anpfiff noch gar nicht im Stadion. Dies bestätigte unser Bild des typischen amerikanischen Sportfans, der hauptsächlich des socialising wegen ins Stadion pilgert. Das Geschehen auf dem Platz scheint eher sekundär zu sein. Dazu passen auch die Hüpfburgen hinter dem Tor, welche während des Spiels von den anwesenden Kindern rege genutzt wurden. Liegestühle mit künstlichen Palmen sorgten hinter dem zweiten Tor für Strandfeeling. Abgerundet wurde dieser Karneval durch eine Corona Strandbar im Stadionbauch. Während sich der St.Galler Fussballfan mit Bratwurst, Bürli und Bier zufrieden geben dürfte, kann der amerikanische Fan aus einem vielfältigen Catering-Angebot auswählen. Nebst der üblichen amerikanischen Verpflegung bestehend aus Burgern, Pommes Frites, Hot Dogs, Nachos und Popcorn wurden auch Steaks und mexikanische Speisen wie Quesadillas (Käsetortillas) angeboten.

DC United vs Chicago Fire

Es gibt jedoch auch durchaus Überraschendes und Positives von den Rängen zu berichten. Mit den District Ultras verfügt Washington über eine eigene Ultragruppierung, welche zu Beginn des Spiels eine kleine Choreografie präsentierte. Der Haufen von gut 50-100 Leuten wirkte zwar um eine gute Stimmung bemüht, jedoch gingen ihre Gesänge im grossen Stadion regelrecht unter. Beim zweiten Treffer und bei Spielende zündeten die Ultras überraschenderweise einen Rauchtopf. Das anwesende Sicherheitspersonal schien dies nicht gross zu stören, was auch nicht verwunderlich ist, feuerte der Verein doch nach Spielschluss ein Feuerwerk ab, welches wohl so manches öffentliches 1. August-Feuerwerk in der Schweiz in den Schatten stellen würde. Zudem wurden zahlreiche Bierbecher in den Nachthimmel geworfen. Einerseits nicht verwunderlich, sind die Vereinigten Staaten doch nicht gerade für ihre Bierkultur bekannt, andererseits bei Bierpreisen von 8 Dollar pro Becher schwierig zu verstehen. Neben den Ultras formierte sich eine weitaus grössere Anzahl Personen auf Höhe der Mittellinie, um die Mannschaft akustisch zu unterstützen. Dieser Support flachte nach dem Anpfiff jedoch relativ rasch ab und wirkte unkoordiniert. Untermauert wurden die Supportbemühungen mit einer durchaus ansehnlichen Fahnenbewegung. In einem reinen Fussballstadion könnte sich mit diesem Publikum wohl ansatzweise eine europäische Atmosphäre entwickeln. Gästefans waren, abgesehen von den Spielerfrauen, keine auszumachen.

Betrachtet man die Zusammensetzung des Publikums, ist die Art des Supports nicht weiter verwunderlich. Ein Grossteil der Zuschauer setzt sich nämlich aus Immigranten aus Mittel- und Südamerika zusammen. Deshalb lautet der Schlachtruf der Fans auch Vamos United und nicht etwa Forward United. Die Entwicklung der Fankultur ist daher primär diesen Immigranten zu verdanken. Den konservativen Amerikaner wird man einem Fussballspiel wohl eher nicht antreffen. Man darf gespannt sein, wie sich die amerikanische Fankultur entwickelt und ob der Fussball an Stellenwert gewinnen kann. Wir werden den Matchbesuch auf jeden Fall insgesamt positiv in Erinnerung behalten.

DC United vs Chicago Fire