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Am 22. August erscheint die zweite Ausgabe des SENF zum Thema «135 Jahre FCSG». Unter dem die Abkürzung bildenden Motto «Scho Ewig Numä Fuessball» haben wir uns mit verschiedenen Aspekten der Geschichte unseres Vereins befasst. Dazu gehört die Reise des FCSG nach München im Jahre 1948. Als nach dem Ende des zweiten Weltkrieges Spiele gegen deutsche Mannschaften eigentlich immer noch verboten waren, trat eine aus Spielern des FCSG und des SC Brühl bestehende Mannschaft trotzdem gegen eine Münchner Auswahl an. An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Ausschnitt aus dem im SENF #02 erscheinenden Text.

St.Gallen und München

Das Münchner Stadion an der Grünwalderstrasse füllte sich indes bereits viele Stunden vor Anpfiff des mit grosser Spannung erwarteten Städtetreffens mit vielen Schaulustigen. Als dann die beiden Städteteams unter tosendem Jubel das Stadion betraten, offenbarte sich eine Stimmung, die an grosse Länderspiele aus der weit entfernt scheinenden Vergangenheit zu erinnern vermochte. 40’000 Zuschauer hatten das Stadion bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Münchner Mannschaft, die sich aus fünf Bayern und sechs Sechzigern zusammensetzte, stand folgender St.Galler Mannschaft gegenüber: Eugster (FCSG), Rechsteiner (FCSG), Laforce (Brühl), Bischof (Brühl) Passeri (Brühl), Luchsinger (FCSG), Weber (Brühl), Gartmann (Brühl), Magnaguagno (Brühl), Müller (FCSG) und Baumann (FCSG). Nach dem Austausch von Geschenken, den herzlichen Begrüssungsworten durch den Gouverneur der amerikanischen Militärregierung von Bayern sowie Vertretern der Landeshauptstadt, wurde das Spiel kurz nach 15 Uhr angepfiffen. Das St. Galler Tagblatt hat das Spielgeschehen in seiner Ausgabe vom 12. Oktober 1948 ganz im damaligen Stil der Sportberichterstattung dokumentiert:

«In der 36. Minute stürzt sich Eugster mutig in eine prächtige Kombination der einheimischen Stürmer. Eine Minute später aber heisst es schon 3:1, da ein rasanter Hinterhaltsschuss Thanners über Freund und Feind hinweg genau unter der Latte ins Netz flitzt. Noch verknallt Magnaguagno einmal freistehend eine gute Chance, dann ist diese temporeiche erste Halbzeit zu Ende. – Nach dem Seitenwechsel spielt St. Gallen, bei dem nun Müller und Gartmann ihre Plätze wechseln, mit dem leichten Wind im Rücken. Die Schweizer scheinen nun etwas angriffiger; doch zwei Vorstösse bringen nichts ein, und beim dritten erweist sich der herauslaufende Schmalzl schneller als der st. gallische Mittelstürmer. Die Münchner, deren Verteidigung oft etwas sorglos spielt, setzen nun aber wieder, vorab dank ihrer äusserst starken Läuferlinie, mehr Druck auf, und das in der 7. Minute [der zweiten Halbzeit] durch Bachl erzielte schönste Tor des Tages mit scharfem, tiefem Kopfstoss in die rechte Ecke, ist das Signal zu einer nahezu steten Überlegenheit der Platzherren, die den wacker sich wehrenden, aber technisch und taktisch klar unterlegenen St. Gallern eine herrliche, höchst lehrreiche Fussballlektion bester Marke vordemonstrieren.»

Trotz hoher Niederlage der St. Galler, welche einige Abwesenheiten aufgrund beruflicher Verpflichtungen in Kauf nehmen mussten, konnte sich die Mannschaft in einer fair geführten Partie grosse Sympathien des Publikums erarbeiten. In einem Spiel, in dem nicht Sieg oder Niederlage, sondern vielmehr der Schritt des deutschen Sports aus der kompletten Isolation heraus im Mittelpunkt stand, hatte sich die St. Galler Städtemannschaft tapfer geschlagen. Die Münchner verliehen ihrer Dankbarkeit nach dem Spiel mit einem grossen Bankett nochmals deutlich Ausdruck. Neben dem Versorgen mit materiellen Hilfeleistungen waren die St.Galler wie schon nach dem ersten Weltkrieg erneut die erste Mannschaft, die sich mit den Münchnern auf dem Fussballplatz mass.

Die städtischen Erzrivalen Brühl und St.Gallen hatten sich zu einer Mannschaft geformt und dadurch ein Benefizspiel ermöglicht, dessen Einnahmen den Wiederaufbau des Münchner Waisenhauses zu grossen Stücken ermöglichten. Dass dabei die internationale Sportblockade umgangen und den St.Gallern von der FIFA im Nachgang und im Wiederholungsfalle Sperren angedroht wurden, interessierte in diesem Zusammenhang nur wenig. Auf Druck der FIFA sprach der SFV schliesslich eine Busse von 500 Franken gegen den FCSG aus, welche mit solidarischen Spenden innert einer Woche aufgebracht werden konnte. Die Meinung zur Haltung der FIFA brachte man sodann auch auf einem der Einzahlungsscheine mit einem Kommentar zum Ausdruck: „Vorher Bücklinge vor Nazi-Deutschland, jetzt Eselstritte und Rückenschüsse für alle, die aus Deutschland eine Demokratie schaffen wollen“. 1950 wurde Deutschland schliesslich wieder in die FIFA und den internationalen Sportverband aufgenommen.

SENF #02 erscheint am 22. August. Wir veröffentlichen die zweite Ausgabe im Fanlokal (Türöffnung: 19.00 Uhr, Beginn 20.00 Uhr). Bereits jetzt kann das Magazin vorbestellt werden.


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Panini-Bilder, Tickets, Fanzines, Fanartikel… Fussballfans und Sammelfieber, das passt irgendwie zusammen. Der St.Galler Markus Deininger hievt dieses jedoch auf eine völlig neue Ebene. Er ist stolzer Besitzer von 1‘844 Trikots verschiedenster National- und Clubmannschaften und damit von der weltweit grössten Sammlung. SENF hat ihn besucht.

trikots

Als sich drei Mitglieder des SENF-Kollektivs auf den Weg zu Markus Deininger machten, hatten sie eigentlich nur im Sinn, die FCSG-Trikots aus seiner Sammlung zu fotografieren. Schnell wurde aber klar, dass sie viel mehr erfahren sollten. Markus Deininger sammelt nicht einfach nur Trikots, damit er die weltgrösste Sammlung sein Eigen nennen darf. Viel wichtiger sind ihm die Geschichten, die dahinter stecken. Kein Wunder, wenn man diesen lauscht. Die wohl schönste: Er hat seine Frau durch das Hobby kennengelernt. Als die russische Eishockeymannschaft Krilija Moskau in Zürich gastierte, versuchte er beim Trainer Aleksander Zarubin ein Trikot zu ergattern, schliesslich hatte er unlängst angefangen, Russisch zu lernen. Der russische Trainer nahm seine Adresse entgegen, Deininger hörte lange Zeit nichts. Einige Monate später erhielt er jedoch Post von Zarubins Tochter, Olga. Sie wollte ihr Englisch verbessern, er sein Russisch. Es entstand eine Brieffreundschaft, schon ein Jahr später besuchte Olga im Rahmen eines Studentenaustauschs die Schweiz und 1993 heirateten die beiden. «Meine Frau hat also sicher keine Probleme mit meiner Sammelwut», erzählt Deininger schmunzelnd.

Trikots

Der 45-Jährige hat viele weitere Geschichten auf Lager. Zu beinahe jedem Trikot kann er etwas erzählen. So hat er nach einem Gastspiel des BVB Dortmund im Espenmoos in der Dunkelheit einen Spieler der deutschen Mannschaft um ein Trikot gebeten. Dieser reagierte unwirsch und ohrfeigte den jugendlichen Trikotsammler. Auf seinen Beschwerdebrief an den Verein – E-Mails kannte man damals noch nicht – antworte Dr. Gerd Niebaum persönlich per Telefon und versprach ihm Wiedergutmachung. «Einige Tage später bekam ich den halben Fanshop per Post zugeschickt», erzählt Deininger. Aber auch zu diversen FCSG-Trikots kann er Anekdoten zum Besten geben. Eines hat er über eBay von einem Ungarn erstanden, ein anderes – mit der Rückennummern des damaligen Ersatztorhüters Bolli – von einem Portugiesen. Viele weitere grün-weisse Leibchen finden sich in seiner Sammlung. So zum Beispiel das von Wilco Hellinga am Cupfinal getragene Shirt. Oder eines der letzten Trikots, in denen Marc Zellweger noch aufgelaufen ist. Das einzige Trikot, das er jeweils in einem Safe deponiert und extra für den Besuch von SENF nach Hause mitgenommen hat, ist auf den ersten Blick ein völlig unscheinbares dunkelgrünes Shirt. Seine Bedeutung offenbart sich, wenn man die Geschichte dahinter erfährt. Als Libyen in Gossau gegen die Ukraine spielte, wollte sich Deininger unbedingt ein Trikot der Libyer sichern. Die Verantwortlichen versicherten ihm, er könne nach dem Spiel in ihrem Hotel vorbeischauen, um eines zu ergattern. «So bin ich dann ins Hotel Herisau gefahren und durfte dort das Trikot von Al-Saadi al-Gaddafi mitnehmen», berichtet Deininger durchaus mit ein bisschen Stolz. Sowieso sind Nationalmannschaften Deiningers grosse Leidenschaft. Bis auf einige wenige ist er im Besitz aller Nationalmannschafts-trikots. Die wenigen, die ihm fehlen, sind Kleinststaaten. Und Deutschland. «Das habe ich bisher nicht übers Herz gebracht», meint Deininger lachend.

Trikot_Gaddafi

So hat er im Verlaufe der Jahre 1’844 Trikots erstanden oder geschenkt erhalten. Einen Eintrag ins Guinness-Buch war ihm aber schon 1997 und 1998 mit «nur» rund 800 Trikots sicher. Deininger hat vor allem ein Flair für England, weshalb die englische Nationalmannschaft auch unzählige Male vorkommt. Von englischen Vereinen besitzt er bis in die unteren Ligen ebenfalls dutzende, wenn nicht hunderte Trikots. Die Shirts der gesamten Sammlung bleiben aber nicht einfach hinter verschlossenen Türen. Vielmehr werden sie von Markus Deininger und seinen beiden Kindern regelmässig getragen.

Als sich die Mitglieder des SENF-Kollektivs nach rund zwei Stunden langsam verabschieden, reichen sie Markus Deininger die Erstausgabe des SENF als kleines Dankeschön. Beim Durchblättern schreit er beim Artikel zum Auswärtsspiel gegen Inter Mailand vor rund 20 Jahren erfreut auf. Auf dem Foto, das drei Fans zeigt, die mit dem Extrazug nach Italien mitgereist waren, erkennt er seinen Bruder. Jetzt freut er sich erst recht, dass seine FCSG-Trikots aus unzähligen Jahren im SENF #02 erscheinen werden. Erscheinungsdatum ist der 22. August. Hier kannst du das Heft bereits jetzt vorbestellen.